Gängeviertel-Geburtstag : Glitzern im Beton

Seit sieben Jahren kämpft das Gängeviertel für seinen Erhalt. Mittlerweile haben die „Gängstars“einiges erreicht: In einst maroden Häusern wohnen jetzt Leute, es gibt neue Arbeitsräume und viel Kultur. Trotzdem – das Ringen mit der Stadt geht weiter. Aber erstmal wird Geburtstag gefeiert!

Abgefahren: ein pinker Elefant im Gängeviertel.

Das Herz des Viertels schlägt wieder: Nach anderthalb Jahren Sanierung wird wieder gefeiert, debattiert und gearbeitet im Kulturzen-trum Fabrique. Die Jupi-Bar brummt und im Oberhafen ist eine Dépendance entstanden: Die einst leer stehende Alte Bahnmeisterei beherbergt nun ein Restaurant, Filmstudios, diverse Werkstätten und den Club Moloch.

Alles neu, alles schick? Mit mulmigem Gefühl blickten viele dem Ende der Sanierungsphase entgegen. Doch die neuen Freiflächen kitzeln auch den Spieltrieb: In der Jupi wird seit Monaten weiter gebaut, etwa am Getränkelift, der ganze Kästen quer durch den Raum in die Kühlfächer befördert. Rund 200 Arbeitsstunden pro Woche haben die Bauleute ehrenamtlich geleistet – „eigentlich das Pensum von fünf Festangestellten“, sagt Julian, Erfinder des Lifts. In der neuen Fabrique kümmern sich bei Viertel-Veranstaltungen selbstverständlich und unentgeltlich „Gängstars“ um Bar und Technik. „Auch die Fremdveranstalter wissen schon, dass sie am besten ein paar Freunde zum Helfen mitbringen“, erzählt Gwen aus dem Fabrique-Team. So kommt das Viertel nach wie vor ohne feste Preise aus. „Zahlt, was es euch wert ist“, heißt es an den Türen und Tresen. Das Gängeviertel soll für alle erschwinglich sein.

Prokuristin Claudia kämpft vom Schreibtisch aus um die Zukunft des Viertels.

Was nach kulturellem Schlaraffenland klingt, ist das Ergebnis harter Arbeit. Zwar gibt es die Kooperationsvereinbarung zwischen Gängeviertel und Stadt: Gleichberechtigt wollen sie über die Zukunft entscheiden. Doch das ist nicht immer leicht. Seit Jahren wird erbittert verhandelt. „Um Selbstverwaltung zu leben, müssen wir Strukturen schaffen“, sagt Prokuristin Claudia. Eigentlich ist sie Bildhauerin, heute kümmert sie sich um die Verwaltung der Gängeviertel Genossenschaft. Betriebskosten, Reparaturaufträge, Quartalsberichte an die Stadt laufen über ihren Schreibtisch. Die größten Herausforderungen für die Aktiven im Viertel verbergen sich heute zwischen Aktendeckeln.

Geburtstagsfeier

Von Donnerstag, den 25. August, bis Sonntag, den 28. August, feiert das Gängeviertel Geburtag! Alle Veranstaltungen findet ihr hier.

Ein Faktor sind die 16 neuen Sozialwohnungen, die im Viertel entstanden sind. Sie sollen Experimentierfelder sein für gemeinschaftliches Wohnen und kreative Arbeit – und wenig Miete kosten. So funktioniert Wohnungsbau in Hamburg normalerweise nicht. Um all das möglich zu machen, sind wieder die Menschen im Viertel selbst gefragt. „Wir brauchen Leute, die sich hier engagieren“, sagt Rita. Die Malerin lebt für 5,55 Euro pro Quadratmeter in einer der sanierten Atelierwohnungen. Mit Engagement meint sie nicht nur, dass alle Mieter pro zehn Quadratmeter zusätzlich einen Genossenschaftsanteil für je 500 Euro kaufen. Wer im Viertel wohnt, soll auch in Arbeitsgruppen mit anpacken, Haustreffen besuchen, Mailverteiler verfolgen und zur Vollversammlung gehen. „Das gehört zum Leben hier dazu“, sagt Rita.

Wäre das Viertel heute schon unabhängig, könnten die „Gängstars“ allein entscheiden, wie die Häuser saniert werden, wo Ateliers und Läden entstehen. Sie könnten Handwerker ihrer Wahl beauftragen oder selbst anpacken. Das ginge, wenn Hamburg die zwölf Häuser aus den Händen gäbe. Utopisch? Genau darauf arbeitet die Genossenschaft hin: Sie will der Stadt das Viertel abkaufen. So hat es die Vollversammlung, das wichtigste Gremium, entschieden. Nun braucht es Kapital, um die Stadt zu überzeugen. Das tragen die Genossen zusammen, die das Gängeviertel unterstützen. Etwa 400 machen schon mit, es sollen viel mehr werden – auch um der Stadt zu zeigen, dass viele Hamburger mit Sinn für Kultur hinter dem Viertel stehen.

Text: Annabel Trautwein
Fotos: Mauricio Bustamante

Diskutieren Sie mit uns!

Wenn Sie mit uns diskutieren wollen, besuchen Sie uns auf unserer Facebook-Seite oder schicken Sie uns einen Leserbrief an redaktion@hinzundkunzt.de.