Hausprojekt : Die Betten sind gemacht!

Die Fassade des neuen Hinz&Kunzt-Hauses.

Schon lange wünschten wir uns, Wohnraum für Obdach- und Wohnungslose schaffen zu können. Nach mehr als zehnjähriger Suche und Vorarbeit geht dieser Traum in Erfüllung und wir ziehen im September 2021 endlich in ein Haus, das Geschäftsstelle und Wohnraum vereint.

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Unser bunt gemischtes Hinz&Kunzt-Team und 24 Hinz&Künztler:innen arbeiten und leben ab September unter einem Dach im Hamburger Stiftsviertel in St. Georg.

Das Stiftviertel: unser neues Zuhause

Das neue Zuhause liegt zwischen dem Campus der HAW (Hochschule für Angewandte Wissenschaften) und der Amalie Sieveking-Stiftung. Die Stiftung steht seit 1832 für soziales Wohnen und bietet Menschen ab 60 mit kleinem Budget vielfältige Wohnformen an. Die Nachbarschaft aus Jung und Alt passt gut zu Hinz&Kunzt. Wir freuen uns schon auf gemeinsame Veranstaltungen mit unseren neuen Nachbar:innen.

Der Bauherr: die Mara & Holger Cassens Stiftung

Die Suche nach einem Grundstück in Innenstadtlage – für uns ist zentrale Lage in Bahnhofsnähe enorm wichtig – war mühsam. Schließlich halfen uns Glück und Kontakte: Johannes Jörn, Vorstand unseres Gesellschafters Patriotische Gesellschaft von 1765, ist zugleich im Vorstand der Amalie Sieveking-Stiftung. Einige Häuser der Stiftung mussten barrierefrei ausgestattet werden. Durch den erforderlichen Neubau entstand eine Baulücke. Hier schlug unsere Stunde, denn auf diesem Grundstück ist dank Sozialinvestor Holger Cassens nun ein Neubau entstanden, in dem die Geschäftsstelle und Wohnungen Platz finden.

Ein besonderes Konstrukt

Holger Cassens, Jörn Sturm und Johannes Jörn. Foto: Mauricio Bustamante

Die Amalie Sieveking-Stiftung hat der Mara & Holger Cassens Stiftung das Grundstück in Erbpacht überlassen. Das Hinz&Kunzt-Haus bleibt in Besitz der Mara & Holger Cassens Stiftung, die auch Bauherrin ist. Die Besonderheit: Unsere Wünsche und Bedürfnisse wurden beim Neubau berücksichtigt. Wir bekommen einen Mietvertrag mit einer Laufzeit von 30 Jahren und zahlen wie bisher eine ortsübliche Miete. Für die Inneneinrichtung des gesamten Hauses sind wir selbst verantwortlich. Die Geschäftsstelle wird überwiegend mit dem bisherigen Mobiliar ausgestattet. Aber für die Wohnungen haben erfahrene Gestalter funktionale und ästhetische Ausstattungsideen und Möbel entwickelt.

Die Geschäftsstelle

Unsere Räume in der Altstädter Twiete haben wir geliebt: ein gemütlicher Rotklinker, gute Lage, kurze Wege. Aber schon lange war klar: Der Vertriebsraum, unser Herzstück, war zu klein für die mehr als 530 Verkäuferinnen und Verkäufer, die bei uns Zeitungen kaufen, Kaffee trinken, mit Kolleg:innen klönen oder darauf warten, mit der Sozialarbeit sprechen zu können. Die neuen Räume bieten mehr Platz und einladende Atmosphäre. Das ist besonders wichtig für Menschen, die im Alltag oft wenig Ruhe und ansprechende Architektur erleben.

Die Wohnungen

Unsere Sozialarbeiter:innen Isabel Kohler, Jonas Gengnagel, Irina Mortoiu und Stephan Karrenbauer. Foto: Lena Maja Wöhler

Viele Menschen möchten nicht gern alleine wohnen. Deshalb haben wir fünf Wohngemeinschaften und eine Familienwohnung konzipiert, in denen 3-5 Personen zusammenleben. Jede:r hat ein eigenes Zimmer, die Badezimmer teilen sich maximal zwei Personen, Küche und Wohnzimmer sind für alle da. Das Wichtigste: Privatsphäre, Geborgenheit, Gemeinschaft und Anbindung an Hinz&Kunzt. Die Mietverträge sind unbefristet. Aufgenommen werden können alle, die langfristig Interesse an einem WG-Leben haben. Über die Zusammensetzung der Wohngemeinschaften entscheiden unser Team aus der Sozialarbeit.

Wir wissen, dass ein Einzug mit viel Organisationsaufwand und Stress verbunden ist. Wir wollen deshalb den Einzug so angenehm wie möglich für die Bewohner:innen gestalten: „Die Betten sind gemacht“, lautet deshalb unsere Devise. Unser WG-Konzept ist sicher nicht für alle Wohnungslosen geeignet, füllt aber eine Nische. Wir sind gespannt auf dieses Experiment.

Herausforderndes Design

Möbeldesigner Gerrit Kuhn und Eric Pfromm. Foto: BFGF

Die Gestaltung der sechs Wohngemeinschaften ist eine Herausforderung, über die sich die Produktdesigner Gerrit Kuhn und Eric Pfromm von den BFGF Design Studios viele Gedanken gemacht haben. Am Anfang standen dabei Fragen: Haben bisher Wohnungslose besondere Bedürfnisse? Wie kann man zwischenmenschlichen Konflikten durch Möbel und Gestaltung vorbeugen? Wie lassen sich Rückzugsmöglichkeiten und Geselligkeit kombinieren? Was passiert mit Gästen – oder mit Hunden? Lassen sich die klassischen WG-Schlachtfelder Küche und Badezimmer so einrichten, dass Streit vermieden
wird?

Das gemachte Bett

Unsere Verkäufer:innen sollen es sich in der fertig eingerichteten Wohnung sofort gemütlich machen können. „Das gemachte Bett“ lautet das Motto für die Inneneinrichtung. Klar war auch, dass die Gestaltung robust, nachhaltig, bezahlbar und wertschätzend sein muss. Bei Design und Ausstattung sollen wenig Kompromisse gemacht werden. Außerdem soll die Balance zwischen Privatsphäre und Gemeinschaft stimmen. Schnell stellte sich heraus, dass im Handel verfügbare Möbel nicht den Anforderungen entsprachen: Sie waren viel zu teuer – oder es gab sie nicht. So entstand ein Mix aus eigener Möbelserie und gekauften Produkten.

Autor:in
Sybille Arendt
Sybille Arendt
Sybille Arendt ist seit 1999 dabei - in der Öffentlichkeitsarbeit und der Redaktion.

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