Tante Emmas Auferstehung

Ein Projekt erweckt die Dorfläden in Schleswig-Holstein zu neuem Leben

(aus Hinz&Kunzt 129/November 2003)

Gewonnen. 2,50 Euro zwar nur, aber immerhin. Für Tatjana Kramp hat sich der Kurztripp gelohnt. Die junge Frau kommt regelmäßig zum Lottospielen nach Kasseedorf. In dem rund 800 Einwohner-Nest in Ostholstein existiert nämlich ein Dorfladen. In dem kann man freilich nicht nur Lotto spielen, sondern vor allem Lebensmittel kaufen. Oder Briefmarken oder Bücher. Und Geld abheben oder Pakete aufgeben. Selbst Bügeleisen und Wasserkocher sind am Otto-Versand-Schalter zu haben. Im Nachbarort, in dem Tatjana Kramp lebt, „gibt’s nicht mal einen Zigarettenautomaten“. Für jede kleinste Besorgung müsste sie mit dem Auto in die nächst größere Stadt fahren, nach Eutin oder Neustadt. Wenn es in Kasseedorf nicht den Dorfladen „Kiek in“ gäbe.

Das war nicht immer so. Auch Kasseedorf dämmerte eine Zeit lang als „reines Schlafdorf“ vor sich hin. Wie fast überall auf dem Lande – nicht nur in Schleswig-Holstein – kapitulierte der letzte Tante-Emma-Laden vor Aldi, Lidl und Co. Das war 1996 und „ganz schön bedrückend“, findet Karl Schrader. Der 60-Jährige verbrachte sein Leben im Abstand von 200 Metern zum Dorfladen. Schon als kleiner Junge flitzte er rüber und kaufte für zwei Pfennige rote Himbeer-Bonbons. Später erledigte er sämtliche Einkäufe dort. Mit der Pleite des Ladens starb auch ein dörflicher Treffpunkt. „Bei mir“, sagt er, „hinterließ das ein großes Loch.“

Drei Jahre lang rottete das alte Reetdachhaus am Dorfplatz, der einzigen Straßenkreuzung des Ortes, vor sich hin. Dann hörte die Gemeinde von einem Projekt der schleswig-holsteinischen Landesregierung. Die betrachtete seit längerem mit Schrecken, „wie die ganze Versorgung auf dem Land kaputtgeht“, sagt Christina Pfeiffer vom Kieler Innenministerium. „Alle müssen ins Auto“ – auch die Alten, die sich das vielleicht gar nicht mehr zutrauen. 1999 entwickelte das Referat für integrierte ländliche Entwicklung daher einen Plan, um die Grundversorgung der ländlichen Bevölkerung mit Waren und Dienstleistungen vor Ort zu retten: die MarktTreffs.

Sie bestehen in der Regel aus einem Lebensmittelladen und Dienstleistungen wie Post, Bankautomat, Annahmestellen für Reinigung, Fotoarbeiten oder Lotto, Internet-Zugang – der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Zusätzlich sieht das Projekt einen Treffpunkt für die Dorfbewohner vor. Damit wird nicht nur das Gemeinschaftsleben im Dorf gestärkt. Die Menschen sollen auch aktiv die Angebotspalette an Lebensmitteln oder Dienstleistungen mitbestimmen. Dahinter steckt die Hoffnung, dass die Menschen ihren MarktTreff wirklich mittragen und nutzen und er somit auf lange Sicht wirtschaftlich arbeitet.

Dass es ein harter Job ist, die Tante-Emma-Läden wieder zu beleben, „lässt sich nicht wegdiskutieren“, sagt Christina Pfeiffer. Die meisten Leute sind mobil, den Großeinkauf erledigen sie woanders. Die Startphase sponsern daher die Europäische Union und das Land Schleswig-Holstein mit 50 Prozent an den Gesamtinvestitionen. Außerdem bietet das Land den MarktTreff-Betreibern kostenlos betriebswirtschaftliche Schulungen und Beratung. Im Gegenzug verpflichtet sich die Gemeinde, das Projekt mindestens zwölf Jahre lang am Leben zu halten. Insgesamt 50 MarktTreffs sollen in Dörfern mit 700 bis 1900 Einwohnern entstehen. 13 sind es bisher.

„Jetzt schlaf ich mal aus“, sagte Linda Körber, da hatte sie schon mehrere Monate ohne Unterbrechung als Marktleiterin im „Kiek in“ hinter sich. Aber mit dem Ausschlafen klappte es dann nicht. Wenn man jeden Morgen um fünf Uhr aufsteht, um Brötchen und Brot zu backen, wacht man schließlich früh auf, ob man will oder nicht. Frische Brötchen sind etwas, was die Kasseedorfer gerne im MarktTreff kaufen. „Die bieten wir ab 6 Uhr an“, sagt die 54-Jährige, die im Nachbarort geboren wurde. Am Sonntag steht Linda Körber ebenfalls im Laden – es könnte ja sein, dass jemandem frische Schlagsahne für den Sonntagskuchen fehlt. „Die muss ich dann doch anbieten!“, findet sie. Abends geht Linda Körber als Letzte, gegen 19 Uhr. Wenn nicht gerade an den drei PC-Arbeitsplätzen im Dienstleistungsbereich ein Computerkurs stattfindet. Dann schließt sie den MarktTreff um 21 Uhr.

Das zähe Engagement der Marktleiterin ist großartig, aber offenbar gerade in Kasseedorf nötig. Seit Mai 2000 besteht das „Kiek in“, aber das Projekt kam nicht in Schwung. Der Marktleiter sei ihnen unsympathisch gewesen, sagen Dorfbewohner hinter vorgehaltener Hand. Angeblich hat er die Wünsche der Kunden nicht umgesetzt. Kein Wunder also, dass den Menschen die Lust auf ihren Dorfladen verging. Wie überall steht und fällt eine Idee mit denen, die sie umsetzen. Seit acht Monaten rödelt nun Linda Körber dafür, den Ruf des MarktTreffs aufzumöbeln. Betreiber ist die Ostholsteiner Behindertenhilfe. Ihr Ziel ist nicht allein der wirtschaftliche Betrieb des MarktTreffs, sondern gleichzeitig die Schaffung zweier Arbeitsplätze für Menschen mit Handicaps. So bekommt die Aufgabe, den Dorfladen wieder zu beleben, einen zusätzlichen Sinn. Aber die Marktleiterin will trotzdem, dass sich das „Kiek in“ rentiert – allein schon, um der Auzubildenden und den Angestellten den „Alltag eines ganz normalen Ladens“ bieten zu können. Soweit ist es zwar noch lange nicht. Aber seit es Linda Körber gibt, gibt es nicht nur endlich genügend frische Brötchen. Auch die Wurst- und Käsetheke steht, die sich die Kasseedorfer so dringend gewünscht haben.

Vor dem großen Panoramafenster, das zum Dorfplatz zeigt, ist eine kleine Sitzecke eingerichtet. Schon haben ein paar alte Damen entdeckt, dass man dort bei einem Tässchen Kaffee hervorragend sitzen und das Kommen und Gehen der Menschen beobachten kann. Für die Weihnachtszeit hat Linda Körber Buden organisiert, um vor dem „Kiek in“ einen kleinen Markt unterhalten zu können. Der Dienstleistungsbereich wurde um einen Paketdienst aufgepeppt. Und der Computerkurs ist das erste zarte Gemeinschafts-Pflänzchen, das im „Kiek in“ gedeiht. Das neu erwachte Wohlwollen der Kasseedorfer überträgt sich auch auf die Stimmung im Laden: „Das Verhältnis zu den Kunden ist gut bis familiär“, sagt Axel Rudolph, der früher bei Aldi beschäftigt war und seinen Arbeitsplatz im MarktTreff über die Behindertenhilfe erhalten hat. „Hier ist einfach immer ein Klönschnack drin – das ist ganz anders als in den großen Supermärkten.“

Rote Himbeer-Bonbons, die kann man als Kasseedorfer inzwischen auch wieder bekommen. Die sind heute zwar teurer als vor 50 Jahren. Aber dafür, dass es jetzt in 200 Metern Abstand zu seinem Wohnhaus wieder einen Dorfladen gibt, zahlt Karl Schrader „gerne auch mal ein paar Cent mehr“. Er hofft, dass bald nicht nur die Kasseedorfer erkennen, wie wertvoll so ein MarktTreff ist. „Das ist doch ’ne Bereicherung für die ganze Gegend“, sagt er. „Hier haben alle gewonnen.“

Annette Woywode

Überraschungen zwischen Herbstlaub

Auf Klingeltour im Theresenweg in Nienstedten

(aus Hinz&Kunzt 129/November 2003)

Eon | Hanse präsentiert die Dart-Reportage: Hamburg hat viele unbekannte Ecken. Mit Häusern voller Geschichte und Menschen mit besonderen Lebensläufen. Um sie zu finden, werfen die Reporter einen Dartpfeil auf den Stadtplan. Die Geschichten erzählen von viel menschlicher Wärme oder dem Mangel daran. Diesmal: der Theresenweg.

Falls es so etwas gibt wie das ideale Nienstedten-Wetter, dann dies: Genau in dem Moment, als wir in den Theresenweg einbiegen, hebt sich der Morgennebel über der Elbe. Golden beleuchtet die Herbstsonne Eichen, Kastanien, wilden Wein. Sogar die Spinnennetze wirken in diesem Licht edel. Aber eben nicht auf die bemühte, aufgetakelte Art, sondern mit natürlichem Charme. So wie die zehn Häuser des Theresenwegs.

Entspannt stehen sie in ihren Gärten, in denen nicht jede verblühte Rose sofort abgeschnitten wird und das fallende Laub auch mal liegen bleiben darf. Acht der Häuser gibt es sicher schon länger als 20 Jahre, die anderen beiden sind noch jung. Eins, ein betont sachlicher Backsteinbau, trägt so ein aggressives Wachdienst-Schild am Zaun – das einzige hier. Bei vielen anderen stehen die in Würde verwitterten Gartenpförtchen offen. Alarmanlagen haben sie wahrscheinlich trotzdem, aber man sieht sie nicht.

Dafür liegt bei Nummer vier Kinderspielzeug im Vorgarten und durch die gardinenlosen Scheiben sehe ich etwas, das aussieht wie behauener Stein oder Skulpturen. Wohnt hier vielleicht ein berühmter Künstler? Neugierig drücke ich auf die Klingel – keiner zu Hause! Auf der Straße ist auch niemand zu sehen, bis auf einen eiligen Mann mittleren Alters, der einen Eimer weißer Farbe aus dem Kofferraum eines roten Kleinwagens wuchtet. Nein, leider hat er überhaupt keine Zeit, er renoviert gerade das Zimmer seiner Tochter. Aha, auch im wohlhabenden Nienstedten hat man Freude am Heimwerkern und schon längst nicht mehr für alles Personal. Mit meinen Klischees von den reichen Elbvororten wird an diesem Tag sowieso gründlich aufgeräumt.

Den Anfang dabei macht Monika Krüger. Sie öffnet die Tür des Hauses Nummer zwei, gleich an der Ecke zum Schulkamp. Von allen anderen der Straße unterscheidet es sich nicht nur durch die beiden mächtigen, sicher hundertjährigen Kastanien an seiner Seite, sondern vor allem durch ein Firmenschild am Eingang. „Cream“ steht da in schwarzen und roten Buchstaben auf einer Messingplatte. Mehr nicht. Monika Krüger bittet uns erst mal herein. Keine Spur von Misstrauen, kein „kommen Sie später wieder“, sondern ein lächelnder, geradezu herzlicher Empfang.

Natürlich kenne sie Hinz & Kunzt, „mal sehen, ob ich Ihnen helfen kann. Mein Chef ist nämlich nicht da, der könnte Ihnen alles viel besser erklären!“, ruft sie lachend aus. Das Wohnzimmer mit den weißen Chintz-Sesseln, einer beeindruckenden Whiskey-Sammlung auf der Anrichte und einer Polo-Zeitschrift auf dem Couchtisch ist nämlich ihr Arbeitsplatz. Darauf lassen allerdings nur der schwarze Laptop und ein paar Ordner auf dem gläsernen Esstisch schließen. „Cream“ ist weder ein Whiskeyvertrieb noch ein Kosmetikstudio, sondern eine Firma, die Landwirte bei der Umstellung auf ökologische Landwirtschaft berät, damit weniger giftige Nitrate ins Grundwasser gelangen und die Lebensmittel gesünder werden. Das erfahren wir allerdings erst später, denn Monika Krüger besteht darauf, dass nur ihr Chef, Heinrich Seul, etwas über seine Firma sagen soll. Sie hilft ihm nur bei der Büroarbeit, auf 400-Euro-Basis.

Erzählen tut sie dann aber doch. Darüber, dass sie eigentlich seit einem Jahr in Rente ist und zuvor in der Verwaltung des Hamburger Konservatoriums gearbeitet hat, und dass sie gleich um die Ecke „Up der Schanze“ lebt. Wieder in dem Haus, in dem sie auch geboren wurde, damals, als es in der Gegend sogar noch ein oder zwei Bauern gab. „Das haben mir meine Eltern vererbt, heute könnte ich mir ein Haus in Nienstedten natürlich niemals leisten.“

Dann kommt überraschend ihr Chef zurück, hat aber nur Zeit für ein ganz schnelles Foto, aber ein andermal gerne auch zu einem längeren Gespräch über seine Arbeit. Wie er so mit seiner Zigarre vor seinem Haus steht, sieht er schon eher so aus, wie ich mir Nienstedtener vorstelle. Da müsse man ganz vorsichtig sein, meint Monika Krüger, denn hier sehe man es den Leuten nie an, wer Geld habe und wer nicht. „Ich bin mal beim Grünhöker nicht weiter bedient worden, weil der Inhaber einer Frau Gräfin die Einkäufe zum Wagen tragen musste“, erzählt sie lachend, „der hätten Sie das auch niemals angesehen!“

„Ich habe hier alte Damen mit 600 Euro Rente im Monat, und davon geht mehr als die Hälfte für die Miete weg“, sagt kurz darauf Ingrid Lachmann. Als Rentnerin hilft sie jetzt ehrenamtlich im Kirchenbüro, in dem sie früher auch gearbeitet hat. Es liegt gleich um die Ecke vom Theresenweg, ein bisschen versteckt am Nienstedtener Marktplatz. Zur Straße hin findet man ein paar Geschäfte, eine Mercedes-Benz-Niederlassung und einen Immobilienmakler. Direkt gegenüber vom Kirchenbüro betreibt die Diakonie eine Kleiderkammer.

Frau Lachmann hat gerade gar keine Zeit, aber weil sie sich so gut auskennt, kann sie in knappen Worten alles Wichtige aus der Gemeinde berichten. Vor allem, dass das Klischee vom reichen Nienstedten eben so nicht stimme, „denn manche der Älteren hier haben früher als Kaltmamsell oder sonst was in den vornehmen Häusern gearbeitet und die müssen jetzt ganz schön knapsen.“ Auch sonst sei das hier eine ganz normale Gemeinde, mit dem üblichen Angebot für Senioren, Frauen und Kinder. Allerdings, fügt sie dann noch schmunzelnd hinzu, „mit überdurchschnittlich vielen Hochzeiten“.

Aus ganz Hamburg kämen die Paare, um sich in der schönen Nienstedtener Kirche trauen zu lassen und anschließend im feinen Hotel Louis C. Jakob mit Elbblick zu feiern. „Für Mai nächsten Jahres gibt es keinen einzigen freien Termin mehr.“ So, und jetzt muss die resolute Dame mit dem grauen Kurzhaarschnitt aber wirklich los, verweist aber noch auf den berühmten Nienstedtener Friedhof, der hinter dem Haus beginnt. Hier sind Prominente wie der Dichter Hanns-Henny Jahn oder der ehemalige Bürgermeister Sieveking begraben, erzählen nicht ohne Stolz die Gärtner, die wir in ihrer Mittagspause mit Pflaumenkuchen und Schlagsahne stören.

Im Theresenweg schließt Monika Krüger ihr Fahrrad vom Zaun los. Ihr Bürotag ist für heute beendet. Ob sich in den vergangenen Jahren etwas verändert habe hier in der Gegend? „Ja, es gibt endlich wieder mehr Familien mit Kindern. Der Stadtteil drohte ja total zu überaltern!“ Sie sieht richtig glücklich aus, als sie das sagt. Dann – „ich merke, dass Sie mich ausfragen!“– erzählt sie schließlich, dass ihre Tochter, eine Designerin, jetzt auch eine Etage des Familienhauses bewohnt und im Januar ihr erstes Kind erwartet. Monika Krüger findet das „ganz schön aufregend, aber Oma möchte ich trotzdem nicht genannt werden!“ Dann lacht sie wieder, schwingt sich aufs Rad und fährt durch den Theresenweg davon.

Sigrun Matthiesen

Zehn Zahlenspiele

Eine Bilanz zum 10-jährigen Geburtstag von Hinz & Kunzt

(aus Hinz&Kunzt 129/November 2003)

Buchstaben haben mich schon immer mehr gereizt als Zahlen. Aber als messbare und nachvollziehbare Einheiten sind sie für Erfolge eben unerlässlich. Und zu den Zahlen gehören zum Glück auch immer Geschichten. Jedenfalls bei Hinz&Kunzt. Von beidem sind in den vergangenen zehn Jahren reichlich zusammengekommen.

I. 3500 Verkäufer haben zwischen November 1993 und 2003 einen Verkäuferausweis bekommen. Das heißt, an jedem Arbeitstag hat ein Obdachloser in unseren Vertriebsräumen ein Gespräch geführt, einen Verkäuferausweis und eine Chance bekommen.

II. Rund 10 Millionen Zeitungen sind seit der Gründung von Hand zu Hand gegangen. Ebenso häufig sind darüber Wohnungsbesitzer und Wohnungslose ins Gespräch gekommen.

III. 25.000 Gespräche hat unser Sozialarbeiter mit Verkäufern geführt. Über Wohnung und Arbeit, Liebeskummer und Krankheit, Schulden und Einsamkeit. Für viele ist das die einzige Möglichkeit, über Gefühle zu sprechen – ein Prozess, der für beide Seiten oft schmerzhaft ist.

IV. 250 Verkäufer haben mit Hilfe von Hinz & Kunzt wieder einen Arbeitsplatz gefunden. Weil sie hier zuerst die Chance bekamen, ohne Druck wieder einer regelmäßigen Beschäftigung nachzugehen.

V. Mehrere hundert Verkäufer haben durch uns wieder ein Dach über dem Kopf gefunden. Entweder ein Zimmer in einem Wohnheim oder eine eigene Wohnung. Der Bedarf war allerdings noch weitaus höher.

VI. 15 ehemals Obdachlose haben im Lauf der Jahre bei Hinz & Kunzt wieder einen festen Arbeitsplatz bekommen und arbeiten dort in einem bunt gemischten Team ganz verschiedener Experten. Sechs von ihnen arbeiten heute noch hier.

VII. 6000 Zeitungsseiten wurden bedruckt. Und vorher natürlich ausführlich recherchiert, geschrieben, fotografiert und gestaltet.

VIII. 5 Millionen Euro Spenden haben dazu beigetragen, dass Hinz & Kunzt erfolgreiche Arbeit leisten konnte. Darunter ist die Rentnerin, die sich ihre 10 Euro vom Munde abspart, und der Firmenchef, der auf den Kauf von Weihnachtsgeschenken für seine Kunden verzichtet und stattdessen 1000 Euro überweist.

IX. 1500 Anzeigenschaltungen, durch die Hamburger Firmen gezeigt haben, dass sie die Idee des Projekts und die mediale Wirkung des Magazins gleichermaßen schätzen. Das gilt für die kleine Uhrmacherwerkstatt genauso wie für den regionalen Energieversorger.

X. Hunderte von Arbeitsstunden, die Hinz & Kunzt in Form von ehrenamtlicher Arbeit durch Agenturen, Freiwillige und Dienstleistern zu Gute gekommen sind. Omis stricken warme Strümpfe, Musiker singen, Art Directoren planen Kampagnen, und Schüler verkaufen Kekse für uns – geschenkte Lebenszeit, die eine enge Verbindung an unser Projekt schafft.

Nicht gezählt haben wir die vielen ermutigenden Worte, die uns erreicht haben. Die Verkäufer, die es „geschafft“ und die es „nicht geschafft“ haben, die Tränen, die geflossen sind, die Obdachlosen, die den Weg nicht zu uns gefunden haben, und die Momente, in denen wir stolz waren auf die Verkäufer oder auf uns. Zahlen sind eben doch nicht alles.

Sybille Arendt

„Sooo schön ist das hier!“

Behinderte und Nicht-Behinderte erobern den Alsterdorfer Marktplatz

Köstliche Häppchen. Melone und Ananas liegen mundgerecht geschnitten auf dem Probierteller eines Obststandes. Immer wieder greift Bernd Trape* zu. Ohne große Mühe erreicht er von seinem Rollstuhl aus die süßen Früchte. Den ermahnenden Blick des Obsthändlers ignoriert er. Wie lange er auf dem Gelände der Evangelischen Stiftung Alsterdorf lebt, weiß er nicht genau. „Der ist später gekommen“, mischt sich der kleine weißhaarige Mann neben ihm ein. Er selbst sei schon 60 Jahre hier, prahlt er und greift ebenfalls zu.

„Ich hab’s mir schlimmer vorgestellt“, sagt der Obsthändler Jörg Ebeling. „Für uns alle ist das eine neue Erfahrung“, fügt er schnell hinzu und schickt erneut einen ermahnenden Blick in Richtung Bernd Trape. Der greift unbeeindruckt zum nächsten Stück Ananas.

Seit dem 5. September steht Jörg Ebeling mit seinem Obststand jeden Freitag auf dem neuen Alsterdorfer Markt. Nach dreijähriger Bauzeit ist auf dem Gelände der Evangelischen Stiftung Alsterdorf ein offener, großzügiger Marktplatz entstanden. Neben Ärztehaus und Geschäften werden demnächst auch der Fahrradladen „Alsterspeiche“ und das Atelier „Lichtzeichen“ ihre Räume beziehen. Mit der Umgestaltung hat die Stiftung, die seit 140 Jahren Menschen mit Behinderungen betreut, ihr ehemals abgeschlossenes Gelände zum Stadtteil hin geöffnet. Ein bundesweit einzigartiges Projekt. Ganz bewusst soll der neue Platz Menschen ohne Behinderung anlocken – zum einen mit den neuen Läden und dem Ärztehaus, zum anderen mit der noch im Umbau befindlichen Kulturwerkstatt, die sich zum Stadtteilzentrum entwickeln soll.

Kulturwerkstattleiter Martin Rand koordiniert rund 30 Mitarbeiter der Stiftung, die auf dem Platz präsent sind und bei Problemen und Konflikten zwischen Menschen mit und ohne Behinderung helfen sollen. „Patrouille ist ein schlechtes Wort“, sagt er. Die Erfahrungen der ersten Wochen sind gut: Es gab sehr wenige Probleme und in den letzten beiden Wochen sind Martin Rand und seine Mitarbeiter kaum noch gerufen worden. Fast immer seien es „einfache Kommunikationsprobleme“ zwischen Menschen mit und ohne Behinderung, bei denen die „Platzmanager“ face to face vermitteln, berichtet er. Die Leitlinie seines Handelns formuliert er einfach und klar: „Ich möchte nicht, dass ein Mensch mit Behinderung anders behandelt wird als einer ohne.“

Einmal habe ein Behinderter einem anderen Kunden einen Muffin vom Teller geklaut, berichtet Andrea Eickhoff vom mobilen Kaffeestand. „So etwas geht natürlich nicht“, sagt die 38-Jährige. Doch solche Kleinigkeiten amüsieren sie mehr, als dass sie sie schrecken: „Ich bin gerne hier, es ist eine gute, eine besondere Atmosphäre.“

„Wir mussten aufhören, Anstalt zu sein – keine Gettoisierung mehr“, sagt Andreas Frost. Der 47-Jährige leitet eines der vier neuen Appartementhäuser, die am Marktplatz gebaut wurden. Jeweils 24 Behinderte leben auf zwölf Wohnungen verteilt in einem Haus. Im Erdgeschoss befindet sich eine so genannte Agentur. Hier arbeiten Heilerzieher und Sozialpädagogen. Sie unterstützen die Bewohner im alltäglichen Leben. Die neue Wohnform soll Selbstständigkeit, Autonomie und persönlichen Freiraum der behinderten Menschen fördern. Das sei für alle, auch für die Mitarbeiter der Stiftung, ein „Umlernen und müh- sames Rausarbeiten aus der eigenen Vergangenheit“, sagt Andreas Frost.

„Sooo schön ist das hier“, ruft Erika Müller gleich dreimal hintereinander und lacht. Gemeinsam mit ihrem Freund bewohnt die rundliche 50-Jährige eine der neuen Wohnungen: zwei Zimmer, Wohnküche, Duschbad und ein schöner Blick auf den Marktplatz. An den Wänden Fotos und Bastelarbeiten. Sie ist begeistert von ihrer neuen Wohnung und den vielen Geschäften. „Ich hab’ mich auch viel mehr rausgemacht“, sagt sie und strahlt. Ihre Freude wird noch größer, als ihr Freund Karl-Heinz Steinert unerwartet früher nach Hause kommt. Herzlich und zärtlich begrüßen sie sich und albern herum wie Teenager. Als sie vor einem Jahr ins neue Appartementhaus umzogen, habe sie „ein bisschen Bammel gehabt“, sagt Erika Müller. Jetzt ist sie mehr als zufrieden: „Wir fühlen uns beide glücklich“, sagt sie und legt den Arm um ihren Liebsten: „Den nimmt mir keiner weg.“

Knapp 100, etwas weniger als ein Drittel der Bewohner des Geländes, sind in die neuen Wohnhäuser gezogen. Die anderen wohnen zum Teil noch in trostlosen kasernenartigen Hochhäusern. Wie Walter Uehr, der beim Obststand auf Bernd Trape und seinen Begleiter Ernst Bude* trifft. Heute will Walter Uehr nicht einkaufen, nur mal gucken auf dem Platz. „Donnerstags kriegen wir Verpflegungsgeld, und dann wird es gleich wieder ausgegeben“, sagt er und lächelt verschmitzt. Sein Lieblingsgeschäft ist Aldi. Der 87-Jährige kann sich noch an die Zeiten der Verwahrung, der Zäune und Tore erinnern, als jeder einen Ausgangsschein brauchte, um das Gelände zu verlassen. „Tausendmal besser als früher“ findet er den neuen Platz. Schade sei nur, dass er zurzeit keine Werkstatt habe. So könne er gerade keine Flugzeugmodelle bauen.

In der Apotheke am Platz ist eines seiner begehrten Modelle zu sehen: ein roter Doppeldecker. Hoch in die Luft hält Walter Uehr sein Modell. Eine kräftige Windböe fegt über den Platz. Die Marktverkäufer springen nach ihren Schirmen. Der kleine Propeller dreht sich schneller und schneller. Gleich wird das Flugzeug abheben und eine Runde drehen über diesen besonderen Platz.

Annette Scheld

*Namen geändert

Jahr der Menschen mit Behinderungen
Das Jahr 2003 wurde von der Europäischen Union zum Jahr der Menschen mit Behinderungen ausgerufen. „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“ Erst 1994 ist diese Ergänzung in Artikel 3 des Grundgesetzes, dem allgemeinen Gleichheitsgrundsatz, aufgenommen worden. Doch trotz Benachteiligungsverbot können heute noch Behinderte aus Restaurants und Läden gewiesen werden, da es kein Antidiskriminierungsgesetz gibt.

Der Aufstand der Weberin

Eine sächsische Arbeiterin klagt auf fairen Lohn – und scheitert an 12 Cent

(aus Hinz&Kunzt 128/Oktober 2003)

„Kaum ist das Geld da, ist es weg!“, sagt Heike Krauße. Die gelernte Textilfacharbeiterin arbeitet in einem Teppichwerk an der tschechischen Grenze: eine Woche Früh-, eine Woche Spät-, eine Woche Nachtschicht. 4,85 Euro brutto die Stunde zahlt ihr dafür der Arbeitgeber, die Erzgebirgische Radici-Teppichwerk GmbH (ERTW). Hinzu kommen Schichtzulagen von 0,73 bis 1,70 Euro die Stunde, steuerfrei.

In der Summe kommt die 35-jährige Weberin auf rund 700 Euro netto monatlich. Das reicht für die Miete und die Rate fürs Auto. „Existieren kannst du davon nicht“, sagt die Mutter zweier Kinder. Heike Krauße ist das, was Forscher eine „working poor“ nennen: Sie arbeitet und hat dennoch nicht genug Geld zum Leben. Laut Tarifvertrag-Ost müsste sie fast das Doppelte verdienen, 8,95 Euro die Stunde. Doch was nützt ein Tarif, wenn der Arbeitgeber ihn nicht anerkennt?

Der Ort Bärenstein liegt tief im Erzgebirge, direkt an der Grenze zu Tschechien. Jeder Fünfte hier ist arbeitslos, wer anderswo einen Job findet, verlässt die Heimat. 3000 Menschen leben im „staatlich anerkannten Erholungsort“, früher waren es doppelt so viele. Das war die Zeit, als die „Sowjetisch-Deutsche Aktiengesellschaft Wismut“ tonnenweise Uran aus den Bergen holte. Drittgrößter Uranproduzent der Welt nannte sich die Wismut AG noch Ende der Achtziger. Doch mit der Wende kam das Aus. Seitdem zeugen verlassene Bergstollen, leer stehende Fabriken und verfallende Bürgerhäuser von den Zeiten, als die Menschen noch vom Rohstoffreichtum ihrer Berge profitierten.

In gewisser Weise gehört Heike Krauße zu den Glücklichen dieser abgelegenen Welt: Erstens hat sie Arbeit. Zweitens hat sie einen Mann. Und drittens hat der ebenfalls einen Job. Nachdem er „Jahre auf ABM geritten ist“, wie die Weberin erzählt, arbeitet er nun als Koch im nächsten Krankenhaus – und verdient sogar ein paar Euro mehr als seine Frau. Urlaub können sich die Kraußes dennoch kaum leisten, höchstens eine Reise zu Verwandten an die Ostsee. Und wenn der 13-jährige ältere Sohn – „er wird gerade modebewusst“ – sich eine neue Schlaghose wünscht, muss die Mutter sagen: „Olli, es tut mir Leid. Ich kanns einfach nicht.“

Gewerkschafter Klaus Börner packt angesichts solcher Verhältnisse die Wut: „Die Menschen gehen doch arbeiten, um davon leben zu können!“, sagt der 52-jährige IG Metaller, der regelmäßig durchs Gebirge fährt, um in den Betrieben gegen Dumping-Löhne anzureden. Auch den Angestellten des Bärensteiner Teppichwerks wollte er erzählen von Tariflöhnen und Arbeitnehmerrechten, von der Macht der Belegschaft und der Stärke der Gewerkschaft. Doch nur 16 der rund 60 Beschäftigten kamen zur „offenen Mitgliederversammlung“ in die örtliche Gaststätte. Schnell wurde klar: Tarifverhandlungen kann der Gewerkschafter hier nicht führen. Nicht mal jeder Dritte im Betrieb gehört zur IG Metall. „Die meisten haben Angst, dass der Laden geschlossen wird und sie ihre Arbeit verlieren“, sagt Börner. Diese Befürchtungen sind nicht grundlos: Die Ränder der ERTW-Teppiche, heißt es, ketteln heute schon Tschechinnen auf der anderen Seite der Grenze – für 2,50 Euro die Stunde. Und was wird werden, wenn das Nachbarland im kommenden Jahr der Europäischen Union beitritt und die Grenzen fallen?

Auch Heike Krauße hatte lange Zeit Angst. Immer wieder dachte sie: „Wo willst du hin? Du kriegst hier keine neue Arbeit!“ Seit fast 20 Jahren arbeitet sie im Teppichwerk. Gerade mal eine Lohnerhöhung habe es in dieser Zeit gegeben, „um 25 Cent, aber nicht für alle, für mich jedenfalls nicht“. Früher, zu DDR-Zeiten, war die Bezahlung noch gut, erzählt Heike Krauße. „Damals war das viel Geld.“ Doch nicht erst mit dem Euro ist das Leben auch im Erzgebirge teurer geworden. Immer wieder habe der Werksleiter mehr Lohn versprochen, „unter 800 Euro soll hier keiner verdienen“, habe er gesagt. Doch passiert sei nichts. „Der vertröstet uns seit Jahren“, sagt Heike Krauße. „Seit vielen Jahren.“

Im Mai 2002 kandidiert die Weberin als Betriebsrätin – und wird gewählt. Obwohl sie seitdem nur schwerlich kündbar ist, zögert sie lange, um fairen Lohn zu kämpfen. Die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes sitzt tief. Außerdem denkt sie: „Betriebsrätin werden und dann klagen – das sieht schon ein bisschen blöd aus.“ Anfang des Jahres entscheidet sie sich. „Wenn ich’s jetzt nicht mach und mir das noch zehn Jahre lang angucke, was wird dann?“, denkt sie sich. „Hältst Du das durch?“, fragt Klaus Börner. Der Gewerkschafter ahnt, was passieren wird: Der Werksleiter schickt seinen Arbeitern Änderungskündigungen, um weitere Klagen zu verhindern. Heike Kraußes Lohn zahlt er zwei Monate lang gar nicht. Und manch Kollege giftet die Weberin nun an. „Mein Hemd hängt auch dran!“, zischt ein Meister. „An deiner Stelle würd ich mich nicht mehr trauen, auf die Straße zu gehen!“

Beim Termin im Chemnitzer Arbeitsgericht klärt der Vorsitzende erst mal die einfachen Fragen: „Den ausstehenden Lohn müssen Sie nachzahlen!“, verdonnert er den Werksleiter. Dann geht’s ans Eingemachte: Ob er bereit sei, das Gehalt der Weberin anzuheben, fragt der Richter. Der Werksleiter zeigt sich hart: Er würde allenfalls Weihnachts- und Urlaubsgeld zum Grundlohn umwandeln, um diesen so zu erhöhen. „Das ist nur eine Umverteilung!“, ruft der Gewerkschaftsanwalt empört. Der Richter tippt auf dem Taschenrechner herum. Was ist laut Statistischem Landesamt der „ortsübliche Lohn“ in der Branche? Und unterschreitet das Gehalt der Weberin diesen um mehr als ein Drittel? Denn nur dann, so ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts, liege „Lohnwucher“ vor.

Am Ende entscheiden 12 Cent. Genau diese Summe verdient Heike Krauße zu viel die Stunde, um von „sittenwidrigem Lohnwucher“ sprechen zu können, entscheidet das Gericht und weist die Klage ab. Grundsätzlich sei er schon gegen zu niedrige Löhne, sagt der Richter nach dem Urteil. Doch müsse er auch der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der Region Rechnung tragen. „Es ist ein offenes Geheimnis, dass hier für gleiche Tätigkeiten weniger gezahlt wird als etwa in Chemnitz.“ Nicht zuletzt, so der Richter, „muss man Bestrebungen gerade der Textilindustrie berücksichtigen, die Produktion nach Tschechien zu verlagern“. Es ist erst sein zweiter Prozess dieser Art in gut zehn Jahren. Dennoch weiß er: „Die Vergütungen sind zum Teil so niedrig, dass man sich schon fragt: Wie leben diese Leute?“

Der Aufstand ist vorerst niedergeschlagen. Gewerkschafter Börner ist empört: „Das Urteil passt in die politische Landschaft: Alles dreht sich darum, die Arbeitskraft billiger zu machen.“ Er wird weiter für gerechte Löhne im Erzgebirge kämpfen. Der Weberin bleibt die Berufung vor dem Landesarbeitsgericht. Ihr Anwalt prüft, ob die Statistiker tatsächlich die Zuschläge in ihre Lohnermittlungen einbezogen haben, wie das Gericht glaubt. Ist dem nicht so, wird der Lohn im Teppichwerk doch noch zum Wucher. Darauf hofft Heike Krauße und sagt: „Für mich ist der Fall noch nicht abgeschlossen. Und hätt ich nichts gemacht, hätt ich mir auch in den Arsch gebissen.“

Ulrich Jonas

Der Wortspieler

Rupprecht Matthies schafft Kunst für Hinz&Kunzt

(aus Hinz&Kunzt 128/Oktober 2003)

Freiheit ist durchsichtig. In großen, geschwungenen Schreibschriftbuchstaben aus transparentem Plexiglas mit eingeschlossenen Luftblasen hängt das Wort ziemlich weit oben an der Wand. Weiter unten in einem dunklen, fast blutigen Rot „Ein Herz“. Das Wort „AUF-STEHEN“ leuchtet in Druckbuchstaben in einem kräftigen Gelb, „Nette Leute“ blinkt in verspiegelter Schönschrift. An die 30 Begriffe füllen gut zwei Quadratmeter der Atelierwand. Davor steht Rupprecht Matthies, 44, renommierter Hamburger Künstler. Er hat die Worte aus den farbigen Kunststoffplatten ausgesägt, deren Reste hier überall herumstehen, aus Kisten quellen und als feiner Staub den Boden bedecken. Die Vorlagen stammen von Hinz und Kunzt-Verkäufern, es sind ihre Antworten auf die Frage „Was bedeutet Hinz & Kunzt für dich?“, aufgeschrieben in ihrer eigenen Handschrift, die Rupprecht Matthies dann vergrößert hat.

Jetzt grübelt er über die Anordnung nach. „Man könnte das als Mobile aufhängen, dann bekommt ,Ein Herz‘ auch Licht von hinten und das Rot leuchtet viel stärker.“ Welchem Wort er welche Farbe zuordnet, was wo steht, das sind Fragen, mit denen er sich lange beschäftigt. „Letztlich entscheide ich das aus dem Bauch, oft mache ich einen Begriff noch mal, wenn ich das Gefühl habe, die Farbe passt nicht.“ Wenn dann schließlich alles richtig ist, „sollte jedes Wort so isoliert stehen, dass man ganz anders darüber nachdenken kann als im Alltag, wo man Sprache ja ständig einfach irgendwie benutzt.“ „AUF-STEHEN“ beispielsweise, beschreibt Rupprecht Matthies das Ziel seiner Arbeit, erscheine ja zunächst als ein ziemlich banaler Begriff. „Doch je länger man darüber nachdenkt, desto mehr merkt man, welche Kraft, aber auch welche Anstrengung damit verbunden sein kann.“

Überall im Atelier gibt es was zu lesen: Filigrane, kaum fünf Zentimeter hohe Schriftzüge, an einem zarten Stab befestigt, stehen in den Regalen, über der Tür hängt „etwas“ in einem zarten Grau und neben dem Fenster ein großes, feuerwehrrotes „Freude“.

„Das Sammeln von Worten ist inzwischen schon so etwas wie eine Zwangshandlung“, gibt er grinsend zu, „aber manchmal reagiere ich mich damit auch ab.“ Nach einem „besonders nervigen Telefonat“ habe er beispielsweise ein Bild gemalt, auf dem „ääh“, „öh“, „hmm“ zu lesen ist.

Mit Wortspielen hat er schon früh begonnen, „wie alle Zwanzigjährigen habe ich natürlich Gedichte geschrieben.“ Später, während des Studiums an der Hamburger Kunsthochschule, machte ihm dann Freude, was anderen ein Greuel war, nämlich Titel für seine Bilder zu finden. Bald begann er mit gemalten Worten, Acrylfarbe auf Leinwand. Schließlich 1996 hatte er einen Auftrag, das Foyer eines Herstellers von Plexiglas zu gestalten. Seitdem ist das sein Lieblingsmaterial. Nicht nur für Begriffe, sondern auch für abstrakte, vielfarbige Ornamente, bei denen das Plexiglas wie eine Intarsienarbeit ineinander gelegt ist. „Mustermaster“ heißen diese Arbeiten, die anders als die Worte „einfach einen Moment einfangen, meine Stimmung in einer ganz bestimmten Situation wiedergeben – und außerdem ist es natürlich auch Resteverwertung“, ergänzt Rupprecht Matthies und ist in diesem Moment ganz Handwerker.

Im vorigen Jahr waren seine Mustermaster in der Kunsthalle zu sehen, zusammen mit Köpfen und Figuren aus Acrylglas. Diese „Minnas und Fuzzis“ sind in einem gemeinsamen Projekt mit Jugendlichen in Brandenburg entstanden, die damit ihre Plattenbau-Siedlung verschönern. In der SAGA-Siedlung Wildschwanbrook drehen sich seit 1999 auf vier Meter hohen Stelen die Wörter „alles“, „locker“ und „usw“ im Wind – „Windwörter“ taufte Matthies sein Kunstwerk. Auf dem Deichtorhallenplatz stehen seine „Sprachzylinder“, eiserne Pavillons wie man sie aus Gärten kennt. Nur dass hier statt Gitterstäben Begriffe geschmiedet wurden, für die er Passanten befragte, was der Platz ihnen bedeutet. Auch mit Flüchtlingen auf den Asylschiffen hat er schon Begriffe gesammelt.

Ganz anders als das Klischee vom einsamen Künstler in seinem Atelier nahelegt, mag Rupprecht Matthies die Zusammenarbeit mit Menschen, kann gut zuhören, wirkt ausgeglichen und freundlich. „Aber dazu brauche ich auch ab und an ein paar Tage alleine mit meiner Stichsäge und dem Plexiglas“, schränkt er ein, und wenn er male, dann müsse man auch ihn schon mal ein paar Wochen in Ruhe lassen. Zur Zeit arbeitet er in Bremen zum Thema „Verzicht“ – gemeinsam mit Jugendlichen aus dem Knast und mit zufälligen Passanten auf dem Domplatz. „Ich interessiere mich sehr für Durchlässigkeiten“, erklärt er. Das bedeutet für ihn: Gesellschaftliche Gruppen, die sonst keine Berührungspunkte haben und vielleicht auch nichts voneinander wissen wollen, erfahren über den Umweg der Kunst plötzlich etwas voneinander und stellen vielleicht sogar Gemeinsamkeiten fest. „Denn schließlich unterscheiden wir uns doch gar nicht so sehr, wir haben alle nur ein Leben, mit dem wir irgendwie klar kommen müssen, und – innerhalb eines Landes – eine gemeinsame Sprache.“

Das ist auch die Idee beim „Hinz&Kunzt-Geburtstags-Kunstwerk“: „Leute, die sonst mit Obdachlosigkeit nichts zu tun haben, stehen in einer Galerie, sehen sich die Worte an und stellen vielleicht fest, dass der Begriff ‚Nette Leute‘ auch für sie Bedeutung hat oder ihnen ‚AUF-STEHEN‘ nicht immer leicht fällt.“ Die Worte, die Matthies selbst bei dieser Arbeit am wichtigsten sind? „‚Hoffnung‘, das braucht man immer“, sagt er und lächelt, „und ‚Arroganz nicht erwünscht‘, das ist doch eine zentrale Lebensäußerung für jeden Menschen.“

Sigrun Matthiesen

Gekommen, geblieben

Der Lebenslauf einer türkischen „Gastarbeiterin“ in Hamburg

(aus Hinz&Kunzt 128/Oktober 2003)

Vor 30 Jahren kam Nermin Özdil – wie so viele Landsleute – nach Deutschland. Ursprünglich wollte sie schnell wieder in die Türkei zurück. Jetzt ist sie 60 Jahre alt, lebt mit ihrer Familie in Hamburg. Der Autor und Regisseur Michael Richter hat sie für sein Buch „gekommen und geblieben“ interviewt.

„In München holten sie uns in einen großen Raum. Jeder von uns hatte eine Startnummer bekommen, ich hatte die Nummer 311, und jetzt drückte man uns einen Zettel in die Hand, auf dem das Ziel stand, wo wir hinfahren sollten. Alle in diesem Raum waren Türken, die nach Deutschland gekommen waren, um zu arbeiten.“

Nermin Özdil erinnert sich an jedes Detail dieser Situation, die immerhin schon 30 Jahre zurück liegt. Jetzt sitzt sie gelassen in ihrer Wohnung in Altona, ihre Augen ruhen auf dem Gesprächspartner. Sie nippt an ihrem Tee und ihre volle, warme Stimme füllt den Raum. Sie hat diese Geschichte sicher schon oft erzählt, und trotzdem spürt man intensiv dieses Gemisch aus Angst, Anspannung und Vorfreude, das sie damals empfunden haben muss.

„Ich war sehr aufgeregt. Die meisten anderen meiner Landsleute waren in Gruppen zu viert oder zu fünft unterwegs. Ich war die einzige, die alleine gekommen war. Man hatte mir eine Arbeit in einem Hotel als Köchin versprochen. Aber jetzt hieß es plötzlich, es gäbe Arbeit in einer Stoßdämpferfabrik für mich – in einer Stadt in Norddeutschland, in Uelzen.“

Ein Schock für die junge Türkin, die gerade ihre ersten Stunden im fremden Land Deutschland erlebte. Sie soll nicht in einem Hotel arbeiten? Sie soll in einer Fabrik arbeiten? Alles, was man ihr in der Türkei versprochen hatte, ist auf einmal anders. Was soll sie jetzt tun – aufgeben? Umkehren? Aber Nermin Özdil ist keine Frau, die sich leicht unterkriegen lässt. Sie nimmt die Herausforderung an und setzt sich in einen Zug nach Norden.

„In meinem Abteil fand ich einen Plan, den blätterte ich durch und schaute nach dem Namen „Uelzen“. Das war das einzige, was ich verstanden hatte: Ich werde in Uelzen arbeiten. Auf dem Fahrplan stand: 9 Uhr Uelzen. Ich schlief nicht, weil ich Angst hatte, die Station zu verpassen. Ich schaute immer aus dem Fenster, achtete auf die Uhr und stieg da aus, wo der Zug um 9 Uhr hielt.“

Man schreibt das Jahr 1973, und Nermin Özdil ist 30 Jahre alt. Sie hat ihren Mann und drei Kinder vorläufig in der Türkei zurückgelassen, um voller Abenteuerlust das sagenhaft reiche Land im Norden zu erkunden. Seit 1961 besteht das Anwerbeabkommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Türkei, mit dem hunderttausende „Gastarbeiter“ für die boomende deutsche Wirtschaft angeworben werden.

In der Türkei staunt man über diejenigen, die in Deutschland arbeiten. „Eines Tages kam ein früherer Arbeitskollege meines Mannes aus Deutschland auf Urlaub nach Hause. Er kaufte sich ein Haus und heiratete. Mein Mann wunderte sich: ‚Wie kann der sich das leisten, der war doch auch nur ein kleiner Beamter wie ich?‘ Allmählich gingen immer mehr Leute aus unserer Umgebung nach Deutschland. Schließlich bat mich eine Nachbarin, die weder lesen noch schreiben konnte, sie zu der Vermittlungsstelle zu begleiten, wo man sich um Jobs in Deutschland bewerben konnte. Aber dort sagten sie, nein, für solche Leute gibt es keine Arbeit mehr. Und dann fragten sie mich: Willst du nicht nach Deutschland gehen? Wenn du als Schneiderin ausgebildet bist, findet sich immer etwas. Und drei Tage später hatte ich ein Angebot im Briefkasten.“

Dann ging alles sehr schnell. Nermin Özdil hatte immer gerne in ihrem Beruf als Hauswirtschaftslehrerin arbeiten wollen, aber ihr Mann war dagegen: „Kümmere dich lieber um die Kinder“, hatte er gemeint. Dass sie damals nach Deutschland ging, war vielleicht auch eine Möglichkeit, diesem Druck zu entkommen. Aber auch für eine abenteuerlustige Frau wie Nermin Özdil verliert das gelobte Land Deutschland schon nach wenigen Wochen den Geschmack des Paradieses.

„In der ersten Zeit wohnte ich in einem Dorf in der Nähe des Betriebs, in einem kleinen Raum mit zwei jungen Mädchen. Wir waren die einzigen Türkinnen im Ort. Eine ging frühmorgens, eine nachmittags und eine um Mitternacht in die Fabrik. Wir konnten nie zusammen zur Arbeit gehen oder zusammen nach Hause kommen. Das Zimmer war ganz einfach eingerichtet, drei Betten, das war’s. Der Herd funktionierte nicht, und wir konnten uns nicht einmal einen Tee kochen.“

Ihr Mann will eigentlich nicht nach Deutschland, und auch Nermin Özdils Schwiegermutter schreibt in einem Brief: „Weißt du nicht, wo du hingehörst? Du hast den rechten Weg noch nicht gefunden.“ Aber die junge Frau ist sich sicher, dass ihr neues Leben trotz allem besser ist als ihr altes. Sie überredet ihren Mann nachzukommen, und als er eine Arbeit findet, holen sie auch die Kinder nach. Kurz darauf wird Nermin Özdil wieder schwanger – die schwere Arbeit in der Stoßdämpferfabrik ist unerträglich. „Mein Meister lachte sich immer tot über mich. Er ließ mich stundenlang fast 50 Kilo schwere Stoßdämpfer schleppen, die ganze Schwangerschaft über. Ich bin wer weiß wie oft im Krankenhaus gewesen wegen dieser Schwerarbeit. In der Firma sagten sie, ich solle doch unter dem Tisch gebären, und lachten mich aus.“

Als Nermin Özdil endlich in den Mutterschutz geht, sucht sie sich eine neue Arbeitsstelle, wieder in einer Uelzener Fabrik. Wieder macht sie schlechte Erfahrungen, und wieder sucht sie neue Arbeit für sich und ihren Mann. Das ist in den siebziger Jahren, als in Deutschland noch Vollbeschäftigung herrscht, problemlos möglich. Schließlich zieht die Familie nach Hamburg – die besseren Arbeitsmöglichkeiten reizen sie ebenso wie die vielen Landsleute, die inzwischen hier leben. Allmählich finden sich die Özdils besser zurecht in Deutschland. Sie können einschätzen, wem sie vertrauen können.

„Ich habe nicht nur schlechte Deutsche kennen gelernt“, meint Nermin Özdil. „Eine Nachbarin, neben der wir in Altona wohnten, bot mir ein Tauschgeschäft an: ‚Frau Özdil, du kannst für uns nähen, und ich kann für dich dafür schriftliche Sachen erledigen.‘ – Sie fand für mich den Job bei Kaufhof. Sie hatte die Anzeige in der Zeitung gelesen: ‚Das ist was für dich, es ist gleich um die Ecke, dann kannst du dich mehr um deine Kinder kümmern.‘ – Sie rief für mich an und kümmerte sich um alles, das war eine große Hilfe. Zum Vorstellungsgespräch ging ich aber alleine. Der Chef wirkte sehr sympathisch, er sagte: ‚Wir haben viele türkische Kunden, da kannst du uns sicher helfen.‘“

21 Jahre lang arbeitet Nermin Özdil als Verkäuferin in der Stoffabteilung bei Kaufhof. Eine schöne Zeit, sagt sie mit Wehmut in der Stimme. Sie hatte einen Beruf, der sie ausfüllte, sah, wie ihre Kinder aufwuchsen und ihren Weg gingen, studierten und heirateten, und hatte das Gefühl, ihren Platz in Deutschland gefunden zu haben. Sie dachte, sie könnte bis zur Rente dort arbeiten, aber dann machte der Kaufhof in Altona zu, und sie wurde entlassen. Das war im Jahr 2000. Seither ist Nermin Özdil arbeitslos und wartet auf die Rente.

Das Warten fällt der resoluten Frau schwer. Es juckt sie in den Fingern, wieder zu arbeiten, obwohl ihre Gesundheit von der jahrzehntelangen Plackerei angegriffen ist. Über ihr Rentnerdasein hat sie sich noch nicht viele Gedanken gemacht: „Einerseits wäre es schön, mehr in der Türkei zu sein, aber ich will doch auch bei meinen Enkeln sein. Vielleicht pendeln wir, wie so viele, und haben so von beiden Ländern etwas.“

Hamburg ist nicht Florida!

Ein Hinz&Kunzt-Kommentar

(aus Hinz&Kunzt 128/Oktober 2003)

Da einen zahlen brav ihre Steuern, und der Rolf lässt sich in Florida die Sonne auf den Pelz brennen und wirft noch ein paar Viagra ein, um den Anforderungen des wilden Lebens durchzustehen. Bezahlen lässt er sich das auch noch vom Sozialamt, von uns allen also. Rolf hat die Gemüter ganz schön in Wallung gebracht. Klar, kann man da angesichts der leeren Kassen ins Grübeln geraten.

Aber selbst Sozialbehördensprecherin Anika Wichert sagt: „Wir haben keinen Florida-Rolf!“ Und wir können nur aus Erfahrung sagen: Der Alltag unserer Leute sieht anders aus. Hamburg ist nicht Florida. Schon gar nicht im Obdachlosenbereich.

Neulich war beispielswiese unser Verkäuferbetreuer Jürgen Jobsen mit einem Hinz & Künztler beim Landessozialamt. An einem Montag Morgen, ganz früh haben sie sich angestellt. Und wurden weggeschickt. Nicht zum ersten Mal. Begründung: Die Sachbearbeiter wären noch dabei, die Fälle, die sich seit Mittwoch aufgestaut hätten, zu bearbeiten. Wieder einmal ist der Krankenstand im Sozialamt so hoch, dass eine geregelte Arbeit gar nicht zu denken ist. Beratung? Fehlanzeige. Eine unhaltbare Situation – für die Sozialhilfeempfänger und für die Mitarbeiter. Aber symptomatisch für die vergangenen Jahre. Ob’s spürbar besser wird mit den drei neuen Mitarbeitern, die jetzt anfangen?

Die Hoffnung auf eine große baldige Veränderung ist gerade geplatzt. Denn die Stärkung der Sozialämter in den Bezirken und die Einrichtung von Fachstellen, in denen Obdachlose und solche, die es werden könnten, aus einer Hand beraten werden sollen, ist verschoben. Ein Armutszeugnis, zumal eigentlich nicht nur die Regierungsparteien, sondern auch SPD und Grüne hinter dem Konzept stehen. Gemunkelt wird schon die ganze Zeit, dass Sozialsenatorin Birgit Schnieber-Jastram (CDU) sich genauso die Zähne an der Wohnungswirtschaft ausbeißt wie ihre rote Amtsvorgängerin und wie letztendlich die gesamte Hamburger Sozialarbeit. Denn die Vermieter wollen sich nicht darauf verpflichten, genügend bezahlbaren Wohnraum für Obdachlose bereitzustellen.

Derweil fallen immer mehr Leute aus dem sozialen Netz. Bei der diesjährigen Besucher-Befragung in der Tagesaufenthaltsstätte Herz As kam heraus, dass inzwischen 15 Prozent der Besucher (2002: 10 Prozent) keinerlei Einkünfte mehr haben. Das heißt: Sie beziehen weder Stütze, Arbeitslosengeld noch Rente.

Vermutlich wird diese Zahl noch ansteigen. Die Sozialbehörde will jetzt flächendeckend denen die Stütze kürzen oder streichen, die keine – wie auch immer geartetet Arbeit – annehmen oder sich selbst nicht genug kümmern. Und das, ohne die Betroffenen vorher an soziale Jobagenturen zu überweise. Und das, obwohl die Sachbearbeiter kaum in der Lage sind, ihre Klienten zu beraten.

Die Schillianer wollen noch nachlegen und Kontrolleure zu allen Sozialhilfeempfänger schicken. Peter Schröder-Reineke (Diakonisches Werk) „regt das richtig auf“. „Wir haben eine Missbrauchsquote von zwei Prozent, da sind die Kontrolleure zig mal teurer als das, was durch ihre Arbeit eingespart wird.“ Viel gravierender findet er den Missbrauch, der durch die Ämter passiert. „Einer Menge Menschen werden ihre Rechte vorenthalten.“

Auch das Winternotprogramm mit rund 200 Schlafplätzen zusätzlich wird abgespeckt. Es läuft jetzt vier Wochen vorher aus zum 31. März. Fast sah es so aus, als würde es die Containerplätze bei den Kirchengemeinden nicht mehr geben. Das konnte abgebogen werden. Aber die Betreuungspauschale wird drastisch gekürzt.

Etwas Positives gibt es allerdings: Die Sozialbehörde will auch den Stützeempfänger Miete und Krankenversicherung weiter bezahlen, denen zeitweise die Hilfe gestrichen wurde. „Wir wollen nicht, dass noch mehr Menschen obdachlos werden“, sagt Behördensprecherin Annika Wichert. „Vor allem wenn Kinder im Spiel sind.“

Birgit Müller

Nr. 7: Mehr Sozialwohnungen

Zehn Jahre Hinz&Kunzt – zehn Geburtstags-Forderungen

(aus Hinz&Kunzt 128/Oktober 2003)

Darum geht es:

Wer wenig verdient, hat Anspruch auf eine Sozialwohnung. Sie wird mit öffentlichen Mitteln gefördert, dafür ist die Miete nicht so hoch wie auf dem freien Markt. Doch die Zahl der Sozialwohnungen in Hamburg geht erheblich zurück. Verlierer sind Menschen mit geringem Einkommen, die keinen bezahlbaren Wohnraum mehr finden.

Der Hintergrund:

Wer eine öffentlich geförderte Wohnung bezieht, zahlt im Schnitt 5,12 Euro pro Quadratmeter. Fast den gleichen Betrag – 4,95 Euro – gab die öffentliche Hand im vergangenen Jahr als Subvention dazu. Für viele ist das die einzige Chance, an eine Unterkunft zu kommen – Wohnungen auf dem freien Markt sind teurer. Das beweist ein Blick in den Mietenspiegel, der für neue Wohnungen je nach Größe und Lage unterschiedliche Mittelwerte ausweist, der günstigste liegt bei 7,67.

Eine Sozialwohnung bekommt nur, wer höchstens 14.400 Euro pro Jahr verdient (für Mehrpersonenhaushalte liegen die Grenzen höher). Das Bezirksamt stellt dann einen Wohnberechtigungsschein aus. Ihn könnten nach Angaben der Baubehörde rund 350.000 Haushalte in Hamburg beanspruchen, also mehr als jeder dritte.

Doch das Angebot an Sozialwohnungen schrumpft. In den vergangenen zwei Jahrzehnten verschwand etwa die Hälfte. So gab es Anfang der achtziger Jahre mehr als 300.000 Sozialwohnungen, 1990 waren es 265.500, Ende 2002 exakt 152.198.

Und so wird es weitergehen: Bis 2012 fallen weitere 54.590 Sozialwohnungen weg, weil die Bauherren die Kredite zurückgezahlt haben und dann nicht mehr an Mietobergrenzen und eine bestimmte Belegung gebunden sind. Derzeit gehören 45 Prozent der Wohnungen dem städtischen Unternehmen SAGA/GWG, 30 Prozent sind in der Hand von Genossenschaften.

Nach Schätzung des Hamburger Mietervereins müssten jährlich 6.000 öffentlich geförderte Mietwohnungen neu entstehen, um eine „Wohnungskatastrophe“ zu verhindern. Die Wirklichkeit sieht anders aus: Der rot-grüne Senat hatte für 2002 den Bau von 2.400 Sozialwohnungen angekündigt, der CDU-geführte Senat reduzierte das Programm auf 1.800.

Finden also Einkommensschwache künftig keine bezahlbaren Wohnungen mehr? Bausenator Mario Mettbach (Schill-Partei) wiegelt ab. Diese Befürchtung „findet in der Realität keine Grundlage“, heißt es in der Antwort auf eine Bürgerschaftsanfrage. Es gebe „weiterhin einen umfangreichen Bestand an gebundenen Sozialwohnungen“, zudem würden SAGA/GWG auch preisgünstige Wohnungen ohne Bindung anbieten. Doch im selben Papier räumt die Behörde ein, dass selbst Suchende mit Dringlichkeitsschein Mühe haben: 2002 bekam nur jeder Dritte eine Wohnung.

Verschärfend kommt hinzu: Der Senat reduziert die Zahl der Sozialwohnungen nicht deshalb, weil er von weniger Einwohnern ausgeht. Im Gegenteil: Bürgermeister Ole von Beust strebt eine „Wachsende Stadt“ an. Derzeit leben in Hamburg rund 1,7 Millionen Menschen, später könnten es bis zu zwei Millionen sein. Nur bezahlbarer Wohnraum, der soll offenbar nicht zunehmen.

Da hilft auch der Hinweis des Bausenators nicht, Hamburg habe neben Berlin das günstigste Mietpreisniveau unter den deutschen Großstädten. Das stimmt zwar, erläutert Städteplaner Dirk Schubert von der TU Hamburg-Harburg. Doch es sei gerade deswegen günstig, weil der Bestand an „mietpreisdämpfenden“ Sozialwohnungen höher sei als in München oder Stuttgart. Folge: Sinkt der Anteil der günstigen Sozialwohnungen, wird tendenziell auch in Hamburg die durchschnittliche Miete steigen.

Das wiederum bekommt auch die öffentliche Hand zu spüren: Sie muss mehr ausgeben für Wohngeld und für Mietzuschüsse zur Sozialhilfe. Dennoch kann die Stadt hier kühl rechnen: Maximal ein Viertel der Haushalte in Sozialwohnungen bezieht Sozialhilfe oder Wohngeld. Das bedeutet: Wird Wohnraum teurer, bleibt das zum größten Teil an den privaten Mietern hängen.

123 Millionen Euro gibt Hamburg in diesem Jahr für das gesamte Wohnungsbauprogramm aus, mit dem neben Mietwohnungen auch Eigenheime gefördert werden. Wenn die Stadt nun die Bauförderung zurückfährt, könnte sie zum Ausgleich zumindest für bestehende Wohnungen eine „Belegungsbindung“ erwerben. Doch in jedem Fall ist klar: Der Senat muss mehr Geld in die Hand nehmen.

Wie machen es andere:

Sozialer Wohnungsbau geht bundesweit zurück. Er ist aber auch nicht überall in gleichem Maße nötig. In Ostdeutschland zum Beispiel gehen Mieten zurück, viele Wohnungen stehen leer. Hier muss nicht in Neubau investiert werden.

In Großstädten sind Sozialwohnungen nach wie vor nötig. Ein extremes Beispiel liefert London. Hier stiegen die Mieten so stark, dass die Stadt mittlerweile ein Wohnungsprogramm mit Kontingenten für „key workers“ aufgelegt hat – um Arbeitskräfte aus Schlüsselbranchen, etwa Krankenschwestern oder Busfahrer, die wegen der hohen Mieten weggezogen waren, in die Stadt zurückzuholen.

So müsste es laufen:

Mehr Sozialwohnungen bauen! Der Stadtstaat Hamburg muss die Förderung für Neubau und Modernisierung von Wohnraum erheblich ausweiten.

Detlev Brockes

Nieren gegen Dollars

Moldawien: Aus Armut verkaufen Menschen ihre Organe

(aus Hinz&Kunzt 128/Oktober 2003)

Der Weg zu Andrei und Angela, die ihren Nachnamen nicht nennen wollen, führt hügelaufwärts über eine knöcheltiefe Schlammpiste. Es hat tagelang geregnet in Mingir, einem moldawischen Dorf nahe der rumänischen Grenze, in dem die Bewohner ihr Wasser noch aus Brunnen schöpfen. Ein Auto würde im Schlamm stecken bleiben, ich versuche den Anstieg zu Fuß, rutschend, mehrfach kurz vorm Fallen. Als ich nach 20 Minuten vor dem Haus der Familie stehe, hängen Klumpen von Matsch an meinen Schuhen, die Hosenbeine sind verdreckt. Andrej, erfahre ich später, macht den Weg hinunter ins Dorf derzeit viermal täglich. Morgens trägt er erst seinen Ältesten, Ion, auf den Schultern zur Schule, dann Vasile, den Jüngeren. Mittags holt er die beiden Söhne auf dieselbe Weise wieder ab.

Andrei und Angela geht es für moldawische Verhältnisse einigermaßen gut. Im ärmsten Staat Europas verdienen die Menschen im Schnitt umgerechnet nur 30 Dollar pro Monat, heißt es in einem Bericht über Organhandel für den Europarat, der im Sommer erschienen ist. Mehr als die Hälfte der Moldawier sind arbeitslos. Auch die Eheleute Andrei und Angela beziehen kein geregeltes Einkommen, aber sie können sich und ihre Kinder versorgen. Zum Beispiel besitzen sie ein Stück Land, auf dem sie Gemüse für die Familie anbauen und Wein, den sie verkaufen. Sie halten Hühner und Gänse, die sie selbst essen, aber auch auf dem Markt anbieten. Und sie handeln mit Fisch: Für 8 Lai bekommen sie am Zuchtteich im Dorf ein Kilo, das sie in der Bezirkshauptstadt für 10 Lai verkaufen, macht 2 Lai Verdienst – der Betrag ist so gering, dass man ihn in Euro-Cent nicht ausdrücken kann.

Die Kuh, die ihnen Milch für die Kinder liefert, hätten sie sich von ihren gelegentlichen Einnahmen allerdings nicht leisten können. Ebenso wenig die dringend nötigen Reparaturen am Haus, das Andrei von seinen Eltern geerbt hat. Deshalb entschloss sich Angela vor vier Jahren zu einem riskanten Schritt. Sie wollte ihre Niere verkaufen, wie gut ein Dutzend anderer Bewohner von Mingir auch. Eine Nachbarin, die das Geschäft schon getätigt hatte, bot sich als Vermittlerin an. Die Operation sollte in der Türkei stattfinden, das sich im vergangenen Jahrzehnt zu einem Umschlagplatz für Nieren entwickelt hat. Es ist nicht der einzige. Obwohl Organhandel international geächtet und in den meisten Ländern verboten ist, hat sich weltweit ein Schwarzmarkt etabliert. Wohlhabende Dialyse-Patienten reisen um den halben Erdball, um eine Niere zu kaufen – was ihnen zu Hause bei Strafe verwehrt ist.

Alles war vorbereitet, die Papiere lagen bereit. Doch dann wurde Angela schwanger. Sie bat die Brokerin um Geld für eine Abtreibung, vergebens: Der Eingriff würde sie zu sehr schwächen, und man wolle kein Risiko für den Nierenkäufer, bekam sie zur Antwort. Doch die Familie brauchte Geld, jetzt war das dritte Kind unterwegs. Also beschloss Andrei, anstelle seiner Frau eine Niere zu verkaufen. Im Sommer 1999 brach er auf, zusammen mit zwei anderen Dorfbewohnern. Über die Ukraine reisten sie nach Istanbul. Dort musste er zu medizinischen Tests in eine Klinik, dann wurde er operiert.

Angst? Andrei lacht verlegen. Nein, er habe keine Angst gehabt. Fast scheint es, als habe er die Zeit im Krankenhaus sogar genossen: Er bekam gutes Essen und Medikamente gegen die Schmerzen; es gab warmes Wasser zum Waschen und eine richtige Toilette; sogar einen Fernseher hatte er auf dem Zimmer. Mit 2900 Dollar in der Tasche reiste Andrei nach acht Tagen zurück, im Bus, die Fahrt dauerte mehr als 20 Stunden.

Einen Arzt hat er seit der Operation nicht mehr gesehen. Dabei sind in Deutschland für Nierenspender lebenslange medizinische Kontrollen gesetzlich vorgeschrieben. Falls sich dabei zeigt, dass die übrige Niere erkranken könnte, lässt sich mit Medikamenten gegensteuern und so verhindern, dass der Spender eines Tages selbst die künstliche Blutwäsche benötigt. Sollte Andrei irgendwann Probleme mit seiner einen Niere bekommen, sieht es schlecht für ihn aus. Medikamente kann er sich nicht leisten, die Möglichkeit der künstlichen Blutwäsche gibt es nicht in seinem Dorf. Das Geld für seine Niere ist längst ausgegeben, und Angela denkt wieder darüber nach, wie sie dazuverdienen könnte. Ihr neuer Plan: Sie könnte nach Italien gehen und dort als Haushaltshilfe arbeiten. Laut der Internationalen Organisation für Migration arbeiten bis zu einer Million der 4,3 Millionen Moldawier inzwischen im Ausland, die Überweisungen an die Familien zuhause machen mehr als die Hälfte des Bruttoinlandprodukts aus. Manche Frau, die sich auf eine Anzeige meldet, findet sich allerdings in der Prostitution wieder.

Oft sind es so genannte verwundbare Familien, aus denen die Opfer des internationalen Frauenhandels stammen, berichten Sozialarbeiter in der moldawischen Hauptstadt Chisinau. Das gilt auch für Organgeschäfte. Nach Angaben der moldawischen Journalistin Alina Radu, die in mühsamer Recherche mehr als 30 Fälle von Organhandel in ihrem Land aufdeckte, benötigen die meisten Spender psychologische und soziale Unterstzützung. Wie zum Beispiel Mihail Istrati aus dem Dorf Susleny nördlich von Chisinau. Geld verdient er nur gelegentlich, wenn er Nachbarn bei der Ernte hilft oder im Herbst die Walnüsse in seinem Garten sammelt und zum Markt trägt. Dennoch sagt Istrati, es habe keinen rechten Grund gegeben, warum er vor vier Jahren seine Niere verkaufte.

Natürlich brauchte er Geld, aber das war nicht entscheidend. Er ließ sich beschwatzen, von einem Kumpel aus dem Dorf, der seine eigene Niere verkauft hatte. Istrati ist Waise. Er wünscht sich heute, er hätte Eltern gehabt, die ihn beschützt hätten. Er ist sich sicher: Dann wäre er nicht auf das Angebot eingegangen.

Anders als Andrei und Angela wusste Mihail Istrati mit den 3000 Dollar für seine Niere nichts anzufangen. 400 Dollar nahm ihm allein der Organ-Broker im Dorf ab. Dann waren da noch Freunde und Verwandte, die ihren Teil von seinem plötzlichen Reichtum abhaben wollten. Den Rest gab er für Kleidung und Essen aus und für Decken, die er seiner über 90-jährigen Großmutter schenkte. Dem 29-Jährigen blieben nur ein neuer Fernseher und die 25 Zentimeter lange Narbe als Erinnerung an die Operation.

Istrati hat den Empfänger seiner Niere nicht kennengelernt, nur einmal kurz gesehen, auf dem Krankenhausflur: einen übergewichtigen Mann mit weißem Haar, schätzungsweise 60 Jahre alt. Der Patient war Israeli, sie konnten nicht miteinander reden. Von einer Krankenschwester erfuhr Istrati, dass der Mann sich das Leben mit der neuen Niere einiges hatte kosten lassen: rund 100.000 Dollar, der übliche Tarif für eine illegale Transplantation in der Türkei. Dass er selbst nur einen Bruchteil der Summe bekam, empörte ihn, aber er wagte nicht zu protestieren. Am Ende wäre er womöglich ganz leer ausgegangen.

Istrati ist ein schüchterner Mann. Zudem hatte ihm der örtliche Broker eingeschärft, er dürfe nicht von seinen Erfahrungen reden. Doch im Sommer reiste Istrati auf Einladung des Europarats nach Straßburg, um vor einer Kommission der parlamentarischen Versammlung zu berichten. Den Kontakt vermittelte die Journalistin Alina Radu. „Ich möchte, dass sich niemand mehr überreden lässt, ein Organ herzugeben, um Geld zu verdienen“, erklärte Istrati den Parlamentariern. „Ich fühlte mich schrecklich ausgenutzt.“

Martina Keller