Leserin spendet täglich
Ein Euro pro Tag

Treue Spenderin: die ehemalige „Spiegel“-Redakteurin Beate Lakotta. Foto: Dmitrij Leltschuk
Treue Spenderin: die ehemalige „Spiegel“-Redakteurin Beate Lakotta. Foto: Dmitrij Leltschuk
Treue Spenderin: die ehemalige „Spiegel“-Redakteurin Beate Lakotta. Foto: Dmitrij Leltschuk

Seit drei Jahrzehnten unterstützt die Journalistin Beate Lakotta Hinz&Kunzt. Für jeden Tag im Jahr spendet sie einen Euro.

Medien-Metropole Hamburg, 1996: Die angehende Journalistin Beate Lakotta ist ein paar Sorgen los, wie das alles werden soll in ihrem Leben. Sie ist damals Anfang 30, hat in Heidelberg Germanistik und Politikwissenschaft studiert und fängt, nach kurzem Zwischenspiel in einer PR-Agentur, beim „Spiegel“ an. Außerdem hat sie eine Wohnung gefunden, in der sie sich wohlfühlt: in der Hopfenstraße auf St. Pauli. Sogar mit Elbblick, zumindest aus einem Fenster.

Im Viertel sieht Beate Lakotta täglich Menschen, die mit Armut und Obdachlosigkeit zurechtkommen müssen. Umso dankbarer stellt sie fest, wie gut es ihr selbst geht. Sie fühlt sich zum ersten Mal „safe“, wie sie rückblickend sagt, „mit einem Job, der mich ernährt, und einer Wohnung, die ich bezahlen kann“.

Beate Lakotta ist dankbar dafür, wie gut es ihr geht.

Seitdem spendet sie für das Straßenmagazin, ist inzwischen auch Mitglied im Hinz&Kunzt-Freundeskreis. 365 Euro überweist sie im Jahr, einen Euro für jeden Tag. Sie unterstützt auch andere Organisationen, zum Beispiel „Ärzte ohne Grenzen“ oder die UN-Flüchtlingshilfe. Aber das Engagement für Hinz&Kunzt ist das längste, durchgehend seit 30 Jahren.

Beim Spiegel arbeitet Beate Lakotta ab 2001 im Wissenschaftsressort, sie befasst sich mit Neurowissenschaften, Psychoanalyse und Medizinethik. 2011 wird sie Justiz- und Gerichtsreporterin. Bei ihrer ersten Reportage ist sie sofort voll gefordert: der dramatische Prozess nach dem Amoklauf an einer Schule im baden-württembergischen Winnenden. Ein 17-Jähriger hatte 15 Menschen und zuletzt sich selbst erschossen. Vor Gericht steht sein Vater, ein Sportschütze. Er hatte die Tatwaffe zu Hause nicht ordnungsgemäß verwahrt.

Bitte nicht lächeln!
Hamburger Fotograf Walter Schels
Bitte nicht lächeln!
Der Hamburger Fotograf und Gesichts-Erforscher Walter Schels wird 90 – und will noch lange weiterarbeiten.

Vor drei Jahren hörte Lakotta beim Spiegel auf. Im Gericht ist die 61-Jährige weiterhin: als ehrenamtliche Schöffin. Aber vor allem hat sie jetzt mehr Zeit für Projekte mit ihrem Mann, dem Fotografen Walter Schels, der in diesem Jahr 90 wurde. Auch das eine Geschichte, die vor drei Jahrzehnten begann. Lakotta sollte für den Spiegel Musiker:innen auf der Straße porträtieren. Zusammen mit einem freien Fotografen, den sie bis dahin nicht kannte. Vor den Interviews war noch Zeit, die beiden gingen ins Café. „Das war es dann schon“, stellt Beate Lakotta trocken fest. „Jedenfalls bei mir, Walter brauchte noch etwas Bedenkzeit wegen des Atersunterschieds.“

Die zwei hatten sich gefunden. „Wir sind ein komplettes Lebens- und Arbeitsteam“, so die Journalistin. Zusammen verwirklichten sie viel beachtete Langzeitprojekte, etwa „Noch mal leben“ mit Porträts von Menschen im Hospiz. Oder die Serie „Trans*“ über junge Menschen, für die sich der Körper, in dem sie geboren wurden, nicht richtig anfühlt.

Das jüngste gemeinsame Projekt war eine Retrospektive auf das Werk von Walter Schels – mit einer Ausstellung in Berlin, die im September endete, sowie einem Begleitbuch. Und ja, es gebe durchaus Pläne für eine weitere Publikation, sagt Beate Lakotta mit feinem Lächeln. „Aber das ist noch nicht spruchreif.“

Artikel aus der Ausgabe:
Ausgabe 404

Bildung für alle!

Wie ein gerechtes Bildungssystem aussehen könnte und wo sich in Hamburg Arme und Wohnungslose bilden. Außerdem: wieso Nachbarn des Winternotprogramms mehr Hilfe für Obdachlose fordern und wo Harburgs Musikszene floriert.

Ausgabe ansehen
Autor:in
Detlev Brockes
Detlev Brockes
lebt inzwischen in Lüneburg, aber ist ein Fan von Hamburgensien geblieben.