Szenische Lesung : Wenn Papa Platte macht

Der 13-jährige Quint Willen spielt Aljoscha. Sein Bühnenvater Horst Stenzel gehört zum Ensemble des Kieler Theaters. Foto: Peter Werner.

Andrea Niendorf will Kindern und Jugendlichen Mut machen, sich nicht wie die Erwachsenen an Armut und Obdachlosigkeit zu gewöhnen. Dafür hat sie ein Hörspiel geschrieben, das am 28. April im Ernst Deutsch Theater auf die Bühne kommt.

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Aljoscha ist elf und glaubt, dass sein leiblicher Papa tot ist. Stimmt aber gar nicht: „Papa macht Platte.“ Der ehemalige Architekt schlägt sich nach Scheidung und Jobverlust als Puppenspieler auf der Straße durch, er ist obdachlos.

Vom schwierigen Weg für Vater und Sohn, wieder zusammenzufinden, erzählt das gleichnamige Hörspiel für Jugendliche und Erwachsene, das in einer Mischform aus Theater und szenischer Lesung im Ernst Deutsch Theater zu sehen sein wird.

Obdachlosigkeit kann jeden treffen– Andrea Niendorf

„Kinder und Jugendliche hinterfragen das, womit wir Erwachsene uns längst abgefunden haben: Warum gibt es Armut? Was kann ich dagegen tun?“, sagt Autorin und Soziologin Andrea Niendorf. „Ich möchte anstoßen, dass Menschen selbst etwas für eine gerechtere Welt tun. Denn jeder kann etwas ändern. Wir sind die eigentlich sozial Schwachen, weil wir Obdachlosigkeit zulassen.“

Manuskript lag jahrelang in der Schublade

Das Thema beschäftigt die Hamburgerin schon lange. Während des Studiums und danach arbeitete sie beim NDR-Hörfunk, machte Features und Filme. Schon damals interessierte sie, wie Menschen auf der Straße landen. „Ich finde gebrochene Biografien spannend – Menschen, die etwas zu erzählen haben von Brüchen und vom Scheitern.“

Einer ihrer ersten Filme hatte Obdachlosigkeit bei Frauen zum Thema. „Wir haben in einer Unterkunft gedreht, auch ein paar Tage dort gewohnt“, erzählt sie. Die Nähe, die dort zu den Frauen entstand, hat sie sehr berührt. „Da habe ich begriffen, dass Obdachlosigkeit nicht vom Bildungsstand abhängt. Es kann jedem passieren, auch mit einem stabilen sozialen Umfeld ist man nicht davor gefeit.“

Musik aus „Papa macht Platte“

Das Manuskript zu „Papa macht Platte“ lag schon seit ein paar Jahren in ihrer Schreibtischschublade, bevor sie es umsetzen konnte. Der Schreibtisch steht mittlerweile auf einer Warft in Eiderstedt. Hier lebt und arbeitet die Autorin in einem alten Bauernhaus, „sehr idyllisch, aber die Wege sind doch manchmal ganz schön lang“. Vor allem jetzt, wo sie regelmäßig nach Kiel zu Proben für „Papa macht Platte“ fährt.

Das Projekt ist eine Zusammenarbeit mit der Kieler Theatergruppe „Companie l’enfant sauvage“, einem freien Ensemble von Profischauspielern und Kindern, die zum Teil aus sozial benachteiligten Familien kommen, Flüchtlings- oder sogenannte Inklusionskinder sind. „Das Theater stärkt die Kinder, sie werden selbstbewusster und lernen, sich auf sich selbst zu verlassen.“

Die Kinder wissen, das das Leben manchmal hart sein kann

Zu Anfang habe sie sich bei „Papa macht Platte“ nicht so recht getraut, die harte Realität des Lebens auf der Straße zu zeigen. „Aber die Kinder verkraften das, da muss man nichts schönen“, hat sie gelernt. Fünf Kinder vom Theater werden bei der Aufführung im Ernst Deutsch Theater dabei sein, das jüngste ist neun, die anderen sind zwölf bis 13 Jahre alt.

Die Kinder zeigen mehr Empathie– Andrea Niendorf

Durch die Arbeit am Stück habe sich im Verhalten der Kinder viel verändert, findet sie. „Sie gehen offener durch die Stadt, zeigen mehr Empathie.“ Dass das Leben manchmal ganz schön hart sein kann, wissen sie aus eigener Erfahrung. „Sie kriegen schon mit, dass man eine Wohnung haben und trotzdem arm sein kann. Obdachlosigkeit ist die krasseste Form der Armut.“

Bei der Vorbereitung waren die Kinder zu Gast beim Kieler Straßenmagazin „Hempels“. „Sie sollten einen Eindruck aus erster Hand haben“, erzählt Andrea Niendorf. „Angst hat es ihnen dort nicht gemacht. Die Kinder wollten vor allem wissen, was im Leben von Menschen passiert ist, damit sie auf der Straße gelandet sind. Das hat sie sehr nachdenklich gemacht.“

Papa macht Platte

Aufführung am Sa, 28.4.,17 Uhr, plattform-Bühne des Ernst Deutsch Theaters, Eintritt: 12/6 Euro. Tickets online buchen oder unter Telefon 040 – 22 70 14 20. Weitere Infos unter www.papa-macht-platte.de

Wenn das Stück auf der Bühne zu sehen sein wird, dann wird es mehr sein als ein Hörspiel. „Wir fanden, dass wir auch optisch etwas bieten müssen“, sagt die Autorin. Regisseurin Shilpesh Niemann aus Berlin arbeitet mit Requisiten und setzt vor allem auf Gestik und Mimik der jungen Darsteller.

So bringt sie sehr ausdrucksstarke Bilder auf die Bühne. „Wir werden Emotion in Körpersprache umsetzen“, erklärt Andrea Niendorf. „Da fiebert man mit den Figuren mit!“

Sie hat viel investiert in dieses Stück, auch finanziell, und wünscht sich sehr, dass viele Jugendliche die Chance haben werden, es zu sehen. „Kultur ist der Schlüssel zu allem, sie macht die Welt weiter. Ich will mich nicht abfinden, sondern ich tue, was ich kann.“

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