„Wie eine kleine Puppe“

Wenn Minderjährige Kinder bekommen

(aus Hinz&Kunzt 130/Dezember 2003)

Verhütet? Nein, das haben sie nicht, sagt Jennifer Jordan. Keine Ahnung warum, ehrlich gesagt. Wahrscheinlich keine Zeit gehabt, sagt die 19-Jährige und lacht. Sie waren halt total verknallt, sie und ihr Maxim Ladner. Damals. Sie war gerade 15, er 16 Jahre alt. Beide durchlebten eine „null Bock auf gar nichts“-Phase. Hauptsache Fun haben, Schule abbrechen, kiffen, Partys… Tja. Und dann ist es passiert. Jenny wurde schwanger.

Angst hatte ich, sagt Jenny. Vor der Zukunft. Aber eine Abtreibung kam für sie nicht in Frage. Also verdrängte sie das „Problem“ und erzählte zu Hause nichts von der Schwangerschaft. Fünf Monate lang. Dabei wusste sie, dass die Eltern ihr nicht den Kopf abreißen. Und, weißt du noch?, fragt Jennys Mutter, Siegrid Jordan, wie wir beiden uns in den Armen gelegen und geheult haben, als es endlich raus war? Die heute 44-Jährige ahnte ohnehin, was mit ihrer Tochter los war. Für sie stand sofort fest: Die Familie meistert zusammen, was zu meistern ist.

Während Jenny ihren Eltern von der Schwangerschaft erzählte, lag Maxim auf dem Jordanschen Sofa und zog sich eine Decke über den Kopf. Zu viel Gefühl. Er hatte seiner Freundin von Anfang an nicht in die Entscheidung reingeredet. Klar, sagt er, auch er musste erst mal lange nachdenken über sein Leben. Schließlich hatten weder er noch Jenny einen Schulabschluss. Aber jetzt freute er sich richtig darauf, Vater zu werden. Maxim zog bei Familie Jordan ein. Jenny konnte endlich aufatmen.

„Mein Vater hat viel Alkohol getrunken und meine Mutter und uns geschlagen – mit Händen, Füßen und Kabeln. Ich wollte nur weg, heiraten und eine eigene Familie haben. Als ich schwanger war, war ich unbeschreiblich glücklich.“ Svea (Name geändert) ist 17 Jahre alt. Mit 15 brachte sie einen Jungen zur Welt. Seit eineinhalb Jahren leben die beiden in einem Wohnhaus der Alida Schmidt-Stiftung. Die Betreuerinnen dort sind ihr Familienersatz.

Viele minderjährige Mütter stammen aus zerrütteten Familien, sagt Einrichtungsleiterin Martina Feistritzer. Etliche hatten Kontakt zur Jugendhilfe, da sie Missbrauchs- und Gewalterfahrungen haben, ihre Eltern nicht mehr leben oder unter psychischen oder Suchterkrankungen leiden. Der Wunsch nach einem eigenen Kind entspringt der Hoffnung auf Geborgenheit. „Liebe geben können wird verwechselt mit Liebe bekommen“, so Feistritzer. Auch fehlende Zukunftsperspektiven nennt die Diplompädagogin als Grund für eine frühe Schwangerschaft. Vor allem für schlecht Ausgebildete sinken die Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Feistritzer: „Wenn die Mädchen ein Kind bekommen, haben sie plötzlich eine Perspektive: das Muttersein.“

Von 1995 bis 2002 brachten 1115 Hamburgerinnen unter 18 Jahren ein Kind zur Welt. Doch das Familienglück bleibt häufig aus. Svea: „Als ich meinem Freund erzählte, dass ich ein Baby bekomme, wurde er wütend und hat mich geschlagen. Ich sollte das Kind abtreiben.“ Das hat sie nicht gemacht. „Das Kind bleibt immer bei mir. Es ist doch ein Teil von mir. Aber ich wünsche mir so, nicht die ganze Verantwortung alleine tragen zu müssen.“

Sie sei Jenny und Maxim fürchterlich auf die Nerven gegangen, meint Siegrid Jordan. Die jungen Eltern lachen. Es stimmt. Schon während der Schwangerschaft wollte Mutter Jordan partout, dass das junge Paar zur Geburtsvorbereitung geht. Beide hatten keine Lust darauf. Albern fand Jenny das „Geatme“ dort. Und als Minderjährige unter all den älteren Paaren – die Vorstellung war gruselig. Sie sollten wissen, was auf sie zukommt, fand Siegrid Jordan. Heute geben Maxim und Jenny zu, dass der Kurs sehr hilfreich war. Aber Siegrid Jordan, die als Tagesmutter auch beruflich etliche Kinder betreut, nervt die Tochter auch heute noch: Hast du die Schnullis ordentlich gesäubert? Hast du deine Tochter eingecremt? Du willst doch so nicht mit Maya raus – es ist doch viel zu kalt! Jenny sagt: Jaaa, Mama…

Siegrid Jordan fühlte sich verantwortlich, den jungen Leuten das Elternsein beizubringen. Aber auch sie musste lernen. Lernen, Maxim und Jenny nicht alles vorzuschreiben, die jungen Eltern einfach mal machen zu lassen. Jenny und Maxim wissen heute freilich genau, dass Siegrid Jordan meistens Recht hatte. Maxim erinnert sich, wie er erst mal einsehen musste, dass er sich körperlich ruinierte. Morgens früh raus zum Arbeiten, abends auf Piste und nachts weint das Baby – das hält keiner aus. Und auch Jenny kann sich noch an eine Situation erinnern, in der sie sich völlig überfordert fühlte. Die kleine Maya hatte starke Bronchitis, und Mutter und Vater Jordan waren nicht da. Ich hab tierische Angst gehabt, sagt Jenny, ich wusste überhaupt nicht, was ich machen soll. In solchen Momenten war ihr mehr denn je bewusst, wie wichtig der familiäre Rückhalt war. Jenny sagt: Verantwortung zu haben muss man eben auch erst lernen.

Manchmal denkt Jenny, sie sei eine schlechte Mutter. Heute zum Beispiel. Da hatte sie frei und ließ sich trotzdem den ganzen Tag nicht bei der Tochter blicken. Sie ging lieber shoppen. Balsam für die Seele muss auch mal sein, beruhigt Siegrid Jordan. Sie will, dass ihre Tochter sich nicht grämt, eine so junge Mutter zu sein. Deshalb nimmt sie Maya auch dann ab und zu, wenn Jenny mal ausgehen will. Jenny sagt: Meine Mutter ermöglicht es mir, trotz allem jung zu sein.

„Ich habe gedacht, ein Kind ist wie eine kleine Puppe – so einfach. Wenn man Lust hat, kann man schön damit spielen. Wenn man keine Lust hat, ist das Spiel eben zu Ende. Ich wusste nicht, dass es so schwer ist, für ein Kind da zu sein.“ Svea steckt in einem Konflikt: Oft ist sie eifersüchtig auf die Mädchen, die keine Verantwortung tragen. Sie müssen an nichts denken: Hat er genug gegessen? Muss er ins Bett? Ist die Frau, der sie ihr Kind anvertraut, gut zu ihm? Wenn Svea solche Gedanken beschleichen, fühlt sie sich sofort schlecht. Schließlich war es ihre Entscheidung, das Kind zu bekommen.

Minderjährige überblicken oft die Konsequenzen ihres Handelns nicht, sagt Anne Trumm, Leiterin des Bereichs stationäre Hilfen für Mütter und ihre Kinder im Abendroth-Haus. Sie leben eher für den Augenblick. Bekommen sie ein Baby, verpassen die jungen Mädchen die wichtige Entwicklungszeit der Pubertät, so die 50-Jährige.

„Die Mädchen wollen unbedingt gute Mütter sein und überfordern sich dabei maßlos“, so Anne Trumm. Da Kritik und gute Ratschläge ihnen suggerieren, ihrer Aufgabe nicht gerecht zu werden, lassen sie oft niemanden an sich heran. Eigene Entwicklungsverzögerungen bedingen aber, Entwicklungsverzögerungen beim Kind nicht zu erkennen. Besonders bei jungen Frauen, die die Schule abgebrochen haben, hat das zum Teil fatale Folgen: „Die Mädchen können die Anweisungen auf der Babynahrung nicht richtig lesen und pappen irgendeinen Brei zusammen“, erzählt Trumm. „Die Babys sind dann oft solche Wonneproppen, dass sie sich kaum bewegen können.“

Anne Trumm und Martina Feistritzer finden, dass jede Mutter die Chance haben sollte, mit ihrem Kind zu leben. Dazu wollen sie auch die Minderjährigen befähigen. Doch manchmal müssen sie eine schwere Entscheidung treffen und feststellen: Das Kind wäre besser woanders aufgehoben.

Svea liebt ihr Kind. Und sie managt ihre Mutterrolle. Aber wenn sie sich nochmal entscheiden dürfte, würde sie alles anders machen: „Erst Schule, dann eine Ausbildung, viel Geld sparen, ein Haus und ein Auto kaufen, heiraten und dann ein Kind bekommen. Ich habe ja noch nicht mal das Sorgerecht für meinen Kleinen. Ich habe die ganze Verantwortung, aber entscheiden kann ich nichts.“

Inzwischen ist Maya zweieinhalb Jahre alt. Jenny hat ihren Hauptschulabschluss nachgemacht und lernt Zahnarzthelferin. Maxim macht eine Ausbildung zum Zerspaner. Mit der Verantwortung für das Kind wuchs auch die Verantwortung für das eigene Leben. Die große Liebe von damals hat zwar nicht gehalten – trotzdem geht Vater Maxim selbstverständlich bei den Jordans ein und aus. Er ist schließlich eine wichtige Person für Maya, stellt Jenny klar.

Sie selbst wohnt in einer eigenen kleinen Wohnung. Eigentlich plante sie, dort mit ihrer Tochter ständig zusammenzuleben. Aber sie muss auch ihr eigenes Leben noch regeln. Eine Ausbildung schaffen und ein Kind erziehen – das war doch zu viel. Also lebt Maya nur am Wochenende bei Jenny, während der Woche passen Oma und Opa auf die Kleine auf. Jenny kommt nach der Arbeit und bringt ihr Kind ins Bett. Es herrschen klare Regeln. Für Jenny und ihr Kind. Maxim ist sich bewusst, dass Familie Jordan auch viel für ihn getan hat. Dafür, sagt er, bin ich sehr dankbar. So hat er keinen Grund zu bereuen, mit 17 Vater geworden zu sein.

Auf welche Schule Maya mal gehen soll – darüber macht er sich noch keine Gedanken. Bis dahin ist ja noch ein bisschen Zeit. Jenny sieht das anders. Eine Schule soll es sein, auf der die Talente der Kleinen gefördert werden. Denn die hat sie eindeutig, sagt die stolze Mutter. Und was, wenn auch Maya mal eine Null-Bock-Phase durchleben sollte? Jenny atmet tief durch. Dann sagt sie: Also wenn sie 13 ist, schlepp ich sie zum Frauenarzt. Das ist schon mal klar.

Annette Woywode

Der DJ und der Dirigent

(aus Hinz&Kunzt 129/November 2003)

Beide machen Musik für Hinz & Kunzt: DJ Rabauke legt bei der „Haus und Hof“-Nacht im Phonodrome am 20. November auf, Michael Hartenberg dirigiert den Chor des Musikseminars beim Benefizkonzert in der Hauptkirche St. Jacobi (9. November). Normalerweise sind das getrennte Welten. Doch im Gespräch über Musik und wie sie Menschen bewegt, entdecken der DJ und der Dirigent überraschende Gemeinsamkeiten.

H&K: Michael, wir haben uns hier an Thomas’ Arbeitsplatz getroffen. Hast du als klassischer Musiker überhaupt Bezug zu so einem Ort?

Michael Hartenberg: Ich habe in meiner Schulzeit natürlich Phasen gehabt, in denen ich in Diskos rumhing, und ich war begeisterter Stones-Fan. Ich habe da weder Berührungsängste noch Scheuklappen. Aber als DJ zu arbeiten, das ist eine andere Welt. Denn alles, was wir tun, entsteht live und ist immer mit dem Risiko des Scheiterns verbunden. Mit diesem Risiko voll zu rechnen, finde ich spannend.

Thomas Jensen: Das ist für mich exakt dasselbe. Die Vorbereitung, die es für einen DJ gibt, ist: Tasche packen, Platten reinstecken und sortieren, Titelauswahl treffen, Menge berechnen – und überlegen: „Was gehen da für Leute hin und warum?“ Mit dieser Tasche stehst du abends da – und es kann vorkommen, dass du alles falsch gemacht hast! Exakt die falschen Platten dabei – und du merkst, genau von der Kombination, an der alle Spaß haben, habe ich nur fünf Stück mit! Da ist das Scheitern auch sehr nah. Und wir sind ja auch immer von den technischen Gegebenheiten abhängig. Ich kenne wirklich Stromausfälle… oder ganz banal: Die Platte springt, während man gerade auf Toilette ist…

Michael Hartenberg: Das gehört bei uns mit zum Vorbereitungsritual, vorher noch mal aufs Klo zu gehen… Aber wenn man Livemusik macht, kommuniziert man auch immer direkt mit dem Raum. In Kirchen ist der Klang ein ganz anderer als in einem kleinen Raum, das Tempo muss in so einer halligen Akustik ganz anders sein – und ich muss mich als Musiker auch anders verhalten. Aber das finde ich spannend, und das ist für mich ein großer Unterschied zu elektrisch erzeugten Klängen, die sind eigentlich in jeder Situation gleich.

Thomas Jensen: Gerade damit haben wir oft zu kämpfen. Die Leute wollen das Stück immer so hören, wie sie es von der CD kennen, und wir müssen uns dann mit den Eigenarten des jeweiligen Raumes abplagen und können eben nicht einfach langsamer spielen.

H&K:Thomas, hast du ein Instrument gelernt?

Thomas Jensen: Nein, ich bedaure das zutiefst, dass mir das auch von zu Hause aus nie nahe gelegt worden ist. Wenn ich am Rechner sitze und mir was ausdenken möchte, merke ich manchmal, wie ich an meine Schaffensgrenze komme, weil ich kein Instrument gelernt habe. Man muss es ja gar nicht perfekt beherrschen, aber für gewisse theoretische Zusammenhänge von Harmonie und Komposition ist das schon hilfreich. Ich frage dann immer Freunde und Kollegen.

Michael Hartenberg: Man kann immer anfangen, es zu lernen. Aber was mir dazu einfällt ist, dass wir heute eine wirklich absurde Situation haben: Noch nie in der Geschichte hat man so viel Musik gehört wie heute, und gleichzeitig hat es noch nie so wenig Musikunterricht gegeben! Das ist so ein Missverhältnis.

H&K: Woher kommt das?

Michael Hartenberg: Die Nazis haben Musik und Tanz sehr stark instrumentalisiert. Dann hat man nach dem Krieg gesehen: Mensch, während wir hier gesungen und getanzt haben, sind nebenan im KZ sechs Millionen Juden gestorben. Adorno, der große Schriftsteller, der viel mit dem musikalischen Denken der Nachkriegszeit zu tun hat, hat mal gesagt: „Nach Auschwitz ist Singen ein Verbrechen.“ Und dieser Satz hat einer ganzen Generation den musikalischen Nerv sozusagen gekillt. Denn man hat dann in der Schule nicht mehr gesungen und Musik gemacht, sondern hat über Musik gesprochen und versucht zu verstehen, wie es passieren kann, dass man durch Musik verführt wird. Und diese Generation, die damals nicht gesungen hat, das sind die heutigen Musiklehrer.

Ich bin überzeugt, wenn wir es schaffen könnten, wieder ein aktives Musikleben auf breiter Basis zu fördern, dass wir dann eine ganz andere Gesellschaft hätten. Wo man auch wieder Lust hätte, etwas gemeinsam zu tun, sich zu begegnen, initiativ zu sein. Denn ich finde, dass Singen und Sprechen zusammengehören wie Tag und Nacht, Wachen und Träumen. Wer beides kann, hat die Möglichkeit, Dinge auszudrücken, die man durch Worte nicht mehr fassen kann. Erst dann ist die menschliche Äußerungsfähigkeit komplett. Aber dazu muss eine andere Art von Musikunterricht her! Man kann improvisieren, Klänge ausprobieren, da gibt es lustige und spannende musikalische Spiele. Also deine Frage, Thomas, „Wie kann man was komponieren?“, müsste in der Schule ein wichtiges Thema sein.

Thomas Jensen: Interessant, darüber habe ich so noch nie nachgedacht. Letztlich hat mein Zugang zur Musik und dass mein Vater den so gar nicht verstehen kann, wahrscheinlich auch genau damit etwas zu tun. Mein Vater ist im Krieg geboren und versteht überhaupt nicht, dass sein Sohn mit so was, so larifari, wie er es nennt, seine Familie ernähren kann… Trotzdem bin ich froh, dass es mir auch so gelungen ist, alleine durch meine Begeisterung, zur Musik zu finden.

Michael Hartenberg: Das ist sowieso das, was Leute bei Musik suchen: Begeisterung! Egal ob das stilles konzentriertes Zuhören ist, lautes Jubeln, Tanzen oder die Freude am Zusammenspiel einer Band ist. Und da zeigt sich – wie bei jeder Kunst – was so in der Gesellschaft vielleicht nicht ist, aber sein könnte. Und wenn man davon mal einen Zipfel erhascht, dann setzt das ungeheure Energien frei.

H&K: Was bekommt ihr bei eurer Arbeit vom Publikum mit?

Michael Hartenberg: Obwohl ich beim Dirigieren die Leute im Rücken habe, spüre ich ganz genau, wie ein Publikum mitgeht, mit welcher Intensität die Menschen zuhören, ob sie interessiert sind oder ablehnen, was sie hören. Da kommt so viel Energie entgegen! Das merkt man zum Beispiel daran, ob das Publikum gemeinsam atmet, oder in Momenten, in denen man das Gefühl hat, die Zeit bleibt stehen, oder ein ganzer riesiger Raum hält die Luft an. Ein Gefühl wie in der Achterbahn in dem Moment, bevor es runtergeht…

Thomas Jensen: Schön! Bei mir ist es schon ein Unterschied, ob ich nur als Plattenunterhalter gebucht bin oder, wie mit Eins-Zwo oder Fettes Brot, in einer Konzertsituation. Da merkt man meist nach ein, zwei Titeln, ob das läuft oder ob man es schwer haben wird. Es kommt aber auch vor, dass einem die Leute erzählen, dass es ein super Konzert war – obwohl man auf der Bühne eher das Gefühl hatte, die interessiert das nicht. Dagegen, wenn ich im Club Platten auflege, ist es einfach: Wenn keiner tanzt, ist es Scheiße. Direkter geht’s nicht.

H&K: Was, außer der Unterhaltung, ist euer Anspruch mit der Musik?

Michael Hartenberg: Den Leuten nur einen schönen Abend zu bereiten, wäre mir ein biss-chen wenig. Da könnte ich auch Würstchen verkaufen. Mir geht es darum, die Menschen wenigstens einen Augenblick zu berühren, zu bewegen. Das gehört für mich zum Schönsten, was man überhaupt erreichen kann in seinem Leben. Musik ist für mich die Möglichkeit, einen Menschen in seinem Innersten zu treffen. Wenn es eintritt, ist es wie eine Gnade. Dieses Erlebnis brauche ich auch selbst immer wieder, deshalb werde ich unruhig, wenn ich lange kein Konzert hatte.

Thomas Jensen:Stimmt. Ich will ich das Publikum auch nicht nur unterhalten mit dem, was es schon kennt, sondern ich will auch überraschen und will auch meinen Geschmack, meine Sicht transportieren. Das ist immer eine Gratwanderung, weil ich ja auch nicht weiß, wer die Leute sind. Wenn die Leute dann weitertanzen, das ist toll!

H&K: Gibt es etwas an der Arbeit des anderen, das euch reizt, um das ihr euch gegenseitig beneidet?

Michael Hartenberg: Was mich bei dir wirklich fasziniert, ist dass du einfach guckst: Was braucht der Raum, was brauchen die Leute jetzt, in diesem Moment? Das ist ja auch so eine Art von sensiblem Sensorium, das man dafür ausbilden muss. Ich stelle mein Programm schon Monate vorher zusammen, ob ich mich dann später in der Situation danach fühle oder nicht. Du kannst da viel spontaner entscheiden, und das finde ich toll, weil das auch so ein lebendiger Prozess ist, wo man mit den Menschen zusammen etwas kreiert.

Thomas Jensen: Also ganz besonders beeindruckt hat mich deine Beschreibung von der Spannung, die du spürst, wenn du mit dem Rücken zum Publikum arbeitest. Da beneide ich dich darum, so etwas erlebe ich ja nie, ich drehe denen höchstens den Rücken zu, wenn ich in meiner Kiste wühle – und dann bin ich meistens gerade etwas ratlos.

Moderation: Sigrun Matthiesen

DJ Rabauke heißt eigentlich Thomas Jensen, ist 31 Jahre alt und Vater eines zweijährigen Kindes. Schon mit 17 war er DJ, ging dann mit „Fettes Brot“ auf Tournee, woraus das Hip-Hop-Projekt „Eins, Zwo“ entstand. Seit einem Jahr arbeitet er an seinem eigenen Album mit Elektro- und Dance-Musik, für das er noch eine Plattenfirma sucht.

Die Mutmacher: Jojo

Wie ehemalige Hinz&Künztler heute leben

(aus Hinz&Kunzt 129/November 2003)

Rund 3400 Verkäufer haben seit 1993 bei Hinz & Kunzt angefangen. Vielen von ihnen ist der Ausstieg aus der Obdachlosigkeit gelungen. Wie Joachim Donath. Sein Spitzname Jojo passt zum Auf und Ab seines Lebens. Seit vergangenem Jahr steuert er 40-Tonnen-Tankwagen über Europas Straßen.

Das Kissen, ohne das Joachim Donath nicht losfährt, hat einen Fellüberzug, der einmal weiß war. Damit klettert der 50-Jährige auf den Fahrersitz der 470-PS-Zugmaschine. Mit dem Kissen verstärkt er die Rücklehne, sodass er weiter vorne sitzen kann. Sein Bauch berührt fast das Lenkrad. Ja, er hat zugenommen, seit er mit dem Rauchen aufhörte. Umso heftiger kaut er nun auf Kaugummis herum. Seine schwarze Kappe trägt er mit dem Schirm nach hinten. Ein lässiger Trucker.

Joachim Donath ist 1,37 Meter groß. Und wer als Erwachsener 1,37 Meter misst, muss mehr als andere dafür sorgen, nicht übersehen zu werden. Entsprechend energisch gibt Donath Ende der siebziger Jahre seinen Einstand in Hamburg. In einer Kneipe auf St. Pauli gerät er mit zwei Gästen aneinander. Wahrscheinlich unterschätzen die beiden seine Kraft und sein Geschick. Das ist ihr Pech. Jojo, damals Mitte 20, taucht plötzlich mit dem Kopf zwischen die Beine des Ersten, richtet sich auf, hebt den Widersacher hoch und befördert ihn durch die Scheibe nach draußen. Der zweite Gast folgt auf gleichem Wege.

Donath, der in Krefeld aufwuchs, teilte auch früher schon aus. Er verhaut Mitschüler, deren Eltern nicht glauben wollten, dass „der Kleine da“ das geschafft haben soll. Einmal würgt er einen größeren Kameraden im Schwitzkasten so sehr, dass es lebensgefährlich wird. Ein „streitsüchtiger und jähzorniger Gnom“ sei er gewesen, sagt Donath. Die Zeiten sind vorbei, der Mann ist 50 und kann einen Streit auslassen. Aber Jojo hat nicht nur Kraft, sondern auch einen schlauen Kopf. Er ist um Worte nie verlegen, mit seiner angenehmen, volltönenden Stimme kann er reden und reden. „Ich hätte beruflich etwas mit Sprachen machen sollen“, sinniert er. Ein „Sprach-Chamäleon“ sei er, und zum Beweis wechselt er für ein paar Sätze ins Englische, streut italienische, türkische und französische Brocken ein, gibt Wortspiele auf Platt zum Besten und klärt über die Sprache der Roma auf.

Aber damals, nach der Schule, war für diese Begabung kein Platz: Jojo beginnt eine Lehre als Kfz-Schlosser, die er nicht zu Ende bringt. Er arbeitet in Kanada als Taucher, möchte in Kiel sogar eine Tauch-Ausbildung beginnen, aber die Berufsgenossenschaft findet: Donath ist zu klein. 1977 kommt er nach Hamburg, schleppt im Hafen 75-Kilo-Säcke, wird Staplerfahrer und Kranführer. Die großen Maschinen, die Bagger, Kräne und die Lkws seien „wie Prothesen“. Eine kontrollierte Möglichkeit, die eigene Kraft nach außen zu übersetzen.

„Na, hast du dich kurzgelaufen?“, haben Kollegen in seinen zahlreichen Jobs gefragt. Aber das seien imme freundliche Sprüche gewesen, Verletzendes habe er von Kollegen nie gehört, sagt Donath. Eher Anerkennung, dass er anpackt wie jeder andere und sich nicht auf einen möglichen Status als Schwerbehinderter zurückzieht. Anders manche Arbeitgeber. „Wir beschäftigen keine Zirkusleute“, beschied ihm ein Bauunternehmen. Etwas feiner formulierte es eine Reederei: „Sie passen nicht in das repräsentative Gefüge unserer Firma.“

Ende der achtziger Jahre will Jojo finanziell größer werden, als er ist. Er lebt mit einer Frau und deren drei Kindern zusammen. Das Geld, das der Familie fehlt, möchte er erspielen, bei Roulette und Black Jack. Joachim Donath wird abhängig vom Glücksspiel. Einige Jahre später, die Beziehung ist längst beendet, bringt ihn die Sucht um seine Wohnung, anderthalb Jahre schlägt er sich auf der Straße durch. Voreiliges Mitleid durchkreuzt er sofort. Eine „gute Zeit“ sei das gewesen, „es entsprach meinem Unabhängigkeitssinn.“

Der Februar 1997 wird kalt. In der Innenstadt, auf dem Gerhart-Hauptmann-Platz, stellt Hinz & Kunzt ein beheiztes Zelt für Obdachlose auf. Joachim Donath kommt sozusagen als Nachbar dazu, denn er macht Platte vor Karstadt in der Mönckebergstraße. Im Zelt hilft er bei der Organisation und übernimmt Nachtschichten. So entsteht der Kontakt zum Straßenmagazin. In den folgenden Monaten verkauft Donath die Zeitung und verfasst selbst Beiträge, von kecken Beobachtungen beim Betteln bis zu einem beklemmenden Bericht über seine Erfahrungen in der Psychiatrie.

Dann der Absprung aus Hamburg. Ein Kurierfahrer, der in einer Kiez-Kneipe kräftig getankt hat, sucht lallend einen Ersatzmann, der ihm den Transporter nach Schweden weiterfährt. Jojo sagt zu. Bald darauf folgt er dem Auftraggeber an den Bodensee, wo er Jobs bei Baufirmen annimmt. Donath wird „trocken“: Er spielt nicht mehr. „Die Arbeit hat mich gefordert, das Spielen wurde uninteressant.“

Inzwischen lebt Donath wieder in Krefeld, bei seiner 81-jährigen Mutter. 2001 macht er den Lkw-Führerschein. Jahrelang hatte es beim TÜV geheißen: Da müssen wir erst mal die Pedal- und Lenkkräfte messen, und dann sind da einige Auflagen nötig, und der Lkw muss umgerüstet werden. „Das hätte sich nicht gelohnt“, sagt Donath. Erst als sich ein aufgeschlossener TÜV-Mitarbeiter ansieht, wie Donath tatsächlich einen 40-Tonner lenkt, wie er schaltet und bremst, ist der Weg frei. Einzige Auflage: das Kissen vor der Rückenlehne, um die Sitzfläche zu verkürzen.

Heute arbeitet er bei der Tankwagen-Spedition Rohrbach in Krefeld. „Er hat sich ganz normal beworben“, sagt Chef Günter Rohrbach. Fuhrparkleiter Ewald Keller fügt an: „Eine gewisse Skepsis hat man schon. Aber er hatte sein selbst geschnitztes Kissen dabei, wir haben eine Probefahrt gemacht – das war völlig unproblematisch.“ Donath wird eingeplant wie jeder andere Fahrer auch, er hat keinen speziellen Lkw, keine spezielle Strecke. Von Sonntagabend bis Freitagabend ist er unterwegs – ein Job für Junggesellen. Er schläft im Lkw, wie es das Gerüst von Fahr-, Arbeits- und Ruhezeiten gerade vorsieht. An Bord hat Jojo einen Laptop mit Routenplaner, auf dem er sich gelegentlich einen Film auf DVD ansieht. Das war’s dann auch mit Freizeitvergnügen.

In den wenigen Nächten zu Hause wacht Donath manchmal auf: „Habe ich eine Kurve verpasst?“ Die Konzentration am Steuer wirkt nach. Bald geht’s wieder los. Gegen 22 Uhr wird er auf dem Hof der Spedition einen leeren Lkw in Empfang nehmen. Am Montag um 6 Uhr soll er im französischen Saint Avolt Acryl laden. Für den Fernfahrer Joachim Donath beginnt eine weitere Woche auf der Straße.

Detlev Brockes

Die Turnschuh-Connection

Hamburger setzen sich für Arbeiterinnen in der indonesischen Turnschuhindustrie ein

(aus Hinz&Kunzt 129/November 2003)

„Ich bin Indonesierin, aber so etwas habe ich noch nie gesehen“, sagt Kartini Mumme. Die 51-Jährige, die seit Jahren in Hamburg lebt, zeigt Fotos aus ihrem Heimatland, aufgenommen in der Hauptstadt Jakarta.

Zu sehen sind wackelige Bretterbuden ohne Möbel, ohne Bad oder Küche, der Boden mit rohem Zement bedeckt. Direkt daneben: Müllberge und ein Rinnsal schmutzigen Wassers, das im offenen Gelände versi-ckert. In den Buden „wohnen“ Frauen, Fabrik-Arbeiterinnen, oft zu viert in einem Raum. Tagsüber nähen sie Turnschuhe, für Adidas, Nike und Konsor-ten. Später landet diese Ware auch in deutschen Läden, wo sie für viel Geld den Besitzer wechselt.

„Die Frauen können sich nichts kaufen, nur das, was sie fürs nackte Überleben brauchen“, sagt Waltraud Waidelich vom Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt. Eine Delegationsreise von Brot für die Welt führte die 47-Jährige gemeinsam mit Kartini Mumme in die Wohnquartiere der indonesischen Arbeiterinnen, die Ware für den europäischen und US-amerikanischen Markt fertigen. Das Problem: Obwohl der deutsche Verbraucher für einen guten Markenturnschuh rund 100 Euro hinblättert, erhalten die Frauen, die den Turnschuh nähen, nur 0,4 Prozent davon als Lohn. 30 Prozent dagegen werden für Werbung ausgegeben, also für die „Erschaffung eines Lebensgefühls“, das nichts mit dem Leben der indonesischen Arbeiterinnen gemein hat: Die Näherinnen verdienen umgerechnet rund 55 Euro monatlich, dabei beträgt ihre wöchentliche Arbeitszeit 48 bis 60 Stunden. Von dem Geld ernähren die Frauen oft ganze Familien. Dabei liegen die durchschnittlichen Monatsmieten in Jakarta bei 150 Euro, gesunde Ernährung schlägt mit rund 30 Euro monatlich zu Buche. Bezahlbar ist da nur die Schlafstelle in der Bretterbude, die für fünf Euro zu haben ist. Dennoch klagt kaum jemand: In Jakarta leben 40 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze. Da ist man froh, überhaupt einen Job zu haben. Wer den miserablen Lohn kritisiert, fürchtet die Kündigung, und die Gewerkschaften sind entweder regierungsnah oder zerstritten.

„Wir müssen die Frauen unterstützen“, ist Waltraud Waidelich überzeugt. „Aus eigener Kraft schaffen sie es nicht.“ Nach der Rückkehr nach Deutschland reifte deshalb bei ihr ein Plan: Schon heute setzt sich die Urban Community Mission (UCM), eine Partnerorganisation von Brot für die Welt, in Jakarta für die Arbeiterinnen ein. Sie schult sie in ihren Rechten und hilft ihnen, sich zu organisieren. Parallel dazu sollen jetzt in Hamburg Bezugsgruppen gegründet werden. Die können sich aus Mitarbeitern hiesiger Unternehmen bilden, die die in den Weltmarktfabriken gefertigten Turnschuhe verkaufen, aber auch in Sportvereinen, Verbrauchergruppen oder Freundeskreisen. Bei Missständen in den indonesischen Betrieben werden die Bezugsgruppen durch UCM informiert, die die Beschwerden wiederum an die hiesigen Firmenzentralen weiterleiten.

Angelehnt ist die Idee Waidelichs an die Kampagne für Saubere Kleidung (CC-Campaign). Mit ihr kämpfen vor allem kirchliche Gruppen und Dritte-Welt-Initiativen seit rund zehn Jahren in ganz Europa für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Bekleidungsindustrie weltweit. Kampagnenziel ist es, negative Auswirkungen der Globalisierung aufzuzeigen und hiesige Unternehmen dazu zu bewegen, die Verantwortung für den gesamten Herstellungsprozess ihrer Waren zu übernehmen – auch wenn sie diese von Zulieferfirmen in fernen Ländern fertigen lassen.

Während die CC-Campaign die Öffentlichkeit dazu mobilisiert, Firmen mit Protestbriefen zu überhäufen, um so das Unternehmen über den befürchteten Imageschaden zum Eingreifen zu bewegen, ist der Plan Waidelichs obendrein auf Kooperation ausgerichtet: Hier zählt der direkte Draht zwischen den Menschen an den Nähmaschinen in Indonesien, den Sportbegeis-terten in Hamburg und zu den Menschen am Schreibtisch, zum Beispiel in der Puma- oder Adidas-Zentrale in Herzogenaurach.

„Hätte ich das alles bloß früher gewusst“, sagt Brita Warner. Das Leben der 60-Jährigen ist seit ihrer Jugend am Sport orientiert. Sie ist Vorsitzende im Hamburger Ruderinnenclub, war lange für den Hamburger Sportbund engagiert und hat rund 15 Marathons bewältigt. „Zeitweise hatten wir 25 Paar Turnschuhe im Schrank“, sagt sie, alle um 120 Euro teuer. Auf einer Podiumsdiskussion zum Thema „Fair Laufen“ im Mai dieses Jahres hörte sie zum ersten Mal davon, dass von diesem Geld nur 48 Cent als Lohn an die Arbeiterinnen fließen. „Ich wäre durchaus bereit, 52 Cent draufzupacken“, fügt sie sarkastisch hinzu. Seither ärgert Brita Warner sich, dass es nirgends einen fairen Sportschuh zu kaufen gibt. Deshalb will sie sich auch an dem Bezugsgruppen-Plan beteiligen. „Wenn ein Missstand angezeigt wird und ich mitbekomme, das Unternehmen kümmert sich, dann finde ich das sympathisch“, so Warner – und das beeinflusst die Kaufentscheidung.

„Eine kleine Bezugsgruppe würde sich bei uns bestimmt bilden“, sagt Verena Johannsen. Die 35-Jährige ist Gründungsmitglied des Hamburger Sportgeschäftes Laufwerk. Zwar weiß Johannsen seit langem von den Bedingungen, unter denen ihre Ware produziert wird. Doch sie glaubte bisher, was sie und ihre Kollegen dagegen tun können, sei „nicht viel“. Die Idee, über die Bezugsgruppe in direkten Kontakt zu den Menschen in Indonesien zu treten, ändert die Lage: „Da fühlt man sich viel mehr zuständig“, sagt sie. Ein kleines Flugblatt, im Laden ausgelegt, könnte für weitere Solidarität von Hamburger Sporttreibenden mit Sportschuh-Näherinnen sorgen.

„Es lohnt sich, bei den Firmen zu protestieren“, sagt Waltraud Waidelich. Und Evelyn Ulrich von der Abteilung Soziales und Umwelt bei Adidas in Herzogenaurach verspricht: „Wenn wir von Missständen erfahren, prüfen wir das sehr intensiv.“ Dass dieses Engagement mit der CC-Campaign zusammenhängt, will Ulrich zwar nicht bestätigen. Doch die zeitlichen Parallelen sind unübersehbar: Seit 1998 müssen Adidas-Zulieferer bei der Unterzeichnung der Verträge auch die Einhaltung so genannter Standards of Engagement garantieren. Darin sind Regeln zur Beschäftigung, zu Arbeitnehmerrechten, zu Umwelt, Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz festgelegt. Diese Regeln dienen als Messlatte zur Auswahl der Geschäftspartner, so Frank Henkel, Global Director für Soziales und Umwelt bei Adidas. Allein in Indonesien kontrollieren drei Adidas-Mitarbeiter zumeist angemeldet die Einhaltung dieser Regeln. Regelmäßig besuchen die Adidas-Mitarbeiter die Fabriken auch, um sowohl das Management als auch die Arbeiterinnen zu schulen. Seit 1999 lässt Adidas nach eigenen Angaben über die Fair Labour Association jährlich in etwa 42 Unternehmen auch unangemeldete Kontrollen durchführen. Und Henkel gesteht: „Natürlich identifizieren wir Probleme.“

Menschenrechtler kritisieren aber, dass dieses Gremium nicht unabhängig sei. Und dass angemeldete Kontrollen nichts bringen. Auch die Hamburger Delegierten von Brot für die Welt besuchten angemeldet eine Weltmarktfabrik, in der 6000 Arbeiterinnen und Arbeiter 18.000 Schuhe täglich für Adidas produzieren. Wo Frauen Sohlen anklebten, trugen sie Mundschutz, Klebemittel waren auf wasserlöslicher Basis, die Standards of Engagement hingen deutlich sichtbar für alle Arbeiter in der Fabrikhalle aus. Aber: „Garantiert stand immer einer aus der Firmenleitung neben mir, wenn ich mit einer Arbeiterin sprechen wollte“, sagt Kartini Mumme. Der direkte Kontakt zu den Arbeiterinnen über die Partnerorganisation UCM bringt da gesichertere Informationen.

Doch es gab auch Dinge zu sehen, die sich nicht eigens für einen Besucher arrangieren lassen: die Krankenstation beispielsweise oder eine riesige Kantine mit Sitzbänken für die Mittagspause. Das ist keine Selbstverständlichkeit: Vor einer Fabrik, in der für Nike produziert wird, sahen die Hamburger Tausende Arbeiterinnen ihr mitgebrachtes Essen auf dem Sandboden hockend einnehmen. Drei Tage Urlaub im Jahr hätten sie, sagten die Frauen dort. In der für Adidas produzierenden Firma sind es 18. Viele der Verbesserungen, so habe der Firmenchef zugegeben, seien erst vor zwei Jahren eingeführt worden. Künftig wolle man auch die Wohn- situation der Frauen verbessern.

Solche Sozialleistungen kosten natürlich Geld. Damit ein Unternehmen für seine Umsicht nicht bestraft wird und der Auftraggeber in Länder wie China oder Vietnam abwandert, müssten für jedes so genannte Drittweltland aufmerksame Verbraucher-Netzwerke und Bezugsgruppen enstehen. Brita Warner: „Den Firmen muss klar sein, dass es nicht nur im Sport fair zugehen soll. Wir wollen auch faire Turnschuhe kaufen.“

Annette Woywode

Brot für die Welt: www.bfdw-hamburg.de
Kampagne für saubere Kleidung: www.saubere-kleidung.de

Nr. 8: Innenstadt für alle!

Zehn Jahre Hinz&Kunzt – zehn Geburtstags-Forderungen

(aus Hinz&Kunzt 127/November 2003)

Darum geht es:

Theoretisch darf sich jedermann auf Straßen und Plätzen aufhalten, so lange er will. Praktisch gilt das für Bettler, Drogenkranke, Obdachlose und Alkoholiker nicht immer. Sie würden die öffentliche Sicherheit und Ordnung stören und mit Anblick und Verhalten Bürger belästigen, argumentieren manche und fordern mehr oder weniger offen die Verbannung der Außenseiter aus den Innenstädten. Gleichzeitig wird der öffentliche Raum zunehmend privatisiert. Ob in Einkaufspassagen oder in Bahnhöfen, immer häufiger gilt: Die Stadt gehört nicht mehr allen.

Der Hintergrund:

Bereits 1996 startete der damalige Hamburger Innensenator Hartmut Wrocklage (SPD) mit Hilfe seines „Bettlerpapiers“ den Versuch, Sozialschwache aus der City – für ihn eine „Visitenkarte der Stadt“ – zu vertreiben. Hinz & Kunzt und andere soziale Organisationen hielten dagegen, die Innenstadt sei für alle da – und gewannen die Mehrheit der Bürger und Politiker für sich. Wrocklage musste seine „Maßnahmen gegen die drohende Unwirtlichkeit der Stadt“ zurück in die Schublade legen.

Regelmäßig starten seitdem konservative Politiker, Kaufleute und Medien Kampagnen gegen vermeintlich um sich greifende Phänomene wie „aggressives Betteln“, „exzessives Trinken“ und „Pöbelei“. Eine „Verwahrlosung“ des öffentlichen Raums dürfe nicht hingenommen werden, „zwielichtige Gestalten“ würden die Bürger stören und die Umsätze mindern, sagen die Befürworter einer „sauberen Innenstadt“. Was sie meist verschweigen: Längst bietet das Sicherheits- und Ordnungsgesetz (SOG) der Polizei ausreichend Mittel, um gegen „Störer“ vorzugehen: Ordnungsgeld, Platzverweis, Ingewahrsamnahme und Strafanzeige.

Während immer mehr Hüter von Sicherheit und Ordnung durch die Straßen patrouillieren (Städtischer Ordnungsdienst, Altonaer Präventionsdienst usw.), wird der öffentliche Raum immer kleiner, in Hamburg wie anderswo. Besonders sichtbar wurde das nach dem Streit um die Bahnhofsmissionen, den Bahnchef Hartmut Mehdorn vor zwei Jahren anzettelte. Zwar dürfen sich die Missionen weiterhin um die Gestrandeten der Gesellschaft kümmern. Doch drängt sie die Deutsche Bahn AG zunehmend an den Rand der Bahnhöfe. Ähnlich ergeht es Obdachlosen, Alkoholikern und Drogenkranken dort schon länger: Sicherheitsdienste jagen sie in Zusammenarbeit mit dem Bundesgrenzschutz (BGS) regelmäßig fort, eine entsprechend formulierte Hausordnung („Sitzen und Liegen, Betteln und Herumlungern verboten“) macht das möglich.

In der Hamburger City dagegen suchen Geschäftsleute, soziale Initiativen, Behörden und Polizei am Runden Tisch St. Jakobi den Interessenausgleich. Die Stadt komme ihrer sozialen Fürsorgepflicht nicht ausreichend nach, erklärte der Runde Tisch im November 2001 und forderte mehr Straßensozialarbeiter sowie zusätzliche Schlafplätze für Obdachlose. Die Sozialbehörde schickte daraufhin einige Monate lang Streetworker in die Innenstadt – um anschließend zu erklären, es gebe für deren Arbeit „keinen Bedarf“.

Immerhin: Im Rahmen der Spendenaktion „Ein Dach für Obdachlose“ sammelten Geschäftsleute 20.000 Euro und finanzierten so gemeinsam mit der Stadt, die die gleiche Summe zuschoss, die Einrichtung eines „Stützpunktes“ für Obdachlose auf dem Domplatz. Ein Sozialarbeiter der Caritas bietet dort seit Anfang des Jahres seine Hilfe an, Sanitäranlagen gibt es und Schließfächer. Doch das Hilfsangebot reicht nicht aus, sagt City-Manager Henning Albers stellvertretend für den Runden Tisch und fordert mehr Engagement von der Stadt: „Die Gespräche mit der Sozialsenatorin sind im Ergebnis bislang unbefriedigend.“

Derweil beobachten Streetworker die architektonische Vertreibung von Menschen aus der Innenstadt: So sind dem Mitternachtsbus, der Obdachlose an deren Schlafplätzen besucht und sie versorgt, kürzlich drei Männer „verloren gegangen“. Ihnen wurde im Zuge des Baus der Europa-Passage förmlich das Bett abgerissen; sie schliefen dort, wo heute eine Baustelle ist. Wenn die Passage eines Tages zum Flanieren einladen wird, werden sie wohl draußen bleiben müssen – so wie bei anderen privatisierten Einkaufsstraßen und -zentren heute schon.

Wie machen es andere:

Viele Kommunen haben zusätzlich zu den Sicherheits- und Ordnungsgesetzen der Länder „Innenstadtverordnungen“ erlassen, mit denen detailliert alles verboten wird, was etwa Obdachlose so machen: Übernachten im Freien, Zelten, Bier trinken, „Rumlungern“. In einigen Bundesländern schafft die Polizei unliebsame Menschen sogar aus den Städten raus und setzt sie auf dem Land aus, damit sie nicht wiederkommen („Verbringungsgewahrsam“). Städte und Gemeinden, die Sozialschwache als Bürger mit entsprechenden Rechten sehen, geraten zunehmend in die Minderheit.

So müsste es laufen:

– Einkaufszentren, Bahnhöfe und Flaniermeilen sollten allen zugänglich sein

– Mehr niedrigschwellige Aufenthalts- und Arbeitsangebote für Sozialschwache in der Innenstadt, mehr Straßensozialarbeiter

– Ende des Sozialabbaus

– Wer pöbelt, muss die vorgesehenen Strafen in Kauf nehmen

Ulrich Jonas

Tante Emmas Auferstehung

Ein Projekt erweckt die Dorfläden in Schleswig-Holstein zu neuem Leben

(aus Hinz&Kunzt 129/November 2003)

Gewonnen. 2,50 Euro zwar nur, aber immerhin. Für Tatjana Kramp hat sich der Kurztripp gelohnt. Die junge Frau kommt regelmäßig zum Lottospielen nach Kasseedorf. In dem rund 800 Einwohner-Nest in Ostholstein existiert nämlich ein Dorfladen. In dem kann man freilich nicht nur Lotto spielen, sondern vor allem Lebensmittel kaufen. Oder Briefmarken oder Bücher. Und Geld abheben oder Pakete aufgeben. Selbst Bügeleisen und Wasserkocher sind am Otto-Versand-Schalter zu haben. Im Nachbarort, in dem Tatjana Kramp lebt, „gibt’s nicht mal einen Zigarettenautomaten“. Für jede kleinste Besorgung müsste sie mit dem Auto in die nächst größere Stadt fahren, nach Eutin oder Neustadt. Wenn es in Kasseedorf nicht den Dorfladen „Kiek in“ gäbe.

Das war nicht immer so. Auch Kasseedorf dämmerte eine Zeit lang als „reines Schlafdorf“ vor sich hin. Wie fast überall auf dem Lande – nicht nur in Schleswig-Holstein – kapitulierte der letzte Tante-Emma-Laden vor Aldi, Lidl und Co. Das war 1996 und „ganz schön bedrückend“, findet Karl Schrader. Der 60-Jährige verbrachte sein Leben im Abstand von 200 Metern zum Dorfladen. Schon als kleiner Junge flitzte er rüber und kaufte für zwei Pfennige rote Himbeer-Bonbons. Später erledigte er sämtliche Einkäufe dort. Mit der Pleite des Ladens starb auch ein dörflicher Treffpunkt. „Bei mir“, sagt er, „hinterließ das ein großes Loch.“

Drei Jahre lang rottete das alte Reetdachhaus am Dorfplatz, der einzigen Straßenkreuzung des Ortes, vor sich hin. Dann hörte die Gemeinde von einem Projekt der schleswig-holsteinischen Landesregierung. Die betrachtete seit längerem mit Schrecken, „wie die ganze Versorgung auf dem Land kaputtgeht“, sagt Christina Pfeiffer vom Kieler Innenministerium. „Alle müssen ins Auto“ – auch die Alten, die sich das vielleicht gar nicht mehr zutrauen. 1999 entwickelte das Referat für integrierte ländliche Entwicklung daher einen Plan, um die Grundversorgung der ländlichen Bevölkerung mit Waren und Dienstleistungen vor Ort zu retten: die MarktTreffs.

Sie bestehen in der Regel aus einem Lebensmittelladen und Dienstleistungen wie Post, Bankautomat, Annahmestellen für Reinigung, Fotoarbeiten oder Lotto, Internet-Zugang – der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Zusätzlich sieht das Projekt einen Treffpunkt für die Dorfbewohner vor. Damit wird nicht nur das Gemeinschaftsleben im Dorf gestärkt. Die Menschen sollen auch aktiv die Angebotspalette an Lebensmitteln oder Dienstleistungen mitbestimmen. Dahinter steckt die Hoffnung, dass die Menschen ihren MarktTreff wirklich mittragen und nutzen und er somit auf lange Sicht wirtschaftlich arbeitet.

Dass es ein harter Job ist, die Tante-Emma-Läden wieder zu beleben, „lässt sich nicht wegdiskutieren“, sagt Christina Pfeiffer. Die meisten Leute sind mobil, den Großeinkauf erledigen sie woanders. Die Startphase sponsern daher die Europäische Union und das Land Schleswig-Holstein mit 50 Prozent an den Gesamtinvestitionen. Außerdem bietet das Land den MarktTreff-Betreibern kostenlos betriebswirtschaftliche Schulungen und Beratung. Im Gegenzug verpflichtet sich die Gemeinde, das Projekt mindestens zwölf Jahre lang am Leben zu halten. Insgesamt 50 MarktTreffs sollen in Dörfern mit 700 bis 1900 Einwohnern entstehen. 13 sind es bisher.

„Jetzt schlaf ich mal aus“, sagte Linda Körber, da hatte sie schon mehrere Monate ohne Unterbrechung als Marktleiterin im „Kiek in“ hinter sich. Aber mit dem Ausschlafen klappte es dann nicht. Wenn man jeden Morgen um fünf Uhr aufsteht, um Brötchen und Brot zu backen, wacht man schließlich früh auf, ob man will oder nicht. Frische Brötchen sind etwas, was die Kasseedorfer gerne im MarktTreff kaufen. „Die bieten wir ab 6 Uhr an“, sagt die 54-Jährige, die im Nachbarort geboren wurde. Am Sonntag steht Linda Körber ebenfalls im Laden – es könnte ja sein, dass jemandem frische Schlagsahne für den Sonntagskuchen fehlt. „Die muss ich dann doch anbieten!“, findet sie. Abends geht Linda Körber als Letzte, gegen 19 Uhr. Wenn nicht gerade an den drei PC-Arbeitsplätzen im Dienstleistungsbereich ein Computerkurs stattfindet. Dann schließt sie den MarktTreff um 21 Uhr.

Das zähe Engagement der Marktleiterin ist großartig, aber offenbar gerade in Kasseedorf nötig. Seit Mai 2000 besteht das „Kiek in“, aber das Projekt kam nicht in Schwung. Der Marktleiter sei ihnen unsympathisch gewesen, sagen Dorfbewohner hinter vorgehaltener Hand. Angeblich hat er die Wünsche der Kunden nicht umgesetzt. Kein Wunder also, dass den Menschen die Lust auf ihren Dorfladen verging. Wie überall steht und fällt eine Idee mit denen, die sie umsetzen. Seit acht Monaten rödelt nun Linda Körber dafür, den Ruf des MarktTreffs aufzumöbeln. Betreiber ist die Ostholsteiner Behindertenhilfe. Ihr Ziel ist nicht allein der wirtschaftliche Betrieb des MarktTreffs, sondern gleichzeitig die Schaffung zweier Arbeitsplätze für Menschen mit Handicaps. So bekommt die Aufgabe, den Dorfladen wieder zu beleben, einen zusätzlichen Sinn. Aber die Marktleiterin will trotzdem, dass sich das „Kiek in“ rentiert – allein schon, um der Auzubildenden und den Angestellten den „Alltag eines ganz normalen Ladens“ bieten zu können. Soweit ist es zwar noch lange nicht. Aber seit es Linda Körber gibt, gibt es nicht nur endlich genügend frische Brötchen. Auch die Wurst- und Käsetheke steht, die sich die Kasseedorfer so dringend gewünscht haben.

Vor dem großen Panoramafenster, das zum Dorfplatz zeigt, ist eine kleine Sitzecke eingerichtet. Schon haben ein paar alte Damen entdeckt, dass man dort bei einem Tässchen Kaffee hervorragend sitzen und das Kommen und Gehen der Menschen beobachten kann. Für die Weihnachtszeit hat Linda Körber Buden organisiert, um vor dem „Kiek in“ einen kleinen Markt unterhalten zu können. Der Dienstleistungsbereich wurde um einen Paketdienst aufgepeppt. Und der Computerkurs ist das erste zarte Gemeinschafts-Pflänzchen, das im „Kiek in“ gedeiht. Das neu erwachte Wohlwollen der Kasseedorfer überträgt sich auch auf die Stimmung im Laden: „Das Verhältnis zu den Kunden ist gut bis familiär“, sagt Axel Rudolph, der früher bei Aldi beschäftigt war und seinen Arbeitsplatz im MarktTreff über die Behindertenhilfe erhalten hat. „Hier ist einfach immer ein Klönschnack drin – das ist ganz anders als in den großen Supermärkten.“

Rote Himbeer-Bonbons, die kann man als Kasseedorfer inzwischen auch wieder bekommen. Die sind heute zwar teurer als vor 50 Jahren. Aber dafür, dass es jetzt in 200 Metern Abstand zu seinem Wohnhaus wieder einen Dorfladen gibt, zahlt Karl Schrader „gerne auch mal ein paar Cent mehr“. Er hofft, dass bald nicht nur die Kasseedorfer erkennen, wie wertvoll so ein MarktTreff ist. „Das ist doch ’ne Bereicherung für die ganze Gegend“, sagt er. „Hier haben alle gewonnen.“

Annette Woywode

Überraschungen zwischen Herbstlaub

Auf Klingeltour im Theresenweg in Nienstedten

(aus Hinz&Kunzt 129/November 2003)

Eon | Hanse präsentiert die Dart-Reportage: Hamburg hat viele unbekannte Ecken. Mit Häusern voller Geschichte und Menschen mit besonderen Lebensläufen. Um sie zu finden, werfen die Reporter einen Dartpfeil auf den Stadtplan. Die Geschichten erzählen von viel menschlicher Wärme oder dem Mangel daran. Diesmal: der Theresenweg.

Falls es so etwas gibt wie das ideale Nienstedten-Wetter, dann dies: Genau in dem Moment, als wir in den Theresenweg einbiegen, hebt sich der Morgennebel über der Elbe. Golden beleuchtet die Herbstsonne Eichen, Kastanien, wilden Wein. Sogar die Spinnennetze wirken in diesem Licht edel. Aber eben nicht auf die bemühte, aufgetakelte Art, sondern mit natürlichem Charme. So wie die zehn Häuser des Theresenwegs.

Entspannt stehen sie in ihren Gärten, in denen nicht jede verblühte Rose sofort abgeschnitten wird und das fallende Laub auch mal liegen bleiben darf. Acht der Häuser gibt es sicher schon länger als 20 Jahre, die anderen beiden sind noch jung. Eins, ein betont sachlicher Backsteinbau, trägt so ein aggressives Wachdienst-Schild am Zaun – das einzige hier. Bei vielen anderen stehen die in Würde verwitterten Gartenpförtchen offen. Alarmanlagen haben sie wahrscheinlich trotzdem, aber man sieht sie nicht.

Dafür liegt bei Nummer vier Kinderspielzeug im Vorgarten und durch die gardinenlosen Scheiben sehe ich etwas, das aussieht wie behauener Stein oder Skulpturen. Wohnt hier vielleicht ein berühmter Künstler? Neugierig drücke ich auf die Klingel – keiner zu Hause! Auf der Straße ist auch niemand zu sehen, bis auf einen eiligen Mann mittleren Alters, der einen Eimer weißer Farbe aus dem Kofferraum eines roten Kleinwagens wuchtet. Nein, leider hat er überhaupt keine Zeit, er renoviert gerade das Zimmer seiner Tochter. Aha, auch im wohlhabenden Nienstedten hat man Freude am Heimwerkern und schon längst nicht mehr für alles Personal. Mit meinen Klischees von den reichen Elbvororten wird an diesem Tag sowieso gründlich aufgeräumt.

Den Anfang dabei macht Monika Krüger. Sie öffnet die Tür des Hauses Nummer zwei, gleich an der Ecke zum Schulkamp. Von allen anderen der Straße unterscheidet es sich nicht nur durch die beiden mächtigen, sicher hundertjährigen Kastanien an seiner Seite, sondern vor allem durch ein Firmenschild am Eingang. „Cream“ steht da in schwarzen und roten Buchstaben auf einer Messingplatte. Mehr nicht. Monika Krüger bittet uns erst mal herein. Keine Spur von Misstrauen, kein „kommen Sie später wieder“, sondern ein lächelnder, geradezu herzlicher Empfang.

Natürlich kenne sie Hinz & Kunzt, „mal sehen, ob ich Ihnen helfen kann. Mein Chef ist nämlich nicht da, der könnte Ihnen alles viel besser erklären!“, ruft sie lachend aus. Das Wohnzimmer mit den weißen Chintz-Sesseln, einer beeindruckenden Whiskey-Sammlung auf der Anrichte und einer Polo-Zeitschrift auf dem Couchtisch ist nämlich ihr Arbeitsplatz. Darauf lassen allerdings nur der schwarze Laptop und ein paar Ordner auf dem gläsernen Esstisch schließen. „Cream“ ist weder ein Whiskeyvertrieb noch ein Kosmetikstudio, sondern eine Firma, die Landwirte bei der Umstellung auf ökologische Landwirtschaft berät, damit weniger giftige Nitrate ins Grundwasser gelangen und die Lebensmittel gesünder werden. Das erfahren wir allerdings erst später, denn Monika Krüger besteht darauf, dass nur ihr Chef, Heinrich Seul, etwas über seine Firma sagen soll. Sie hilft ihm nur bei der Büroarbeit, auf 400-Euro-Basis.

Erzählen tut sie dann aber doch. Darüber, dass sie eigentlich seit einem Jahr in Rente ist und zuvor in der Verwaltung des Hamburger Konservatoriums gearbeitet hat, und dass sie gleich um die Ecke „Up der Schanze“ lebt. Wieder in dem Haus, in dem sie auch geboren wurde, damals, als es in der Gegend sogar noch ein oder zwei Bauern gab. „Das haben mir meine Eltern vererbt, heute könnte ich mir ein Haus in Nienstedten natürlich niemals leisten.“

Dann kommt überraschend ihr Chef zurück, hat aber nur Zeit für ein ganz schnelles Foto, aber ein andermal gerne auch zu einem längeren Gespräch über seine Arbeit. Wie er so mit seiner Zigarre vor seinem Haus steht, sieht er schon eher so aus, wie ich mir Nienstedtener vorstelle. Da müsse man ganz vorsichtig sein, meint Monika Krüger, denn hier sehe man es den Leuten nie an, wer Geld habe und wer nicht. „Ich bin mal beim Grünhöker nicht weiter bedient worden, weil der Inhaber einer Frau Gräfin die Einkäufe zum Wagen tragen musste“, erzählt sie lachend, „der hätten Sie das auch niemals angesehen!“

„Ich habe hier alte Damen mit 600 Euro Rente im Monat, und davon geht mehr als die Hälfte für die Miete weg“, sagt kurz darauf Ingrid Lachmann. Als Rentnerin hilft sie jetzt ehrenamtlich im Kirchenbüro, in dem sie früher auch gearbeitet hat. Es liegt gleich um die Ecke vom Theresenweg, ein bisschen versteckt am Nienstedtener Marktplatz. Zur Straße hin findet man ein paar Geschäfte, eine Mercedes-Benz-Niederlassung und einen Immobilienmakler. Direkt gegenüber vom Kirchenbüro betreibt die Diakonie eine Kleiderkammer.

Frau Lachmann hat gerade gar keine Zeit, aber weil sie sich so gut auskennt, kann sie in knappen Worten alles Wichtige aus der Gemeinde berichten. Vor allem, dass das Klischee vom reichen Nienstedten eben so nicht stimme, „denn manche der Älteren hier haben früher als Kaltmamsell oder sonst was in den vornehmen Häusern gearbeitet und die müssen jetzt ganz schön knapsen.“ Auch sonst sei das hier eine ganz normale Gemeinde, mit dem üblichen Angebot für Senioren, Frauen und Kinder. Allerdings, fügt sie dann noch schmunzelnd hinzu, „mit überdurchschnittlich vielen Hochzeiten“.

Aus ganz Hamburg kämen die Paare, um sich in der schönen Nienstedtener Kirche trauen zu lassen und anschließend im feinen Hotel Louis C. Jakob mit Elbblick zu feiern. „Für Mai nächsten Jahres gibt es keinen einzigen freien Termin mehr.“ So, und jetzt muss die resolute Dame mit dem grauen Kurzhaarschnitt aber wirklich los, verweist aber noch auf den berühmten Nienstedtener Friedhof, der hinter dem Haus beginnt. Hier sind Prominente wie der Dichter Hanns-Henny Jahn oder der ehemalige Bürgermeister Sieveking begraben, erzählen nicht ohne Stolz die Gärtner, die wir in ihrer Mittagspause mit Pflaumenkuchen und Schlagsahne stören.

Im Theresenweg schließt Monika Krüger ihr Fahrrad vom Zaun los. Ihr Bürotag ist für heute beendet. Ob sich in den vergangenen Jahren etwas verändert habe hier in der Gegend? „Ja, es gibt endlich wieder mehr Familien mit Kindern. Der Stadtteil drohte ja total zu überaltern!“ Sie sieht richtig glücklich aus, als sie das sagt. Dann – „ich merke, dass Sie mich ausfragen!“– erzählt sie schließlich, dass ihre Tochter, eine Designerin, jetzt auch eine Etage des Familienhauses bewohnt und im Januar ihr erstes Kind erwartet. Monika Krüger findet das „ganz schön aufregend, aber Oma möchte ich trotzdem nicht genannt werden!“ Dann lacht sie wieder, schwingt sich aufs Rad und fährt durch den Theresenweg davon.

Sigrun Matthiesen

Zehn Zahlenspiele

Eine Bilanz zum 10-jährigen Geburtstag von Hinz & Kunzt

(aus Hinz&Kunzt 129/November 2003)

Buchstaben haben mich schon immer mehr gereizt als Zahlen. Aber als messbare und nachvollziehbare Einheiten sind sie für Erfolge eben unerlässlich. Und zu den Zahlen gehören zum Glück auch immer Geschichten. Jedenfalls bei Hinz&Kunzt. Von beidem sind in den vergangenen zehn Jahren reichlich zusammengekommen.

I. 3500 Verkäufer haben zwischen November 1993 und 2003 einen Verkäuferausweis bekommen. Das heißt, an jedem Arbeitstag hat ein Obdachloser in unseren Vertriebsräumen ein Gespräch geführt, einen Verkäuferausweis und eine Chance bekommen.

II. Rund 10 Millionen Zeitungen sind seit der Gründung von Hand zu Hand gegangen. Ebenso häufig sind darüber Wohnungsbesitzer und Wohnungslose ins Gespräch gekommen.

III. 25.000 Gespräche hat unser Sozialarbeiter mit Verkäufern geführt. Über Wohnung und Arbeit, Liebeskummer und Krankheit, Schulden und Einsamkeit. Für viele ist das die einzige Möglichkeit, über Gefühle zu sprechen – ein Prozess, der für beide Seiten oft schmerzhaft ist.

IV. 250 Verkäufer haben mit Hilfe von Hinz & Kunzt wieder einen Arbeitsplatz gefunden. Weil sie hier zuerst die Chance bekamen, ohne Druck wieder einer regelmäßigen Beschäftigung nachzugehen.

V. Mehrere hundert Verkäufer haben durch uns wieder ein Dach über dem Kopf gefunden. Entweder ein Zimmer in einem Wohnheim oder eine eigene Wohnung. Der Bedarf war allerdings noch weitaus höher.

VI. 15 ehemals Obdachlose haben im Lauf der Jahre bei Hinz & Kunzt wieder einen festen Arbeitsplatz bekommen und arbeiten dort in einem bunt gemischten Team ganz verschiedener Experten. Sechs von ihnen arbeiten heute noch hier.

VII. 6000 Zeitungsseiten wurden bedruckt. Und vorher natürlich ausführlich recherchiert, geschrieben, fotografiert und gestaltet.

VIII. 5 Millionen Euro Spenden haben dazu beigetragen, dass Hinz & Kunzt erfolgreiche Arbeit leisten konnte. Darunter ist die Rentnerin, die sich ihre 10 Euro vom Munde abspart, und der Firmenchef, der auf den Kauf von Weihnachtsgeschenken für seine Kunden verzichtet und stattdessen 1000 Euro überweist.

IX. 1500 Anzeigenschaltungen, durch die Hamburger Firmen gezeigt haben, dass sie die Idee des Projekts und die mediale Wirkung des Magazins gleichermaßen schätzen. Das gilt für die kleine Uhrmacherwerkstatt genauso wie für den regionalen Energieversorger.

X. Hunderte von Arbeitsstunden, die Hinz & Kunzt in Form von ehrenamtlicher Arbeit durch Agenturen, Freiwillige und Dienstleistern zu Gute gekommen sind. Omis stricken warme Strümpfe, Musiker singen, Art Directoren planen Kampagnen, und Schüler verkaufen Kekse für uns – geschenkte Lebenszeit, die eine enge Verbindung an unser Projekt schafft.

Nicht gezählt haben wir die vielen ermutigenden Worte, die uns erreicht haben. Die Verkäufer, die es „geschafft“ und die es „nicht geschafft“ haben, die Tränen, die geflossen sind, die Obdachlosen, die den Weg nicht zu uns gefunden haben, und die Momente, in denen wir stolz waren auf die Verkäufer oder auf uns. Zahlen sind eben doch nicht alles.

Sybille Arendt

„Sooo schön ist das hier!“

Behinderte und Nicht-Behinderte erobern den Alsterdorfer Marktplatz

Köstliche Häppchen. Melone und Ananas liegen mundgerecht geschnitten auf dem Probierteller eines Obststandes. Immer wieder greift Bernd Trape* zu. Ohne große Mühe erreicht er von seinem Rollstuhl aus die süßen Früchte. Den ermahnenden Blick des Obsthändlers ignoriert er. Wie lange er auf dem Gelände der Evangelischen Stiftung Alsterdorf lebt, weiß er nicht genau. „Der ist später gekommen“, mischt sich der kleine weißhaarige Mann neben ihm ein. Er selbst sei schon 60 Jahre hier, prahlt er und greift ebenfalls zu.

„Ich hab’s mir schlimmer vorgestellt“, sagt der Obsthändler Jörg Ebeling. „Für uns alle ist das eine neue Erfahrung“, fügt er schnell hinzu und schickt erneut einen ermahnenden Blick in Richtung Bernd Trape. Der greift unbeeindruckt zum nächsten Stück Ananas.

Seit dem 5. September steht Jörg Ebeling mit seinem Obststand jeden Freitag auf dem neuen Alsterdorfer Markt. Nach dreijähriger Bauzeit ist auf dem Gelände der Evangelischen Stiftung Alsterdorf ein offener, großzügiger Marktplatz entstanden. Neben Ärztehaus und Geschäften werden demnächst auch der Fahrradladen „Alsterspeiche“ und das Atelier „Lichtzeichen“ ihre Räume beziehen. Mit der Umgestaltung hat die Stiftung, die seit 140 Jahren Menschen mit Behinderungen betreut, ihr ehemals abgeschlossenes Gelände zum Stadtteil hin geöffnet. Ein bundesweit einzigartiges Projekt. Ganz bewusst soll der neue Platz Menschen ohne Behinderung anlocken – zum einen mit den neuen Läden und dem Ärztehaus, zum anderen mit der noch im Umbau befindlichen Kulturwerkstatt, die sich zum Stadtteilzentrum entwickeln soll.

Kulturwerkstattleiter Martin Rand koordiniert rund 30 Mitarbeiter der Stiftung, die auf dem Platz präsent sind und bei Problemen und Konflikten zwischen Menschen mit und ohne Behinderung helfen sollen. „Patrouille ist ein schlechtes Wort“, sagt er. Die Erfahrungen der ersten Wochen sind gut: Es gab sehr wenige Probleme und in den letzten beiden Wochen sind Martin Rand und seine Mitarbeiter kaum noch gerufen worden. Fast immer seien es „einfache Kommunikationsprobleme“ zwischen Menschen mit und ohne Behinderung, bei denen die „Platzmanager“ face to face vermitteln, berichtet er. Die Leitlinie seines Handelns formuliert er einfach und klar: „Ich möchte nicht, dass ein Mensch mit Behinderung anders behandelt wird als einer ohne.“

Einmal habe ein Behinderter einem anderen Kunden einen Muffin vom Teller geklaut, berichtet Andrea Eickhoff vom mobilen Kaffeestand. „So etwas geht natürlich nicht“, sagt die 38-Jährige. Doch solche Kleinigkeiten amüsieren sie mehr, als dass sie sie schrecken: „Ich bin gerne hier, es ist eine gute, eine besondere Atmosphäre.“

„Wir mussten aufhören, Anstalt zu sein – keine Gettoisierung mehr“, sagt Andreas Frost. Der 47-Jährige leitet eines der vier neuen Appartementhäuser, die am Marktplatz gebaut wurden. Jeweils 24 Behinderte leben auf zwölf Wohnungen verteilt in einem Haus. Im Erdgeschoss befindet sich eine so genannte Agentur. Hier arbeiten Heilerzieher und Sozialpädagogen. Sie unterstützen die Bewohner im alltäglichen Leben. Die neue Wohnform soll Selbstständigkeit, Autonomie und persönlichen Freiraum der behinderten Menschen fördern. Das sei für alle, auch für die Mitarbeiter der Stiftung, ein „Umlernen und müh- sames Rausarbeiten aus der eigenen Vergangenheit“, sagt Andreas Frost.

„Sooo schön ist das hier“, ruft Erika Müller gleich dreimal hintereinander und lacht. Gemeinsam mit ihrem Freund bewohnt die rundliche 50-Jährige eine der neuen Wohnungen: zwei Zimmer, Wohnküche, Duschbad und ein schöner Blick auf den Marktplatz. An den Wänden Fotos und Bastelarbeiten. Sie ist begeistert von ihrer neuen Wohnung und den vielen Geschäften. „Ich hab’ mich auch viel mehr rausgemacht“, sagt sie und strahlt. Ihre Freude wird noch größer, als ihr Freund Karl-Heinz Steinert unerwartet früher nach Hause kommt. Herzlich und zärtlich begrüßen sie sich und albern herum wie Teenager. Als sie vor einem Jahr ins neue Appartementhaus umzogen, habe sie „ein bisschen Bammel gehabt“, sagt Erika Müller. Jetzt ist sie mehr als zufrieden: „Wir fühlen uns beide glücklich“, sagt sie und legt den Arm um ihren Liebsten: „Den nimmt mir keiner weg.“

Knapp 100, etwas weniger als ein Drittel der Bewohner des Geländes, sind in die neuen Wohnhäuser gezogen. Die anderen wohnen zum Teil noch in trostlosen kasernenartigen Hochhäusern. Wie Walter Uehr, der beim Obststand auf Bernd Trape und seinen Begleiter Ernst Bude* trifft. Heute will Walter Uehr nicht einkaufen, nur mal gucken auf dem Platz. „Donnerstags kriegen wir Verpflegungsgeld, und dann wird es gleich wieder ausgegeben“, sagt er und lächelt verschmitzt. Sein Lieblingsgeschäft ist Aldi. Der 87-Jährige kann sich noch an die Zeiten der Verwahrung, der Zäune und Tore erinnern, als jeder einen Ausgangsschein brauchte, um das Gelände zu verlassen. „Tausendmal besser als früher“ findet er den neuen Platz. Schade sei nur, dass er zurzeit keine Werkstatt habe. So könne er gerade keine Flugzeugmodelle bauen.

In der Apotheke am Platz ist eines seiner begehrten Modelle zu sehen: ein roter Doppeldecker. Hoch in die Luft hält Walter Uehr sein Modell. Eine kräftige Windböe fegt über den Platz. Die Marktverkäufer springen nach ihren Schirmen. Der kleine Propeller dreht sich schneller und schneller. Gleich wird das Flugzeug abheben und eine Runde drehen über diesen besonderen Platz.

Annette Scheld

*Namen geändert

Jahr der Menschen mit Behinderungen
Das Jahr 2003 wurde von der Europäischen Union zum Jahr der Menschen mit Behinderungen ausgerufen. „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“ Erst 1994 ist diese Ergänzung in Artikel 3 des Grundgesetzes, dem allgemeinen Gleichheitsgrundsatz, aufgenommen worden. Doch trotz Benachteiligungsverbot können heute noch Behinderte aus Restaurants und Läden gewiesen werden, da es kein Antidiskriminierungsgesetz gibt.

Die Mutmacher: Helmut

Wie Hinz&Künztler heute leben

(aus Hinz&Kunzt 129/November 2003)

Rund 3400 Verkäufer haben seit 1993 bei Hinz & Kunzt angefangen. Vielen von ihnen ist der Ausstieg aus der Obdachlosigkeit gelungen. Wie Helmut Feldtmann. Vor sieben Jahren war er ganz tief unten. Heute hat er eine Wohnung und einen Job bei einer Zeitarbeitsfirma. Und er hilft anderen Alkoholikern beim Ausstieg aus der Sucht.

Eine Sekunde entschied mein Leben. Ich bin auf dem Weg zur Arbeit, komme über den Hauptbahnhof und sehe einen Obdachlosen. Er kauert da am Boden, ist betrunken und hat seine Mütze aufgestellt. Er sieht niemandem ins Gesicht. Ich werfe ihm nichts in die Mütze, obwohl er mein ganzes Mitgefühl hat. Ich sehe nämlich mich selbst in ihm.

Es war 1996. Alle meine Säulen brachen bei mir weg, die ein Leben so ausmachen: Ich verlor meinen Job als Lagerarbeiter, meine Frau trennte sich von mir, und ich musste aus der Wohnung raus. Da stand ich dann mit meinen paar Sachen auf der Straße und wusste nicht weiter. Der Alkohol hatte alles zerstört. Ich hatte alles zerstört. Und natürlich war das nicht alles auf einmal passiert, sondern schleichend.

Aufgewachsen bin ich im Alten Land, ich komme aus einem alten Bauerngeschlecht. Da macht man alles mit sich selbst aus, gerade wenn man ein Junge ist. Okay, alle trinken auf dem Land. Es gab Leute, die sogar viel mehr getrunken haben als ich, aber die waren nicht unbedingt Alkoholiker. Ich wurde einer. Ich brauchte den Alkohol.

Bei so einer Großveranstaltung beispielsweise. Da sollte ich die Eröffnungsrede halten. Ich hatte Angst, kein Wort rauszukriegen. Also kippte ich mir kurz einen hinter die Binde. Es klappte. Ich war total locker, die Rede war gut, ich bekam Applaus. Oder in der Disko. Ohne dass ich etwas getrunken hatte, war ich viel zu schüchtern. Alkoholsucht kommt ja nicht von heute auf morgen, sondern dauert unter Umständen Jahre, bis sie richtig „ausbricht“. Man sagt sogar: Sie braucht zehn Jahre, bis sie entsteht, und zehn Jahre, bis man sie erkennt.

Ich wollte immer aussteigen. Ich dachte, ich könnte meinen Alkoholkonsum irgendwann kontrollieren. Das war natürlich eine Illusion. Man steigt nur aus, wenn man den Tiefpunkt erreicht hat. Und diesen Tiefpunkt musste ich erst mal erreichen. Der war grausam … Ich wohnte also auf der Straße, machte irgendwo Platte oder fuhr mit der S-Bahn oder U-Bahn, um mich aufzuwärmen. Manchmal verbrachte ich ein paar Nächte auf dem Wohnschiff. Zehn Tage wohnte ich im „Pik As“, hielt es da aber nicht mehr aus. Es war, als gucke man seinem eigenen Elend ins Gesicht. Nebenbei verkaufte ich Hinz & Kunzt.

Da gibt es Stephan, den Sozialarbeiter. Das wusste ich, aber ich wollte nichts mit ihm zu tun haben. Ich war jetzt schon mehr als ein Jahr auf der Straße, und der Winter stand vor der Tür. Eines Tages traf ich K. wieder, einen anderen Obdachlosen, einen Junkie, der in meinen Augen total fertig war. Der guckte mich von oben bis unten an und sagte: „Damals auf dem Wohnschiff sahst du aber noch besser aus.“

Das saß. Ich blickte ins Schaufenster, sah mein Spiegelbild und erschrak. So sehr, dass ich mich auf dem Absatz umdrehte und weglief. Einfach nur weg. Dabei konnte ich kaum laufen, mein ganzer Körper war krank, meine Beine waren total kaputt. Schlagartig wurde mir klar, dass ich jetzt nur eine Wahl hatte: Leben oder Tod. Und wenn ich sage Tod, dann meine ich nicht normal sterben, sondern elendiglich verrecken.

Am nächsten Tag stand ich pünktlich bei Hinz & Kunzt auf der Matte – und ging sofort zu Stephan. „Ich will hier raus“, sagte ich. Stephan lächelte mich an: „Ich habe schon lange auf dich gewartet“, sagte er. „Du siehst mich doch jeden Tag“, fragte ich erstaunt, „warum hast du mich nicht angesprochen?“ „Es hätte keinen Sinn gehabt, oder?“, sagte Stephan. Und leider muss ich zugeben: Das stimmt.

Von da an ging es bergauf. Langsam zuerst. Stephan vermittelte mir einen Schlafplatz im Bodelschwinghhaus. Die nächste Hürde war die Entgiftung. Ich wollte zwar eine machen, aber mich trotzdem nicht vom Alkohol trennen. Bevor ich in die Vorsorge nach Alsterdorf ging, um mich auf die Therapie vorzubereiten, habe ich mit Kumpels ordentlich Abschied gefeiert. So doll, dass die mich in Alsterdorf gleich wieder weggeschickt haben. Siehste, klappt nicht, sagte ich mir und kaufte mir sofort wieder einen Flachmann.

Aber irgendwas stimmte nicht. Irgendwie konnte ich den nicht mehr in Ruhe trinken. Die andere Stimme in mir, Mensch, hör auf, war zu laut. Da saß ich also und wusste nicht mehr weiter. Die wussten ja auch, dass ich eigentlich weg wollte vom Alkohol. Einer von der Heilsarmee – der sprach auch noch Platt, meine Muttersprache – sagte dann: „Ick foer di no Alsterdoerp hen.“ Okay, dachte ich, irgendwann. Und er: „Der Bus steht vor der Tür. Jetzt.“ Ich zögerte. „Du kannst in den Bus einsteigen oder auch nicht. Es ist ganz allein deine Entscheidung“, sagte der Mann von der Heilsarmee. Und ich stieg ein. Diese eine Sekunde hat mein Leben entscheidend verändert. Seitdem habe ich keinen Tropfen Alkohol mehr angerührt. Ich brauche mir noch nicht mal zu sagen: „Alkohol tut dir nicht gut, du darfst keinen Alkohol trinken.“ Nein, Ich brauche ihn einfach nicht mehr.

Inzwischen habe ich auch wieder eine Wohnung und sogar einen Job. Ich arbeite bei einer Zeitarbeit und werde mal hier, mal dort eingesetzt. Aber der Schlüssel zu allem war die Entscheidung, dass ich selbst verantwortlich bin für mein Leben. Dass es egal ist, was Eltern oder sonst wer getan haben, dass du alleine es bist, der etwas verändern kann. Das sind natürlich nur Worte, aber sie stimmen. Ich bin bei den Anonymen Alkoholikern, habe dort viel Halt bekommen, aber auch meine eigene innere Kraft entdeckt. Das hätte ich nie für möglich gehalten. Diese innere Kraft macht mich richtig zufrieden. Ich berate ehrenamtlich andere Alkoholiker – einfach, weil ich denen Hilfestellung geben will, die noch so leiden, wie ich damals gelitten habe.

Birgit Müller