Public Viewing : Pfandsammler-Schikane beim Fanfest

Beim Fanfest auf dem Heiligengeistfeld sind Pfandsammler scheinbar nicht willkommen. Ordner entscheiden willkürlich, wer rein darf und wer nicht. Standbetreiber machen Gewinn durch nicht zurückgegebene Becher.

Becher des Anstoßes: Beim Fanfest auf dem Heiligengeistfeld wollen „Standbetreiber nicht mit Bechern überschüttet werden“ und Pfandsammler kommen nicht rein.

Jürgen T. ist Pfandsammler. Der Wirtschaftsingenieur musste Privatinsolvenz anmelden, ist zu 80 Prozent schwerbehindert. Seit Juli 2010 ist er obdachlos. Und schläft draußen. Mit dem Sammeln verdient er sich ein paar Euro.

Er ist beim Fanfest am Heiligengeistfeld unterwegs, laut Eigenwerbung „Hamburgs größte Fußball-Party“. Er hat alle Hände voll zu tun. Viele Zuschauer werfen ihre leeren Plastikpfandbecher achtlos weg oder lassen sie vor dem Eingang an der Straße stehen. Jürgen T. sammelt fleißig: insgesamt 46 Pfandbecher hat er am Ende des Abends zusammen. Doch als er sie zurückbringen will, stellt sich ihm eine junge Ordnerin in den Weg. „Sie sagte: Du kommst hier nicht rein“, berichtet er Hinz&Kunzt. Als er fragt, warum nicht, bekommt er die lapidare Antwort: „Das ist Diebstahl.“ Wie können weggeworfene Becher Diebesgut sein? Jürgen T. versteht die Welt nicht mehr. Nirgendwo wird darauf hingewiesen, dass Pfandbecher nicht wieder zurück aufs Gelände gebracht werden dürfen.

Nachfrage beim Veranstalter, der Bergmann Gruppe. Eine Anweisung, Pfandsammler abzuweisen, gibt es nicht, sagt Sprecherin Sabine Vogt. Im Gegenteil: „Jeder, der hilft, Müll zu vermeiden, ist willkommen.“ Sie verweist an die Projektleiterin vor Ort. Bei Sandra Mill hört sich das schon ganz anders an: „Ich kann nicht ausschließen, dass so was vorgekommen ist.“

Die Securityfirma (Herm&Sommer aus Altona) weise „aus Erfahrungswerten der vergangenen Jahre“ tatsächlich Leute ab, die mit einer großen Menge Pfandbecher wieder zurück auf das Fanfest wollten. Mill schiebt den Schwarzen Peter an die Standbetreiber weiter. Die würden sich erfahrungsgemäß weigern, große Mengen anzunehmen. Als „große Menge“ gibt Mill „mehr als zehn Becher“ an.

Die Gründe: „Die Standbetreiber wollen nicht mit Bechern überschüttet werden.“ Der „logistische Aufwand“ sei zu hoch, die Pfandsammler hielten den Betrieb auf, so Mill. Jeder, der einmal im Supermarkt vor der Schlange am Pfandautomaten stand, kann sich über diese Argumentation nur wundern. Mehr noch, wenn man weiß, dass dieses Jahr nur noch genormte Pfandbecher, ausgegeben werden – keine Glasflaschen. Es kann also kein „Fremdleergut“ bei den Standbetreibern landen.

Das Problem: Juristisch ist die Lage kompliziert, da hier Privatrecht greift. Der Standbetreiber begeht demnach keine Ordnungswidrigkeit, wenn er die Rücknahme ab einer bestimmten Anzahl verweigert. Was bleibt, ist ein moralisches Dilemma: Schließlich macht der Standbetreiber mit jedem nicht zurückgegebenen Pfandbecher Gewinn: Während das Pfand pro Becher 1 Euro beträgt, kosten sie im Einkauf nur wenige Cent.

Wir machen den Selbstversuch: Und gehen mit einer großen Menge Bechern in einer schicken Tasche zum Fanfest. Erst werden auch wir abgewiesen. Mehr als „zwei, drei Becher sind nicht erlaubt“, sagen die Ordner. Erklärungen haben sie nicht. Ob wir denn Pfandchips hätten? Die seien für die Becher nötig. Kurze Zeit später wird für uns „eine Ausnahme“ gemacht. Mit einer Begründung, die beschämt: „Sie sehen ja auch nicht so aus wie die anderen Leute, die hier sonst mit Bechern kommen,“ sagt ein Ordner. Drinnen machen wir Stichproben und bekommen das Pfand anstandslos ausgezahlt – auch ohne Pfandchips.

Viele Verbote, aber dass nur „zwei bis drei Pfandbecher“ reingenommen werden dürfen“, ist hier nicht zu lesen.

Immerhin: Sandra Mill hat angekündigt, „das Thema noch mal intern zu diskutieren.“ Das ist auch dringend nötig, wenn Ordner offensichtlich ihre eigenen Regeln aufstellen. Jürgen T. soll das Pfand für seine 46 Becher nun doch bekommen. Fair Play kann so einfach sein, man muss es nur wollen.

 

Text: Simone Deckner, Mitarbeit: Benjamin Laufer
Fotos: Mauricio Bustamante

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