Winternotprogramm :
850 Schlafplätze für Obdachlose

Die Stadt legt mit 850 Plätzen das bisher größte Winternotprogramm auf: Zwei Schulen und ein Containerdorf werden für Obdachlose hergerichtet, dazu noch mindestens 104 Containerplätze bei Kirchengemeinden. Für die Organisation ist Detlev Schrage zuständig.  

(aus Hinz&Kunzt 261/November 2014)

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Der Verwaltungswirt Detlev Schrage ist in der Sozialbehörde jetzt zuständig für die Organisation des Winternotprogramms.

Bis vor Kurzem hat er noch die parlamentarischen Anfragen für den Staatsrat beantwortet, davor hat er 13 Jahre lang in der Arbeitsagentur Mitte beraten und vermittelt. „Auch viele Obdachlose.“ Jetzt ist Detlev Schrage der neue Mann in der Sozialbehörde für das Winternotprogramm (WNP).

Angesichts knapper Kassen und Flächen und des großen Andrangs sicher kein leichter Job. Warum er ihn trotzdem wollte? „Man hat viel mit Menschen zu tun, man kann rausgehen, ist vor Ort“, sagt der 49-jährige Verwaltungswirt. „Und ich bin trotz meines Alters noch Idealist. Ich hoffe, noch etwas verändern und bewegen zu können und das auch zugunsten der betroffenen Menschen.“

Was er vorzuweisen hat, ist beachtlich: Das Winternotprogramm, das am 1. November startet und im April endet,  ist das größte, das Hamburg je aufgelegt hat. Insgesamt umfasst es 850 Plätze: Die beiden ehemaligen Schulen in der Hammer Straße (270 Plätze) und in der Weddestraße (226 Plätze) werden wieder geöffnet. Anstelle des Hochhauses an der Spaldingstraße, das wegen Baufälligkeit geschlossen wurde, wird in der Amsinckstraße/Grüner Deich ein Containerdorf für 250 Obdachlose entstehen. Hinzu kommen noch mindestens 104 Containerplätze bei Kirchengemeinden. Und das Notasyl Pik As wird erstmalig gar nicht mitgezählt. Kosten: voraussichtlich 1,6 Millionen Euro. Dass die Bettenzahl erhöht werden muss, ist eine logische Konsequenz davon, dass seit Jahren viel zu wenige Obdachlose in Folgeunterkünfte geschweige denn in Wohnungen vermittelt werden (dazu auch Seite 32). Wenn das so weitergeht, brauchen wir nächstes Jahr 1000 Winterschlafplätze.

Als Zentrale Anlaufstelle gilt zumindest in den ersten Wochen die Schule Hammer Straße. In beiden Schulen gibt es wieder Saalbelegung mit bis zu 15 oder 20 Menschen. „Es ist ein Erfrierungsschutz, kein Hotel“, sagt Schrage dazu. Eine Saalbelegung aber lehnt Hinz&Kunzt  grundsätzlich ab. Weil man dort nicht zur Ruhe kommen kann. Weil es deshalb Stress mit den Bettnachbarn gibt. Weil es schneller zu Auseinandersetzungen und Gewalt kommt. Die Behörde sieht das Problem. In beiden Schulen werden zusätzlich kleinere Räume als Vierbett-Zimmer genutzt, hauptsächlich für die Unterbringung von Paaren, Frauen, von Menschen mit psychischen Problemen, so Schrage. „Das soll auch deeskalierend wirken.“

Bedauerlich ist, dass das Winternotprogramm ohne das Containerdorf mit 250 Plätzen an der Amsinckstraße/Grüner Deich beginnt. Schon seit Sommer ist der Standort klar, aber der Vertrag mit den Noch-Pächtern läuft erst Ende des Jahres aus. Inzwischen ist klar, dass die 80 Container schon vor Weihnachten aufgebaut werden dürfen.

Zwei gute Nachrichten: Die Standards, die in den vergangenen Jahren deutlich gesunken waren, werden hier wieder verbessert: „Nur“ bis zu drei Menschen sollen sich einen Container teilen. Und: „Dieser Standort ist für drei Winter gesichert“, sagt Schrage.

Es bleiben Baustellen. Eine davon: Die Obdachlosen müssen morgens um 8.30 Uhr raus und dürfen erst um 17 Uhr wiederkommen. Das bedeutet: Alle versuchen, in den Tagesaufenthaltsstätten, vor Saturn oder am Hansaplatz die Zeit zu überbrücken. Dieser Andrang überfordert alle, inklusive die Anwohner. Eigentlich brauchen wir seit Langem mehr Aufenthaltsmöglichkeiten für Obdachlose. Aber auch unsere Minimalforderung, das Winternotprogramm wenigstens tagsüber geöffnet zu lassen, lehnt die Behörde derzeit ab.

Text: Birgit Müller
Foto: Dmitrij Leltschuk