Krankenstube der Caritas : „Das hier war meine Rettung“

Manchmal macht es den Unterschied zwischen Leben und Tod: In der Krankenstube der Caritas auf St. Pauli finden Obdachlose bedingungslose Hilfe. Die Nachfrage ist groß nach den 18 Betten, doch das Geld ist knapp. Bettpatenschaften sollen helfen.

(aus Hinz&Kunzt 278/April 2016)
krankenstube-1Der Abschied ist hart. Panikattacken, Weinkrämpfe – das erlebt Leiterin Ingrid Kieninger oft, wenn einer der Patienten sein Bett in der Krankenstube für Obdachlose räumen muss. Verheilte Hautkrankheiten brechen wieder aus, manche kratzen sogar ihre Wunden auf, um bleiben zu können.

Dabei sollte die Entlassung ein gutes Zeichen sein: Der Körper ist weitgehend geheilt, stark genug für ein Leben ohne ständige Behandlungen und Operationen. Doch Ingrid Kieninger versteht auch die Angst ihrer obdachlosen Patienten. Draußen zu leben ist für sie lebensgefährlich. In der Krankenstube in der Seewartenstraße wissen sie das.

Thomas (55) wollte es lange nicht wahrhaben. Als seine Freunde den schweren weißhaarigen Mann im November von der Platte zur Krankenstube schleppten, war er zu schwach zum Stehen. „Ich konnte mich nicht mehr bewegen, habe kaum Luft bekommen“, erzählt er. Freiwillig wäre er nie zum Arzt gegangen, aus Angst vor der Diagnose, doch zur  Gegenwehr fehlte ihm die Kraft. Nach gutem Zureden der Schwestern in der Krankenstube traute er sich sogar in die Klinik. „Die haben hier so lieb auf mich eingeredet, da habe ich mich breitschlagen lassen.“ Dass es um sein Leben ging, war ihm damals noch nicht klar.

Heute weiß Thomas, was mit ihm los war: schwere Diabetes, ein Lungenflügel war zusammengefallen. „Ein paar Stunden später wäre ich hinüber gewesen“, sagt er. „Das hier war meine Rettung.“ Als er aus der Klinik zurückkam, waren die Zimmer in der Krankenstube schon voll belegt, aber die Schwestern schoben noch ein Bett für ihn dazu. Sie halfen ihm beim Insulinspritzen, vier Mal am Tag, und pflegten seine geschundenen Beine und Füße. „Das kenne ich sonst nicht, dass einem bedingungslos geholfen wird“, sagt Thomas.

krankenstube-218 Betten hat die Krankenstation der Caritas auf St. Pauli, vier davon sind reserviert für Menschen mit Tuberkulose, sofern die Lungenkrankheit nicht mehr ansteckend ist. Die meisten Obdachlosen kommen mit Entzündungen an Füßen und Beinen, Hautgeschwüre, Bronchitis, Lungenentzündung, Krätze, schwere Erschöpfung, kaputte Zähne, Diabetes.

Doch ohne Arzt, Medikamente und ein warmes Bett zum Auskurieren sind auch solche Gebrechen schnell sehr ernst. „Eine entzündete Stelle kann schon zu Amputationen führen“, sagt Ingrid Kieninger. Auch erfrorene Finger, Füße oder Beine seien oft nicht mehr zu retten. Im vergangenen Winter, bei vergleichsweise milden Temperaturen, mussten bei zwei Männern erfrorene Füße abgenommen werden.

Sieben Tabletten, zwei Kapseln: „Das ist das Frühstück“, sagt Pavel. Über den Tag verteilt schluckt der 36-Jährige aus Polen zwölf Medikamente. Für ihn ist klar: „Ohne Krankenstube wäre ich tot.“ Pavel ist schwer krank. Drei Jahre auf der Straße und viel zu viel Alkohol haben seine Leber zerstört. Immer wieder war er für kurze Zeit Patient in der Krankenstube, dann landete er wieder bei Kollegen oder auf der Straße. Dies- mal bleibt er länger. „Die Krankenstube ist eine große Chance“, sagt er. „Aber auch die letzte Chance.“

Seit fast einem Jahr lebt Pavel in der Pflegeeinrichtung auf St. Pauli. Alkohol hat er seitdem nicht mehr angerührt. Dafür lernt er Deutsch und macht Termine beim Arbeitsamt und beim Jobcenter. „Ich brauche eine richtige Arbeit“, sagt er. „Ich muss selber existieren.“

150 Menschen suchten im vergangenen Jahr Schutz

„Es gibt viele Menschen, die kapiert haben: So wie da draußen will ich nicht mehr leben“, sagt Ingrid Kieninger. Trotzdem müssen die Patienten, sobald sie können, wieder weiterziehen. Im Schnitt sind sie nach 42 Tagen wieder draußen – schlimmstenfalls auf der Straße. Um das zu verhindern, helfen die Sozialarbeiter in der Krankenstube auch beim Start in ein selbstständiges Leben. Sie beschaffen verloren gegangene Dokumente, prüfen Ansprüche auf Rente oder Arbeitslosengeld, machen Termine beim Jobcenter, suchen ein neues Zuhause, einen neuen Arbeitsplatz für die Patienten. Niemand soll hilflos vor die Tür gesetzt werden.

krankenstube-3„Wir müssen auch im Sinne der anderen kranken Obdachlosen dafür sorgen, dass wir die Leute weitervermitteln“, sagt Caritas-Sprecher Timo Spiewak. Nur wenn ein Platz frei wird, kann ein neuer Patient nachrücken. Doch das Vermitteln wird immer schwieriger, sagt der Sprecher. 150 Menschen suchten im vergangenen  Jahr Schutz in der Krankenstube, mehr als 20 waren mehrmals in Behandlung. Danach landen einige doch wieder draußen – und müssen, wenn sie krank werden, wieder auf ein Krankenbett an der Seewartenstraße hoffen.

Dabei sind es nicht nur alte Bekannte, die die Hilfe der Krankenstube brauchen. „Es kann jeden treffen“, sagt Ingrid Kieninger. Auch Volker (69) hatte einen anderen Plan. Der Plan war gut: Jahrelang arbeitete er im Controlling einer Reederei für Passagierschiffe, verdiente ordentlich, lernte Schwedisch, Norwegisch und Dänisch. Als er aufs Rentenalter zuging, vereinbarte er mit der Firma eine zweijährige Verlängerung, um bleiben zu können. Doch als er 65 war, stellte sich der Betriebsrat quer. „Da war ich von einem Tag auf den anderen Rentner.“ Er wollte das nicht wahrhaben. Pfiff auf den Rentenantrag, lebte weiter wie bisher – „nur eben ohne Einkünfte“. Er verdrängte, dass seine Ersparnisse dahinschwanden, er die Wohnung nicht mehr halten konnte, nicht mehr regelmäßig aß.

Volker landete auf der Straße, jeden Gedanken an Zukunft blendete er aus. Auch dass er sich eines Tages im Krankenhaus von St. Georg wieder- fand, scheint ihm heute schleierhaft. „Da liegt man in einem Bett, was ein anderer dringender braucht“, sagt er.

In der Krankenstube hatte er Zeit, seine Wunden auszukurieren – auch die seelischen, die der plötzliche Schnitt in seinem Leben hinterlassen hatte. Inzwischen ist der Rentenantrag gestellt, Volkers Lebensabend ist gesichert. „Es ist gut, dass man hier einen Anlaufpunkt hat, damit man wieder auf den  richtigen Weg kommt“, sagt er. Und wenn es die Krankenstube nicht gegeben hätte? „Da denke ich lieber nicht dran“, sagt Volker.

Viele Obdachlose haben keine Krankenversicherung

Thomas denkt oft daran, und dann geht es ihm mies. Die Medikamente sind teuer, weiß er. „Da schäme ich mich eigentlich schon für.“ Wie die meisten Obdachlosen hat er keine Krankenversicherung, deshalb übernimmt die Caritas die Kosten für Behandlungen und Operationen. Für Personalkosten, Miete und Essen kommen jedes Jahr 300.000 Euro von der Stadt. Mit einer neuen Idee versucht die Krankenstube nun, sich selbst zu helfen: Für 15 Euro im Monat können Menschen eine sogenannte Bettpatenschaft übernehmen. Das reicht zwar noch nicht für weitere Plätze, gleicht aber einige Engpässe aus, sagt die Leiterin.

krankenstube-4Trotzdem muss die Krankenstube sparen. Es fehlt an Geld für Medikamente, gute Pflegebetten, ausgewogenes Essen. Einen Großteil der Ausstattung konnten die Schwestern und Pfleger aus dem ehemaligen Hafenkrankenhaus übernehmen, das früher an der Seewartenstraße stand. Was noch fehlte, wurde „zusammengeschnorrt“, wie Ingrid Kieninger lachend sagt. Ihren Mut bewahrt sie sich, nach zwei Jahren als Leiterin der Krankenstube hat sie noch viel vor. Ihr Traum: Ein Pflegeheim, in dem kranke Obdachlose in aller Ruhe versorgt werden können – ohne die Angst vor dem nahenden Abschied.

PS: Unser Beitrag aus der Krankenstube ist eine Momentaufnahme. Schon im Januar haben wir Thomas, Pavel und Volker dort kennengelernt. Thomas hat sein Krankenzimmer inzwischen geräumt, versucht nun wieder auf eigene Faust zurechtzukommen. Volker und Pavel sind noch dort.

Text: Annabel Trautwein
Fotos: Mauricio Bustamante

Infos über das Projekt Bettpatenschaften gibt es bei Caritas-Sprecher Timo Spiewak unter spiewak@caritas-hamburg.de oder telefonisch unter 28 01 40 44 oder auf der Website der Krankenstube.

 

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