„Wir sind doch kein Hotel!“

Eine Nacht in der berüchtigten Obdachlosen-Notunterkunft „Pik As“

(aus Hinz&Kunzt 83/Januar 2000)

„Da kriegen mich keine zehn Pferde rein!“ Unter Obdachlosen hat das „Pik As“ einen ausgesprochen schlechten Ruf. Immer wieder berichten sie von Diebstahl und Gewalt in Hamburgs größter Notunterkunft für Männer. Ulrich Jonas (Text) und Michael Thalhause (Fotos) schlüpfen in die Rolle von Obdachlosen und haben sich eine Nacht im „Pik As“ umgeschaut.*

„Was wollt ihr in Hamburg?“ Der Wachmann mit den sauber zum Scheitel gekämmten Haaren empfängt und nicht gerade freundlich. Im Gegenteil. Den Pass verloren? „Dann kann ich euch nicht aufnehmen!“, raunzt er. Kann er aber doch: Unwillig trottet er in das Büro hinter dem Empfangstresen und holt Zettel und Stift. Während seine Kollegen sich mit Kartenspielen die zeit vertreiben, fragt er Namen, Geburtsort, -datum und Beruf ab. Durch die geräumige Eingangshalle streifen ein paar verlorene Gestalten mit wirrem Blick. Der Wachmann schließt die Tür zu einem Lager auf und reicht uns je zwei Wolldecken, saubere Bettwäsche und Handtücher. Seife? „Haben wir nicht.“ Einen Schlüssel fürs Zimmer? „Wir sind doch kein Hotel!“

Zimmer 315 liegt im dritten Stock des weitläufigen, 1913 errichteten Backsteinbaus an der Neustädter Straße. Noch in den 60-er Jahren wurden hier bis zu 1100 Menschen in Massen-Schlafsälen zusammengepfercht: Obdachlose, psychisch Kranke, Hafenarbeiter. Seitdem hat sich manches geändert: 1974 wurde zunächst der Eingangsbereich saniert, später der Rest des Hauses. 80-Mann-Schlafsäle verwandelten sich in geräumige Zweier, Vierer- und Sechser-Zimmer. 1995 folgte eine weitere Renovierung, 1996 ließ der Betreiber pflegen & wohnen auf dem Vorplatz einen Pavillon errichten, wo Obdachlose duschen oder Kaffee trinken können. Nicht mehr als 244 Betten stehen heute in 62 Räumen. Im Winter, wenn das Notprogramm für Obdachlose läuft, kommen 60 Betten hinzu.

Im Flur des ersten Stockwerks sitzt ein Wuschelkopf auf dem nackten Fußboden und lässt sich von der Wand stützen. Neben ihm zwei Plastiktüten. Aus der einen ragt der Kopf einer Korn-Flasche, aus der der Mann in der blauen Trainingsjacke ab und zu einen tiefen Schluck nimm. Später, in der Nacht, werde ich ihn auf den Stufen des Treppenhauses sitzend wieder treffen Dann wird er mich mit trüben Augen anblicken und mit lallender Stimme fragen: „Entschuldigen Sie mal, haben Sie vielleicht eine Zigarette?“ Ich werde ihm eine reichen, und seine Hand wird so zittern, dass es einige Sekunden braucht, bis er sie zu fassen bekommt. „Danke, einen schönen tag noch“, wird er sagen. Am frühen Morgen werde ich ihn noch ein letztes Mal sehen, wie er auf dem Hosenboden rutschend versucht, sich in ein Klo zu ziehen.

Im Aufenthaltsraum sitzen vier Männer an einem Tisch und tauschen über Bierflaschen hinweg Geschichten aus. „Du musst hier deine Schuhe festnageln“, sagt Rainer **, ein ehemaliger Krankenpfleger mit traurigen Augen. „So ein Quatsch!, meint sein Gegenüber, ein stämmiger Vollbart, „ich bin seit einer Woche hier und mir ist nix geklaut worden.“ Rainer, obdachloser Welten-Pendler, kennt das „Pik As“ schon von früheren Aufenthalten. „Es kommt darauf an, ob du bei diesen Bagaluten schläfst“, erklärt er freundlich und damit diejenigen, die die Nacht zum Tag machen. Und sonst? „Mit den sanitären Anlagen ist es diffizil“, sagt Rainer in gewählten Worten, die daran erinnern, dass er nicht immer in Notunterkünften gelebt haben kann. „Manche machen hier nebens Klo.“

Im Lauf der Nacht werde ich merken, dass er untertrieben hat: Dass der strenge Geruch von Urin nicht nur die Toiletten zunehmend beherrschen wird, sondern auch das Treppenhaus und die Flure – so sehr, dass sich mir beinah der Magen umdreht. Kurz vor Mitternacht schwankt ein später Einkehrer auf das „Pik As“ zu und zieht sich am Geländer mühsam die Treppenstufen hoch. Drinnen lehnt er sich an den Empfangstresen. Die Tür zum Büro der Wachmänner ist geöffnet, doch die, vom Fernseher gebannt, hören sein nach Aufmerksamkeit heischendes Brummen nicht – oder wollen es nicht hören. Eine halbe Minute vergeht. Dann schwankt der Obdachlose wieder zur Tür raus. „Ist doch egal, wo ich schlaf“, lallt er und verschwindet in der Nacht.

Zimmer 315 ist inzwischen mit vier Männern voll belegt. Zwei schnarchen laut. An Schlafen ist nicht zu denken. Paul, ein trockener Alkoholiker, sitzt auf seinem Bett und schlürft Kaffee aus einem Plastikbecher. Er ist am Nachmittag aus dem Knast entlassen worden. Zwei Monate habe er in Untersuchungshaft gesessen, wegen Schwarzfahrens. Zunächst haben ihn die Wachleute auf ein anderes Zimmer geschickt, berichtet Paul, einer der vermutlich wenigen Menschen im „Pik As“, die diese Nacht nicht unter Droge stehen. „Aber da lagen überall Kippen und Spritzen rum, und die Matratze war voll Blut“, erzählt er angeekelt. „Da kannst du doch keinen Kaffee trinken!“

Im Treppenhaus sitzt Dieter. Er komme direkt aus dem Krankenhaus, Herz-OP. Mühselig hat sich der sympathische End-Dreißiger mit seinen Plastiktüten die Stufen zum dritten Stock hochgeschleppt. Doch in Zimmer 313, wo ein Bett auf ihn warten sollte, sind alle fünf Schlafplätze belegt. „Ich lauf jetzt nicht noch mal runter“, sagt Dieter erschöpft. Lieber will er im Treppenhaus schlafen, im Sitzen. Er wäre nicht der Einzige. „Das gibt’s doch nicht“, schnauft ärgerlich der Wachmann, als ich ihn auf das fehlende Bett anspreche. Gleich drei Wachleute blättern aufgeregt in ihren Listen. Schließlich macht sich der Verärgerte unwillig auf den Weg. Angewidert zeigt er auf eine Pfütze im Treppenhaus. „Die pissen überall hin, die Penner!“ Im dritten Stock angekommen wedelt er mit seinem Zettel vor der Nase des Obdachlosen: „Hier steht, dass da sechs Betten drin sind“, sagt er. Der Ton seiner Stimme schwankt  zwischen Vorwurf und Entschuldigung. Erst als er sich mit eigenen Augen davon überzeugt hat, dass das Bett fehlt, schließt er einen anderen Raum für Dieter auf. Vier Betten stehen darin, alle noch frei.

Noch später sitzen im Fernsehraum ein paar Übriggebliebene, jeder für sich, an den Holztischen und lallen „Scheißegel“ oder „Wir sind noch jung“. Sie sprechen mehr zu sich als zu den anderen. Vor ihnen Bier in Dosen, Bier in Glasflaschen, Bier in Mezzo-Mix-Plastikflaschen. Der Anblick ist deprimierend. Wenn der Wachmann um vier den Raum betreten wird, werden sie zu Boden gesunken sein, zwischen Penny-Tüten liegen oder sitzend, den Kopf auf dem Tisch, ihren Rausch ausschlafen.

Wer Alkoholiker ist, braucht wenig Schlaf. Noch lange hat es nicht gedämmert, da sitzt Stefan mit drei Kumpels im Aufenthaltsraum und sagt: „Korn muss sein!“ Der Mann mit den wachen grauen Augen ist einer der Dauergäste des „Pik As“, von denen es offenbar nicht wenige gibt – obwohl eine Notunterkunft keine Bewohner haben sollte. „1992 war ich das erste Mal hier“, sagt Stefan unbestimmt. Dann kratzen die Freunde die letzten Märker zusammen für die Droge, 12.50 werden es. „Macht eine Pulle Korn und drei Bier“, sagt Stefan zufrieden. Sein Freund trägt keine Strümpfe. Auf seinen Beinen wuchert Schorf unter den Jeans hervor. Was sie den Tag so vorhaben? „Wir bleiben hier und saufen.“ Stefan lacht, seine Kumpels lachen mit. Ob sie zurück ins Leben finden werden? Und ob ihnen die zwei Sozialarbeiter helfen können, die tagsüber den bis zu 250 problembeladenen Menschen im „Pik As“ gegenüberstehen?

Neun Uhr. Eine Türkin feudelt den Boden, Der angenehme Geruch von Putzmitteln füllt die Eingangshalle, in der ein paar Ernüchterte Automaten-Kaffee an Stehtischen trinken. Ein Aufsehe quatscht mit einem älteren Mann, der mit zwei Krücken in der Hand auf eine freie Waschmaschine wartet. „Ganz schön leer zur Zeit“, meint der Wohnungslose. „Die meisten Obdachlosen gehen aufs Schiff“, sagt der Aufseher. „Da werden sie nicht erfasst.“

Nach dieser Nacht bekomme ich eine Ahnung davon, warum manche auch im Winter lieber Platte machen, Ob ich noch mal ins „Pik As“ gehen würde, wenn ich in Not wer? Ich weiß es nicht.

*Die Kosten der Übernachtung (12 Mark pro Person) hat Hinz&Kunzt an pflegen und wohnen überwiesen.

** alle Namen geändert

Forderungen von Hinz&Kunzt im Januar 2000:

1) die Auflösung der Massen-Unterkunft „Pik As“, statt dessen kleine Notunterkünfte in den Bezirken

2) sozialpädagogisch geschultes Personal auch nachts

3) keine Personalienkontrolle bei der Aufnahme

4) abschließbare Schränke sowie von innen abschließbare Zimmertüren

„Scheiße ist das, wenn du hier landest“

Auch in diesem Winter haben viele Obdachlose trotz klirrender Kälte draußen geschlafen, anstatt die städtischen Notunterkünfte zu nutzen. Warum? Fabian Zühlsdorff und Hanning Voigts haben getarnt als Obdachlose eine Nacht im Notasyl Pik As verbracht – und Antworten gefunden.

(aus Hinz&Kunzt 206/April 2010)

Seit mehr als einer Stunde liege ich wach. Es ist halb drei Uhr nachts, und obwohl ich zum Umfallen müde bin, kann ich nicht einschlafen. Im Bett unter mir liegt ein Mann, der sich ununterbrochen kratzt. Durch das Kratzen wackelt und quietscht das metallene Doppelstockbett, außerdem quält mich die Frage, ob mein Bettnachbar eine ansteckende Hautkrankheit hat. Aber auch sonst finde ich im Zimmer 412 der Notunterkunft Pik As keine Ruhe. In einem Raum sind hier 13 Männer untergebracht, nur eines der 14 Betten ist leer. Es riecht nach Schweiß und ungewaschenen Körpern. Nur zwei der Männer scheinen zu schlafen, zumindest schnarchen sie laut. Wie soll ich hier erholsamen Schlaf finden?

Dabei ist mein Aufenthalt im Pik As bisher besser verlaufen als erwartet. Nachdem Hinz&Kunzt-Autor Ulrich Jonas im Dezember 1999 eine Nacht hier verbracht hatte, berichtete er von überforderten Mitarbeitern, exzessivem Alkoholkonsum der Bewohner und skandalösen hygienischen Zuständen. Mittlerweile hat sich einiges geändert: Betrunkene sind heute kaum zu sehen, die Toiletten sind sauber, das Haus ist einigermaßen ruhig.
Vier Stunden zuvor: Unser Aufenthalt im Pik As beginnt gegen 22 Uhr mit einem überraschend freundlichen Empfang. „Wie, ihr habt keine Ausweise dabei?“, fragt uns ein Mitarbeiter erstaunt. Wir schütteln den Kopf. „Na, dann müsst ihr beide uns einfach eure Namen und  Geburtstage aufschreiben“, meint er versöhnlich. „Trinkt erst mal einen Kaffee, meine Kollegin kümmert sich gleich um euch.“

Wir ziehen uns am Automaten einen kostenlosen, dünnen Kaffee. In der Ecke der neonbeleuchteten Eingangshalle kriechen gerade drei junge Männer auf dem nackten Fußboden in ihre Schlafsäcke. Sie reden laut auf Spanisch miteinander. Und im Gegensatz zu uns scheint ihnen die triste Atmosphäre hier nicht die Laune zu verderben. Das seien arme Teufel ohne deutschen Pass, die hier kein Recht auf ein Bett hätten, erklärt uns der Mitarbeiter: „So haben sie bei der Kälte wenigstens ein Dach über dem Kopf.“
Kurz darauf nimmt eine Mitarbeiterin unsere Daten auf. „Wir haben für euch nur noch Platz in einem der Notaufnahmezimmer“, sagt sie entschuldigend, „da schlafen schon mehrere, und besonders hygienisch ist es auch nicht.“ Während sie uns jeweils ein belegtes Brötchen, Decken und frische Bettwäsche in die Hand drückt, schärft sie uns ein: „Ihr müsst auf eure Wertsachen aufpassen.“ Diese Warnung haben wir schon oft gehört. Hinz&Künztler berichten immer wieder von nächtlichen Diebstählen im Pik As.

In Zimmer 412 wird mir schnell klar, dass ich hier kein Auge zumachen werde. Die Luft ist zu unangenehm, die Atmosphäre zu unruhig. Wieder auf dem Flur treffen wir Rolf *, der sich gerade umständlich eine Zigarette dreht. Er trägt einen geflochtenen Bart und hat bis vorgestern auf der Straße geschlafen. „Alle paar Minuten fuhr ein Auto an mir vorbei“, sagt er, „da kriegst du kein Auge zu.“ Ich frage ihn, wie es ihm im Pik As gefällt. „Es ist ruhiger“, sagt Rolf langsam, „aber die Luft ist so schlecht und trocken.“

Im Treppenhaus kommt uns ein alter Mann in zerschlissenen Jeans entgegen. Er trägt keine Schuhe, seine schorfigen Hände und Füße stecken in schmutzigen Verbänden. Lallend fragt er mich nach einer Zigarette. „Danke Mann, du bist der Boss“, sagt er, als ich ihm eine gebe. Sein Anblick ist deprimierend. Der Alte tut mir leid. Im Aufenthaltsraum ist die Stimmung besser. Im Fernsehen läuft der Hollywood-Western „Der mit dem Wolf tanzt“. Die Film-Idylle mit Indianern und weiter Prärie will nicht so recht zu dem spartanisch eingerichteten Zimmer passen, aber immerhin ist der Raum sauber und dient nicht mehr vorrangig zum Trinken wie noch vor zehn Jahren. Neben Fabian und mir sitzt Arne, ein junger Punker mit roten Haaren. „Mit 18 bin ich zu Hause abgehauen, hab meine Lehre geschmissen, mal hier und mal da gepennt“, erzählt er. Nach Hamburg ist er wegen seiner Freundin gekommen, die hat ihn im September 2009 aus der Wohnung geworfen. „Seitdem schlag ich mich so durch“, sagt Arne. Das Pik As stört ihn nicht, er ist froh über die Unterkunft: „Ich stelle kaum Ansprüche.“

Als der Aufenthaltsraum gegen ein Uhr früh geschlossen wird, gehe ich kurz an die frische Luft. Im Innenhof stehen zwei junge Männer mit Bierdosen in der Hand. Der eine guckt mich plötzlich an. „Und du musst hier pennen?“, fragt er. Ich nicke. „Scheiße ist das, wenn du hier landest“, meint er, „hast du wenigstens ein Einzelzimmer?“ Ich verneine. „Ach du Scheiße“, sagt er und sieht mich mitleidig an. Ich schäme mich ein bisschen, ihm etwas vorzuspielen.
Um halb zwei Uhr gehe ich ins Zimmer 412 und lege mich ins Bett. Ich fühle mich unwohl, an Schlaf ist nicht zu denken. Fabian nickt immerhin für zwei Stunden ein. Gegen fünf Uhr halte ich es einfach nicht mehr aus. Als wir zum Ausgang gehen, schlafen in der Eingangshalle sieben Menschen, einige einfach gegen die Wand gelehnt.

* alle Namen geändert

Die Kosten der Übernachtung in Höhe von 24 Euro pro Person haben wir an fördern und wohnen überwiesen.

Das Pik As in der Neustädter Straße 31a ist Hamburgs zentrale Notunterkunft für obdachlose und wohnungslose Männer. Getragen wird es vom städtischen Unternehmen fördern und wohnen. Das Haus hat derzeit 190 Betten, zumeist in Vier-Bett-Zimmern. Außerdem gibt es 24 Einzelzimmer, in denen die Bewohner auch Hunde halten können. Das Pik As ist verpflichtet, jederzeit allen
obdachlosen Männern einen Schlafplatz zur Verfügung zu stellen.
Von November 2009 bis Februar 2010, während des Winternotprogramms für Obdachlose, haben im Schnitt 167 Menschen pro Nacht in der Notunterkunft geschlafen.
Obwohl das Pik As nur eine vorübergehende Notlösung sein soll, leben einige Bewohner seit vielen Jahren dort, darunter auch einige Hinz&Künztler. Das Winternotprogramm wird nach Angaben von fördern und wohnen in diesem Jahr am 15. April enden.


„Wir sind doch kein Hotel!“: Wie es Hinz&Kunzt-Autor Ulrich Jonas vor zehn Jahren ging, als er eine Nacht im „Pik As“ verbrachte

„Mission“ gerettet

Beinahe hätte das selbstverwaltete Obdachlosenprojekt schließen müssen. Jetzt zieht es in die Notunterkunft Pik As

(aus Hinz&Kunzt 177/November 2007)

Jeden Abend wird Missions-Chef Andrew Saathoff wieder obdachlos. Dann schließt der 50-Jährige die Tür des Aufenthaltsraums in der Kaiser-Wilhelm-Straße. Und muss sich einen trockenen Platz irgendwo in der Stadt zum Schlafen suchen.

Badetag im Pik As

Wellness statt Entlausung: In Hamburgs größter Notunterkunft für Obdachlose weht ein neuer Wind

(aus Hinz&Kunzt 178/Dezember 2007)

Blütenweiß wölbt sich der Schaum. Seifenbläschen zerplatzen auf nackter Haut. Es duftet nach Lavendel. So viel Schaum ist sonst nicht. Den gibt’s extra fürs Foto, wegen der Scham. Wenn Hollywood seine Badenden unter Schaumbergen verbirgt, höchstens mal ein bisschen nassglänzende Haut im Gegenlicht filmt, dann soll auch Torsten Pingel etwas Sichtschutz genießen.

Geschäfte mit der Not

Vermieter schlagen Profit aus der Unterbringung von Obdachlosen – Sozialbehörde kündigt die Verträge

(aus Hinz&Kunzt 137/Juli 2004)

Der Mitbewohner von Ralf (Name geändert) lässt sich nicht stören. Es ist Nachmittag, und er schläft seinen Rausch auf der oberen Matratze des Stockbetts aus. „Hübsch, was?“, sagt Ralf (50) sarkastisch und zeigt sein Reich: Mehr Luxus als das Bett und einen Tisch mit einem Uralt-Fernseher bietet das zwölf Quadratmeter kleine Zimmer nicht. Dazu feuchte Flecken an der Wand. Ein unwohnlicher Raum in einem „Hotel“ am Hamburger Berg (St. Pauli), einer Straße mit vielen Kneipen und Discos, deren Besucher jede Nacht zum Tag machen. Ralf lebt hier seit mehr als einem Jahr. Er teilt sich das Zimmer mit einem Junkie, der ihm schon mal die Herzmedikamente klaut und verkauft, so Ralf. Einmal sei der Typ durchgedreht, habe ihn mit einer Eisenstange auf den Kopf schlagen wollen.

Die Mutmacher: Helmut

Wie Hinz&Künztler heute leben

(aus Hinz&Kunzt 129/November 2003)

Rund 3400 Verkäufer haben seit 1993 bei Hinz & Kunzt angefangen. Vielen von ihnen ist der Ausstieg aus der Obdachlosigkeit gelungen. Wie Helmut Feldtmann. Vor sieben Jahren war er ganz tief unten. Heute hat er eine Wohnung und einen Job bei einer Zeitarbeitsfirma. Und er hilft anderen Alkoholikern beim Ausstieg aus der Sucht.

Eine Sekunde entschied mein Leben. Ich bin auf dem Weg zur Arbeit, komme über den Hauptbahnhof und sehe einen Obdachlosen. Er kauert da am Boden, ist betrunken und hat seine Mütze aufgestellt. Er sieht niemandem ins Gesicht. Ich werfe ihm nichts in die Mütze, obwohl er mein ganzes Mitgefühl hat. Ich sehe nämlich mich selbst in ihm.

Es war 1996. Alle meine Säulen brachen bei mir weg, die ein Leben so ausmachen: Ich verlor meinen Job als Lagerarbeiter, meine Frau trennte sich von mir, und ich musste aus der Wohnung raus. Da stand ich dann mit meinen paar Sachen auf der Straße und wusste nicht weiter. Der Alkohol hatte alles zerstört. Ich hatte alles zerstört. Und natürlich war das nicht alles auf einmal passiert, sondern schleichend.

Aufgewachsen bin ich im Alten Land, ich komme aus einem alten Bauerngeschlecht. Da macht man alles mit sich selbst aus, gerade wenn man ein Junge ist. Okay, alle trinken auf dem Land. Es gab Leute, die sogar viel mehr getrunken haben als ich, aber die waren nicht unbedingt Alkoholiker. Ich wurde einer. Ich brauchte den Alkohol.

Bei so einer Großveranstaltung beispielsweise. Da sollte ich die Eröffnungsrede halten. Ich hatte Angst, kein Wort rauszukriegen. Also kippte ich mir kurz einen hinter die Binde. Es klappte. Ich war total locker, die Rede war gut, ich bekam Applaus. Oder in der Disko. Ohne dass ich etwas getrunken hatte, war ich viel zu schüchtern. Alkoholsucht kommt ja nicht von heute auf morgen, sondern dauert unter Umständen Jahre, bis sie richtig „ausbricht“. Man sagt sogar: Sie braucht zehn Jahre, bis sie entsteht, und zehn Jahre, bis man sie erkennt.

Ich wollte immer aussteigen. Ich dachte, ich könnte meinen Alkoholkonsum irgendwann kontrollieren. Das war natürlich eine Illusion. Man steigt nur aus, wenn man den Tiefpunkt erreicht hat. Und diesen Tiefpunkt musste ich erst mal erreichen. Der war grausam … Ich wohnte also auf der Straße, machte irgendwo Platte oder fuhr mit der S-Bahn oder U-Bahn, um mich aufzuwärmen. Manchmal verbrachte ich ein paar Nächte auf dem Wohnschiff. Zehn Tage wohnte ich im „Pik As“, hielt es da aber nicht mehr aus. Es war, als gucke man seinem eigenen Elend ins Gesicht. Nebenbei verkaufte ich Hinz & Kunzt.

Da gibt es Stephan, den Sozialarbeiter. Das wusste ich, aber ich wollte nichts mit ihm zu tun haben. Ich war jetzt schon mehr als ein Jahr auf der Straße, und der Winter stand vor der Tür. Eines Tages traf ich K. wieder, einen anderen Obdachlosen, einen Junkie, der in meinen Augen total fertig war. Der guckte mich von oben bis unten an und sagte: „Damals auf dem Wohnschiff sahst du aber noch besser aus.“

Das saß. Ich blickte ins Schaufenster, sah mein Spiegelbild und erschrak. So sehr, dass ich mich auf dem Absatz umdrehte und weglief. Einfach nur weg. Dabei konnte ich kaum laufen, mein ganzer Körper war krank, meine Beine waren total kaputt. Schlagartig wurde mir klar, dass ich jetzt nur eine Wahl hatte: Leben oder Tod. Und wenn ich sage Tod, dann meine ich nicht normal sterben, sondern elendiglich verrecken.

Am nächsten Tag stand ich pünktlich bei Hinz & Kunzt auf der Matte – und ging sofort zu Stephan. „Ich will hier raus“, sagte ich. Stephan lächelte mich an: „Ich habe schon lange auf dich gewartet“, sagte er. „Du siehst mich doch jeden Tag“, fragte ich erstaunt, „warum hast du mich nicht angesprochen?“ „Es hätte keinen Sinn gehabt, oder?“, sagte Stephan. Und leider muss ich zugeben: Das stimmt.

Von da an ging es bergauf. Langsam zuerst. Stephan vermittelte mir einen Schlafplatz im Bodelschwinghhaus. Die nächste Hürde war die Entgiftung. Ich wollte zwar eine machen, aber mich trotzdem nicht vom Alkohol trennen. Bevor ich in die Vorsorge nach Alsterdorf ging, um mich auf die Therapie vorzubereiten, habe ich mit Kumpels ordentlich Abschied gefeiert. So doll, dass die mich in Alsterdorf gleich wieder weggeschickt haben. Siehste, klappt nicht, sagte ich mir und kaufte mir sofort wieder einen Flachmann.

Aber irgendwas stimmte nicht. Irgendwie konnte ich den nicht mehr in Ruhe trinken. Die andere Stimme in mir, Mensch, hör auf, war zu laut. Da saß ich also und wusste nicht mehr weiter. Die wussten ja auch, dass ich eigentlich weg wollte vom Alkohol. Einer von der Heilsarmee – der sprach auch noch Platt, meine Muttersprache – sagte dann: „Ick foer di no Alsterdoerp hen.“ Okay, dachte ich, irgendwann. Und er: „Der Bus steht vor der Tür. Jetzt.“ Ich zögerte. „Du kannst in den Bus einsteigen oder auch nicht. Es ist ganz allein deine Entscheidung“, sagte der Mann von der Heilsarmee. Und ich stieg ein. Diese eine Sekunde hat mein Leben entscheidend verändert. Seitdem habe ich keinen Tropfen Alkohol mehr angerührt. Ich brauche mir noch nicht mal zu sagen: „Alkohol tut dir nicht gut, du darfst keinen Alkohol trinken.“ Nein, Ich brauche ihn einfach nicht mehr.

Inzwischen habe ich auch wieder eine Wohnung und sogar einen Job. Ich arbeite bei einer Zeitarbeit und werde mal hier, mal dort eingesetzt. Aber der Schlüssel zu allem war die Entscheidung, dass ich selbst verantwortlich bin für mein Leben. Dass es egal ist, was Eltern oder sonst wer getan haben, dass du alleine es bist, der etwas verändern kann. Das sind natürlich nur Worte, aber sie stimmen. Ich bin bei den Anonymen Alkoholikern, habe dort viel Halt bekommen, aber auch meine eigene innere Kraft entdeckt. Das hätte ich nie für möglich gehalten. Diese innere Kraft macht mich richtig zufrieden. Ich berate ehrenamtlich andere Alkoholiker – einfach, weil ich denen Hilfestellung geben will, die noch so leiden, wie ich damals gelitten habe.

Birgit Müller

Zurück auf die Straße

Ende des Winternotprogramms

(aus Hinz&Kunzt 123/Mai 2003)

Das Winternotprogramm ist vorbei. Kirchencontainer, Wohnschiffe und Notquartiere in Fachhochschulen schließen ihre Türen. Für hunderte von Obdachlosen heißt es jetzt: Zurück auf die Straße. Denn selten zuvor schienen die Aussichten auf eine eigene Wohnung so schlecht zu sein wie in diesem Jahr.

„Es sieht ganz düster aus. Die großen Wohnungsgeber sträuben sich immer häufiger, Sozialhilfeempfänger aufzunehmen“, sagt Sigrid Hochdörfer vom Verein „Trotzdem“, der Haftentlassenen hilft, eine Wohnung zu finden. „Wahrscheinlich denken die, wer den ganzen Tag zuhause hockt, der randaliert schnell mal. Und die Saga ist ja zur Zeit auf einem totalen Sanierungskurs.“ Da passen Problemmieter wie ehemalige Obdachlose, Haftentlassene und Sozialhilfeempfänger nicht mehr ins Bild.

Das Integrationsprojekt unterhält 30 Übergangswohnungen für Haftentlassene und schaffte es bislang noch, zwischen 67 und 70 Prozent der Ex-Knackies in eigene feste Wohnungen zu vermitteln. „Aber es wird immer schwieriger“, sagt Sigrid Hochdörfer. Im zweiten Halbjahr 2000 fanden noch 19 Männer mit Hilfe des Vereins eine eigene Wohnung, 2001 waren es nur elf. Zahlen für das vergangene Jahr liegen noch nicht vor.

Ähnliche Erfahrungen macht auch das Bodelschwingh-Haus, eine stationäre Einrichtung des Diakonischen Werkes, in der 70 Männer vorübergehend wohnen können: Die Männer würden im Schnitt zwei bis drei Monate länger im Bodelschwingh-Haus wohnen. Einfach deshalb, weil sie trotz großer Anstrengung keine eigene Wohnung finden. Dieser Trend verschärfe sich in den kommenden Monaten noch, weil das Winternotprogramm ausgelaufen sei. Dann werden die etwa 215 Männer und Frauen, die den Winter über in zusätzlich eingerichteten Notunterkünften hausten, zusätzlich auf den Wohnungsmarkt drängen.

Doch den Beratungsstellen bleibt oft nichts anderes übrig als die Leute an Notlösungen wie das Pik As zu vermitteln. Der Traum von der eigenen Wohnung bleibt für viele ein frommer Wunsch. Denn die Vermittlungszahlen der sieben Beratungsstellen für Personen mit Wohnungsproblemen sprechen eine deutliche Sprache: Konnten die Sozialarbeiter vor fünf Jahren noch 40 Prozent der Wohnungslosen bei der Saga oder der Gesellschaft für Bauen und Wohnen GWG unterbringen, waren es im Jahr 2001 nur noch 20 Prozent.

Besonders dramatisch macht sich die Weigerung der stadteigenen Wohnungsunternehmen in der Beratungsstelle Billstedt bemerkbar. Dort nahmen Saga und GWG im Jahre 1998 fast 90 Prozent aller Menschen auf, die die Beratungsstelle der Caritas in Billstedt und Bergedorf vermittelt hatte. Im Jahr 2001 waren es nur noch acht Prozent. Für das vergangene und das laufende Jahr erwarten die Sozialarbeiter vor Ort keine Besserung. Und das, obwohl die beiden Wohnungsunternehmen mit insgesamt 134.000 Wohnungen nicht nur wirtschaftlichen Grundsätzen, sondern auch sozialen Aspekten verpflichtet sind.

Da hilft es auch wenig, dass die Organisatoren des Winternotprogramms zumindest keinen Anstieg der Obdachlosenzahlen bemerkt haben: „Die Zahl der Obdachlosen, die im Winternotprogramm Schutz vor der Kälte suchten, ist ungefähr gleich geblieben“, sagt Kay Ingwersen, Sprecher von pflegen & wohnen. Insgesamt wurden auf dem Wohnschiff „Bibby Altona“ in Neumühlen vom 1. November 2002 bis Anfang April dieses Jahres 12.400 Übernachtungen gezählt. „Das sind 3100 Übernachtungen weniger als im Vorjahr“, so Ingwersen. Dafür seien im gleichen Zeitraum wesentlich mehr Obdachlose ins Pik As gezogen. „Dort sind wir eigentlich ständig mit Überlast gefahren“, sagt Ingwersen. Obwohl das Pik As eigentlich nur 190 Schlafplätze bereitstelle, seien bis zu 245 Männer pro Nacht dort gewesen. Das Haus sei im Schnitt zu 125 Prozent überbelegt gewesen.

Warum in diesem Winter mehr obdachlose Männer ins Pik As gingen, könne er nur vermuten. Im Vorjahreszeitraum zählten die Mitarbeiter von pflegen & wohnen auf dem damaligen Wohnschiff „Bibby Challenge“ immerhin noch 15.500 Übernachtungen. „Ein Grund könnte sein, dass die ‚Bibby Challenge‘ damals einen großen Schlafsaal hatte, der sehr beliebt war“, so Ingwersen. „Es gab dort insgesamt mehr Platz für den Einzelnen.“ Doch auch das könnte ein Grund für sinkende Zahlen sein, wird in der Szene vermutet: In den vergangenen Jahren hätten Drückerkolonnen das Winternotprogramm der Wohnschiffe missbraucht, um ihre Mitarbeiter kostenlos unterzubringen. In diesem Jahr müssen die Männer auf dem Wohnschiff ihre Ausweise vorzeigen. Es sollen nur noch wirkliche Obdachlose an Bord. Selbst zum Ende des Programms im April seien die Belegzahlen noch immer sehr hoch gewesen. „Das liegt“, so Ingwersen, „auf jeden Fall an dem langen Winter, den wir dieses Jahr hatten.“

Zu einer anderen Bilanz kommen dagegen die Mitarbeiter der Tagesaufenthaltsstätte Bundesstraße, die die Containerplätze vermittelt hat: „Der Andrang war riesig“, sagt Mitarbeiterin Rika Klauzsch. „Am Anfang standen die Männer bis auf die Straße hinaus Schlange. Wir haben absolut steigende Zahlen und hätten noch mehr Kapazitäten gebraucht. Sowohl beim Winternotprogramm als auch bei der Essensausgabe: Zum ersten Male haben wir über das Jahr gesehen mehr als 20.000 Essen ausgegeben.“

Auch Peter Lühr, der Leiter der Beratungsstelle für Haftentlassene in der Kaiser-Wilhelm-Straße, sieht wenig Anlass zu Optimismus: In Hamburg werden täglich fünf Strafgefangene aus der Haft entlassen, die keine Wohnung haben, so Peter Lühr. Die Chancen für diese Männer, in absehbarer Zeit in eine eigene Wohnung zu kommen, hätten sich drastisch verschlechtert. „Die Stadt gibt gern Menschen zu uns in die Haftanstalten ab“, sagt Peter Lühr, „aber wieder nehmen will sie sie nicht.“

Petra Neumann

Die neue Hinz&Kunzt ist da!

Ab sofort auf Hamburgs Straßen und Plätzen zu kaufen: Die Hinz&Kunzt-Aprilausgabe.

Titel_206Auf dem Titelbild zu sehen: die bezaubernde Sibel Kekilli. Bekannt wurde sie mit Fatih Akins Filmerfolg „Gegen die Wand“, in „Die Fremde“ verkörpert sie die Deutsch-Türkin Umay, deren Leben zwischen zwei Kulturen tragisch verläuft. Unserem Autor Frank Keil sagte die Schauspielerin, warum sie ihren neuesten Film so sehr mag.