INSP Verkäuferwoche : Beiene, Zürich

Wir dürfen vorstellen: Beiene Berhane. Er ist der Senior unter den Zürichern Straßenzeitungsverkäufern. Um den Gottesdienst zu besuchen, geht er kilometerweit zu Fuß. Für die Reise zur ersten Messe des neuen Papstes nahm er allerdings den Zug.

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Erst in der Schweiz hat Beiene Nächstenliebe kennengelernt, sagt er.

Ich bin der erste Afrikaner, der je für Surpise gearbeitet hat. Darauf bin ich ein bisschen stolz. Am Anfang aber schämte ich mich, mit den Heften auf der Straße zu stehen. Ich komme aus Eritrea, und bei uns arbeiten nur arme Leute auf der Straße. Als Straßenverkäufer ist man nicht gut angesehen. Aber dann habe ich erlebt, wie die Schweizer alle hart arbeiten, egal, was für einen Job sie machen, und das hat mich motiviert. Heute bin ich sehr froh, dass ich Surprise verkaufen kann. Ich sage immer: Meine Arbeit ist wie eine Therapie für mich. Denn so sitze ich nicht zuhause und grüble, so denke ich nicht an meine Heimat und wie es den Leuten dort wohl geht.

Wenn ich vor der Migros Löwenstrasse in Zürich stehe, beobachte ich die Menschen. Es kommen hier auch viele Touristen vorbei, die erkennt man sofort. Ich habe auch ein paar Stammkunden, gerade vorher kam eine Frau vorbei, die schon seit zehn Jahren ihr Heft bei mir kauft. Ich unterhalte mich immer mit allen, auch wenn ich nur wenig Deutsch spreche. Irgendwie versteht man sich immer, auch wenn man mit den Händen sprechen muss. Viele hier können auch Italienisch. Eritrea war eine italienische Kolonie, daher war ich auf der italienischen Schule und spreche diese Sprache. Deutsch würde ich gerne noch besser lernen, denn ich habe viele Schweizer Freunde, und mit denen möchte ich mich auf Deutsch unterhalten.

Ich bin 1939 geboren und habe die vielen politischen Umwälzungen miterlebt, die mein Land durchmachte. 1941 wurden wir den Briten unterstellt, 1952 mit Äthiopien verbunden. 30 Jahre lang führte mein Land Krieg gegen Äthiopien, wir wollten die Unabhängigkeit, die wir dann 1993 bekamen. Doch die Unruhen haben danach nicht nachgelassen. 2002 bin ich als politischer Flüchtling in die Schweiz gekommen.

Über die genauen Umstände meiner Flucht aus Eritrea kann ich nicht sprechen, es sind schmerzhafte Erinnerungen für mich. Zu meiner Familie habe ich heute fast keinen Kontakt mehr. Ich bin das zweitjüngste von zehn Kindern, viele meiner Geschwister sind tot. Selber habe ich sechs Kinder, aber nur mit einem Sohn telefoniere ich ab und zu.

Am Anfang fand ich die Schweizer sehr verschlossen. Dann habe ich gemerkt, dass sie sich erst öffnen, wenn man sie besser kennt. Die Schweizer waren immer sehr freundlich zu mir, erst hier habe ich Nächstenliebe kennengelernt. Wie oft habe ich schon einen Kaffee oder ein Brötli spendiert bekommen – von einer fremden Person! Das gibt es bei uns nicht. Meine Schweizer Freunde sind wie eine Familie für mich. Sie feiern meinen Geburtstag mit mir, sie sorgen sich um mich, wenn es mir nicht gut geht, und als ich keine Wohnung hatte, haben sie mich aufgenommen.

INSP Verkäuferwoche

In der Verkäuferwoche des internationalen Straßenzeitungsnetzwerks INSP stellen wir jede Woche einen Verkäufer aus einem anderen Land vor. Hier geht’s zu den anderen Portraits.
Die Schweiz ist sicher, und alle werden vor dem Gesetz gleich behandelt, das gefällt mir sehr. Außerdem habe ich erst hier Disziplin gelernt. Trotzdem, die Heimat ist wie die Mutter, die vergisst man nie. Wenn ich mit anderen Eritreern spreche, frage ich immer als Erstes: Was gibt es Neues aus der Heimat? Wie geht es dem Land? Erst dann frage ich: Wie geht es dir? Ich hoffe, dass sich die Lage in Eritrea beruhigt und dass sich die Menschen ein Vorbild an der Schweiz nehmen.

Am Abend, wenn ich fertig bin mit Verkaufen, schaue ich gerne RSI, das Schweizer Fernsehen auf Italienisch. So erfahre ich mehr über das Land, in dem ich jetzt lebe. Wenn ich nicht arbeite, leihe ich mir ein Tagesticket aus und fahre mit dem Zug im Land herum. Vor Kurzem war ich in Genf und auch in Davos. Schön ist die Schweiz! Die Berge sind wie ein Gemälde!

Am Sonntag gehe ich immer in die Kirche, das gehört für mich dazu. Nach meiner Ankunft hier lebte ich zunächst in der Ostschweiz und musste 20 Kilometer zu Fuß zur nächsten Kirche gehen, aber das war kein Problem für mich. Ich gehe am liebsten in die italienische Messe der katholischen Kirche. In der afrikanischen Kirche kann ich mich nicht auf das Gebet konzentrieren, dort lenken mich die Geschichten und Erzählungen der anderen ab. Dieses Jahr war ich sogar in Rom, meine Freunde haben mir das Zugticket geschenkt. Natürlich besuchte ich den Vatikan. Und ich war bei der allerersten Messe von Papst Francesco dabei. Das war ein Erlebnis.

Protokoll und Foto: Manuela Donati (www.street-papers.org / Surprise – Schweiz)

 

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