Der Junge mit der Kamera

Der Hamburger Regisseur Yüksel Yavuz und sein Film „Kleine Freiheit“

(aus Hinz&Kunzt 137/Juli 2004)

Mit einem klapprigen Fahrrad fährt Baran auf St. Pauli Döner und türkische Pizza aus. Seine kleine Videokamera hat er immer dabei. Mit ihr filmt er Rollerblader, Touristen, Polizisten, den Hafen und den Himmel. Er macht sich sein eigenes Bild von der Stadt, die ihn nicht haben will. Denn seit seinem 16. Geburtstag ist der Waisenjunge aus dem kurdischen Dorf ein Illegaler in Hamburg.

Auch Yüksel Yavuz, der in seinem zweiten Spielfilm „Kleine Freiheit“ von Barans Alltag auf St. Pauli erzählt (siehe Anhang), war 16, als er 1980 aus einem kurdischen Dorf nach Deutschland kam – allerdings mit Aufenthaltsgenehmigung. „Mein Vater hat damals auf einer Werft gearbeitet, da draußen in Neuenfelde.“ Sein dunkler Blick geht irgendwohin, auf die andere Seite der Elbe. „Dort hatten sie extra Wohnheime gebaut für die ,Gastarbeiter‘. Am Leben in Hamburg oder der deutschen Gesellschaft konnten wir nicht teilnehmen, wir waren nur als Arbeitskräfte interessant.“ Nüchtern stellt er das fest, in den Worten eines intellektuellen Beobachters, aber etwas erzählt doch von einer tiefen Enttäuschung – vielleicht ist es die leise Stimme, vielleicht der Blick, der immer wieder in die Ferne geht und so schwer festzuhalten ist.

Nein, eine Kamera habe er damals noch nicht besessen, aber der Wunsch, sich eigene Bilder zu machen, der sei wohl damals entstanden. „Das ist in dem Alter doch normal, da setzt man sich mit seiner Umwelt auseinander und möchte irgendwann auch mit seiner eigenen Stimme wahrgenommen werden.“ Doch die Stimmen von Migranten hätten damals hier niemanden interessiert – und das sei im Wesentlichen noch heute so. „Daran ändert auch ein Goldener Bär und ein Deutscher Filmpreis für Fatih Akin nichts.“ Schon ein Jahr vor Akins „Gegen die Wand“, im Mai 2003, war „Kleine Freiheit“ mit großem Erfolg bei den Filmfestspielen in Cannes gelaufen, auf den internationalen Filmfestspielen in Istanbul hatte er den Publikumspreis gewonnen. Bis er in Deutschland im Kino zu sehen war, dauerte es trotzdem noch ein Jahr.

Dass man für seine eigene Stimme einen langen Atem braucht, das hat Yüksel Yavuz früh gelernt. In gewisser Weise ist er dafür nach Deutschland gekommen. „Als Kurde in der damaligen Türkei hätte ich auch keine Chance auf eine gute Ausbildung gehabt.“ Als der Vater 1984 zurückkehrte in die Türkei, zog der Sohn in die Stadt. Er begann ein Studium an der Hochschule für Wirtschaft und Politik. Drei Jahre nach dem Abschluss bewarb er sich an der Hochschule für bildende Künste, wurde angenommen und begann, politische Filme zu machen. „Hollywoodkino hat mich nie interessiert“, sagt er, „ich wollte vom wirklichen Leben erzählen, so wie ich es kenne.“ Im Fernsehen habe es damals einige Berichte über das Leben von Migranten gegeben, mit denen sei er überhaupt nicht einverstanden gewesen. „Ich wollte es nicht länger den Deutschen überlassen, über uns Geschichten zu erzählen.“ So entstand Yüksel Yavuz’ erster langer Dokumentarfilm „Mein Vater, der Gastarbeiter“. Diese sehr persönliche Auseinandersetzung mit der „inhumanen Ausländerpolitik“ Deutschlands gewann einen Preis auf dem internationalen Dokumentarfilmfestival München.

Mehrfach ausgezeichnet wurde auch sein erster Spielfilm. „Aprilkinder“ erzählt, wie die Kinder der so genannten „Gastarbeiter“ aufgerieben werden zwischen den Kulturen, zwischen einer Familie, die Angst hat, sie zu verlieren, und einer Gesellschaft, die sie ausschließt. Ein Happy End gibt es nicht, genauso wenig wie bei „Kleine Freiheit“. Auf die Frage, warum das so sei, antwortet er mit entwaffnender Knappheit: „Weil das Leben so ist.“

Das bedeutet aber ganz und gar nicht, dass es in seinen Filmen immer nur ernst und traurig zuginge. Im Gegenteil: Gerade da, wo die Umstände Baran und seinem Freund Chernor wenig Anlass zum Lachen bieten, ist ihre Lebensfreude besonders anrührend. Wo die Lage aussichtslos erscheint, entwickelt sich eine wunderbare Situationskomik, die Yüksel Yavuz’ lakonischen Humor entspricht.

Trotzdem, ihm scheint die Schutzschicht zu fehlen, mit der sich so viele andere Männer imprägnieren gegen die Traurigkeit darüber, dass die Welt so ist wie sie ist. Ein paar Jahre lang hat er als Dolmetscher gearbeitet, fürs Bundesamt für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge und in Asylprozessen vor dem Verwaltungsgericht. „Irgendwann konnte ich das nicht mehr aushalten, mit anzusehen, dass all diese Menschen keine Chance bekamen.“

Auch privat kennt der Filmemacher viele, die ständig um ihren Aufenthaltsstatus kämpfen müssen oder illegal hier leben. Diese persönlichen Erfahrungen machen „Kleine Freiheit“ so lebensecht – und natürlich die beiden Hauptdarsteller, Ça˜gda¸s Bozkurt (Baran) und Leroy Delmar (Chernor).

Leroy, dessen Familie aus Ghana stammt, wurde 1987 in Barmbek geboren und lebt, wie der Regisseur, auf St. Pauli. Der inzwischen 18-jährige Ça˜gda¸s stammt aus dem selben Dorf wie Yavuz. Seit neun Jahren lebt er als anerkannter Flüchtling in Deutschland und geht in Wilhelmsburg zur Schule. Auf dem internationalen Filmfest in Ankara, wo „Kleine Freiheit“ Anfang des Jahres zum besten Film gekürt wurde, erhielt er einen Preis als bester Nachwuchsdarsteller. Dabei hatten beide Jungs vor Drehbeginn keinerlei Schauspiel-Erfahrung. „Wirklich professionelle Darsteller kann man in dem Alter sowieso nicht finden, deshalb war es mir wichtiger, dass sie eigene Erfahrungen mitbringen, die zu meiner Geschichte passen.“ Sie tun viel mehr als das. Besonders Ça˜gda¸s erzählt mit seinen Blicken und Gesten eine Palette von Gefühlen. Gerade dann, wenn ihm die Worte fehlen, egal in welcher Sprache.

Ganz offensichtlich haben Yüksel Yavuz, sein Kameramann Patrick Orth und der Rest des Teams den Jugendlichen soviel Rückhalt und Sicherheit vermittelt, dass selbst die schwierigen Szenen möglich wurden, in denen aus der Freundschaft zwischen Baran und Chernor Liebe zu werden scheint. Etwas, das unter männlichen Jugendlichen dieses Alters ja nun wirklich als der Gipfel der Uncoolness und Peinlichkeit gewertet wird. Yüksel Yavuz zeigt ein verschmitztes Lächeln: „Na klar, das ist in diesem Macho-Alter schwer.“ Aber während der Filmarbeiten sei eben diese unglaubliche Nähe zwischen den beiden entstanden, die er in seinem Drehbuch gar nicht habe voraussehen können. „Und schließlich haben sie sich getraut das auszuspielen.“

Er freut sich über den Mut der Jungs, beinahe wie ein stolzer großer Bruder. Ob diese Intensität nun noch Freundschaft sei oder schon Liebe, der Verzweiflung oder der Versuchung geschuldet, schwul oder nicht – diese Entscheidung überlässt Yavuz den Zuschauern. Ihm gefällt, dass die Situation offen bleibt, obwohl er sich schon den Vorwurf anhören musste, die „Ehre der Kurden“ zu verletzen. „Mit solchen Begriffen kann ich nicht viel anfangen“, sagt er dazu nur. „Ich bin überzeugt, unter Kurden gibt es genauso viele unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Begriffen von Ehre wie unter anderen Leuten auch.“ Leicht hat er es nicht mit diesem Beharren auf die eigene Stimme – im Filmgeschäft nicht und im Leben wohl auch nicht. Aber wie sagt er mit feinster Ironie: „Ich bin ein geduldiger Mensch.“

„Kleine freiheit“ erzählt die Geschichte von zwei jugendlichen Flüchtlingen, die sich als Illegale in St. Pauli durchschlagen. Baran ist Kurde – geflohen aus der Türkei, nachdem Milizionäre seine Eltern ermordet haben. Als Laufbursche jobbt er im Imbiss seines Onkels. Bei einer seiner Touren lernt er Chernor kennen, der alleine aus Afrika kam und von seiner Familie schon lange kein Lebenszeichen mehr erhalten hat. Er hält sich mit kleinen Dealereien über Wasser. Die beiden versuchen, sich eine schöne Zeit zu machen – trotz der ständigen Angst, abgeschoben zu werden. Doch dann taucht ein älterer Mann auf. Baran meint, den Mörder seiner Eltern zu erkennen. Der Alltag gerät völlig aus den Fugen.

Sigrun Matthiesen

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