„Rocky“-Darsteller : „Manchmal ist Versagen wichtig“

Seit eineinhalb Jahren wird Drew Sarich als „Rocky“ vor Publikum verprügelt. Warum er trotzdem noch dabei ist? „Nur wer einstecken kann, zeigt wahre Größe“, findet der Musical-Star.

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„Meinen Kindern ist es egal, dass ich ‚Rocky‘ bin“, sagt Drew Sarich.

„Eine Mischung aus Charlie Chaplin und Rottweiler: So sehe ich Rocky’“, sagt Drew Sarich. „Von Chaplin hat er den kindlichen Humor und vom Rottweiler die Kraft und die Loyalität“. Sarich darf so eine dicke Lippe riskieren: Seit November 2012 spielt der 38-jährige Amerikaner den Rocky im gleichnamigen Musical auf der Reeperbahn. Hochoffiziell abgesegnet von Sylvester Stallone, dem „Original-Rocky“ aus den Kinofilmen.

Nicht, dass er sich darum geschlagen hätte. Als ihm die Rolle angeboten wurde, war seine erste Reaktion: „Seid ihr sicher?“. Er hatte gerade einen tanzenden Vampir gespielt. Er wog rund 90 Kilo. Er hatte noch nie geboxt. Er war nicht als Rocky-Fan aktenkundig.

Was ihm aber gefiel: die Geschichte vom einfachen Mann, der sich durchboxt und dabei zu sich selbst findet. Weil es eine universelle Geschichte ist. „Rocky hat von klein auf gehört: ‚Du bist nichts wert. Du wirst nichts schaffen.’ Damit können sich viele Menschen identifizieren – besonders, wenn sie in der Großstadt leben“, sagt Sarich.

Andrew, ‚Drew’ Sarich kommt aus St. Louis in Missouri – mit etwas mehr als 300.000 Einwohnern eher eine kleine Großstadt. Seine Eltern (Mutter: Lehrerin, Vater: Werbetexter) unterstützten es, dass ihr Sohn sich schon früh fürs Singen und Theater interessiert. „Meine Eltern haben mir wahnsinnig viel gegeben: vor allem Selbstbewusstsein“, sagt Sarich. Seine erste, unglamouröse Musicalrolle: ein Frosch. Davon nicht abgeschreckt studiert Sarich Musik, Schauspiel und Tanz – das Gitarrespielen hatte er sich zuvor selbst beigebracht. In seinem ersten Engagement ist er ‚Der Glöckner von Notre Dame‘.

Seither hat er in vielen Rollen gespielt: Er war sowohl Jesus als auch Judas in „Jesus Christ Superstar“, der Hippie-Revoluzzer Berger in „Hair“, sowohl Jekyll als auch Hyde im gleichnamigen Musical. Er war Dracula, Ché Guevara. Nun also Rocky.

Was diese Aufzählung verbirgt: Auf der sicheren Seite konnte sich Sarich nie fühlen. Als Musicaldarsteller verdient man nur, wenn man ein Engagement hat. Und selbst das kann trügerisch sein. Im Jahr 2006 etwa spielte Sarich die Titelrolle im Musical „Lestat“. Nicht irgendwo – am Broadway in New York. Er dachte, er hätte es wirklich geschafft. Voll Euphorie holte er seine französische Frau und seine Zwillinge in die Staaten. Nach drei Monaten wurde das Stück abgesetzt.

Statt täglich im Applaus zu baden musste er sich nun wieder mit Kollegen in vollen Fluren drängen, um vorzusprechen. „Manchmal bin ich zu drei Auditions am Tag gegangen“, erinnert sich Sarich. Viel Zeit, den eigenen Abstieg vom Star zum Statisten zu bedauern, hatte er jedoch nicht. „Ich dachte immer nur: ‚Ich muss die Krankenkassenbeiträge für die Kinder zahlen‘. Das war die Realität.“ In dieser schwierigen Zeit habe er aber etwas Wichtiges gelernt: „Wie unwichtig, gefährlich und nutzlos dein Ego ist.“

Er nahm eine unspektakuläre Zweitbesetzung an. Stand acht Mal die Woche auf der Bühne. Probte zusätzlich für einen weitere Rolle – als Ersatz für den Ersatz. Er arbeitete mehr als je zuvor: Seine damals 3-jährigen Zwillinge und seine Frau sah er kaum noch. Sarich sagt, er hätte dann „einfach Glück“ gehabt. Man könnte es auch Lohn für seine Mühen nennen: Nach kurzer Zeit hatte er wieder eine Hauptrolle.

Heute sind die Zwillinge zehn Jahre alt. In Wien hat sich die Familie ein Nest gebaut. Auch Sarichs Frau ist Musical-Darstellerin. Aber es war klar, dass nicht beide ständig durch die Weltgeschichte ziehen können. „Dieser Job ist nicht unbedingt familienfreundlich“, sagt Sarich offen, „ich muss daran genau so hart arbeiten wie an meiner Rolle, damit es klappt.“ Die Nähe trotz der Entfernung stellen sie über tägliche Gespräche her. Wenn er zu Hause ist, wird das nicht als etwas Besonderes gefeiert, sondern möglichst alltäglich. „Daddy kocht und wir machen einfach normale Familiensachen. Meinen Kindern ist es egal, dass ich Rocky bin‘“ sagt Sarich.

Mit dem Motto der Rocky-Show „Liebe siegt“ tut sich Sarich schwer, sagt er offen. „Für mich geht es mehr um die Frage: Wozu ist man fähig, wenn man an sich glaubt?‘ Und was muss passieren, bis jemand an sich glaubt?“ Für ein Beispiel muss er nicht lange nachdenken. „Bei den Schularbeiten sagen meine Kinder auch schon mal: ‚Das schaffe ich nicht.‘ Sie sind dann blockiert.“ Das sei in seiner Kindheit nicht anders gewesen. Mit elf Jahren hörte er auf, Sport zu treiben. Einfach, weil er das Gefühl hatte, nicht mithalten zu können. „Ich wollte nicht mehr ausgelacht werden“, sagt er.

Die Angst zu versagen, kenne er bis heute. „Man traut sich als Schauspieler oft nicht, auf die Fresse zu fallen. Aber manchmal ist Versagen ein guter Schritt“, sagt Sarich. Weil Fehler einem zeigen können, wo man noch mal ran muss. „Hoffentlich steht man dann auf und sagt sich ‚Was muss ich jetzt tun, um das besser hinzukriegen?‘.“

Wobei wir doch wieder bei Rocky landen. In Teil VI gibt es da diesen „Superspruch“, sagt Drew Sarich. „Es geht nicht darum, wie hart du schlagen kannst, es geht darum, wie hart du geschlagen werden kannst und dann trotzdem weiter gehst.“

Text: Simone Deckner
Foto: Dimitrij Leltschuk

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