U20 Poetry Slam : Junge Stimmen, große Worte

Wenn Miedya Mahmod einmal in Fahrt ist, merkt man ihr das Lampenfieber gar nicht mehr an. Foto: Mauricio Bustamante

Beim U20 Poetry Slam zugunsten von Hinz&Kunzt geht es um mehr als Punkte von eins bis zehn. Die Leute, die hier auf der Bühne stehen, haben was zu sagen. Auch wenn ihnen dabei das Herz in die Hose rutscht. Dafür gibt’s Respekt.

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Auftritt Miedya Mahmod: Im blassrosa Blümchenkleid, die dunkle Mähne vor den Brillengläsern, steigt die 20-Jährige auf die Bühne im Haus 73 mitten am Schulterblatt. Rund 150 Augenpaare gucken sie an. Ein Blick aufs Textblatt, Miedya rückt das Mikro zurecht und sagt: „Sex war nie ein Thema zwischen mir und meinen Eltern. Bis etwas passiert ist …“ Oha! Kein Mucks ist mehr in den Publikumsreihen des U20 Poetry Slams zu hören. Die traut sich ja was!

Nicht, dass die anderen Poeten ein Blatt vor den Mund genommen hätten. Kampf der Künste, das heißt beim U20 Slam auch Kampf gegen rechts. Kampf um Respekt, auch wenn man uncool aussieht. Kampf gegen die Angst vor den eigenen Gefühlen. Ob die Poeten dabei einen Zettel in der Hand haben, ob sich ihre Texte reimen, ob sie als Kunstfigur auftreten oder als Antihelden – egal. Applaus für ihren Mut bekommen alle.

Danach gibt es Punkte. Die Eins steht für „unterirdische, wirklich räudige Texte“, wie Moderator Rasmus erklärt, die Zehn für das Maximum jugendlicher Dichtkunst. Die beste und die schlechteste Wertung werden gestrichen, so verlangen es die Slamregeln – „um etwaige Omas oder Exfreunde im Publikum zu neutralisieren“. Nach sechs Minuten Seelenstriptease ist der Moment auch für Miedya gekommen, und die furchtlose junge Frau wird plötzlich ganz still.

Momentaufnahme #5

Benefiz-Slam zu Gunsten von Hinz&Kunzt: Cap San Diego, Überseebrücke, Di, 12.9., Einlass 19.30 Uhr, Eintritt 11,50 Euro plus Gebühr im VVK, 13 Euro Abendkasse. Alle Einnahmen aus der Kasse kommen Hinz&Kunzt zugute.

Mehr über Kampf der Künste und das Workshop-Programm gibt es hier: www.kampf-der-kuenste.de.
Interessierte Schulen können sich anmelden unter workshops@kampf-der-kuenste.de

„Das ist das Beste an einem Slam-Auftritt: der Moment, wenn es vorbei ist“, sagt Miedya und ihre Mit-Poetin Paula Leitenberger lacht. „Ja, genau!“ Auch wenn es sie beide immer wieder auf die Bühne treibt, das Lampenfieber bleibt. „Als ich im Schauspielhaus Bochum stand, hätte ich mich fast übergeben“, erzählt Miedya. Es waren die Poetry Slam-Landesmeisterschaften 2016 in Nordrhein-Westfalen. 8000 Leute saßen im Publikum. Und Miedya, die sich plötzlich in der „Todesvorrunde“ mit lauter Szenegrößen wiederfand, hatte noch einen einzigen Text. Einen, den sie noch nie gelesen hatte. Paula starrt sie an: „Krass!“

Mit einem guten Dutzend Auftritte gilt die 18-Jährige noch als neu in der Szene. Auch sie kriegt vor einem Auftritt keinen Bissen runter – und ist trotzdem immer wieder dabei. „Ich glaube, dass der Mut schon vorher kommt“, sagt sie. „Zu Hause, wenn man sich entschließt: Das ist ein Text für die Bühne, ich melde mich jetzt an.“

Gefühle teilen, Standpunkte verteidigen oder einmal kräftig über das Leben lachen – das treibt immer wieder junge Slampoeten an die Mikros. Die Punkte der Jury sind Nebensache, findet Miedya. „Man weiß ja, warum man sich auf die Bühne stellt. Und eine Zahl auf einem Stück Pappe sollte einen nicht daran hindern.“ Gerade beim U20-Slam muss niemand perfekt sein. Alle dürfen noch wachsen. Das vermitteln die Macher vom Kampf der Künste auch in ihren Workshops für Schüler. „Wir wollen junge Menschen – vor allem diejenigen, die vielleicht nicht den einfachsten Start ins Leben haben – dabei unterstützen, ihre eigene Stimme und Sprache zu finden und zu erzählen, was sie bewegt“, erklärt Elisa Fischer, Geschäftsführerin bei Hamburgs größtem Slamveranstalter.

Lasst uns offen reden: Paula Leitenberger wirbt dafür, Gefühle zu zeigen. Foto: Mauricio Bustamante

„Das Gute an U20 ist: Man kann sich erst mal ausprobieren. Und man ist mit Leuten zusammen, denen es genauso geht“, sagt Paula. Das ist für sie die beste Erfahrung, seit sie ein Workshop im Kreativen Schreiben zur Slammer-Szene brachte. Auch Miedya wurde nach einem Schreibkurs liebevoll auf die Bühne geschubst. Der erste Slam, den sie sah, war zugleich der erste, an dem sie teilnahm. „Eine Schocktherapie“, sagt sie heute. „Ich war damals sehr, sehr menschenscheu.“ Statt mit ihren Gedanken immer nur um sich selbst zu kreisen, sprach sie sie vor Publikum offen aus. Die anderen Slammer waren beeindruckt, wollten mehr hören. „Ich dachte: Krass, wie nett die Menschen sind“, erzählt sie. „Ich habe mich mega wohlgefühlt.“ Beim Slam wünscht sie jedem, der auf die Bühne geht, Glück. Wer zurückkommt, klatscht ab. Das ist ihr das Wichtigste beim Slam. Die Punkte? Pfff.

Ein schönes Gefühl ist es trotzdem, als Paula nach ihrem Auftritt im Haus 73 die erste 9,9 des Abends entgegennimmt. Ganz frei hat sie ihre Reime vorgetragen, immer im Blickkontakt mit ihrem Publikum. Dass sie nicht in die Endrunde der besten drei kommt, ist ihr nicht so wichtig. Miedya dagegen ist drin. Sie liest denselben Text wie damals in der „Todesrunde“ in Bochum: Ein Selbstzeugnis über Zwangshandlungen und Essstörung – und wie sie all das überwand. Als der Applaus losdonnert und sie zur Siegerin erklärt wird, verdreht sie die Augen. Darum ging es doch gar nicht.

Artikel aus der Heft-Ausgabe:
Über den Autor
Annabel Trautwein
Annabel Trautwein schreibt als freie Redakteurin für Politik, Gesellschaft und Kultur bei Hinz&Kunzt - am liebsten über Menschen, die für sich und andere neue Chancen schaffen.

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