Künstlerin Lili Fischer : Bitte mal schnauben!

1987 waren Werke von Lili Fischer auf der documenta in Kassel zu sehen. Jetzt läuft ihre Ausstellung „Igelstunde“ im Hamburger Jenisch Haus. Darin dürfen wir nachempfinden, wie dieses Stacheltier durch unsere Welt läuft.

(aus Hinz&Kunzt 263/Januar 2015)

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Auch wenn sie mit ihrer coolen Igelmütze nicht ganz so ­aussieht: Lili Fischer ist ­documenta-Teilnehmerin und Professorin an der Kunstakademie Münster. Durch ­einen Zufall hat sie Igel für sich entdeckt.

1986 war’s. Ich saß auf dem Boden in einem Raum in der Hamburger Kunsthalle, weil alle Stühle längst besetzt waren. Ich wartete auf Lili Fischer, die – so sagte man – sehr lustige Performance-Aktionen machen würde. Gut eine halbe Stunde später wusste ich, wie sehr das stimmte! Sie gab damals den „Besentanz“, eine irre Aktion, in der erst sie allein den Besen schwang, dann mit einem Dutzend Frauen. Kleine, ­zerknüllte Zettel lagen auf dem Boden, geschrieben von uns Männern: „Schreiben Sie das Schlimmste auf, was Sie von Frauen halten, denn dieser Besen ist gekommen, um Sie vom letzten Vorurteil gegenüber Frauen zu reinigen“, war die Anweisung. „,Weibliche Gemeinheiten‘ nannte ich diese Zettel damals“, sagt Lili Fischer. Sie habe die alle noch, in irgendeiner Kiste. An einen Zettel kann sie sich erinnern: „Da stand ,Auf der Bettkante sitzen und von mir nichts wollen‘.“ Und sie kann nicht mehr aufhören zu kichern.

Nun habe ich wieder das große Glück, bei einer Aktion von Lili Fischer dabei zu sein. Angekündigt ist eine „Igelstunde“. Abschließen soll sie mit einem „Igelschnaubtanz“. Ort: der kleine Saal des Jenisch Hauses im Jenischpark, das zum Altonaer Museum gehört. Zur besten Sonntagsnachmittagszeit. „Wollen wir anfangen? Wir fangen mal an!“, ruft die 67-Jährige ins Publikum und scheucht den Museumsdirektor ans Pult, damit er ein paar einleitende Worte sagt. Zu Lili Fischer und ihren Igeln.

Ach, Lili Fischer. Ich bin wirklich Fan. Was an ihrer Kunst liegt. Die immer auf den Alltag schaut, ohne jeden schweren Ballast durch abstrakte Theorie auskommt und auch sehr anwendbar ist: Björn Engholm hat einmal seine Füße im Rahmen ihrer Aktion „Pflanzenkonferenz“ in einem Sud aus Senfmehl gebadet, denn wenn die Füße heiß werden, wird der Kopf kalt – was für wichtige Entscheidungen wichtig sein könnte.Rita Süßmuth nahm mit Nadel und Faden auf Kampnagel an ihrer Aktion „Nähaerobic“ teil. Lili Fischer, die nach Kunst noch Ethnologie studierte, hat zugleich das Genre der „Feldforschung“ in die Kunst eingeführt; sie ist für ihre „Scheuermittelkollekte“ etwa von Haus zu Haus gegangen und hat Scheuerbürsten gesammelt. Denn was bliebe am Ende von der Hausfrau übrig? Nur ihre Scheuerbürste.

Und nun sind die Igel in ihre Welt gerückt, was daran liegt, dass Lili Fischer in die Welt der Igel trat.

„Ich fand im Garten einen kleinen Igel mit einem lahmen Bein, hab den in ein Handtuch gewickelt und zur Tierärztin gebracht“, erzählt sie an diesem Nachmittag. „Aber die haben gesagt: ,Sehen Sie, wie das Bein hängt? Den können Sie bei uns gerne entsorgen – kostenlos.‘“ Natürlich ist sofort klar, dass statt ,entsorgen‘ das genaue Gegenteil passierte: Lili Fischer nimmt den Igel mit nach Hause, päppelt ihn mit einer Mischung aus Banane, Katzenfutter und Vitaminen auf. Und immer mehr beschäftigt sie sich mit dem Igel, auch als unterbewertetes Tier in der Kunstgeschichte, und ist schnell bei Joseph Beuys angekommen (der vor vielen Jahren, als er sie zu Hause besuchte, mit seinem weiten Mantel erst mal ihren Briefkasten neben der Eingangstür von der Hauswand fegte), und seinem Igel als Fett­skulptur: „Denn was ich nicht wusste: Der Igel hat zwei Fette – ein bräunliches, vitaminreiches zum Überwintern und ein weißes Sommerfett.“

Gewiss, manch Besucher schaut zunächst ein wenig irritiert zur Seite: Wo bin ich hier gelandet? Was soll das mit diesen Igeln? Aber Lili Fischers Lustigkeit bei gleichzeitiger Präzision in der künstlerischer Ableitung ihrer Gedanken und Assoziationen ist einfach ansteckend. Und Lili Fischer setzt sich nun eine Igelkappe auf, Musik startet, eine merkwürdige, klimpernde, aber sehr rhythmische Musik, vielleicht aus Bayern oder Österreich, und Lili Fischer hopst zu der Musik durch den Raum – und wir alle sind aufgefordert, mitzuschnauben. Damit wir nachspüren und nachempfinden können, wie der Igel so durch unsere Welt läuft – und auch damit uns warm wird, denn das Jenisch Haus ist nun mal nicht geheizt. •

„Igelstunde“
Ausstellung bis 23. Februar
im Jenisch Haus, Baron-Voght-Straße 50, Klein Flottbek
Öffnungszeiten: Di–So, 11–18 Uhr
Eintritt: 5,50 / 3,70 Euro
Zur Ausstellung ist im Kettler Verlag das „Igelbuch“ erschienen: 144 Seiten; 29,90 Euro

Text: Frank Keil
Foto: Dmitrij Leltschuk

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