Wurstfabrik Neu Wulmstorf : Erfolg für rumänische Arbeiter

Tagelang hatten rumänische Arbeiter vor der Wurstfabrik von Schwarz Cranz in Neu Wulmstorf protestiert: gegen miese Arbeitsbedingungen und die schlechte Bezahlung beim Subunternehmer BIR Service GmbH. Inzwischen hat das Subunternehmen Insolvenz angemeldet. Immerhin: Schwarz Cranz will bis zu 90 Rumänen festanstellen.

SchwarzMopo
Die Birservice GmbH, der Arbeitgeber von Mircea Popescu (links) und Filip-Gigi Damiel, hat Insolvenz angemeldet. Jetzt hoffen beide darauf, direkt von Schwarz Cranz angestellt zu werden.

Die Meldung sorgt bei den rumänischen Arbeitern vor dem Fabriktor für ungläubige Gesichter: „Schwarz Cranz bietet uns unbefristete Verträge an“, erzählt Filip-Gigi Damiel umringt von seinen Kollegen. „Ich war eben im Büro.“ Es ist Mittwoch, 14.30 Uhr. Eigentlich Zeit für den Schichtwechsel. Doch die zur Arbeit strömenden Kollegen haben erst noch zahlreiche Nachfragen. Der 28-Jährige steht Rede und Antwort, dann sagt er: „Ich kann das selber kaum glauben.“

Tatsächlich begann dieser 25. Juni für Damiel alles andere als erfolgreich: Nach seiner Nachtschicht wollte er vormittags vor dem Fabriktor für die Zahlung ausstehender Löhne protestieren. Aber der Protest fällt flach: „Den Kollegen in der Fabrik wurde die Pause gestrichen“, behauptet ein Arbeiter, der mit Damiel draußen vor dem Tor wartet. Schwarz Cranz wird das später bestreiten.
Jetzt steht Damiel etwas verloren mit gerade einmal elf Kollegen vor dem Fabriktor. Sie alle sagen, dass ihnen im Juni kein Geld von BIR Service ausgezahlt wurde. Der Subunternehmer beschäftigt die Rumänen, um sie nur wenige Meter entfernt in der Wurstfabrik Schwarz Cranz einzusetzen.

Begonnen hatte der Protest schon eine Woche voher, am 16. Juni. Da war Zahltag bei ihrem Arbeitgeber, dem Subunternehmer BIR Service GmbH. Damiel ging damals leer aus. Mit ihm hatten daraufhin 100 Kollegen wegen ausstehender Löhne, miesen Arbeitsbedingungen und zu hoher Abzüge vor dem Büro von BIR Service protestiert. Manche Arbeiter erzählten, sie hätten zwölf Stunden und mehr arbeiten müssen, und das manchmal an sieben Tagen die Woche. Die Wut unter den Rumänen war groß. Ein Arbeiter soll einem Mitarbeiter von BIR Service sogar ins Gesicht geschlagen haben, so die Polizei. BIR Service räumte im Nachhinein ein, dass es „zeitweise zu Mehrarbeit“ gekommen sei. Die Situation beruhigte sich erst, als die Firma die Arbeiter zu Gesprächen am kommenden Tag eingeladen hatte.

Viele unterzeichneten bei diesem Termin einen Auflösungsvertrag. Sie erhielten ihr ausstehendes Geld und wer wollte, wurde noch am selben Abend auf Kosten von BIR Service per Bus zurück nach Rumänien gebracht. Andere, wie Filip-Gigi Damiel, wollten weiterarbeiten. Aber natürlich nicht umsonst.

Deswegen steht der 28-Jährige eine Woche später erneut vor dem Büro von Birservice. Aber nicht nur seine Kollegen tauchen nicht auf. Auch von den BIR-Service-Mitarbeitern fehlt jede Spur. Wenig später, wird klar warum: BIR Service habe Insolvenz angemeldet, berichtet die Polizei, die mit einem Streifenwagen vorgefahren ist. Sorge macht sich unter den Arbeitern breit: „Was ist jetzt mit unserem Geld und unserer Wohnung?“, fragt Mircea Popescu, ein Kollege von Damiel. Er zieht seine Abrechnung hervor. 66,5 Stunden hat er demnach gearbeitet. 251,95 Euro hätte er bekommen müssen. Nicht viel. „Aber nicht einmal das habe ich erhalten“, so der 46-Jährige.

Immerhin hat der Landkreis seine Hilfe angeboten. Im Rathaus von Neu Wulmstorf wurde einigen Arbeitern ein Tagesgeld ausgezahlt, um sich Essen und ein Ticket für den Weg zur Arbeitsagentur kaufen zu können. Aber Damiel will nicht zur Arbeitsagentur, er will wieder bei Schwarz Cranz arbeiten. Deswegen harrt er vor dem Fabriktor aus. Gegen Mittag darf Damiel dann auf das Gelände der Wurstfabrik. „Im Büro habe ich mit der Personalabteilung gesprochen“, sagt er.

Die Wurstfabrik will Arbeiter übernehmen, sogar fest einstellen. Damiel informiert seine Kollegen, aber so richtig glauben will er es nicht. In Gedanken versunken steht er vor dem Mitarbeiter-Einlass. „Ich weiß nicht, ob ich hier noch arbeiten will“, sagt er. Ein Sicherheitsmitarbeiter kommt auf ihn zu. „Ich gebe dir die Hand darauf, dass die da oben im Büro nicht lügen“, sagt er und reicht dem Rumänen die Hand. Damiel blickt verwirrt auf, dann greift er zu. Nach dem aufregenden Vormittag kann er endlich lächeln. „Okay, abgemacht“, sagt er.

Am Abend bestätigt der Wursthersteller auch gegenüber Hinz&Kunzt, dass er 80 bis 90 Arbeiter tatsächlich übernehmen wolle. Und auch der vorläufige Insolvenzverwalter von BIRSERVICE, Dr. Gideon Böhm, hat gute Nachrichten für die Rumänen: „Wir werden die Abrechnungen sehr genau prüfen und für die Mitarbeiter sorgen“, so Böhm. „Durch die Vorfinanzierung des Insolvenzgeldes sind die Gehälter der noch arbeitenden Mitarbeiter gesichert und es werden bereits Gespräche mit Interessenten geführt.“ Sichergestellt sei auch, dass sie weiterhin eine Unterkunft hätten. „Keiner soll auf der Straße landen.“

Vor den Toren der Wurstfabrik haben sich die Wogen geglättet. Jetzt geht der Streit offenbar hinter den Kulissen weiter. Jürgen Metz, Geschäftsführer des Subunternehmens, behauptet sogar, die Vergütung von Schwarz Cranz habe nicht gereicht, um alle Kosten zu decken. Verhandlungen über eine weitere Anpassung der Werkverträge seien gescheitert, so dass man sich gezwungen sah, den Insolvenzantrag zu stellen.

Schwarz Cranz weist diesen Vorwurf als unverschämt zurück. „Erst in den vergangenen Wochen ist BIR Service in Schwierigkeiten geraten“, so der Wursthersteller. BIR Service war laut Handelsregister am 30. September 2013 von Attilla Karka gegründet worden – jenem Mann, der bis heute Kopf der renommierten BIRGROUP in Lübeck ist. Bir Service war dabei nach Angaben der BIRGROUP zu keiner Zeit Teil der Unternehmensgruppe. Im Februar war BIR Service in „BIRSERVICE“ umbenannt worden und seit Kurzem heißt die Firma offenbar „Verpackung und Logistik Dienstleistungs-GmbH“. Diese hat auch den Insolvenzantrag gestellt.

Die Schwierigkeiten, so argumentiert Schwarz Cranz, seien durch den Austausch des Subunternehmers „und die dadurch erfolgten Änderungen in der Arbeitsorganisation entstanden und alleine vom Management von BIR Service zu verantworten“. Auch wenn es keine gesellschaftsrechtliche Verbindung zwischen BIRSERVICE und der Unternehmensgruppe BIRGROUP gibt, wirft der Wursthersteller der BIRGROUP gleichwohl jetzt vor, „sich aus der Verantwortung zu stehlen. Dieses Unternehmen überlässt nun mehrere hundert teils völlig hilf- und orientierungslose Menschen in einem Insolvenzverfahren sich selbst, statt Unterstützung zu organisieren und die Probleme zu lösen.“

Weil es immer wieder zu Konflikten mit Subunternehmern um Bezahlung und Arbeitsbedingungen gekommen ist, will Schwarz Cranz jetzt einen Arbeitskreis gründen, in dem Standards zur Qualitätssicherung und zu Arbeitsbedingungen festgelegt werden, so das Unternehmen. Der ehemalige Direktor eines Arbeitsgerichts soll den Vorsitz führen und geeignete Teilnehmer suchen. Auch Vertreter aus dem gewerkschaftlichen Umfeld sollen beteiligt werden, teilte der Wursthersteller mit.

Inzwischen hat sich Insolvenzverwalter Böhm einen vorläufigen Überblick verschafft. Nach einer ersten Sichtung der Situation gehe er davon aus, dass die Vergütung von Schwarz Cranz „nicht ausgereicht hat, die tatsächlich angefallenen Lohnkosten zu decken.“ Es bleibt also weiter spannend.

Text: Jonas Füllner, Birgit Müller
Foto: Volker Schimkus

Mehr über den Protest vom 16. Juni und über den Konflikt in der Wurstfabrik lesen Sie in unserer Juliausgabe.

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