Die Zwischenstation

Mehr als 500 Flüchtlinge erreichen monatlich Hamburg. Die meisten stammen aus Syrien. Fast alle kennen den Mailänder Hauptbahnhof, Dreh- und Angelpunkt für die Weiterreise gen Norden. Jonas Füllner (Text) und Mauricio Bustamante (Fotos) haben den Bahnhof besucht, der für viele Flüchtlinge eine Art Tauschbörse auf der Suche nach Hilfe und Schleppern ist.

Milano
Flüchtlinge, die erst spät abends in Mailand ankommen, können nach Mitternacht im Bahnhofsgebäude übernachten.

(aus Hinz&Kunzt 264/Februar 2015)

Äußerst langsam arbeitet der junge Mann sich durch die Menge. Bei jedem, der eine neonfarbene Warnweste trägt, bleibt er fragend stehen. Doch die Antworten scheinen ihn nicht zufriedenzustellen. Schließlich kommt der junge Mann auf mich zu. „Are there any border controls on the way to France?“, fragt er und stellt sich vor. Sein Name ist Yasser. Er ist vor dem Bürgerkrieg in Syrien geflohen. Vor zwei Tagen strandete der 30-Jährige hier, am Mailänder Bahnhof. Nach drei Jahrenn Bürgerkrieg glaubt Yasser nicht mehr an ein Ende der Kämpfe in seinem Land, das für ihn keine Heimat mehr ist.

Als ich vor drei Tagen mit unserem Fotografen Mauricio Bustamante nach Mailand kam, muss Yasser gerade mit dem Schiff in Sizilien angelegt haben. 5000 Dollar zahlte er für die Schiffsüberfahrt. Bei der Ankunft wurde er nicht wirklich kontrolliert. „Weil wir nicht unsere Fingerabdrücke abgeben wollten, hat uns die Polizei erst geschlagen und dann einfach fortgejagt“, erzählt er. Mit dem Regionalzug fuhr er weiter nach Norden, in die zweitgrößte Stadt Italiens, erzählt er uns. Jetzt will er über die Grenze. Wenn ihn dabei niemand aufhält, könnte Yasser in Frankreich Asyl beantragen.

Aber einen für ihn sicheren Weg kenne auch ich nicht. Also zucke ich mit den Schultern und erkläre, dass ich nur zu Gast bin. Aus Deutschland. Yasser strahlt über das ganze Gesicht: „I love Germany!“ Ob er schon einmal dort war? Yasser schüttelt den Kopf. Aber Deutschland sei toll, da ist er sich sicher. Viel besser als Frankreich. Warum er dann nichtnach Deutschland reise, frage ich ihn. „My brother lives in there“, erklärt Yasser und zeigt mit dem Finger auf einen Punkt nördlich von Nizza auf einer Europakarte, die an einer Holzwand hängt.

Wir treffen den Syrer auf einer Art Empore in der gigantischen, unter Mussolini erbauten Eingangshalle des Mailänder Hauptbahnhofs. Eine Rolltreppe führt von einigen Cafés im Erdgeschoss auf diese Zwischenebene. Täglich strömen etwa 300.000 Reisende durch den Bahnhof. Viele wählen den Weg über die Rolltreppe. Zwei breit angelegte Treppen führen weiter zu den Zuggleisen. Den Menschen auf der kleinen Zwischenebene schenkt kaum einer Beachtung.

Es sind fast ausschließlich syrische Flüchtlinge, die sich vor der Europakarte versammeln. Hier tauschen sie Informationen aus. Hier nehmen sie Kontakt auf zu Schleppern, die ihnen für viel Geld eine sichere Weiterfahrt mit dem Auto versprechen. Und hier erhalten sie einen Schlafplatz, Essen und Kleidung. Denn gleich nebenan haben die Mitglieder der privaten Hilfsorganisation Emergenza Siria Milano in ihren neonfarbenen Westen ihren Stützpunkt aufgebaut. Es gibt Panettone, Wasserflaschen und Wollmützen. Und am anderen Ende der Empore spielen Studenten auf einer Wolldecke mit Flüchtlingskindern.

„Im Frühjahr war die Situation katastrophal“, erzählt Susy Ivieno. Die 43-Jährige koordiniert die Arbeit von Emergenza Siria Milano. Damals lagerten Hunderte Flüchtlinge in den Gängen und Hallen des Bahnhofs. „Die Menschen sind auf der Flucht. Sie haben Hunger, Durst und Sorgen und niemand hilft ihnen“, sagt Ivieno. „Ich wollte sie damit nicht länger alleinelassen.“ Deswegen rief sie via Facebook zur Unterstützung auf. Inzwischen arbeiten regelmäßig mehr als 80 ehrenamtliche Helfer mit. Jeden Morgen von neun bis zwölf Uhr verteilt eine Gruppe Essen und Kleidung an syrische Flüchtlinge in der Eingangshalle des Bahnhofs.

Einige Meter vom Stand der ehrenamtlichen Helfer entfernt sitzt eine städtische Angestellte hinter einem Biertisch, auf dem ein Laptop steht. Unter der 70 Meter hohen Decke der Eingangshalle wirkt der improvisierte Infopunkt lächerlich klein. Doch für das Hilfssystem ist er unersetzlich: Hier wird den Ankommenden ein Platz in einer Wohnunterkunft vermittelt. Damit niemand auf der Straße schlafen muss. Lange bleiben wird dort niemand, versichert uns Susy Ivieno.

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Der Syrer Yasser will weiter, nach Frankreich. Dort lebt bereits ein Bruder des ehemaligen Restaurantbesitzers.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass alle Flüchtlinge, die im Mailänder Hauptbahnhof ankommen, in Italien niemals registriert wurden. Eigentlich dürfte es das nicht geben. Denn die Dublin-III-Verordnung der EU schreibt vor, dass Flüchtlinge bei ihrer Einreise nach Europa im Ankunftsland per Fingerabdruck in der Eurodac-Datenbank erfasst werden. Allerdings ist das Aufnahmeland zugleich für die Unterbringung und Versorgung der Flüchtlinge zuständig. Und der italienische Staat fühlt sich durch die steigende Zahl der Flüchtlinge überfordert. Die Flüchtlingsunterkünfte im Süden seien überfüllt, erklärt Ivieno. „Deswegen schicken sie die Flüchtlinge hoch zu uns.“ Seit Monaten erreichen täglich bis zu 300 Menschen so wie Yasser den Mailänder Bahnhof. Allen Beteiligten ist klar, dass die Reise schon bald weitergeht. Allein in den vergangenen sechs Monaten war die Stadt Zwischenstation für rund 52.000 Flüchtlinge.

Während Yasser mit mir spricht, behält er sein Mobiltelefon fest im Blick. Sein Bruder will anrufen und ihm helfen, behauptet Yasser. Vielleicht ist er aber auch auf Hilfe durch Schlepper angewiesen. Eine Weiterreise würde nicht am Geld scheitern, versichert der ehemalige Restaurantbesitzer. Alles Ersparte aus der Heimat hat er mitgenommen. Und hier auf der Empore könnte Yasser Menschen treffen, die ihm für Geld bei der Weiterreise helfen.

Die meisten Schlepper kämen aus Ägypten, sagen die Helfer von Emergenza Siria Milano. An ihrer Anwesenheit stört sich niemand. Nicht einmal die Polizisten, die im Bahnhof patrouillieren und höflich grüßen. Dabei ist es leicht auszumachen, wer zu dieser Gruppe gehört. Gesprächen mit uns weichen sie aus. Immer wieder verschwinden sie mit einzelnen Flüchtlingen. Wir haben den Eindruck, dass sie Verhandlungen führen.

Bis spät in den Abend bleiben einige Helfer im Bahnhof. Erst nachts verändert sich das Geschehen. Ab Mitternacht riegeln Polizeibeamte das Gebäude vor ungebetenen Gästen ab. Nur noch Reisende mit Tickets dürfen bleiben. Und Flüchtlinge. Natürlich nicht offiziell. Aber diejenigen, die erst spät am Abend mit dem Zug ankommen und denen keine Unterkunft mehr zugewiesen werden konnte, übernachten nun im Bahnhof.

Eine kleine Gruppe, die in einem Zwischengang nach geeigneten Schlafplätzen Ausschau hält, können wir begleiten. Wir bemerken dabei nicht, dass sich einige Schlepper unter die Gruppe mischen. Erst später geht uns auf, dass sie mit dem Wortführer der Gruppe verhandelten, während andere uns ihre Reisepläne präsentierten. Einige wollen nach Bayern, zu ihren Verwandten. Die meisten haben sich Schweden als Ziel ausgesucht.

Plötzlich umringen uns Polizeibeamte. In Begleitung eines Schleppers. Während sich die Flüchtlinge sofort aus dem Staub machen, fordert uns die Polizei auf, Bilder, auf denen Schlepper zu sehen sind, zu löschen. Wie Polizei und Schlepper hier Hand in Hand agieren, hat uns erschreckt. Erst nachdem wir die Bilder entfernen, werden wir wieder in die Nacht hinaus entlassen. Die Reisegruppe nach Schweden war da längst in Begleitung einiger Schlepper aufgebrochen. Ob sie ihr Ziel erreicht? Schweden steht hoch im Kurs der Flüchtlinge, denn dort winkt Syrern ein permanentes Bleiberecht, finanzielle Unterstützung und eine Arbeitserlaubnis.

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Susy Ivieno, die Koordinatorin der Helfer von Siria Milano, verteilt Pannetone an die wartenden Flüchtlinge.

In Deutschland hingegen erhalten die Flüchtlinge lediglich eine Aufenthaltserlaubnis für zwei Jahre. „Aber Schweden muss doch die Hölle sein“, sagt Helferin Ivieno. „Es ist furchtbar kalt, und die Sonne scheint nur ein paar Stunden.“ Und Arbeit würden die meisten wohl auch nicht finden. In Italien hingegen gäbe es viel mehr Arbeit, wenn auch meist nur Schwarzarbeit. „Es wäre leichter, hier über die Runden zu kommen“, meint sie.

Doch nur die wenigsten wollen bleiben. Karim ist einer von ihnen. Wobei auch er nicht völlig freiwillig in Italien lebt. Als der 40-jährige Syrer vor zwei Jahren mit seiner Familie Italien erreichte, musste er sofort seine Fingerabdrücke abgeben. Doch unglücklich darüber ist er nicht. Jetzt lebt er in einem von Stadtteilaktivisten besetzten Häuserblock. Helfer haben uns von diesem Projekt erzählt. Mit der Bahn fahren wir zu seiner Vier-Zimmer-Wohnung unweit des Giuseppe-Meazza-Stadions. „Alle Möbel und alle Küchengeräte wurden uns geschenkt“, sagt Karim. Er führt uns durch seine geräumige Wohnung und zeigt stolz die von ihm gestrichenen Wände. Seine Kinder gehen nicht weit entfernt von ihrem Wohnort in die Schule. Den Tag über packt der gelernte Friseur bei den Bauarbeiten am Haus mit an oder er verdient sich schwarz ein paar Euro, indem er Nachbarn die Haare schneidet.

Obwohl Mailand eine wachsende Metropole ist, lässt die Stadt Tausende Wohnungen leer stehen. Aus Spekulationsgründen, meint Karim. Viele arme Italiener und Migranten hätten daher in den vergangenen Jahren angefangen, die Leerstände wieder zu beziehen. Lange Zeit schaute die Politik tatenlos zu. Erst im Dezember verkündete die regierende Lega Nord eine Räumungsoffensive. „Sie machen Stimmung gegen Ausländer, die angeblich alle keine Miete zahlen wollen“, meint Karim, den die Androhungen kalt lassen. „Es gab hier nie Probleme mit der Polizei oder so und eine geringe Miete könnten wir auch zahlen.“

Nebenan lärmen und spielen die Kinder. Sie haben Besuch von italienischen Nachbarskindern. Karim wirkt perfekt integriert. Seine Zukunft sieht er in Mailand. „Ich gehe nicht mehr zurück“, sagt er. Der Bürgerkrieg habe alles zerstört. „Wer noch die Möglichkeit hat, der verlässt Syrien.“ Weit mehr als zwei Millionen Menschen sollen sich inzwischen auf der Flucht befinden. Mehr als eine halbe Million Flüchtlinge nahm die Türkei auf. Zum Vergleich: Die Bundesrepublik beschloss im Sommer 2014 die Aufnahme von 10.000 Flüchtlingen aus der syrischen Krisenregion.

„Auch in Italien ist noch Platz“, ist sich Ivieno sicher. „Wir brauchen nur mehr finanzielle Hilfen aus den anderen europäischen Staaten.“ 100.000 Flüchtlinge könne das Land ohne Probleme aushalten, meint sie. Yasser hingegen wird nicht in Mailand bleiben. Sein Telefon klingelt. Am anderen Ende der Leitung ist sein Bruder. Sie sprechen lange. Welche Hinweise er erhalten hat, bleibt sein Geheimnis. Aber Yasser ist zufrieden. „Morgen fahre ich nach Frankreich“, sagt er freudig. Wir wünschen ihm viel Glück.

Später steigen wir in den Nachtzug zurück nach Hamburg. Als wir am nächsten Morgen in München umsteigen, empfangen uns Bundespolizisten am Bahnsteig. Von uns nehmen sie keine Notiz. Gleich hinter uns stoppen sie drei Afrikaner und nehmen sie mit auf die Wache.

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