Nach Feierabend : Bei Straßenzeitungsverkäufern zu Hause

Wie sieht es dort aus, wo für die Verkäufer von Straßenzeitungen das Zuhause ist? Unsere schwedischen Kollegen von Faktum haben namhafte Fotografen zu ihren Mitarbeitern nach Hause geschickt, um das heraus zu finden. Dabei sind dynamische und offene Porträts entstanden.

Arbeiten, nicht betteln. Das ist ein Mantra, das sich viele Straßenzeitungen auf der ganzen Welt zu eigen gemacht haben und das sehr erfolgreich die Tatsache unterstreicht, dass die Verkäufer für ihren Lebensunterhalt hart arbeiten. Dennoch werden nur wenige in der Bevölkerung wissen, was ihr Verkäufer nach einem langen Arbeitstag macht – oder inwiefern sich das von ihren eigenen Gewohnheiten nach Feierabend unterscheidet.

In Schweden wurden diese privaten Momente jetzt von der Göteborger Straßenzeitung Faktum enthüllt, die einen Fotografen des Magazins Condé Nast Traveller dafür gewinnen konnte, unverstellte Fotos von Verkäufern an den unterschiedlichen Orten aufzunehmen, die sie ihr Zuhause nennen.

„Wir wollen zeigen, dass die Menschen, die Straßenzeitungen verkaufen, einen Job haben wie alle anderen auch, denn viele Leute glauben, sie würden ihr Geld einer Wohltätigkeitsorganisation spenden, wenn sie eine Straßenzeitung kaufen“, so Faktum-Chefin Åse Henell. „Außerdem wollen wir darauf aufmerksam machen, wie unsere Verkäufer leben, wenn sie mit der Arbeit fertig sind.“

Das Zuhause der rumänischen Brüder Victoras und Cristinel befindet sich vor einer Kirche im Zentrum Göteborgs; Csaba aus Ungarn findet Unterschlupf in dem Wohnwagen, den ihm ein Faktum-Leser geschenkt hat; während Anne bei einer Freundin auf der Couch gestrandet ist, die sie mit ihrem treuen Hund Tjabo teilt, sind ihre wenigen Habseligkeiten in einem kleinen Schrank daneben verstaut.

Bildergalerie

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    Bertil ist ein vertrautes Gesicht in Göteborgs Einkaufszentrum Nordstan, wo er Faktum verkauft. Der Verkauf der Straßenzeitung hat ihm geholfen, seine sozialen Ängste zu überwinden und eine dauerhafte Bleibe zu finden. Er lebt mit seinem Hund und drei Katzen in einem Apartment. Foto: Håkan Ludwigson
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    Die Brüder Victoras und Cristinel stammen aus Rumänien. Sie sind nach Göteborg gekommen, um zu arbeiten und Geld zu verdienen, das sie an ihre Familie in Rumänien schicken können. Aber es ist schwierig, Arbeit zu finden, selbst für Christinel, der ausgebildeter Koch ist. Beide verkaufen Faktum und leben vor einer Kirche in der Stadtmitte, die denjenigen, die nirgendwohin können, Schutz bietet. Foto: Håkan Ludwigson
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    Csaba stammt aus Ungarn. Er verkauft Faktum und spart so viel er kann. Er lebt in einem gebrauchten Wohnwagen in der Nähe einer Kirche in Mölndal. Den Wohnwagen hat ihm ein Kunde geschenkt, der inzwischen ein guter Freund von ihm ist. Foto: Håkan Ludwigson
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    Emmelie hatte ein schweres Leben, geprägt von Missbrauch, Drogen und so genannten Freunden, durch die sie sich noch schlechter fühlte. Der Wendepunkt kam, als sie in einem Behandlungszentrum ihren Freund Matthias kennenlernte. Jetzt leben sie zusammen in Jönköping und haben ganz neu angefangen. Faktum zu verkaufen hilft ihr, voran zu kommen. „Heute bin ich clean und es geht mir gut“, sagt Emmelie. Foto: Håkan Ludwigson
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    Jespers Leben veränderte sich vollkommen, als er bei einem Autounfall schwer verletzt wurde. Der Unfall wirkte sich auch auf seine Psyche aus. Jesper ist sehr künstlerisch veranlagt. Durch den Verkauf von Faktum hat er eine tägliche Routine und kommt auch mit seinen Ängsten besser klar. Manchmal findet er Farbdosen, die er dann mit zu sich nach Malmö nimmt, wo er wohnt; die Toilette seiner Unterkunft benutzt er auch als Atelier. Foto: Håkan Ludwigson
  • faktum_lakos_april
    Lakos sagt, dass die Natur magisch sei. In ihr manifestiere sich die Macht unseres gesamten Universums. Er lebt in einem Zelt in der Nähe des Göteborger Friedhofs und ist sowohl Naturphilosoph als auch Musiker. Aber er ist traurig, weil ihm seine Geige gestohlen wurde. Jetzt trägt er seine Instrumente und andere wichtige Gegenstände immer bei sich, wenn er das Zelt verlässt. Lakos verkauft die Straßenzeitung Faktum in den Außenbezirken Göteborgs. Foto: Håkan Ludwigson
  • faktum_anne_may
    Anne und ihr Hund Tjabo wohnen bei einer Freundin auf der Couch. Auf dem kleinen Tisch neben ihr liegen all ihre Habseligkeiten; ein Bild von George Harrison und alles, was sonst noch wichtig ist. Anne ist bereits eine eigene Unterkunft angeboten worden, aber dort hätte sie ihren Hund nicht halten dürfen. Deshalb teilen sie sich weiterhin die Couch – und verkaufen zusammen Faktum. Foto: Håkan Ludwigson
  • faktum_july_lillemor
    Lillemor blüht auf, wenn sie Faktum verkauft. Sie liebt es, Leute zu treffen und sich ausgiebig mit ihnen zu unterhalten – sowohl mit Kunden als auch mit Kollegen. Sie lebt in Malmö und sammelt Porzellanfiguren. Jedes Jahr an Weihnachten holt sie ihre kostbare Sammlung heraus, die aus 280 Figuren besteht. Foto: Håkan Ludwigson

 

Aus diesen Bildern besteht der Kalender für das Jahr 2016, der den Titel Thank God It’s Friday trägt. „Thank God It’s Friday ist ein Ausdruck, den alle von uns mit etwas Schönem verbinden, zum Beispiel damit, nach der Arbeit mit Freunden etwas trinken zu gehen und über die Woche zu sprechen“, sagt Henell. „Wir wollten diese Redewendung in einen anderen Kontext versetzen, indem wir die Freitage unserer Verkäufer zeigen – die ganz anders aussehen können.“

Die Fotos hat der Fotokünstler Håkan Ludwigson aufgenommen, der schon seit langem für das Magazin Condé Nast Traveller arbeitet, zusammen mit seinem schwedischen Kollegen Bo Kågerud. Håkan hat schon früher mit Faktum zusammengearbeitet, und zwar an dem innovativen und äußerst erfolgreichen Kalender Faktum Hotels 2012. Der Kalender und die dazugehörige Website regten die Menschen dazu an, ein „Hotelzimmer“ an einem Ort zu buchen, an dem ein obdachloser Mensch gezwungen sein könnte zu schlafen, zum Beispiel im Wald, an einer Straßenecke oder unter einer Brücke. Jeder der Orte war auf dem Kalender abgebildet.

banner-vendor-weekDie Straßenzeitung Faktum, die dieses Jahr ihr 15-jähriges Bestehen feiert, stellt seit 2010 solche Kalender her. Das Projekt ist für die Verkäufer zu einer wichtigen zusätzlichen Einkommensquelle im Winter geworden und so beliebt, dass viele Leser ihre Kalender schon Monate im Voraus bestellen. Der Kalender 2016 kann bei einem Faktum-Verkäufer erworben werden oder online für 16.22 Euro. Die Verkäufer kaufen den Kalender für 8,11 Euro ein und behalten den Erlös.

Der Verkäufer Bertil Schmidt lud die Fotografen in sein Zuhause ein, das er sich dank Faktum leisten kann. Der Verkauf der Straßenzeitung half im außerdem, seine sozialen Ängste zu überwinden. Auf dem Foto steht Schmidt stolz in seinem Apartment, das er jetzt mit seinem Hund und drei Katzen teilt. „Anstatt den Kunden zu sagen, dass ich da drin bin, erzähle ich ihnen, dass die Katze drin ist – den Rest müssen sie sich dann selbst denken!“, sagte er. „Ich glaube, der Kalender ist echt gut geworden, er verkauft sich so viel besser als letztes Jahr!“

Mit freundlicher Genehmigung von  INSP News Service 

Übersetzung: Sonja Häußler

 

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