Bulgarische Familie Nikolov : Ankommen auf Raten

Seit ihrer Ankunft in Hamburg vor zwei Jahren haben die Nikolovs einiges durchgemacht. Hinz&Kunzt hatte die bulgarische Familie damals auf ihrer Platte unter der Kennedy-Brücke getroffen. Inzwischen lebt sie in Volksdorf. Ein Besuch in ihrer Kirchenkate.

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Die Nikolovs in ihrer Volksdorfer Kirchenkate.

„Meine Freundinnen heißen Maxima, Lotte und Nele“, zählt Katerina ganz ernsthaft auf. „Und wir haben auf dem Kindergeburtstag eine Hello-Kitty-Torte gegessen“, fügt die Vorschülerin sichtlich stolz hinzu. Auch ihr größerer Bruder Ivan, 7, hat Freunde in der Schule gefunden: „Martin und Ida. Manchmal spielen wir Fußball zusammen.“ Katerina und Ivan sind angekommen. Dabei leben die beiden Kinder, ihre Großeltern und Eltern nicht mal zwei Jahre hier.

Wir sind zu Besuch bei den Nikolovs: Außer den Kindern sind da noch ihre Eltern, Mutter Ilinka und Vater Gheorghi, außerdem Opa Gheorghi und Oma Katerina, die beide noch nicht einmal 50 Jahre alt sind. Obdachlose hatten Hinz&Kunzt im Sommer 2013 auf die Familie aufmerksam gemacht, die in Zelten unter der Kennedybrücke lebte. „Ihr müsst denen helfen“, sagten sie. „Da sind Kinder im Spiel.“

Die Familie hatte großes Glück: Hinz&Kunzt-Sozialarbeiter Stephan Karrenbauer hatte gerade erfahren, dass in der Kirchengemeinde Volksdorf eine Kirchenkate frei war und vermittelte die Familie dorthin. Seitdem kommt er regelmäßig vorbei und hilft, wo er kann.

18 Quadratmeter misst eine Kate, inklusive Toilette und Miniküche. Das wäre genug Platz für einen einzelnen Obdachlosen. Aber am Anfang haben sie hier alle sechs gewohnt. „Wir Eltern und Großeltern haben uns zum Schlafen in Schichten abgewechselt“, erklärt Ilinka. Die Großeltern gingen nachts Flaschen sammeln, tagsüber schliefen sie. Die Eltern gingen abends mit den Kindern ins Bett, machten morgens für Katerina und Gheorghi Platz. Dann bekamen sie zum Glück eine zweite Kirchenkate, direkt nebenan. Seitdem können alle zumindest nachts wieder schlafen, auf einem Bett und dünnen Matratzen am Boden, die tagsüber gestapelt werden, damit man das Zimmer überhaupt betreten kann. Einen Tisch oder Stuhl gibt es nicht. Dafür ist gar kein Platz. Zum Gespräch quetschen wir uns aufs Bett.

Die Enge macht sie manchmal fertig. „Aber alles besser als in Bulgarien“, erzählt Ilinka. Wenn sie dort mal Arbeit hatten, gab es für einen ganzen Tag ­Arbeit umgerechnet 7,15 Euro. Die ­Lebenshaltungskosten liegen zwar etwa 20 Prozent unter denen in Deutschland, aber „damit du kannst nicht leben!“, sagt Ilinka. Und sie beschreibt, in welcher Zwickmühle sie immer war. „Entweder Essen kaufen oder Klamotten oder Schuhe oder Schule.“ Ohne Essen kannst du nicht existieren, ohne Schuhe die Kinder nicht in die Schule schicken.

„Uns hatte jemand Arbeit versprochen“

Im Juli 2013 war die Familie deshalb mit einem klapprigen Kleinbus aus Bulgarien nach Hamburg gekommen. „Uns hatte jemand Arbeit versprochen“, sagt Opa Gheorghi, der immer als Dachdecker gearbeitet hat. Aber hier angekommen, gab es nichts. Die Kennedybrücke war ein Tiefpunkt. Aber zurück wollten sie nicht. Denn in Deutschland hatten sie wenigstens eins: Hoffnung auf Arbeit.

Ilinka sieht die Entwicklung positiv. „Endlich fühlen sich meine Kinder wohl. Das hat lange gedauert. Vor allem Ivan hat so viel geweint.“ Deswegen würde sie am liebsten in Volksdorf und Umgebung bleiben. „Jetzt geht es ihm viel besser“, sagt Ilinka. Schüchtern lächelt der Junge mit breiter Zahnlücke.

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2013 lebten die Nikolovs in einem Zelt unter der Kennedy-Brücke.

Dass sich die Kinder so gut eingelebt haben, liegt sicher auch an Christa, einer resoluten, freundlichen Frau aus Rahlstedt. Sie hat die Geschichte der Familie in Hinz&Kunzt und in der Mopo verfolgt und wollte helfen. „Ich wusste erst nicht wie“, sagt sie. „Als die Familie dann in meiner Nähe landete, hab ich mir ein Herz gefasst und bin einfach hingegangen.“ Mindestens ein Mal in der Woche unternimmt sie etwas mit Katerina und Ivan, besucht mit ihnen den Tierpark, den Hafen. Neulich war sie mit den beiden sogar im Kino: „Shaun das Schaf“, sagt Ilinka und strahlt. Ihre Kinder waren so glücklich, als sie abends von dem Ausflug zurückkamen. Kein Wunder, dass die ganze Familie von „unserer Christa“ spricht.

Auch die Kirche hilft. Zur Einschulung bekam Ivan einen vollgepackten Ranzen und Katerina für die Vorschule einen Rucksack geschenkt. Und die Schulsekretärin besorgte an Fasching ­sogar Kostüme für die Kinder.

Ilinka war bislang die Hauptverdienerin in der Familie. Sie hat eine Putzstelle bei Airbus in Finkenwerder, „mit Vertrag und Versicherung“. Sie steht ­jeden Tag um 5 Uhr auf, nimmt die ­S-Bahn um 6 Uhr und beginnt um
8 Uhr ihre Schicht. Gegen 15.30 Uhr ist sie wieder zu Hause. 4 Stunden Fahrzeit für 4 Stunden Arbeit. Von diesem Job lebte zeitweilig die ganze Familie. „Früher konnte ich meinen Kindern nix kaufen, jetzt manchmal“, sagt Ilinka. Dann wurde die 25-Jährige wieder schwanger. Für sie selbst war das ein Schock. Zeitweise hatte sie Angst, das alles nicht zu schaffen. Und sie hatte Angst, ihre Arbeit zu verlieren. „Aber mein Chef hat mir versprochen, dass ich wiederkommen kann, wenn das Baby da ist“, sagt sie. Ihrem Mann und ihrem Vater macht es richtig zu schaffen, dass sie immer noch keinen Job haben. Anspruch auf Sozialleistungen hat die Familie nicht. Aber das will sie auch gar nicht. „Wir wollen selbst klarkommen“, macht Opa Gheorghi deutlich.

Dabei waren Opa Gheorghi und Oma Katerina so nah dran an einer ­festen Arbeit! Sechs Monate arbeiteten die Großeltern im vergangenen Jahr auf einem Campingplatz in Mecklenburg. Der Besitzer hatte versprochen, sie anzumelden und zu versichern. „Hat er aber nicht“, erzählt Sozialarbeiter Stephan Karrenbauer. Und jetzt? Das Problem bei der Arbeitssuche sind auch die fehlenden Deutschkenntnisse. Es ist nicht leicht für sie, eine neue Sprache zu lernen. Opa Gheorghi ist der Einzige in der Familie, der acht Jahre zur Schule gegangen ist. Aber er ist überzeugt: Hätte er einen Job, würde er schnell Deutsch lernen. Schließlich kann er schon drei Sprachen: Bulgarisch, Romani und etwas Türkisch.

Seine Frau Katerina war niemals in der Schule und kann nicht lesen und schreiben, „bei ihr bleiben die Wörter einfach nicht im Kopf“, wie Ilinka es ausdrückt. Ilinka ist richtig sauer, dass sie in Bulgarien nur ein Jahr zur Schule gehen durfte. Was hätte aus ihr alles werden können! Sie spricht mittlerweile sehr gut Deutsch, was an ihrem aufgeschlossenen Naturell, ihrem Ehrgeiz und an einem Volkshochschulkurs liegt, den sie zwei Mal in der Woche besucht. Nur die kleine Katerina ist immer noch nicht zufrieden mit ihr: „Mama, du machst zu viele Fehler. Dein Deutsch ist nicht so gut“, kritisiert sie ihre Mutter.

„Die Familie braucht dringend alle Wohnung“

Die Kinder haben noch nicht mal mehr einen Akzent. Katerina will noch mehr lernen in der Schule, das sagt sie immer wieder. Aber die Kinder haben nicht mal einen Platz, an dem sie Schularbeiten machen können. „Die Familie braucht dringend eine Wohnung“, sagt Stephan Karrenbauer. Er wundert sich sowieso, „wie sie alle es schaffen, trotz der Enge noch so herzlich zueinander zu sein.“ Unbedingt, findet er, müssen sie alle zusammenbleiben. „Dann könnte Katerina auf die Kinder aufpassen, wenn die anderen arbeiten“, sagt Stephan, der selbst Familienvater ist. „Und die Kinder hätten eine Chance wie andere Schulkinder.“

Ilinka ist zuversichtlich. Es hat sich wirklich schon viel getan in den vergangenen Monaten. Und es wird sich noch mehr tun, davon ist sie überzeugt. „Als ich nach Deutschland kam, hab ich gedacht, alles muss schnell, schnell gehen“, sagt die 25-Jährige und klingt wie eine Alte. „Jetzt weiß ich: langsam, langsam. Das kommt.“ Und tatsächlich: Kurz nach unserem Besuch bekommt Opa Gheorghi eine Chance: Er soll auf einer Baustelle probearbeiten. Wenn er den Job kriegt, dann, so wurde ihm versprochen, ist es „ein richtiger“. Gheorghi lässt die Worte richtig auf der Zunge zergehen, als er sagt: „mit Vertrag!“

Text: Sabine Cole (ADC)
Fotos: Kai-Uwe Gundlach (ADC), Benjamin Laufer (H&K)

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