„Man kann mir das Leben nicht vermiesen“

In Ghana geboren, in Deutschland von Rassisten verprügelt: Gloria Boateng hat harte Zeiten hinter sich. Heute hilft die Lehrerin mit ihrem preisgekrönten Verein „Schlaufox“ Kindern, die in der Schule zu scheitern drohen.

(aus Hinz&Kunzt 228/Februar 2012)

Man kann sich gut ausmalen, wie Gloria Boateng unterrichtet. Wie sie vor der Klasse steht und mit wirbelnden Händen etwas erklärt. Wie sie über den Zwischenruf eines frechen Schülers lacht und ihn dann trotzdem ermahnt, jetzt still zu sein. „Meine Schüler sagen manchmal: ‚Oh, Frau Boateng, die ist streng, aber auch nett‘“, sagt die 32-Jährige und lacht. „Ja, ich bin eine relativ strenge Lehrerin, aber ich bin fair.“ Und dann erzählt sie, wie sie sich eine gute Schule vorstellt: „Ich finde es wichtig, dass Schule nicht selektiert und alle Kinder gemeinsam lernen können. Ich möchte eine bunte Schule, die genauso vielfältig ist wie die Gesellschaft.“

Schon nach wenigen Minuten Gespräch ist klar: Gloria Boateng ist ein Phänomen. Die 32-Jährige hat eine ungeheure Energie und ein mitreißendes Lachen, erzählt mit Leidenschaft von ihrem Beruf und mit Offenheit aus ihrem Leben. „Ich lebe einfach gerne“, sagt sie auf die Frage, woher sie diese ganze Energie nimmt. Wenn man wissen will, wie sie ihren Job, die Erziehung ihrer elfjährigen Tochter und ihr Ehrenamt unter einen Hut bekommt, sagt sie: „Ich brauche wahrscheinlich weniger Schlaf als andere Menschen.“

Dass Gloria Boateng etwas Besonderes ist, findet auch die Bundesregierung. Vor drei Monaten hat sie ihr eine Integrationsmedaille überreicht – für ihr Engagement im Verein „Schlaufox“, der sich um sozial benachteiligte Kinder kümmert. Boateng hat den Verein 2008 mit anderen Studierenden gegründet, um Kinder und Jugendliche zu fördern, die aufgrund ihrer schlechten Startbedingungen in der Schule zu scheitern drohen. Mittlerweile arbeiten 30 Ehrenamtliche für den Verein, der Kindern Ferienprogramm anbietet, Schülern das Kochen beibringt oder neben kostenlosem Nachhilfeunterricht zwischen Jugendlichen, Schule und Eltern vermittelt, wenn der Schulabschluss gefährdet ist. Boateng versteht den Preis als Wertschätzung dieser Arbeit. Sie selbst habe in ihrem Leben immer wieder Unterstützung erfahren. Das sei ein wichtiger Grund für sie, sich für Kinder und Jugendliche einzusetzen. „Ich finde es toll, dass ich diese Hilfe hatte, und finde es umso schöner, jetzt andere an die Hand nehmen zu können.“

Es gab Zeiten in ihrem Leben, wo Gloria Boateng Hilfe wirklich nötig hatte. Sie ist in Pramso aufgewachsen, einem Dorf in der Nähe der ghanaischen Stadt Kumasi. Weil ihre Mutter mit ihrem Großvater nach Deutschland gegangen war, wuchs sie bei ihrer Großmutter und unterschiedlichen Tanten auf. „Ich wurde viel herumgereicht“, sagt sie. Manchmal konnte ihre Familie das Schulgeld nicht bezahlen – eine prägende Erfahrung: „Ich habe mich morgens trotzdem fertig gemacht und saß dann am Straßenrand und habe andere Kinder beobachtet, wie sie in die Schule gingen. Dadurch war Schule immer etwas ganz Besonderes.“

Als sie zehn Jahre alt ist, holen ihr Großvater und ihre Mutter die kleine Gloria zu sich nach Hamburg. Eine große Umstellung für das Mädchen, das zuerst riesige Angst vor dem Flugzeug hat und dann in eine völlig fremde Welt kommt. „Viele weiße Menschen, eine Sprache, die ich nicht verstand“, erinnert sich Boateng an ihre ersten Eindrücke. „Wir standen in der Bahn, ich musste mich festhalten. Ich sehe noch meine kleine schwarze Hand und die ganzen weißen Hände an dieser Stange.“ Nur ein Jahr lang kann sie sich in Deutschland eingewöhnen, bis ihre Situation noch schwieriger wird: Ihre Mutter wird nach Ghana abgeschoben, kurz darauf stirbt ihr Großvater. „Ich glaube, das war einer der größten Einschnitte in meinem Leben“, sagt Boateng. „Ich hatte das Gefühl: Jetzt habe ich alles verloren.“ Nur mit großem Glück entgeht sie einer Abschiebung, weil Freunde ihres Großvaters sie als Pflegetochter aufnehmen. So kommt sie in eine gutbürgerliche Familie in Tangstedt bei Pinneberg, mit Garten und vier Geschwistern. „Sehr gute Rahmenbedingungen zum Aufwachsen“, sagt Boateng. „Aber schon wieder war alles neu für mich.“

In Tangstedt wird Boateng auch mit Rassismus konfrontiert. In ihrer Schule wird sie beschimpft und mit Steinen beworfen, ein Junge aus ihrer Nachbarschaft sprüht sogar Hakenkreuze an das Haus ihrer Pflegeeltern. Als sie 14 ist, wird sie auf dem Schulweg von drei maskierten Männern überfallen und brutal zusammengeschlagen. „Es gab Phasen, da hatte ich den Glauben an die Menschen verloren“, sagt Boateng. „Da habe ich nur noch auf meinem Bett gelegen und geweint.“ Ohne die Unterstützung ihrer Pflegeeltern und ihrer Freunde, sagt sie, hätte sie diese Zeiten nicht überstanden. „Aber so hatte ich eine schwer zu zerstörende Basis. Man kann mir das Leben einfach nicht vermiesen.“

In der Oberstufe zieht Boateng zurück nach Hamburg, macht Abitur, eine Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin und beginnt dann ein Lehramtsstudium. In dieser Zeit gründet sie Schlaufox. Weil sie derzeit ihr Referendariat absolviert, muss sie im Verein allerdings gerade etwas kürzer treten. „Ich habe viel abgeben müssen, das muss ich aber auch lernen“, sagt sie. Und lacht.

Ob sie für ihre Schüler ein Vorbild ist – besonders für die mit Migrationshintergrund? „Ich glaube schon“, sagt Boateng. „Obwohl sie meine Geschichte oft gar nicht kennen. Aber wenn man als Mensch Zugang findet und sie das Gefühl haben, ernst genommen zu werden, dann bekommt man auch die Anerkennung der Kinder.“ In jedem Fall ist sie froh, an einer multikulturellen Schule zu unterrichten. „Ich brauche das“, sagt sie. „Ich brauche dieses Multikulti um mich herum.“ Sie findet nämlich, dass alle Menschen auf ihre eigene Art großartig sind: „Weder ein Name noch eine Herkunft noch ein Beruf geben uns irgendein Recht, uns über irgendjemanden zu erheben. Wir sind alle gleich.“ •

Mehr Informationen zu „Schlaufox“ unter www.schlaufox.de

Text: Hanning Voigts
Foto: Cornelius M. Braun

Mehr Informationen zu „Schlaufox“ unter www.schlaufox.de

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