Dumpinglöhne im Hotel : Berater müssen draußen bleiben

Wenn es einen Mindestlohn gibt, heißt das noch lange nicht, dass der auch eingehalten wird. Darauf haben Sozialberater mit einer Aktion vor dem A&O-Hotel in der Spaldingstraße hingewiesen. Hintergrund sind Berichte von ehemaligen Reinigungskräften, die in dem Hotel für ein Subunternehmen gearbeitet haben – und mit Dumpinglöhnen abgespeist wurden. Gespräche im Hotel erlaubte A&O den Beratern nicht.

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Mit diesem Plakat wollten Rüdiger Winter (rechts) und seine Mitarbeiterin von der Servicestelle Arbeitnehmerfreizügigkeit das Reinigungspersonal über ihre Rechte aufklären.

Eigentlich wollten die Sozialberater mit den Reinigungskräften sprechen, die gewöhnlich gegen halb neun zur Arbeit kommen: über ihren Lohn, ihre Arbeitsbedingungen und den Arbeitgeber. Doch an diesem Montag morgen ist weit und breit niemand zu sehen vor dem A&O-Hotel in der Spaldingstraße. Ob die Putzleute heute früher als üblich einbestellt worden sind? Eine Mitarbeiterin der Servicestelle Arbeitnehmerfreizügigkeit vermutet das. Immerhin hatte die Beratungsstelle die Hotelkette vergangene Woche über die geplante Aktion informiert und gebeten, Zimmermädchen im Hotel über ihre Rechte aufklären zu dürfen. Daraufhin hatte A&O geantwortet, „dass wir keinen Besuch von Ihnen … wünschen“. Und weiter: „Da unsere Reinigungskräfte ausschließlich von externen Dienstleistern beschäftigt werden, sollten Sie sich direkt an diese wenden …“

So fällt die Aktion deutlich kürzer aus als geplant. Zwar nimmt eine Hotelmitarbeiterin mit professionellem Lächeln ein Informations-Plakat entgegen, das ihr der Leiter der Servicestelle, Rüdiger Winter, überreicht. Doch ob die dort in mehreren Sprachen gedruckten Informationen über Lohnansprüche und Arbeitnehmerrechte die Menschen erreichen, für die sie bestimmt sind, bleibt ungewiss: „Das entscheide nicht ich.“ Im Übrigen, so die A&O-Mitarbeiterin auf Hinz&Kunzt-Nachfrage, sei leider keiner der leitenden Angestellten im Haus. „Und ich habe die Anweisung bekommen, nicht mit Ihnen zu sprechen.“ So ziehen die Berater nach einer halben Stunde erfolglosen Wartens vor dem Hoteleingang wieder von dannen. „Wir werden weitere Hotels aufsuchen und dort hoffentlich Zugang zum Personal bekommen“, kündigt Beratungsstellen-Leiter Winter noch kämpferisch an. Auch mit A&O wolle er noch mal sprechen.

Hintergrund der Aktion sind Berichte und Klagen von ehemaligen Mitarbeitern der Reinigungsfirma, die bis vor kurzem im Auftrag von A&O Zimmer in dem Hotel an der Spaldingstraße gesäubert hat: der DiFaM GmbH aus Borsdorf bei Leipzig. In den vergangenen eineinhalb Jahren haben sich immer wieder Beschäftigte dieser Firma hilfesuchend an die Servicestelle Arbeitnehmerfreizügigkeit gewandt, weil sie sich um Lohn betrogen fühlten. Allein die Rechtsanwaltskanzlei Fochler & Collegen, die mit den Beratern zusammenarbeitet, hat nach eigenen Angaben 18 Geschädigte vertreten. In 13 Fällen habe die Kanzlei Vergleiche mit der DiFaM erzielt und dabei Nachzahlungen zwischen 150 und 2000 Euro ausgehandelt. Fünf Fälle seien noch nicht abgeschlossen.

Gegenüber Hinz&Kunzt und dem NDR Hamburg Journal erheben mehrere ehemalige DiFaM-Mitarbeiter den Vorwurf, mit Dumpinglöhnen abgespeist worden zu sein. Laut Arbeitsvertrag hätten sie pro Tag vier Stunden Zimmer geputzt. Tatsächlich seien es jedoch regelmäßig sechs bis zehn Stunden täglich gewesen. „Um den Mindestlohn zu erreichen, sollten wir anfangs vier Abreise- oder fünf Bleibezimmer pro Stunde putzen“, berichtet eine Betroffene. „Dann wurde die Norm immer weiter erhöht. Bald waren es fünf Abreise- oder sieben Bleibezimmer. Das war unmöglich zu schaffen. Doch wer nicht einverstanden war, dem wurde gekündigt.“ Überstunden seien nicht vergütet worden. Andere ehemalige Kolleginnen bestätigten das und sprachen gar von einer Vorgabe von 14 Zimmern pro Stunde.

Im Ergebnis, so die Betroffenen, hätten sie zwischen 200 und 300 Stunden monatlich gearbeitet und teilweise weniger als 1000 Euro Lohn berechnet bekommen. Das würde Brutto-Stundenlöhne zwischen 5 und 3,33 Euro bedeuten. Gesetzlich als Branchen-Mindestlohn für Reinigungskräfte vorgeschrieben waren bis zum Jahreswechsel jedoch 9,31 Euro brutto die Stunde, seitdem sind es 9,55 Euro brutto.

Die DiFaM GmbH erklärte auf Hinz&Kunzt-Nachfragen: „Eine Entlohnung nach Zimmern fand zu keinem Zeitpunkt statt.“ Vielmehr habe die Reinigungsfirma den Branchen-Mindestlohn von 9,31 Euro die Stunde brutto bezahlt und vergüte seit 1. Januar jede Arbeitsstunde mit 9,55 Euro brutto. Überstunden würden bezahlt. In einem Arbeitsvertrag, die Hinz&Kunzt vorliegt, heißt es allerdings: „Mehrleistung wird nicht vergütet.“

A&O teilte mit, die Hotelkette habe „aus Qualitätsgründen“ den Vertrag mit der DiFaM gekündigt. Im Übrigen gelte: Alle Dienstleister „verpflichten sich uns gegenüber zur Einhaltung des Mindestlohnes und der gesetzlichen Standards“, so General Manager Oliver Winter auf Hinz&Kunzt-Nachfragen. Da A&O allen für die Kette tätigen Reinigungsunternehmen die gleichen Preise zahlen würde, „gehen wir davon aus, dass es jedem unserer Partner möglich ist, die Mitarbeiter anständig zu vergüten“. Auf die Frage, warum sein Unternehmen nicht eigene Reinigungskräfte beschäftigt, antwortete der Hotelmanager: „Warum sollten wir?“

Dass viele Subunternehmer in diesem Gewerbe systematisch ihre Mitarbeiter ausbeuten, wurde von Hinz&Kunzt in drei Reports dokumentiert. Der Betrug läuft jedoch unvermindert weiter: Decken Berater und Journalisten Fälle von Ausbeutung auf, verweisen Hotelbetreiber meist darauf, sie würden ihre Dienstleister so weit wie möglich überprüfen – und somit keine Verantwortung für Dumpinglöhne tragen. Andere lassen sich bei Auftragsvergabe schriftlich versichern, dass ihr Dienstleister Branchen-Mindestlohn bezahlt, kümmern sich in der Folge aber nicht mehr darum.

Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) Hamburg und die Servicestelle Arbeitnehmerfreizügigkeit hatten vergangenes Jahr eine Plakataktion vorgestellt, mit der sie Dumpinglöhne bei Hotelreinigungskräften gemeinsam bekämpfen wollten. Auf Hinz&Kunzt-Nachfrage stellte sich kürzlich allerdings heraus, dass erst 20 der 1000 Plakate in Hamburger Hotels hängen. Der Dehoga hat deshalb vor wenigen Tagen alle Hotelbetreiber angeschrieben und gebeten, die Berater bei ihrer Aufklärungsarbeit zu unterstützen. Die bisherige Resonanz sei „positiv“, erklärte Dehoga-Geschäftsführerin Ulrike von Albedyll. Das Verhalten von A&O bezeichnete sie als „unglücklich“, fügte aber an: „Ich kenne die Gründe für diese Unternehmensentscheidung nicht.“

Text: Ulrich Jonas
Foto: Dmitrij Leltschuk

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