Projekt Soul of Hamburg : Gesetzestreue Langweiler und obercoole Revoluzzer

Daniel Nide und Nino Vela haben auf der Straße den Soul of Hamburg eingefangen. Darunter viele beeindruckende Porträts. Nur: Die Fotografierten wussten meist von nichts. Darf man das? Ein Kommentar von Birgit Müller. 

(aus Hinz&Kunzt 263/Januar 2015)

Wir, die Redaktion, sind wohl eher „gesetzestreue Langweiler“. Jedenfalls in den Augen der Straßenfotografen Daniel Nide und Nino Vela. Sie haben für ihr Buch „Soul of Hamburg“ zum Teil beeindruckende Bilder von Hamburgs Straßen und Menschen gemacht. Die beiden sind oft ganz nah rangegangen, haben Menschen hautnah fotografiert, tolle Momente eingefangen – allerdings ohne die Abgelichteten um Erlaubnis zu fragen. Und zwar ganz bewusst. Offensiv vertreten die beiden das Recht auf Kunstfreiheit. So finden sich Menschen in dem Buch wieder, die gar nicht wissen, dass sie zu einem Ausstellungsobjekt geworden sind.

So etwas veröffentlichen wir nicht. Weil wir finden, dass jeder ein Recht auf sein Bild hat. Und weil es eine Faustregel gibt: Wenn der Abgelichtete alleine auf dem Foto ist und identifizierbar, muss er sein Einverständnis für die Veröffentlichung gegeben haben. Fotos können ohne Einverständnis abgedruckt werden, wenn mehr als fünf Personen zu sehen sind oder sie bei einer öffentlichen Veranstaltung aufgenommen wurden. Diese Regeln werden nur eingeschränkt, wenn es sich um Personen des öffentlichen Lebens handelt. Aber auch da muss das Foto einen hohen ­Informationsgehalt haben, damit es erlaubt ist, diesen Mensch ohne seine Zustimmung in einem privaten Umfeld zu zeigen. Zig Prozesse drehen sich um diese Grenzziehungen.

Vorsichtig sind wir aber nicht nur, weil wir sonst vor den Kadi kommen und womöglich viel Geld bezahlen müssten, sondern weil wir finden: Es ist völlig unüberschaubar geworden, wo und wie unsere Bilder gespeichert werden. Man muss sich gut auskennen, um unliebsame Veröffentlichungen wieder löschen zu lassen. Wenn wir mit Menschen zu tun haben, wollen wir auf Augenhöhe sein. Dazu gehört ihr Einverständnis, wenn es nicht um Enthüllung geht. Das sehen die Straßenfotografen anders. In ihrem Buch ­erklären sie, warum sie eher zu den „obercoolen Revoluzzern“ gehören, „die lieber in den Knast gehen würden, um ihre Kunst frei ausüben zu können“.

Aber es geht den Fotografen „um mehr als um diese überzogenen Extreme“. Es gehe auch nicht um die Diskreditierung des Einzelnen, wie in vielen Doku-Soaps im sogenannten Unter­schichts­fernsehen, „das in Wirklichkeit gerade diese Unterschichten dem darwinistischen Voyeurismus einer vernunft- und herzlosen Gesellschaft ausliefert“, schreiben die Fotografen. „Es ist anzunehmen, dass die Mehrheit der entfremdet Vorgeführten rein rechtlich gesehen ihr Einverständnis gegeben hat. Und doch verlieren sie ihre gesellschaftliche Geschichte, ihre Würde und damit auch das Recht am eigenen Bild.“

Nur so – einfach abzulichten, wer ihnen vor die Linse kommt – könne wahre Dokumentarfotografie funktionieren. Es gehe darum, der Postkartenästhetik und inszenierten Bilder­welt die Realität entgegenzuhalten. „Es geht um das Aufdecken der Verrücktheiten und Absurditäten, der Armut und des Reichtums, der Entfremdung und der Widersprüche“, um „quasi soziologische Beobachtungen der Reibungen zwischen Individuum und Gesellschaft, die ohne das Ablichten von ­Gesichtern nicht auskommt.“ •

Soul of Hamburg, Moderne Straßenfotografie,
Gudberg Nerger Verlag; 29,90 Euro.
Mehr Informationen: www.soulofhamburg.com

Text: Birgit Müller

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