INSP Verkäuferwoche : Bertl, Linz

Von Wien nach Hamburg über die Weltmeere zurück nach Österreich: Bertl ist viel herum gekommen. Inzwischen verkauft er seit 16 Jahren die Linzer Straßenzeitung Kupfermuckn. Im Rahmen der internationalen Straßenzeitungsverkäuferwoche stellen wir ihn vor.

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Bertl saß mehrmals im Gefängnis, weil „Vagabundage“ bis 1972 in Österreich noch verboten war.

„Vor 16 Jahren stand ich nach einer Trennung plötzlich auf der Straße und ging zum Verein Arge für Obdachlose. Dort konnte ich in eine Übergangswohnung einziehen. Zur gleichen Zeit wurde die Straßenzeitung Kupfermuckn gegründet und weil ich nur ein kleines Einkommen als Austräger einer Tageszeitung hatte, begann ich mit dem Verkauf der Kupfermuckn. Am Anfang war es noch zäh und ich verkaufte am ersten Tag nur eine Zeitung. Schön langsam kannten mich dann immer mehr Leute auf der Straße und seit dem wurde es immer besser“, erzählt Bertl.

„Dann wurde ich von den Pfadfindern im Nachbarort Puchenau einmal zu einer Diskussion über Obdachlosigkeit eingeladen und der Bürgermeister war auch da. Weil ihn meine Geschichte so interessierte, sagte er, dass ich in Puchenau die Kupfermuckn verkaufen soll. Seitdem habe ich meinen Stammplatz beim Supermarkt. Wenn es regnet, darf ich sogar drinnen verkaufen. Bald darauf begann ich auch in Ottensheim beim traditionellen Markttag zu verkaufen und jetzt gehöre ich schon zum Inventar des Marktes. Mit vielen Standbetreibern und Besuchern bin ich schon befreundet, tausche oft die Kufpermuckn gegen Lebensmittel und werde auch von den Leuten eingeladen. Der Ottensheimer Schauspieler Ferry Öllinger kennt mich auch schon gut. Das ist der Polizist der Fernsehserie „Soko Kitzbühel“.“

INSP Verkäuferwoche

In der Verkäuferwoche des internationalen Straßenzeitungsnetzwerks INSP stellen wir jede Woche einen Verkäufer aus einem anderen Land vor. Hier geht’s zu den anderen Portraits.
Bertls Geschichte begann in Wien, er lebte wie viele ausgebombte Familien nach dem Weltkrieg in einer Barackensiedlung. Schließlich landete er nach einem Fahrraddiebstahl im Kinderheim. „Ich machte eine Lehre als Konditor. Dann zog ich als Vagabund in ganz Österreich herum. Bis 1972 war „Vagabundage“ noch strafbar und ich saß mehrere Male im Gefängnis. Schließlich ging ich nach Hamburg und fuhr fünf Jahre zur See.“

Ich war in Leningrad, am Nordkap, in Shanghai und in der Karibik. Dann ging die Reederei pleite und ich landete in Linz, wo ich eine Familie gründete. Ich habe gemeinsam mit meiner früheren Frau vier Kinder, zu denen ich alle noch einen guten Kontakt habe“, erzählt Bertl. Eines Tages brach er zusammen und hatte einen Gehirninfarkt. Ab da ging es bergab und seine Frau setzte ihn schließlich auf die Straße. So begann er 1996 gleich nach Gründung der Straßenzeitung Kupfermuckn als Verkäufer.

Heute wohnt Bertl in einer Wohngemeinschaft für Wohnungslose und ist bei allen Aktivitäten der Straßenzeitung dabei. Er spielt Theater und ist der DJ bei Radio Kupfermuckn. Er ist ein echtes Kupfermuckn-Urgestein.

Text und Foto: Heinz Zauner (www.street-papers.org / Kupfermuckn – Austria)

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