Comicfestival Hamburg : Die S-Bahn als Kreativlabor

Erst Stipendiatin an der HAW, jetzt Buchautorin: Nacha Vollenweider zeichnete eine Graphic Novel über ihre Familiengeschichte. Foto: Mauricio Bustamante

Vom Leben in Argentinien, Fremdsein in Hamburg und S-Bahn-Fahrten in die Stadt: Nacha Vollenweider hat aus ihrem Leben in zwei Welten eine Graphic Novel gemacht. Beim Comicfestival stellt sie ihre Zeichnungen aus.

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Das Arbeitszimmer von Nacha Vollenweider in Eimsbüttel ist nicht groß. Sie braucht zum Zeichnen auch nicht viel Platz: Ein kleiner Schreibtisch, darauf ein Tablet, ein Becher mit Stiften, ein Stapel Papier bögen, das reicht. In einem Koffer liegen jede Menge Originalzeichnungen für ihre Graphic Novel „Fußnoten“, ihr erstes Buch in Deutschland. In Argentinien ist es bereits erschienen.

Dort wird Nacha Vollenweider 1983 geboren, sie wächst dort auf. Schon als Kind malt sie leidenschaftlich gerne, zeichnet Comics, studiert nach der Schule Malerei. Lernt bei einem Workshop in Buenos Aires die deutsche Comicszene kennen, von der sie begeistert ist. Sie bewirbt sich für ein Stipendium für Design und Medien an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg und bekommt es. Vorher muss sie nur einen Sprachkurs in Köln besuchen. „Köln ist nicht schön, aber witzig“, sagt sie und lacht. Mit Hamburg sei es eher umgekehrt.

Die ersten Wochen und Monate an der Hochschule an der Finkenau fallen ihr nicht leicht. Deutsch zu lernen sei wirklich schwer: „Wenn ich eine Stunde Deutsch gehört hatte, wurde ich müde“, erzählt sie. Sie sagt: „Die Sprache ist eine große Grenze.“

Noch etwas kommt hinzu: Man müsse in Deutschland ständig auf sich aufmerksam machen, müsse sich interessiert zeigen, müsse auffallen. Auch wenn einem vielleicht nicht immer danach zumute sei. „Die Deutschen fragen nicht so nach“, sagt sie. „Sie kommen zum Lernen, und danach gehen sie schnell nach Hause.“

Entsprechend schwierig ist es für sie, Anschluss und Freunde zu finden. Ein Jahr habe es gedauert, bis sie zu sich sagen konnte: „Okay, jetzt fühle ich mich langsam wohl.“ Irgendwann hätten ihre Mitstudenten sie so kennengelernt, wie sie eigentlich sei: offen und kommunikativ und dabei ziemlich lustig. „Man hat mir hinterher gesagt, ich sei immer so sehr ernst gewesen, so seriös. Dabei war ich nur extrem konzentriert.“

Sie lebt in den ersten Monaten in Bergedorf. In Erinnerung geblieben sind ihr die langen Fahrten mit der S-Bahn vom Bergedorfer Bahnhof rein in die Stadt. Lang – nicht zeitlich gesehen. Man braucht schließlich von Altona nach Barmbek ähnlich lange, um die 25 Minuten. Aber die Bergedorfer Strecke führt zwischendurch entlang an Feldern und Wiesen, man sieht in der Ferne die Wolken, wie sie fast den Boden berühren. Bis ab der Station Tiefstack die Großstadt Haus um Haus heranrückt, es ist jedesmal fast eine kleine Reise. „Man hat Zeit zu gucken, und man hat Zeit zu überlegen“, sagt sie.

Ich konnte mir nicht vorstellen, dass meine Geschichte einen Verleger interessieren könnte– Nacha Vollenweider

Damals kommen ihr die ersten Ideen und Einfälle für ihr Buch. Noch ganz ungeordnet, eher assoziativ. „Ich hatte keinen Plan, keine Handlung, der ich folgen wollte; ich habe so gezeichnet wie Erinnerungen funktionieren: Plötzlich erinnerst du dich an etwas, dir fällt etwas ganz anderes ein; du schweifst ab, findest wieder zurück und weißt gar nicht genau, wie das alles passiert ist“, erzählt sie. Und so zeichnet sie auch: mit schnellen Strichen, eher grob und skizzenhaft. Und in Schwarz-Weiß, nicht in Bunt. Und sie fragte sich, ob das Buch, wenn es denn je fertig wird, veröffentlicht wird? „Ich konnte mir nicht vorstellen, dass meine Geschichte einen Verleger interessieren könnte“, sagt sie. Ist das nicht alles zu privat, zu speziell, was sie da zeichnerisch erzählt? „Ich habe das Buch erst mal für mich selber gemacht“, sagt sie.

In „Fußnoten“ kontrastiert Nacha Vollenweider Alltagsbeobachtungen mit Erinnerungen aus Argentinien. Illustration: Nacha Vollenweider

Und so erzählt es von ihren Bergedorfer S-Bahn-Fahrten und darüber, dass sie sich so lange nicht an die trüben Herbst und Wintertage in Hamburg gewöhnen konnte; davon, wie sie ihre Frau heiratet, die sie noch in Argentinien kennenlernte, wo diese Deutsch am Goethe- Institut unterrichtete, auch noch, als sie selbst schon in Deutschland ist – sodass sie zeitweise eine Fernbeziehung führen. Zurück geht die Erinnerungsreise nach Argentinien, in die Provinz Buenos Aires, wo ihre Großmutter, eine überzeugte Anhängerin der Regierung Perón, Gartenzwerge im Garten aufstellt, vor denen sie sich als Kind sehr gruselt. Und wo es einen Ort namens „Altona“ gibt. Von ihrem Onkel mütterlicherseits erfahren wir, der zu Beginn der Militärdiktatur, die von 1976 bis 1983 dauert, spurlos verschwindet und wie sich ihre Großmutter daraufhin den „Müttern der Plaza de Mayo“ anschließt, die bis heute das Schicksal vieler Verschwundener aufzuklären versuchen.

Und noch weiter zurück geht ihr Buch und erzählt auch die Geschichte ihrer Vorfahren. Und wer sich bisher darüber gewundert hat, dass eine Argentinierin einen Nachnamen wie „Vollenweider“ trägt, erfährt nun, dass einst im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts ein Heinrich Vollenweider in Argentinien für eine Schweizer Auswanderungsagentur tätig war – ihr Ururgroßvater, der in Familienkreisen den Spitznamen „Amerika-Heiri“ trug. Der alle seine Kinder stets zur Schulausbildung zurück in die Schweiz schickte, also auch den Großvater ihres Vaters, in den Ort Obfelden im Kanton Zürich. „Dieser Urgroßvater hat immer versucht, den Kontakt in die Schweiz zu halten und auch zu bewahren, woher unser Familienname Vollenweider kommt“, sagt sie.

Nun hat sie dessen Aufgabe übernommen, sie war von Hamburg aus mehrmals in der Schweiz und hat sich gut mit einer Cousine angefreundet und auch erfahren, wie schön es sich anfühlen kann, wenn man über die Herkunft der eigenen Familie Bescheid weiß. Auch davon erzählt ihr Buch.

Meine Geschichte von Migration ist nicht dramatisch– Nacha Vollenweider

„Meine Geschichte von Migration ist nicht dramatisch“, sagt sie. Sie musste schließlich nicht ihr Leben riskieren, als sie das Land wechselte. Trotzdem sei es schwierig, sich einen neuen Ort anzueignen und heimisch zu werden. Und sie will auch erzählen, dass im vergangenen Jahrhundert und dem davor viele Menschen aus Europa nicht nur in die USA und nach Kanada ausgewandert sind, sondern auch in die noch jungen Staaten Südamerikas, was weitaus weniger bekannt ist.

Ideen, welches Buch sie als nächstes schreiben und zeichnen könnte, hat sie einige. Vielleicht zeichnet sie eine Chronik über Brasilien (denn zwischendurch war sie mit ihrer Frau, die dort für ein paar Monate einen Job hatte, in Brasilien, und man solle jetzt bitte nicht denken, Brasilien und Argentinien, das sei doch irgendwie dasselbe!); vielleicht schreibt sie eine Geschichte des Tangos; vielleicht wird es aber auch ein Bilderbuch über die Milongas, begleitet von durch sie übersetzten Tangoliedern – mal schauen, was kommt. Erst mal ist sie gespannt, wie ihr Buch hierzulande ankommt und ihre Zeichnungen, die sie jetzt beim Comicfestival ausstellt.

In Hamburg wird sie erst mal bleiben, Hamburg soll es sein. Welches Detail das verrät? Sie hat sich erst neulich ein Tattoo stechen lassen: einen kleinen, schnörkellosen Anker, er hat auf der Innenseite ihres rechten Oberarmes seinen Platz gefunden. Da, wo man ihn nicht gleich sieht. Irgendwie typisch hamburgisch.

Zeichnungen von Nacha Vollenweider sind auf dem Hamburger Comicfestival (5.–8.10.) zu sehen. Galerie Speckstraße (Gängeviertel), Eröffnung: Fr., 6.10., 20 Uhr; Öffnungszeiten: Sa, 11–18 Uhr, So, 12–18 Uhr. Weitere Infos zum Festival unter: www.comicfestivalhamburg.de

Nacha Vollenweider: „Fußnoten“, Avant Verlag, Berlin; 206 Seiten, 20 Euro.

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