Flüchtlinge im Karoviertel :
Ein Stadtteil organisiert Hilfe

Hunderte Helfer unterstützen seit Tagen die Neuankömmlinge auf dem Gelände der Messe. Für bis zu 1200 Flüchtlinge hat die Stadt hier eine Erstaufnahme eingerichtet. Unser Redakteur Jonas Füllner hat im Alltag viel mit Obdachlosen zu tun, in seiner Freizeit hilft er in der Messehalle.

Ein sicheres Mittel gegen schlechte Laune? Ich muss sagen, derzeit rate ich zu einem Abstecher in die Messehalle B7. Seit Tagen versprüht die Halle eine unfassbare Energie. Denn dort, wo sonst Messestände um Kunden werben, sortieren jetzt fleißige Helfer unzählige Kleiderspenden für Flüchtlinge. Sie verbreiten eine positive Stimmung, der sich niemand entziehen kann, die ansteckend ist und zum Mitmachen einlädt.

Als ich selber die Halle zum ersten Mal betrete, irre ich noch etwas verloren umher. Es ist kurz nach Feierabend. Etwa hundert Helfer seien hier gerade aktiv, erklärt mir „Thomas“. Wir haben uns noch nie gesehen. Seinen Namen hat er sich mit Edding auf Kreppband geschrieben. Er reicht mir die Hand, wie einem alten Bekannten und weist mir meinen Platz zu. Ich habe das Gefühl, dass wir Verbündete sind. Menschen, die einfach helfen. Die nicht lange darüber nachdenken. Irgendwie eine Art Selbstverständlichkeit.

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Eine weitere Messehalle dient derzeit als Kleiderkammer. Bis zu 100 Helfer sortieren gleichzeitig die Spenden. Foto: Kerstin Behrendt

Ich allerdings helfe nur kurz, dann muss ich nach Hause. Mails beantworten. Für die Facebook-Seite „Refugees welcome – Karoviertel“. Vor anderthalb Wochen habe ich sie mit drei Nachbarn aus dem Karoviertel ins Leben gerufen. Kurz zuvor hatte die Innenbehörde verkündet, dass übergangsweise bis zu 1200 Flüchtlinge bis Ende September in der Messehalle B6 untergebracht werden. Auf Feldbetten. Getrennt nur durch dünne Planen. Wer auf Klo will, muss raus zu den unzähligen Dixi-Toiletten.

Es ist die erste Massenunterkunft im Stadtzentrum. Und zwar gleich vor unserer Haustür. Wir merkten, dass es sinnvoll werden könnte, ein Netzwerk zu bilden, Hilfsangebote zu koordinieren und Nachbarn zur Mitarbeit zu animieren.

Tatsächlich hatten Aktivisten von der PlattformSt. Pauli selber machen“ bereits eine „kleine“ Stadtteilversammlung anberaumt. Die muss beworben werden, dachten wir uns. Via Facebook baten wir Nachbarn um Hilfe. Etliche „liken“ unser Posting. Einen Tag später stehen wir trotzdem nur zu Viert in der Marktstraße, um Informationszettel im Stadtteil zu verteilen.

Doch was danach folgte, ist für mich bis heute unbegreiflich. Der Aufruf zur Stadtteilversammlung verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Mehr als 400 Menschen strömen zur „kleinen“ Stadtteilversammlung in den Musikclub Knust. Dieser hatte spontan seine Räumlichkeiten kostenlos zur Verfügung gestellt. Ein solidarisches Verhalten, das innerhalb kürzester Zeit zur Tagesordnung gehört.

Eine Arbeitsgruppe für die Sprachkurse wollten wir gründen. Auch für die Koordination der Kleiderkammer hatte sich bereits jemand bereit erklärt. Als wir schließlich nach zwei Stunden die Veranstaltung beendet, haben sich 16 Arbeitsgruppen gebildet. Seitdem sammeln sie Spenden, laden ein zu Grillfesten, helfen übersetzen, bieten ein Kinderprogramm oder auch medizinische Betreuung an und kümmern sich um kostenfreies W-Lan und günstige Telefonie.

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Zu syrischer Musik aus den Boxen bildete sich schnell ein Tanzkreis beim Anwohner-Grillfest am Samstag. Foto: Carolin Windel

Der Bezirk hingegen lädt erst zwei Tage später zu einer ersten Informationsveranstaltung. Der Andrang hält sich in Grenzen. Wohl auch deswegen, weil viele Nachbarn ihre Informationen auf anderem Wege längst erhalten haben. Unter anderem auch von Khaled. Der Syrer ist einer der Messehallen-Flüchtlingen. Er sticht heraus, denn er spricht fließend Deutsch. Vor Jahren studierte er in Münster Pharmazie. Als Langzeitstudent verlor er jedoch nicht nur seinen Studienplatz, sondern auch sein Aufenthaltsrecht in Deutschland. Er kehrte zurück nach Syrien. Doch nur für kurze Zeit. Dann floh er vor dem Krieg, der plötzlich 2011 sein Heimatland erschütterte.

Einige Tage vor der Stadtteilversammlung begegneten wir uns das erste Mal vor der Messehalle. Khaled ist kein Fremder. Er kennt das Land, er versteht die Deutschen und spricht so gut Deutsch, dass man ihn für einen Nachbarn oder guten Bekannten halten könnte. Was ihn unterscheidet sind seine Erzählungen über Krieg, Verfolgung und Flucht. Für mich bleiben sie, trotz aller medialen Berichte, immer noch unvorstellbar. Aber aus seinem Mund klingen sie unfassbar nah.

Ich erzähle Freunden von Khaled. Die Entscheidung ist schnell gefällt. Khaled soll bei der Stadtteilversammlung aus der Messehalle berichten. Tatsächlich willigt unser neuer Nachbar ein. Zwei Tage später stehe ich auf der Knust-Bühne, leite die Stadtteilversammlung. Ich rufe Khaled zu mir hoch, reiche ihm das Mikrofon in die Hand. Khaled steht da vor etwa 400 Menschen, die sich alle noch irgendwie in den Saal gequetscht haben. Er schluckt, atmet tief. Die Stimme versagt ihm. In was für eine Situation hast du ihn hier gebracht, schießt es mir durch den Kopf. Doch dann setzt Khaled noch einmal neu an. Jetzt fließen die Wörter aus seinem Mund. Leise bedankt er sich für die breite Unterstützung. Berichtet von der Unsicherheit vieler Flüchtlinge, die nicht wissen, wie es mit ihnen weiter geht. Im Saal herrscht Stille. Und ich frage mich, ob irgendwer in diesem Moment keine Gänsehaut verspürt.

Zehn Tage sind seit der Stadtteilversammlung vergangen. Großzügige Hilfsangebote von Unternehmen und Gastronomen gehören längst zur Tagesordnung. Mehrere hundert Menschen sind rund um die Messehalle täglich aktiv. „Einfach machen“ lautet ganz offensichtlich das Motto, dem sich immer mehr Anwohner verschreiben. Die Spielplätze im Viertel werden multikulturell, auf den Fußballplätzen werden internationale Turniere durchgeführt und am Samstag findet schließlich ein Grillfest auf dem Karolinenplatz statt. Anwohner und Flüchtlinge durchmischen sich, kommen miteinander in Berührung.

Die vergangenen Tage haben uns alle verändert, haben das Viertel verändert. Wenn ich jetzt durch die Marktstraße spaziere, grüße ich unweigerlich Nachbarn, die für mich vor Tagen noch Teil der grauen Masse meines Stadtteils waren. Jetzt, wo wir zusammen Kleider ausgeben, Sprachkurse planen oder einfach nur über und mit den Flüchtlingen reden, entdecke ich alte Nachbarn wie neue Menschen. Unweigerlich rattert mir eine Textzeile des Hamburger Autors Nils Boeing durch den Kopf: „Geh raus und mach die Augen auf. Rechts und links von dir wohnen Menschen.“

Es ist Samstag Abend, das Grillfest am Karolinenplatz ist beendet. Auf meinem Weg spaziere ich durch die überdachte Halle der alten Rinderschlachthalle. Drei Obdachlose haben hier ihr Lager aufgeschlagen. Ein absurdes Bild. Wenige hundert Meter weiter ist in den vergangenen Tagen eine der größten Kleiderkammern entstanden. Es gibt unzählige Helfer und eine fantastische Solidarität. Und es gibt Obdachlosen, wie hier im Knust-Durchgang, die vielerorts vertrieben werden und die weiterhin keinen Platz in dieser Stadt finden.

Text: Jonas Füllner
Fotos: Carolin Windel und Kerstin Behrendt