Vertreibung : Bezirk räumt an der Kennedybrücke auf

Die Stadtreinigung entsorgt Zelte von Obdachlosen, die an der Kennedybrücke geschlafen haben. Atonas und Elena schauen zu, wie Teile ihres Besitzes im Müll landen. Foto: Benjamin Laufer

Der Bezirk Mitte vertreibt Obdachlose aus einer Grünanlage an der Kennedybrücke. Einige haben Glück, sie dürfen ihre Zelte unter der Brücke aufschlagen. Andere wissen nicht, wohin.

Anzeige

Seit drei Monaten schlafen Elena und Atonas jetzt schon auf dem Grünstreifen am Ferdinandstor neben der Kennedybrücke. Vielleicht sind es auch schon vier Monate, so sicher sind sie sich da nicht. „Es ist ein guter Platz“, sagt Elena. „Aber es gibt ein Problem.“

Ihr „Problem“ sind am Montagvormittag zwei Mitarbeiter des Bezirksamts Mitte und deren Gefolgschaft: vier Polizisten und jede Menge Männer von der Stadtreinigung in knallorangenen Anzügen. Sie ziehen durch die Grünanlage und entsorgen die Zelte der Obdachlosen, die nicht vor Ort sind. Mindestens drei Behausungen landen so im Müll.

Am Donnerstag hatte das Ordnungsamt des Bezirks Mitte die Obdachlosen vorgewarnt. Weil sie gegen die städtische Grünanlagenverordnung verstoßen, sollen sie weg. Elena und Atonas haben deshalb schon gepackt. Ihr Hab und Gut haben sie in Rucksäcke, Plastiktüten und einem Müllsack verstaut. Alles können sie nicht mitnehmen, es wäre einfach zu viel zu tragen.

„Wo soll ich die nächsten zwei Wochen schlafen? Ich habe keine Ahnung.“– Elena

Sie wissen ohnehin noch nicht, wo sie jetzt hin sollen. In gut zwei Wochen startet das Winternotprogramm für Obdachlose, dann wollen sie dorthin umziehen. „Aber wo sollen wir die nächsten zwei Wochen schlafen?“, fragt Elena. „Ich habe keine Ahnung.“

Hätte der Bezirk nicht bis zu Winternotprogramm mit der Räumung warten können? „Wir hatten eine massive Beschwerdelage“, rechtfertigt Sprecherin Sorina Weiland gegenüber Hinz&Kunzt das Vorgehen. Außerdem habe es Sturmschäden im Park gegeben, das Zelten unter den Bäumen sei gefährlich gewesen. „Wenn der nächste Sturm kommt, was dann?“

Zelten nur unter der Brücke erlaubt

Die Obdachlosen direkt am Wasser wissen wenigstens, wo sie hin sollen. Sie sollen ihre Zelte, die zwischen Kennedy- und Lombardsbrücke stehen, zwar auch abbauen. Allerdings dürfen sie sie unter der Kennedybrücke wieder aufstellen.

Die Platte an der Brücke ist eine besondere: Weil sie so ordentlich ist, ist sie ganz offiziell geduldet. Im Sommer war Bezirksamtsleiter Falko Droßmann (SPD) sogar persönlich vor Ort und hatte den Obdachlosen versprochen, dass sie bleiben dürfen. Und jetzt kommen die Mitarbeiter seines Ordnungsamts und schicken sie unter die Brücke – obwohl nach einem Feuer unter der Brücke schon seit Jahren Zelte daneben stehen, wie ein Blick ins Hinz&Kunzt-Archiv zeigt.

Mitarbeiter des Ordnungsamtes ordneten an den Alster den Umzug der Obdachlosen unter die Brücke an. Foto: Benjamin Laufer

„Das war schon immer die gängige Praxis“, sagt Bezirkssprecherin Weiland. Nur unter der Brücke würde das Amt die Zelte dulden, daneben nicht. Der Obdachlose Raphael hingegen schimpft: „Vor ein paar Wochen hieß es noch: Unter der Brücke ist Tabu. Und jetzt kommen die und sagen genau das Gegenteil.“

Mühsam baut Raphael sein Zelt neben der Brücke ab und unter der Brücke wieder auf, während Ordnungsamt und Polizei ihm dabei zuschauen. Das Hin und Her des Bezirks nimmt er hin, was soll er auch machen: „Soll ich mir etwa einen Anwalt nehmen?“

Über den Autor
Benjamin Laufer
Schreiben, was schief läuft, damit es sich ändert: Benjamin Laufer arbeitet als Journalist in Hamburg hauptsächlich zu Sozial- und Innenpolitik.

2 Kommentare zu “Bezirk räumt an der Kennedybrücke auf

  1. Scheinbar weiß der Bezirk selber nicht mehr was er will. Ich frage mich, was Falko Droßmann so sagt, zu dieser Maßname ?? Ich treffe ihn ja bald, dann frage ich ihn mal, mal ab warten was er so erzählt ??
    Es ist doch nicht mehr lustig (falls das Wort gebraucht werden kann??), was sein Jahre dort psaaiert, statt die Äste weg zu räumen, dann ist gut. Nee – da werden die jenigen weg geschickt, die eigendlich bleiben könnten. Weiter hin müßte man diese Leute anzeigen, weil sie fremdes Eigentum vernichtet haben. Es ist alles lieb und teuer, nun ist alles weg !!
    Da balllen sich schon wieder die Fäuste, denn menschlich gesehen geht das gar nicht mehr.

    Machen die das aus prinzip, die Leute zu schikanieren, oder was soll das ?? Wie soll das bloß
    weiter gehen ??

    Erich Heeder – HINZ&KUNZT VERKÄUFER

  2. Man muss in dieser Stadt leider davon ausgehen, dass die Zelte unter der Brücke toleriert werden, weil sie dort für die meisten Touristen und Hamburger unsichtbar sind. Das erinnert ein wenig an das Verhalten von Olaf Scholz nach dem G20-Gipfel, der ja auch als Einziger keine Polizeigewalt erkennen konnte. Wie ein Kind, das sich die Hand vor die Augen hält und dann denkt, nun könnte man es nicht mehr sehen. Die Probleme der „Kennedys“ zu lösen wäre vielleicht ein sinnvollerer Ansatz als Vertreibung und Repression.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.