Hamburger Tafel : „Bisher hat es immer gereicht!“

Bei der Hamburger Tafel werden alle bedient - egal, woher sie kommen. Foto: Mauricio Bustamante

Nur noch Deutsche sollen Lebensmittelspenden bekommen: Diese umstrittene Regelung hat die Essener Tafel jetzt wieder zurückgenommen. Wie wird diese Debatte bei uns geführt? Ein Besuch bei der Hamburger Tafel und der Tafel in Wilhelmsburg.

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Was war denn da los in Essen? Heidi Kyritz vom Team der Wilhelmsburger Tafel winkt ab. Sie will aus der Ferne nicht urteilen. Vor ihrer Tür gibt es schon genug zu tun. Täglich um halb sieben schließt sie das Alte Deichhaus am Stübenplatz auf, beim Morgenkaffee plant das Team den Tag: Die Touren zu Edeka, Lidl, Aldi und Netto im Stadtteil, das Austeilen der Wartenummern, die Lebensmittelausgabe. Dienstags bis donnerstags kommen Frühstück und Mittagstisch dazu, außerdem beliefert das Team zwei Außenstellen auf der Elbinsel. Arbeit satt.

Die Stimmung ist gut im Deichhaus. Eine Helferin vergibt die Wartebons, mit der anderen Hand schiebt sie ihr Baby im Kinderwagen vor und zurück. Andere Kollegen spielen Dart, trinken Kaffee, rauchen, klönen. „Wie eine große Familie“, sagt Kyritz lächelnd. Der Job ist ihr ans Herz gewachsen, auch viele Kunden sind inzwischen gute Bekannte. Sie stammen aus Bulgarien, Deutschland, Ghana, der Türkei und vielen anderen Ländern. Auch das Tafelteam ist international. Ein Vorteil? Heidi Kyritz zuckt die Schultern. „Mensch ist Mensch.“

In Hamburg werden alle bedient

Zwischen 30 und 50 Leute kommen pro Woche. Alle werden bedient, sagt Heidi Kyritz, egal ob sie aus dem Stadtteil kommen, aus einem anderen Bezirk oder aus fernen Ländern. Die Vorstellung, es könnten zu viele werden, lächelt sie einfach weg. Sie bleibt dabei: „Wir nehmen jeden auf.“ Volker Schenk, seit 13 Jahren im Tafelteam, bestätigt das: Auch Menschen ohne offiziellen Bedürftigkeitsnachweis würden versorgt, wenn sie um Hilfe bitten. „Lieber gebe ich einem, der nicht berechtigt ist, etwas zu essen, als dass mir einer durchrutscht, der Hunger hat“, sagt er. Bisher habe es immer gereicht.

Für die beiden jungen Wilhelmsburger ist die Tafel existenzsichernd: „Uns nimmt hier niemand etwas weg.“ Foto: Mauricio Bustamante

Umso ferner erscheint Heidi Kyritz, was Anfang März in der Stadt Essen bekanntgemacht wurde: Über Wochen nahm die Tafel dort keine ausländischen Bedürftigen mehr auf. Ein missratener Versuch, Handlungsspielraum zu schaffen in einer chaotischen Konfliktlage? Wäre es nur bei der Einsicht geblieben: Es sind zu viele, die Hilfe brauchen.

Ein unverstellter Blick auf die Lage der Tafeln hätte die Fragen aufgeworfen, die das Problem an der Wurzel packen: Warum sind Menschen in Deutschland überhaupt auf Armenspeisungen angewiesen? Wieso stehen Leute in den Schlangen, die ­eigentlich versorgt sein sollten?

Jobcenter rät zum Tafel-Besuch

Der 67-jährige Willi aus Harburg seufzt. „Mir bleibt nichts anderes übrig“, sagt er. Seit 2009 kommt er zur Tafel, um Geld zu sparen – auf Anraten des Jobcenters, wie er sagt und wie viele bestätigen. Ist das Engagement von Freiwilligen also einkalkuliert, damit die staatliche Existenzsicherung reicht? „In Einzelfällen und Notsituationen“ könnten solche Empfehlungen vorkommen, sagt Heike Böttcher, Sprecherin des Hamburger Jobcenters. Was geschähe, wenn eine dringend benötigte Tafel die Nachfrage nicht erfüllen könnte, erklärt das Jobcenter nicht.

„Man ist ja gezwungen, hierherzukommen.“– Tafel-Gast Willi

Willi muss sich weiterhin auf Heidi Kyritz und ihr Team verlassen. Seine Rente liege bei schmalen 400 Euro, sagt er, so viel koste auch die Wohnung – kalt. Und gerade sei die Miete wieder erhöht worden. Die Rente seiner Frau mache auch nicht viel wett. „Man ist ja gezwungen, hierherzukommen“, sagt Willi. Selbst mit Grundsicherung gehe es nicht anders.

Ältere bereiten der Tafel Sorgen

Tafel-Geschäftsführer Christian Tack sieht immer öfter ältere Menschen, die bei der Tafel anstehen. Foto: Mauricio Bustamante

Christian Tack, Geschäftsführer der Tafel Hamburg, kennt das. „Die ­Bevölkerungsgruppe, die uns Sorgen macht, ist die der Älteren“, sagt er. Immer öfter sieht er bedürftige Senioren in den Schlangen. Obwohl es viele kränkt, nach lebenslanger Arbeit auf Spenden angewiesen zu sein. „Der große Nachteil bei der älteren Generation ist die Scham“, sagt Tack. Auch Willi erzählt, wie sehr er sich anfangs überwinden musste. Eine Wilhelmsburgerin, die zum ersten Mal zur Tafel kommt, möchte anonym bleiben. Sie will ihrer 19-jährigen Tochter Peinlichkeiten ersparen, sagt sie.

Neben ihr in der Schlange steht Khusty Zamil mit seiner Familie. „Unsere Nachbarn haben uns den Tipp gegeben“, sagt die zehnjährige Elia, die für ihren Vater übersetzt – sie und ihre Mutter kamen 2015 aus dem Irak nach Deutschland, Vater und Sohn folgten ein Jahr später. Inzwischen haben sie eine Wohnung in Bergedorf, bezahlt vom Jobcenter. Von einer Tafel in ihrer Nachbarschaft wüssten sie nichts, sagt Elia. In Wilhelmsburg packen ihnen die Helfer zwei Rollwagen voll.

Herkunft, Religion oder Hautfarbe? Egal.

Allen Bedürftigen helfen, ungeachtet ihrer Herkunft, Religion oder Hautfarbe – das ist der Grundsatz der Hamburger Tafel, wie ihn Gründerin Annemarie Dose vor 23 Jahren formulierte. Christian Tack sagt: „Das werden wir auch weiter durchhalten.“

Manche packen Tüten, andere lassen den Kunden freie Wahl.

Wie das im Einzelnen funktioniert, soll jede Ausgabestelle für sich regeln. Manche vergeben Wartenummern, andere lassen das Los entscheiden, wer wann an der Reihe ist. Manche Stellen packen Tüten vor, andere lassen den Kunden freie Wahl. Mancherorts zahlen sie einen Euro, andernorts vier. Die Helfer wüssten am besten, was in ihrer Nachbarschaft funktioniere, sagt Tack. Der Verein Tafel Hamburg sei ein reiner „Soziallogistiker“.

Nachwuchssorgen hat Tack nicht. In den Ausgabestellen sieht es anders aus: In Bahrenfeld, Altona-Eimsbüttel, Billstedt und Horn nimmt man derzeit keine Neukunden mehr auf. Es fehlt an Helfern oder an Platz. In Eidelstedt steht laut Tacks Liste ein ganzes Team bereit, findet aber keine Räume. Und die Tafel in Wilhelmsburg sucht händeringend Fahrer und Beifahrer.

Der Fall Essen

„Die deutsche Oma oder die alleinerziehende deutsche Mutter haben sich bei uns zuletzt nicht mehr wohlgefühlt.“ So begründete Jörg Sartor, Vorsitzender der Tafel in Essen, im Gespräch mit dem „Spiegel“ seine Entscheidung: Nur Deutsche sollten als Hilfeempfänger neu aufgenommen werden. Neukunden ohne deutschen Pass sollten vorerst nichts bekommen.

Nothilfe nur noch für Deutsche? Kaum war die Entscheidung bekannt, stand der Vorwurf rassistischer Diskriminierung im Raum. Politiker meldeten sich zu Wort, die Kanzlerin missbilligte die Entscheidung. Stoff für die Kritik lieferte auch Jörg Sartor selbst: Er sprach von einem „Nehmer-Gen“ unter Syrern und Russlanddeutschen, denen es an „einer Anstellkultur“ fehle. Kurz da-rauf waren Lkw und Tür der Essener Tafel mit Farbe besprüht: „Nazis“, stand da. Jörg Sartor fand das unmöglich – vor allem gegenüber seinem Team. Kritiker sollten doch lieber selbst anpacken und sich der Realität an der Lebensmittelausgabe stellen.

Auch andernorts bekannten Tafelhelfer: Der Druck steigt. Die Debatte weitete sich aus – auch dank der Einwände von Einrichtungen, die Mängel des Sozialstaats aus eigener Arbeit kennen. Kritik an Hartz IV kam wieder auf, die zunehmende Kinderarmut, das Risiko der Armut im Alter wurden thematisiert. Und viele Hilfseinrichtungen bemängelten: Was im Koalitionsvertrag der neuen Regierung stehe, reiche nicht aus, um Menschen vor Notlagen zu schützen.

Für Essen gibt es nun eine Lösung: Die Tafel, Hilfsorganisationen, Migrantengruppen und Stadt einigten sich am runden Tisch darauf, den Stopp wieder aufzuheben. Bei Engpässen sollen Alleinerziehende, Familien mit Kindern und Senioren bevorzugt werden – egal welcher Herkunft.

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Über den Autor
Annabel Trautwein
Annabel Trautwein schreibt als freie Redakteurin für Politik, Gesellschaft und Kultur bei Hinz&Kunzt - am liebsten über Menschen, die für sich und andere neue Chancen schaffen.

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