Ottensen : Ein Szene-Stadtteil macht mobil

Über Jahre diente die Brachfläche neben den Zeisehallen in Ottensen als Parkplatz. Jetzt soll sie genutzt werden. Aber nicht – wie versprochen – für Wohnungen, sondern für Büros.

(aus Hinz&Kunzt 262/Dezember 2014)

Ottensen
Die Ottenser fühlen sich übergangen: Angeblich wollen Investoren das Rewe-Gelände an der Barner Straße neu bebauen.

Aus dem trostlosen Parkplatz an den Zeisehallen in Ottensen ist ein Streitfall geworden, der zwei Monate vor der Bürgerschaftswahl das Fass zum Überlaufen bringen könnte. Es geht um die Frage: wohnen oder arbeiten? Denn bis vor wenigen Monaten wurde den Nachbarn ein neues Wohnhaus versprochen. Über einer Gewerbezeile sollten mehr als 80 neue Mietwohnungen entstehen. Die Hälfte davon Sozialwohnungen. „Da sind wir richtig stolz drauf“, verkündete SPD-Fraktionsmitglied Mark Classen im Herbst 2012 im Abendblatt.

Zwei Jahre später sind die Wohnungsbaupläne vom Tisch und der Altonaer Stadtplanungsexperte Classen hat die Fronten gewechselt. Als Geschäftsführer von Pare Consulting berät der 39-Jährige jetzt die Immobilienfirma Quantum, die gemeinsam mit der Procom Invest an dieser Stelle Büroraum für mehr als 800 Werber schaffen will. Ein Mietvertrag über 15 Jahre mit der Agentur WPP und deren Tochterunternehmen Scholz & Friends wurde bereits geschlossen. Seitdem das im Sommer bekannt wurde, laufen Anwohner und die Initiative Pro Wohnen Ottensen Sturm. „Die Bürger sind extrem frustriert, aber auch extrem wütend“, sagt Hauke Sann, Mit-initiator der neuen Protestwelle. „Ottensen ist kein angenehmer Platz mehr, wenn hier bis zu 1000 Leute dazukommen. Wir brauchen Wohnungen und keine Büroklötze.“

Für den Unmut der Anwohner hat Bezirksamtsleiterin Liane Melzer Verständnis. Doch Gewerbe sei in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr zugunsten von Wohnungen aus Ottensen verdrängt worden. „In Altona wurden 43 Hektar innerhalb von zehn Jahren von Gewerbe in Wohnen umgewandelt“, pflichtet ihr Baudezernent Reinhold Gütter bei. Gearbeitet wird dann woanders, meint Melzer, die ausgerechnet über einen der quirligsten Stadtteile Hamburgs sagt: „Ich habe die Sorge, dass in Ottensen reines Wohnen überhandnimmt und der Stadtteil damit seinen Charakter verliert.“ Sie befürchtet, dass Ottensen dann eines Tages „zur Schlafstadt werden könnte“. Deswegen hält sie auch den Bebauungsplan für richtig, der seit den 1990er- Jahren eine gewerbliche Nutzung auf dem Zeise-Parkplatz vorschreibt. Aber in all den Jahren wurden keine passenden Interessenten gefunden. Die Ausschreibung für den Wohnungsbau sei schlussendlich nichts anderes als eine Ersatzlösung gewesen, rechtfertigt Melzer den Doppelschwenk.

„Es geht nicht darum, dass man hier grundsätzlich Gewerbeansiedlung verhindert“, hält Hauke Sann dagegen. „Es geht um die Größenordnung.“ Und die sei schlicht unverhältnismäßig. „48 Jahre habe ich mich nie in die Politik eingemischt“, sagt der Kommunikationsberater und Designer, der mit seinem Büro selbst in den Zeisehallen ansässig ist. „Aber als ich gemerkt habe, dass es mich und meine Bekannten betrifft, da war für mich Schluss.“ Sein Argument: Es entstünden gar keine neuen Arbeitsplätze. Scholz & Friends verlagere ­lediglich seinen Standort aus der Hafencity nach Ottensen. Die Gegend sei eben sehr begehrt, entgegnet Gütter.

Hauke Sann aber befürchtet, dass gewachsene Strukturen vernichtet werden. Man müsse sich nur umsehen: „Ein Laden nach dem anderen bekommt schon jetzt keine Mietverlängerung, fliegt raus und wird durch Schickimicki-Läden und die üblichen großen Ketten ersetzt.“

Tatsächlich hat Ottensen viele Wellen der Gentrifizierung hinter sich. Und immer wieder gab es Protest: Bereits in den 1970er-Jahren wehrten sich Bewohner gegen Autobahnzubringer und Abrisspläne für die sogenannte City-West. Später entbrannten erneut Kämpfe um den Mercado-Bau und die Verdrängung der ansässigen Bauwagenplätze. Zugleich entwickelte sich das ehemalige Sanierungsgebiet zu einem angesagten Viertel. Aus Fabriken wurden Kulturzentren und rund um den Alma-Wartenberg-Platz siedelten sich zahlreiche ­Cafés und Bars an. Unter die Räder gerieten dabei diejenigen, die sich die steigenden Mieten nicht mehr leisten konnten. „Viele türkischstämmige Menschen sind weggezogen“, sagt Sann. „Das Mietniveau ist so, dass sogar Normalverdiener wegziehen müssen und keine Wohnungen mehr finden.“

Trotzdem hat Ottensen seinen Charme bewahrt. Auf dem Alma-Wartenberg-Platz nippen Punks neben Hipstern an Bierdosen und Caipirinha-Gläsern und türkischstämmige Jugendliche diskutieren vor dem Kiosk 2000 über den vergangenen Bundesliga-Spieltag.

In seinem Zentrum beherbergt der Platz nicht etwa ein „Starbucks Coffee House“, sondern ein Sonnenstudio. Als stünde man mitten im Stadtkern von Itzehoe oder Husum. „Ottensen lebt von den vielen kleinen Läden, seinen Grünflächen, seiner interkulturellen Mischung und der Nähe zur Elbe“, sagt Sann. Kein Wunder, dass die Bewohner ihren Stadtteil liebevoll als „Dorf“ titulieren.

Seitdem der Streit um den Zeise-Parkplatz entbrannt ist, machen viele Gerüchte im „Dorf“ die Runde. Dem Restaurant Mamma Mia, von „Mopo“-Lesern zu „Hamburgs beliebtestem Italiener“ gewählt, wurde zu 2015 gekündigt. Bei Facebook hieß es sogleich, dass Mamma Mia und der benachbarte Rewe-Markt einem weiteren Großbauprojekt weichen müssten. Aber Bezirksamtsleiterin Melzer und ihrem Kollegen Gütter sind weder Bauanträge noch weitere Vorgänge bisher bekannt.

Eine „sehr strukturkonservative“ Haltung zeige sich laut Gütter auch im Streit um einen Neubau am Spritzenplatz, dem Herz des Stadtteils. Der Eigentümer will dort einen futuristischen Bau nach einem Entwurf des Stararchitekten Libeskind errichten. „Jetzt steht dort ein Nachkriegsbehelfsbau“, sagt Gütter. Für die Empörung hat er kein Verständnis. Schließlich handle es sich nur um einen ersten Entwurf – und die Zustimmung des Bezirks ist längst nicht gewiss.

Das Misstrauen der Ottenser kommt allerdings nicht von ungefähr. Als 2005 das Bismarckbad schließen sollte, sammelten Anwohner mehr als 20.000 Unterschriften gegen den Abriss. Doch der Senat ignorierte den Bürgerwillen, und zuletzt vergaß der Bezirk den Bau von Sozialwohnungen bei einem Projekt an der sogenannten Bergspitze in Altona.

„Man hat uns einfach schon zu oft übergangen“, sagt Sann. Seine Initiative Pro Wohnen Ottensen will deshalb den Bürobau durch ein Bürgerbegehren und durch Mobilisierung im Stadtteil noch zu Fall bringen. Sann und seine Mitstreiter werden jedenfalls nicht so schnell aufgeben: „Wir lassen uns nicht so leicht vertreiben.“

Text: Jonas Füllner
Mitarbeit: Birgit Müller
Foto: Mauricio Bustamante

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