Ideen für Obdachlose : And the Winner is…

Schick doch eine Idee, die Obdachlosen das Überleben erleichtern könnte. So bat der Art Directors Club für Deutschland in der Mai-Ausgabe. 42 Leser sind der Aufforderung gefolgt.

(aus Hinz&Kunzt 269/Juli 2015)

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Die Jury: Annette Woywode, Jens Ade, Frank „Spinne“ Nawatzki, Stephan Karrenbauer, Verkäufer Klaus und Isabel Schwartau (von links). Nicht im Bild: Klaus Gräff vom ADC.

„Dit is juut!“, sagt Spinne und nickt. Und Klaus findet: „Des passt.“ Auch der Rest der Jury aus Vertretern des Art Directors Club (ADC) für Deutschland, aus Hinz&Kunzt-Verkäufern und -Teammitgliedern ist sich einig: Die Idee, Obdachlose als Hundesitter zu beschäftigen, ist unser Favorit.

Jury? Hundesitter? Ein Rückblick: In unserer Mai-Ausgabe hatte der ADC elf Ideen präsentiert, die Obdachlosen das Überleben erleichtern könnten. „Lieber Firmenchef, lieber Mäzen und liebe Idealisten dieser Stadt“, schrieb der Club, „Bitte nimm dir einen Vorschlag und sorge dafür, dass er umgesetzt wird.“ Gleichzeitig sollten die Leser weitere „Ideen zum Geben und Nehmen“ an Hinz&Kunzt schicken. Über diesen Leservorschlägen brüten wir nun: 42 Einsendungen, eine besser als die andere. Da gilt es, harte Bewertungskriterien anzulegen, um den „Gewinner“ herauszufiltern. Schließlich soll der im nächsten Jahrbuch des ADC verewigt werden.

Die Fragen lauten also: „Ist die Idee neu?“, „Ist sie für Obdachlose geeignet?“ und „Ist unser Votum einstimmig?“ Der Hundesitter – übrigens von zwei Lesern vorgeschlagen – erfüllt alle drei Kriterien. Viele Obdachlose besitzen einen Hund und gehen vorbildlich mit ihm um. Das bestätigt sogar der Diensthunde-Ausbilder der Hamburger Polizei, Kai Rottmann: „Die Hunde der Obdachlosen sind in der Regel gut erzogen und sozialisiert. Wenn alle Halter so ein Verhältnis zu ihren Hunden hätten, wären wir weiter“, sagt er.

Warum also sollten Obdachlose nicht als Hundesitter arbeiten? Einzige Bedingung: „Sie dürfen keine Gratisarbeiter sein“, so Hinz&Künztler Klaus. „Auch da muss Mindestlohn gelten.“ Bei anderen Vorschlägen gibt es längere Diskussionen.

Nur zwei Beispiele, um zu zeigen, warum viele großartige Ideen nicht auf dem Spitzenplatz landen: Ein T-Shirt, versehen mit der Hamburg-Skyline und dem Aufdruck „Obdachlos, suche Bleibe“ stößt auf ein geteiltes Echo: „Wenn ich eine Wohnung suche, muss ich kreativ sein und darauf aufmerksam machen“, lobt Hinz&Kunzt-Sozialarbeiter Stephan Karrenbauer den Einfall. Klaus dagegen meint: „Schon wenn ich mit der Hinz&Kunzt-Verkäuferweste in einen Laden komme, wo man mich nicht kennt, spüre ich Ablehnung. Wie soll das erst mit so einem T-Shirt sein?“

Ähnliche Sorgen bereitet dem Hinz&Künztler die Idee, Waschkeller oder -center für Obdachlose zu öffnen, damit sie kostenlos ihre Wäsche reinigen können: „Wenn dann irgendjemandem ein BH oder Pulli fehlt, wird sofort der Obdachlose verdächtigt, geklaut zu haben“, glaubt Klaus. Stephan Karenbauer dagegen ist begeistert: Schließlich sei der Andrang auf die wenigen Waschmaschinen in den Hilfseinrichtungen so groß, dass Pläne erstellt werden müssen, wer wann waschen darf.

Richtig goldig ist der folgende Vorschlag: „Ich finde, die Bushaltestellen sollen bekweme Bänke bekommen. Damit müde Obdachlose in der Not schlafen können und nicht runter rutschen“, schreibt die erst acht Jahre alte Einsenderin. „Diese Idee berührt uns besonders, da sich ein Kind Gedanken über das Leben von Obdachlosen gemacht hat“, sagt Klaus Gräff, Geschäftsführender Vorstand des ADC – und schreibt prompt einen Brief an den HVV mit der Bitte, Möglichkeiten der Umsetzung zu prüfen. Auf die Antwort des HVV warten wir noch – so wie auf weitere Reaktionen von „Firmenchefs, Mäzenen und Idealisten“, die sich einer der elf Ideen des Clubs annehmen.

Immerhin: Zwei Vorschläge haben potenzielle Abnehmer gefunden. André Bujok und seine Kollegen vom Deutschen Erfinderverband liebäugeln mit der Umsetzung von Idee Nummer 10, dem Einkaufswagen-Bett, oder Nummer 7, dem Duschbus. Besonders Letzteres wäre großartig, denn ähnlich wie beim Wäschewaschen gibt es viel zu wenige Duschmöglichkeiten für Obdachlose. Nur 20 Duschen gibt es in Hamburger Hilfseinrichtungen. Bei geschätzt 2000 Menschen, die hier auf der Straße leben, heißt das rechnerisch: Nur alle drei Wochen kann sich ein Obdachloser unter die Brause stellen.

Idee Nummer 4, das Gratis-Schließfach, bekommt Unterstützung von ganz oben: Anfang Mai ließ Sozialsenator Detlef Scheele seinen Pressesprecher twittern: „Das machen wir.“ Inzwischen ist die Euphorie gedämpft: „Wir haben zunächst mit der Bahnhofsmission und anderen Akteuren gesprochen, um den Bedarf und die Realisierungschancen auszuloten“, so Behördensprecher Marcel Schweitzer. Doch es gäbe unterschiedliche Meinungen zu dem Vorschlag, weshalb die Gespräche andauern. Schweitzer: „Wir werden sehen, ob sich die Idee am Bahnhof oder an einem anderen Ort umsetzen lässt. Wir bleiben dran.“ Das wäre schön.

Text: Annette Woywode
Foto: Dmitrij Leltschuk

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