Leichte Sprache : Wir wollen uns nicht mehr verstecken

Flashmob One Worry Less am Hauptbahnhof, 11.8.2022

Seit Mai 2022 sagen viele Menschen in Deutschland:
„Ich bin arm.“
Das heißt:
Ein Mensch hat viel weniger Geld als andere Menschen.
Das Geld ist so wenig,
dass es oft nicht zum Leben reicht.

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Früher haben arme Menschen ihre Armut versteckt.
Die Menschen haben sich geschämt.
Heute sprechen immer mehr arme Menschen über ihre Armut.
Das ist neu.

Zuerst haben Menschen bei einer Protest-Gruppe im Internet
über ihre Armut gesprochen.
Jetzt sprechen die Menschen auch auf der Straße über die Armut.
Die Protest-Gruppe heißt:
#IchBinArmutsbetroffen
#IchBinArmutsbetroffen ist Internet-Sprache.
Das Zeichen # spricht man „Häschtäg“.
Armuts-betroffen heißt:
Ich bin arm.

Hinz und Kunzt hat 3 Frauen von der Protest-Gruppe getroffen.
Die 3 Frauen heißen Wiken, Martina und Janina.
Alle Frauen haben erzählt,
warum sie bei der Protest-Gruppe mitmachen.

Arme Menschen zeigen ihre Armut in Hamburg

Es ist Samstag-Nachmittag am Hamburger Haupt-Bahnhof.
Räder von vielen Koffern klappern über den Boden.
Kinder weinen und meckern.
Menschen feiern den Abend vor einer Hochzeit.

An diesem Tag gibt es aber noch etwas am Haupt-Bahnhof:
Ein paar Menschen stehen an der Straße Glocken-Gießer-Wall.
Es ist eine kleine Demo.
Fast niemand achtet auf die Menschen mit den bunten Plakaten.

Auf einem Plakat steht:
„So bin ich arm geworden:
Mein Papa hatte Krebs.
Als ich 9 Jahre alt war,
ist mein Papa gestorben.
Meine Mama ist krank.
Ich habe Angst,
dass ich für immer arm bleibe.
Wer arm ist,
bleibt oft arm.“

Auf einem anderen Plakat steht:
„Ich will genug Geld zum Leben.
Behandelt uns nicht mehr schlecht!
Niemand soll zur Hamburger Tafel gehen müssen!
Teilhabe statt Spenden!
Jetzt und sofort für alle Menschen!“

Die Hamburger Tafel ist ein Verein.
Dort können arme Menschen Essen bekommen.
Das Essen ist gespendet.
Arme Menschen möchten aber lieber genug Geld haben.
Arme Menschen wollen selber entscheiden,
was sie kaufen.
Sie wollen keine Geschenke oder Spenden.
Arme Menschen wollen wie alle anderen Menschen sein.

Die armen Menschen zeigen viele Plakate.
Die Plakate sind alle verschieden.
Aber alle Plakate haben die gleiche Unterschrift:
#IchBinArmutsbetroffen

Woher kommt #IchBinArmutsbetroffen?

Viele Menschen benutzen im Internet die Twitter-App.
Auf Twitter kann jeder Mensch schreiben,
was er denkt und fühlt.
Andere Menschen können das dann lesen.
Auf Twitter sieht man oft das Zeichen #.
Das Zeichen # nennt man auch „Raute“.
Auf Englisch heißt es Hashtag.
Man spricht es: Häschtäg.

Ein Hashtag benutzt man,
damit eine Geschichte auf Twitter gefunden wird.

Am 17. Mai 2022 hat eine Frau etwas auf Twitter geschrieben.
Die Frau hat auf Twitter den Namen „Finkulasa“.
Die Frau hat geschrieben:
„Hallo.
Ich heiße Anni.
Ich bin 39 Jahre alt.
Ich bin sehr wütend!
Ich lebe von Hartz4.
Aber es ist einfach viel zu wenig Geld!“

Anni schreibt noch viel mehr.
Sie sagt,
dass die Politik endlich etwas gegen die Armut tun muss.
Anni spricht für alle armen Menschen.
Anni sagt:
„Wir können nicht mehr.
Arm sein ist sehr schlimm.
Armut macht die Menschen kaputt.
Es ist schlimmer,
als ein Mensch aushalten kann.“

Sehr viele Menschen haben Annis Geschichte auf Twitter gelesen.
Viele Tausend Menschen haben dort von ihrer Armut erzählt.
Die Menschen erzählen,
wie schwer das Leben ohne Geld ist.
Die armen Menschen sagen:
Wir werden oft von anderen Leuten beschimpft und gemobbt.
Dann schämen wir uns.
Niemand sagt gerne: Ich bin arm.

Viele Menschen in Deutschland denken aber,
dass arme Menschen faul sind.
Viele sagen auch,
dass Menschen mit Hartz4 nicht arbeiten wollen.
Arme Menschen sind doch nur Schmarotzer.
Schmarotzer ist ein böses Wort.
Ein Schmarotzer ist ein Mensch,
der immer andere Menschen für alles bezahlen lässt.

Aber so einfach ist es natürlich nicht.
Die meisten armen Menschen können nichts für ihre Armut.

Wie sieht Armut aus?

Seit es die Protest-Gruppe #IchBinArmutsbetroffen gibt,
erzählen viele arme Menschen von ihrer Armut.
Die Menschen erzählen,
dass das sie oft nicht genug Essen haben.

Viele arme Menschen sind auch krank.
Manche haben zum Beispiel schlimme Rücken-Schmerzen.
Sie brauchen ein gutes Bett.
Aber das Geld reicht nicht mal für eine neue Matratze.

Die armen Menschen erzählen auch von vielen Rechnungen.
Sie können die Rechnungen aber oft nicht bezahlen.
Das Geld reicht einfach nicht.
Die armen Menschen müssen immer rechnen:

  • Kann ich die Miete bezahlen?
  • Kann ich das Handy oder das Internet bezahlen?
  • Reicht das Geld noch für die Strom-Rechnung?

Die Kinder in armen Familien sind oft traurig.
Viele arme Kinder werden in der Schule gemobbt.
Sie werden zum Beispiel gemobbt,
weil sie keine neue Kleidung haben.

Manche armen Menschen zeigen im Internet ganz viel Mut.
Sie zeigen zu ihrer Geschichte auch ein Bild von sich.
Die armen Menschen sagen:
Wir haben uns schon zu lange geschämt und versteckt.

Der Protest zeigt Erfolg!

Nach 4 Monaten gibt es auf Twitter
viele Tausende Geschichten von armen Menschen.
Alle fühlen sich mutig,
weil so viele Menschen jetzt offen sagen:
Ich bin arm.

Die armen Menschen bekommen jetzt immer mehr Hilfe.
Zum Beispiel von der Stiftung One-Worry-Less Foundation.
Man spricht es: won worri less faundäischän.
Das ist Englisch und heißt auf Deutsch:
Eine Sorge weniger.
Eine Stiftung ist so etwas wie ein Verein.
Eine Stiftung hilft meist mit Geld.
Menschen können im Internet an die Stiftung schreiben.
Die Stiftung bringt die Menschen zusammen:
Menschen, die Hilfe brauchen und
Menschen, die helfen wollen.

Zuerst hat nur Anni ihre Geschichte auf Twitter erzählt.
Viele andere Menschen sind dann dazu gekommen.
Jetzt ist es eine Protest-Gruppe.
Protest-Gruppe heißt:
Viele Menschen sagen als Gruppe,
was sie nicht gut finden.
Das war gar nicht Annis Plan.
Es ist einfach passiert.

Die armen Menschen treffen sich aber nicht nur auf Twitter.
Sie treffen sich auch auf der Straße.
Sie machen zum Beispiel Demos.
Wie die Demo am Hamburger Haupt-Bahnhof.
Sie wollen laut sagen:
Ich bin arm.
Die Politik soll sich ändern.
Die Menschen sollen sich auch ändern.

Ein Brief an die Politik

Die Menschen von der Protest-Gruppe
haben einen Brief an die Politik geschrieben.
Der Brief ist im Internet.
Alle Menschen können ihn dort lesen.
Die Protest-Gruppe will von der Politik:

  • Das Hartz4-Geld muss höher sein.
  • Rentnerinnen und Rentner wie Martina
    sollen im Monat 1.300 Euro bekommen.
  • Es muss einen Mindest-Lohn geben.
    Mindest-Lohn heißt:
    Man muss mindestens diesen Lohn für seine Arbeit bekommen,
    damit es genug Geld für das Leben ist.
  • Strom, Benzin und Heizung werden immer teurer.
    Es muss schnelle und gute Hilfen geben.
  • Kinder sollen Extra-Geld bekommen.
    Damit Familien mehr Geld für ihre Kinder haben.

Wiken hat eine Arbeit und ist trotzdem arm

Wiken Bronst ist eine Frau.
Wiken ist 46 Jahre alt.
Sie lebt alleine mit ihrem Sohn.
Ihr Sohn ist 14 Jahre alt.
Wiken ist von Anfang an bei der Gruppe dabei.
Sie sagt:
„Wir wollen einfach nicht mehr unsichtbar sein.“

Wiken hat eine Arbeit.
Sie ist aber trotzdem arm.
Sie arbeitet 25 Stunden in der Woche.
Wiken hilft alten Menschen in einem Pflege-Heim.
Menschen im Pflege-Heim fühlen sich oft alleine.
Keiner will die alten Menschen besuchen.
Aber Wiken ist da.
Sie hört den alten Menschen zu.
Wiken ist sehr geduldig.
Sie spielt das Spiel Mensch-Ärgere-Dich-Nicht mit den alten Menschen.

Wiken verdient 1.000 Euro im Monat.
Ihre Miete kostet 530 Euro.
Der Strom kostet 110 Euro.
Das Handy und das Internet kosten 90 Euro.
Früher hatte Wiken auch ein Auto.
Das Auto wurde aber zu teuer:
Das Benzin hat jeden Monat 250 Euro gekostet.

Früher hatte Wiken eine andere Arbeit.
Sie war eine Betreuerin.
Die Arbeits-Stelle war weit weg von ihrer Wohnung.
Wiken ist deshalb immer mit dem Auto gefahren.
Dann wurde das Benzin leider zu teuer.
Wiken musste mit der Arbeit als Betreuerin aufhören.
Wiken ist sehr traurig darüber.
Sie hat gern als Betreuerin gearbeitet.
Wiken sagt:
„Weil das Benzin so teuer ist,
konnte ich mir meine alte Arbeit nicht mehr leisten.“

Aber auch mit der neuen Arbeit
kann sich Wiken fast nichts leisten.
Wiken sagt:
„Mein Kind und ich waren noch nie im Urlaub.“

Wiken hat nicht mal genug Geld für das Schwimm-Bad.
Aber Wiken lässt ihren Sohn in das Schwimm-Bad gehen.
Sie gibt ihm das Geld für den Eintritt und für Pommes.
Das Geld muss sie dann wieder sparen.
Wiken kann nicht mit ins Schwimm-Bad.
Für zwei Personen ist es einfach zu teuer.

Jetzt ist Wiken am Haupt-Bahnhof bei der Demo.
Sie will den Menschen einen Zettel mit Informationen über Armut geben.
Aber viele Menschen haben es eilig.
Nur ganz wenige nehmen einen Zettel.
Noch weniger Menschen bleiben stehen.

Wiken sagt:
„Alles wird immer teurer.
Bald werden noch viel mehr Menschen arm sein.
Dann sind Menschen arm,
denen es jetzt noch gut geht.
Vielleicht wollen diese Menschen dann
bei unserer Gruppe mit machen.“

Martina hat eine schlimme Muskel-Krankheit

Martina Oehmichen ist auch eine Frau aus der Protest-Gruppe.
Sie ist 62 Jahre alt und kann nicht mehr so gut laufen.
Sie braucht sogar eine Geh-Hilfe mit Rollen.
Martina will trotzdem bei der Demo dabei sein.

Martina erzählt Hinz und Kunzt einen Witz:
„Armut ist wie eine schwache Blase:
Viele haben eine,
aber keiner redet darüber.“
Martina will die Reporterin von Hinz und Kunzt zum Lachen bringen.
Martina denkt:
Wenn man schon kein Geld hat,
dann soll man nicht auch noch am Lachen sparen.

Martina muss überall sparen.
Sie kann sich keine neue Kleidung kaufen.
Sie kann nicht zum Frisör gehen.
Sie kann nie im Restaurant essen gehen.
Martina kauft fast nur Lebensmittel und Katzenfutter.
Andere Sachen kauft sie selten.

Martina hat eine schlimme Muskel-Krankheit.
Die Krankheit geht nicht mehr weg.
Seit 2003 kann sie wegen der Krankheit nicht mehr arbeiten.
Martina war früher LKW-Fahrerin.
Sie hat große LKWs gefahren.
Diese Arbeit hat Martina gut gefallen.

Heute bekommt Martina 800 Euro Rente.
Martina bekommt noch etwas Geld vom Staat dazu.
Ihre Wohnung kostet schon 600 Euro im Monat.

In Martinas Haus ist der Fahr-Stuhl schon lange kaputt.
Martina muss also immer die Treppen gehen.
Sie kann aber wegen ihrer Krankheit nicht mehr gut laufen.
Martina sagt:
„Aber wenigstens habe ich eine schöne Aussicht von da oben.“
Das ist wieder Martinas Humor.

Martina hat viele Probleme mit ihrer Gesundheit.
Sie ist auch schon am Darm operiert worden.
Sie muss deshalb Vitamine essen,
damit sie sich besser fühlt.
Die Kranken-Kasse bezahlt die Vitamine aber nicht.
Martina braucht auch Windeln für Erwachsene.
Die Windeln bezahlt die Kranken-Kasse auch nicht.
Sie muss das alles von ihrer Rente und Hartz4 bezahlen.
Dafür reicht ihr Geld aber nicht.
Martina bekommt nur 17 Euro jeden Monat extra.
Die Gesetze sagen:
Das muss für alle Gesundheits-Sachen reichen.

Janina hat Angst vor dem Leben

Janina Klein ist auch bei der Demo am Haupt-Bahnhof dabei.
Janina ist 46 Jahre alt.
Sie lebt alleine mit ihrer Tochter.
Janinas Tochter ist 9 Jahre alt.

Janina hat Abitur gemacht.
Und sie hat eine Ausbildung als Erzieherin.
Aber Janina ist krank.
Sie kann nicht mehr arbeiten,
weil sie eine Depression hat.
Eine Depression ist eine Krankheit der Seele.
Ein Mensch mit einer Depression ist oft sehr traurig und fühlt sich schlecht.
Janina sagt:
„Im Moment geht es mir ganz gut,
aber ich habe auch viel Angst.
Alles wird immer teurer,
nie ist genug Geld da.
Es gibt immer noch Corona.
Und ich weiß nicht,
wie teuer das Gas noch wird.“

Janina macht gerne mit
bei der Protest-Gruppe #IchBinArmutsbetroffen.
Sie fühlt sich dort nicht mehr alleine.
Janina sagt:
„Ich bin nicht freiwillig krank und kann nicht arbeiten.
Das ist einfach passiert.
Aber ich verstecke mich nicht mehr vor den Menschen.
Ich bin jetzt ehrlich zu mir und anderen.
Ich sage offen: Ich bin arm.
Das tut mir gut.
Ich fühle mich jetzt besser.“

Die kleine Demo am Haupt-Bahnhof ist schon fast zu Ende.
Die Menschen packen schon ihre Plakate ein.
Sie wollen nach Hause gehen.
Da bleibt ein junger Mann stehen und spricht mit der Gruppe.
Er will ein Foto machen.
Er sagt:
„Ich finde gut,
dass ihr solche Demos macht.
Ihr redet nicht nur,
ihr macht auch was.
Das finde ich super!“

Wiken Bronst lächelt und sagt:
„Es muss sich was ändern.
Ab jetzt bleiben wir nicht mehr ruhig.“

Information:
Armut in Hamburg

In Hamburg gibt es einen Verein.
Der Verein ist ein Wohl-Fahrts-Verband.
Wohl-Fahrt heißt:
Der Verein hilft armen Menschen.

Der Verein hat einen Bericht über Armut geschrieben.
In dem Bericht steht zum Beispiel:
17 Prozent der Hamburgerinnen und Hamburger sind arm.
Wenn ein Mensch weniger als 1.150 Euro im Monat hat,
ist der Mensch schon arm.
Wenn eine Familie mit 2 Kindern weniger als 2.400 Euro hat,
ist die Familie auch arm.

Es gibt Menschen,
die sind besonders oft arm:

  • Menschen ohne Arbeit
  • Allein-Erziehende
  • Familien mit vielen Kindern
  • Rentnerinnen und Rentner
  • Menschen, die eine fremde Sprache sprechen
  • Seit Corona auch Menschen,
    die selbst-ständig arbeiten
Autor:in
Simone Deckner
Simone Deckner
Simone Deckner ist freie Journalistin mit den Schwerpunkten Kultur, Gesellschaft und Soziales. Seit 2011 arbeitet sie bei Hinz&Kunzt: sowohl online als auch fürs Heft.

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