Frauentag 2012 : Frauentag 2012: Die Krise hat ein Geschlecht

2012 ist ein Jahr der Krise. Auch der internationale Frauentag wird unter diesem Aspekt betrachtet: Die Wirtschaftskrise trifft Frauen härter als Männer, sagen Verbandsvertreterinnen. Denn gespart wird vor allem da, wo vermehrt Frauen tätig sind.

Signal für die Wertschätzung der Arbeit aller: Der DGB fordert, die Situation von Frauen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern. Foto: Tina Gössl/pixelio.de

Auch zum 101. Frauentag werden Frauen auf dem Arbeitsmarkt noch diskriminiert. Einer aktuellen Studie der Hans-Böckler-Stiftung zu Folge ist für 3,2 Millionen Frauen ein Minijob die einzige Erwerbstätigkeit (Bundesbürger insgesamt: 4,8 Millionen).  Sie verdienen meist weniger als 7 Euro in der Stunde, jede dritte sogar weniger als 4 Euro. Gleichzeitig erwerben sie keine oder nur sehr geringe eigenständige Ansprüche an die Kranken-, Renten- oder Arbeitslosenversicherung. Dies sei gerade für jüngere Frauen angesichts der zunehmend weniger verlässlichen Absicherung über die Ehe riskant, schreiben die Wissenschaftlerinnen Dorothea Voss, Claudia Weinkopf in ihrer Studie Niedriglohnfalle Minijob. Für die große Mehrheit der geringfügig Beschäftigten werde der Minijob zur „Niedriglohnfalle“, warnen sie.

Die Situation von Frauen auf dem Arbeitsmarkt verbessern will der Deutsche Gewerkschaftsbund. Petra Heese, Sprecherin der DGB-Frauen Hamburg, fordert eine Abschaffung der Minijobs, um dieses Ziel zu erreichen. Sie sollten durch sozial abgesicherte Arbeitsverhältnisse ersetzt werden. „Außerdem brauchen wir den flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro und keine Alibi-Lösungen, wie sie jetzt bei der CDU diskutiert werden“, so Heese.

Auch durch die Wirtschaftskrise  werden Frauen benachteiligt. „Die Krise ist nicht geschlechtsneutral“, sagt Hamburgs Frauenratsvorsitzende Christa Randzio-Plath. Zunächst seien zwar hauptsächlich Männer von ihr betroffen gewesen, weil industrielle Arbeitsplätze weggefallen sind.  „Die Sparmaßnahmen treffen aber als erstes die Frauen“, sagt Randzio-Plath. Gekürzt wird vor allem im sozialen und kulturellen Bereich, in dem vermehrt Frauen tätig sind: Sozialarbeiterinnen, Krankenschwestern, Pflegerinnen. „Europaweit werden gerade die Bedürfnisse der Frauen ignoriert“,  moniert sie.

Rettungsmaßnahmen nur für männlich dominierte Branchen

Schützenhilfe bekommt sie von der Bonner Soziologin und Publizistin Christa Winterich. Die bisherigen Rettungsmaßnahmen, die von den Regierungen Europas beschlossen wurden, hätten fast ausschließlich Branchen geholfen, in denen viele Männer arbeiten. „Banken, Autoindustrie, Infrastruktur: alles männlich“, so die Soziologin. Die Bereiche, in denen viele Frauen arbeiten, seien systematisch vernachlässigt worden. „Kitas sind aber auch in höchstem Maße systemrelevant!“

Problematisch ist die gesellschaftliche Wertschätzung typisch weiblicher Tätigkeiten. Noch immer werden Berufe im Versorgungswesen hauptsächlich von Frauen ausgeübt und eher schlecht bezahlt. „In den niedrigen Löhnen im Pflegebereich drückt sich eine Geringschätzung weiblicher Tätigkeit aus“, findet Frauenratsvorsitzende Randzio-Plath. Soziologin Winterich verweist darauf, dass auch unbezahlte Tätigkeiten ein wichtiger Teil der Wirtschaft seien. Zwar ist beispielsweise Kindererziehung eine gesellschaftlich unverzichtbare Arbeit, für die nach wie vor in erster Linie Frauen zuständig sind. Bezahlt wird sie trotzdem nicht.

Lohn, der nicht zum Leben reicht, und unbezahlte Tätigkeiten wie etwa auch die Pflege älterer Angehöriger – das geht auch zu Lasten der Versorgung im Alter. Davor warnt aktuell der Paritätische Wohlfahrtsverband. Die Altersarmut werde künftig drastisch steigen, so der Verband. Frauen werden davon besonders betroffen sein, weil sie häufig aus den genannten Gründen weniger in die Sozial- und Rentenversicherung einzahlen. „Es wird Zeit, dass die viel zitierte Chancengerechtigkeit und Gleichstellung der Geschlechter nicht nur in Gesetzen steht, sondern gesellschaftliche Realität wird“, sagt Geschäftsführer Joachim Speicher. Er will wie der DGB einen gesetzlichen Mindestlohn und fordert außerdem, „die Einführung einer Familienpflegezeit zur besseren Vereinbarkeit von Pflege und Beruf, eine umfassende Rentenreform und eine Anhebung der Grundsicherung im Alter.“

Soziologin Winterich fordert eine generelle Umverteilung und Umbewertung von Arbeit. „Wenn die Strukturen so bleiben, wird es immer als schwach definierte Gruppen geben, die den Kürzeren ziehen“, sagt sie. Die Gleichstellung von Männern und Frauen sei zwar sinnvoll, aber nicht ausreichend. Solange Kinderbetreuung und Altenpflege gesellschaftlich kein höheres Ansehen genießen, würden dann eben andere Personengruppen in die prekären Arbeitsverhältnisse rutschen. Migranten zum Beispiel. Die Lösung? Dafür sorgen, dass diese Tätigkeiten so attraktiv werden, dass auch Männer gerne Kranke pflegen.

Das Hamburger Frauenbündnis lädt am 8. März einer politischen Diskussion unter dem Titel „Hat die Krise ein Geschlecht? Frauen fordern strukturellen Wandel“ ein. Neben Christa Winterich nehmen daran Elke Peine (profem), Sabine Reiner (verdi Berlin) und Deborah Ruggieri (attac) teil. Beginn ist um 18 Uhr in der Universität Hamburg, DWP Hörsaal, Von-Melle-Park 9, 20146 Hamburg.

Text: Benjamin Laufer

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