Mit Herz, Hirn und Humor

Hinz & Kunzt zu Gast bei der Kabarettistin Lisa Politt

(aus Hinz&Kunzt 130/Dezember 2003)

Zur Begrüßung bellt der Hund, die Katzen schnurren, die Küche ist mit hellen Holzschränken, Trockensträußen und einer blubbernden Kaffeemaschine warm und gemütlich. Man redet über dies und jenes – und dann, irgendwann, sagt Lisa Politt diesen Satz: „Bevor ich Comedy mache, eröffne ich ein Heim für schwer erziehbare Kinder!“ Diesen Satz sagt Lisa Politt ziemlich am Ende des Gesprächs, und da glaubt man ihr schon lange aufs Wort. Nicht nur, weil sie als diplomierte Psychologin tatsächlich die nötigen Qualifikationen für diesen Berufswechsel mitbrächte, sondern vor allem, weil die 46-jährige Kabarettistin tatsächlich nicht zu denen gehört, denen egal ist, worüber gelacht wird, solange es nur laut ist.

Sie will Gesellschaftsstrukturen verstehen und verändern und komme eher vom Agit-Prop als aus der Schauspielerei, definiert sie selbst ihre Berufung. „Ganz anders als Gunter, der ist so ein richtiger Schauspieler, der sich vor einem Auftritt lange Gedanken macht über Maske, Kostüm und darüber, wie er die Rolle anlegen soll.“

Gunter Schmidt ist ihr Kompagnon in ihrer kürzlich eröffneten Kabarettbühne „Polittbüro“ im ehemaligen Neuen Cinema und die andere Hälfte ihres gemeinsamen Kabarett-Duos „Herrchens Frauchen“, das im nächsten Jahr 20-jähriges Bühnenjubiläum feiert. Und noch länger ist er mindestens die Hälfte in Lisa Politts Leben. Der Mann, der ihren verlegten Führerschein findet und die Zeitungsausschnitte und Briefumschläge, auf denen sie sich wichtige Notizen für ihr neues Programm gemacht hat. Derjenige, den sie zwar kurz und heftig bepöbelt, weil die Kaffeemaschine nicht funktioniert, von dem sie aber, kaum hat er die Küche verlassen, vollkommen ohne Ironie sagt, dass er sie in schweren Zeiten gerettet habe. Damals, als ihre Tochter ein Jahr alt war und sie sich vom Vater des Kindes getrennt hatte. Und auch später, als sie nach dem Selbstmord ihres Bruders wochenlang einfach nicht mehr sprechen konnte.

„Dafür habe ich auch mit diversen Blumensträußen um ihn gekämpft“, sagt sie und vertreibt mit ihrem Lachen die schweren Erinnerungen. „Damals leitete Gunter den Hamburger Tuntenchor, und ich musste einige männliche Konkurrenten aus dem Feld schlagen.“ Inzwischen bewohnen die beiden ein Hinterhof-Häuschen in Altona, das sie mit einem sehr großen, sehr schwarzen Hund teilen und mit ein paar puscheligen Katzen. Im schmalen Garten pflanzt Frau Politt gerne mal ein paar Kartoffeln an, weil Gartenarbeit sie fast so sehr entspannt wie putzen oder kochen, sagt sie und verrät dem Fotografen auch gleich noch ein Rezept für Möhrensuppe. Nein, ihre Tochter wohne nicht mehr hier, „die ist schließlich schon 23 und kommt alleine klar.“ So flapsig sie das sagt, so glücklich strahlt sie, wenn sie von ihrer Tochter erzählt, die nicht nur in einer Band singt, sondern auch studiert und „alles total straight durchzieht“.

Dass Lisa Politt damals überhaupt im Tuntenchor landete, hatte mit Ernie Reinhard zu tun, den sie noch aus der Schulzeit kannte. Als einziger bot er ihr eine Band an, in der sie singen konnte. „Die Hamburger Musikszene war damals derart arrogant, dass ich keine andere Möglichkeit hatte“, sagt Lisa Politt.

Rocksängerin hatte sie schon werden wollen, als sie noch ein aufsässiger Teenager war, im niedersächsischen Bomlitz. „Zwischen Vogelpark und Löns-Denkmal“, wie die Kabarettistin ihre Heimat charakterisiert, mit deren Enge sie sich bis heute nicht ganz versöhnt hat. Der Mutter zuliebe, mit der sie es auch nicht einfach hatte, schrieb sie sich dann doch in Hamburg an der Uni ein. Zuerst nur, damit die Mutter den Anspruch auf Kindergeld nicht verliert, aber die Psychologie hatte sie dann wirklich gepackt. Eine Zeit lang wollte sie sogar Psychoanalytikerin werden, „aber die Distanz zu dem anderen Menschen, die dafür ja zu Recht gefordert wird, die hätte ich einfach nicht aushalten können.“

Also verlegte sie ihre Analysen auf die Bühne, wo bei aller intellektueller Schärfe auch Raum ist für Lisa Politts Leidenschaft, die sich, einmal entfesselt, so leicht nicht mehr aufhalten lässt. Vor allem, wenn es gilt, gegen Ungerechtigkeit und für die Schwachen zu kämpfen. Diese Mischung aus Gefühl und Härte charakterisiert all ihre Programme von „Fühlt euch wie zuhause“ bis „Rache“, sie hat ihr den ein oder anderen Ärger nicht nur mit der Presse eingehandelt und ist jetzt endlich mit dem Deutschen Kabarettpreis gewürdigt worden.

„Verdient“ findet sie selbst diese Auszeichnung, und sie freut sich auch deswegen ganz besonders, weil der Preis, seitdem er 1984 erfunden wurde, jetzt zum ersten Mal an eine Frau geht. Dabei, bemerkt sie trocken, gebe es ja nun schon seit einiger Zeit ganz hervorragende Kabarettistinnen, doch möglicherweise bräuchten Männer eben etwas länger, um das zu bemerken. Immerhin haben die Presse-Meldungen über den Kabarettpreis dazu geführt, dass ein Polizist auf St. Pauli sie erkannt hat. Der pfiff seinen Kollegen zurück, der ihr einen Platzverweis erteilen wollte, weil er sie zur autonomen Szene rechnete, „dabei wollte ich nach einem Auftritt doch nur Pommes essen!“ Sehr fröhlich, fast schon albern erzählt Politt diese Geschichte. Hat einen genauen Blick noch für das absurdeste Detail, beschreibt die Situation mit wenigen Worten so, dass man sich fühlt, als sei man auf dem Kiez dabeigewesen.

Doch bei aller Liebe zu den kleinen Absurditäten des Alltags – auf der Bühne würde sie die Geschichte nie erzählen, ohne wenigstens einen kleinen Hinweis auf die politische Bedeutung von Platzverweisen einzubauen. Sonst könnte sie ja gleich Comedy machen. Deshalb sagt sie auch, blitzartig wieder ernst, dass sie nicht abhängig sei von Preisen und Auszeichnungen, denn „künstlerischer Maßstab können für mich doch nur Leute sein, die meine linke politische Grundhaltung teilen und mich vor diesem Hintergrund kritisieren.“ Dafür gebe es ein Netzwerk guter Freunde, und ansonsten sage ein Verriss oft mehr über den Kritiker als über die Verrissene. Was nicht bedeutet, dass sie eine schlechte Kritik nicht immer noch als persönliche Verletzung empfände.

Diese Empfindsamkeit hat sie sich trotz 20 Jahren Bühnenerfahrung bewahrt, wie auch die Überzeugung, dass Frauen solchen Angriffen unter der Gürtellinie häufiger ausgesetzt sind als Männer. Überhaupt habe sich an ihrer Haltung wenig verändert in den letzten zwei Jahrzehnten, „an den Verhältnissen ja schließlich auch nicht“.

Aber natürlich habe sie heute viel mehr Erfahrung und ein ganz anderes Verhältnis zum Publikum. „Früher hatte ich richtig Angst vor denen und habe versucht, möglichst jeden Kontakt zu vermeiden.“ Inzwischen mache es ihr Spaß, mit ihnen von der Bühne aus in eine Art Gespräch zu kommen. „Wenn es mir gelingt, gerade diejenigen, die nicht von Anfang an meiner Meinung sind, mit einer Geschichte abzuholen, die sie aus eigener Erfahrung kennen und sie damit an andere Themen und Einsichten heranzuführen, ist das ein Erfolg“, beschreibt sie ihre heutige Arbeitsweise. Freundlicher sei sie mit den Jahren geworden, meint sie. Tatsächlich könnte sie mit dieser Methode wohl auch schwer erziehbaren Kindern gut tun. Doch bevor es soweit kommt, hat Lisa Politt noch einiges vor: „Erstens: Das Theater am Steindamm mit guten Programmen gut füllen. Zweitens: Der Welt zeigen, dass nicht nur Männer das Recht haben, mit Falten im Gesicht noch auf der Bühne zu stehen.“ Und drittens: Die Welt verändern, mit Herz und Hirn. Alles weitere findet sich.

Sigrun Matthiesen

Nr. 9: Kleinere Unterkünfte

Zehn Jahre Hinz&Kunzt – zehn Geburtstags-Forderungen

(aus Hinz&Kunzt 130/Dezember 2003)

Darum geht es:

Weit mehr als 10.000 Menschen in Hamburg leben in Massenunterkünften – manchmal mehrere hundert auf engem Raum. Neben 2800 Wohnungslosen (allein Stehende und Familien) sind auch viele Zuwanderer betroffen. Für die meisten bedeutet das ein oft jahrelanges perspektivloses Leben im Ghetto. Deshalb fordert H&K, Wohnungslose und Flüchtlinge in Wohnungen oder kleinen Unterkünften unterzubringen, in denen maximal 20 Menschen leben. Das erhöht ihre Chance auf Integration, vermindert Konflikte – und spart langfristig Geld.

Der Hintergrund:

Wer seine Wohnung verliert oder nie eine eigene gehabt hat, wird „öffentlich untergebracht“. Für die Stadt erledigt das in der Regel „pflegen & wohnen“ (p&w, 14.700 Plätze), daneben haben die Bezirke eigene Unterkünfte angemietet. Oft leben dort mehrere hundert Menschen, in Hamburgs größter Unterkunft, dem Billstieg, sind mehr als 900 Flüchtlinge untergebracht.

Für die Vermieter der meist schlicht gebauten Häuser, die oft in Industriegebieten liegen, bedeutet das ein einträgliches Geschäft: Die Unterbringung eines allein stehenden Wohnungslosen kostet laut Sozialbehörde durchschnittlich 222 Euro pro Monat, die eines Zuwanderers im Schnitt 176 Euro. Die Bezirke überwiesen im Jahr 2001 im Mittel sogar 310 Euro monatlich pro Zuwanderer, so der Senat in einer Antwort auf eine parlamentarische Anfrage (neuere Zahlen liegen nicht vor, Red.). Da sich in den kleinen Zimmern und Wohnungen oft mehrere Menschen drängen, kommen bemerkenswert hohe Summen zusammen. Wohlgemerkt: Sozialarbeit ist in diesen Preisen nicht inklusive.

Das Problem ist: Der Stadt fehlen Alternativen. Will sie oder ein freier Träger in einer „normalen“ Wohngegend Sozialwohnungen für Flüchtlinge oder eine Unterkunft für Wohnungslose errichten, bildet sich meist postwendend eine Bürgerinitiative dagegen. Frei nach dem Motto: Sozialstaat ja, aber nicht vor meiner Haustür! Auch Wohnungseigentümer vermieten eher ungern an sozial Schwache. Selbst die städtischen Wohnungsgesellschaften SAGA und GWG, klagen Sozialarbeiter, würden Wohnungslosen und Flüchtlingen immer seltener die Chance auf eigene vier Wände eröffnen. Die Folge: Wenige Betroffene schaffen den Sprung aus der Massenunterkunft. Je länger sie dort jedoch bleiben, desto schwerer finden sie zurück in ein normales Leben.

Zwar wollen die Hamburger Wohnungsunternehmen zusätzlich 600 Mietwohnungen bereitstellen. Doch auch das Kontingent von dann 1570 Wohnungen reicht offenkundig nicht. Mehr als 2500 Hamburger verlieren jedes Jahr ihre Wohnung. Und 8000 Sozialwohnungen fallen jährlich aus der Mietpreisbindung heraus – aber nur 2000 neue werden gebaut.

Selbst wenn es ausreichend Wohnungen gäbe: Nicht für jeden macht der sofortige Sprung in eigene vier Wände Sinn. Wie gut kleine, dezentrale Unterkünfte im Vergleich zu Massenquartieren sind, zeigt die Arbeit der Neuen Wohnung. Nicht mehr als 20 ehemals Obdachlose leben in den Containerdörfern und Häusern des gemeinnützigen Projekts und werden dort von je einem Sozialarbeiter betreut (der Betreuungsschlüssel in einer p&w-Unterkunft liegt bei 1:100).

Das kostet zwar erst mal mehr – 600 Euro pro Bewohner und Monat –, doch rechnet sich die Investition: Jeder zweite zieht früher oder später in die eigene Wohnung, so die Neue Wohnung, im Schnitt bleiben die Bewohner nicht mal ein Jahr. Zum Vergleich: Aus den p&w-Unterkünften schaffen nach Angaben des Betreibers pro Jahr 400 der 2300 untergebrachten Menschen (allein Stehende und Familien) den Sprung in privaten Wohnraum. Einer internen Untersuchung von p&w-Sozialarbeitern zufolge leben 72 Prozent der allein stehenden Wohnungslosen länger als ein Jahr in einer Unterkunft.

Wie machen es andere:

Was 2004 endlich auch in Hamburg Wirklichkeit werden soll – die Einrichtung bezirklicher Fachstellen, deren oberstes Ziel die Vermeidung von Wohnungslosigkeit ist –, praktizieren andere Städte schon lange. So gelang es beispielsweise Duisburg, durch Prävention die Zahl der Zwangsräumungen quasi auf Null zu drücken. Folge: In den städtischen Notunterkünften leben statt ehemals 2500 nur noch knapp 100 Menschen. Vorteil der Duisburger: Wohnraum fehlt dort nicht.

In Berlin dürfen Asylbewerber seit kurzem in den eigenen vier Wänden statt in Massenunterkünften leben. Das ermögliche den Betroffenen nicht nur mehr Eigenständigkeit, sondern sei auch „finanziell günstiger“, so Sozialsenatorin Heide Knake-Werner (PDS). Bisher zahlte die Hauptstadt rund 300 Euro monatlich für die Unterbringung eines Asylbewerbers in einer Unterkunft. Mit der Reform werde der Haushalt deutlich entlastet, so eine Sprecherin. In der Regel müssen die Sozialämter die Kosten der Unterbringung tragen, da Asylbewerber in Deutschland nicht arbeiten dürfen. Vorteil für Berlin: Auch dort ist der Wohnungsmarkt deutlich entspannt.

So müsste es laufen:

– Sozialbehörde und Bezirke müssten die Verträge mit Vermietern überteuerter Massenunterkünfte kündigen und mit dem Geld kleine, dezentrale Unterkünfte für Wohnungslose und Flüchtlinge anmieten beziehungsweise errichten lassen

– Die städtischen Wohnungsunternehmen SAGA und GWG müssten verpflichtet werden, vermehrt an sozial Schwache zu vermieten

Ulrich Jonas

Vom anderen Stern

Warum der Schanzenpark ohne ein Hotel im Wasserturm viel schöner ist

(aus Hinz&Kunzt 130/Dezember 2003)

Für Parks werden ja bislang noch keine Sterne verteilt. Doch wenn es welche gäbe, dann würde der Schanzenpark wahrscheinlich mit fünf Sternen ausgezeichnet – jedenfalls von denen, die ihn nutzen. Zwar gibt es hier keine Springbrunnen, keine raffinierten Rabatten wie in Planten un Blomen und auch keine weitschweifige Wegeführung mit spektakulären Aussichten wie im Jenischpark. Nein, der Schanzenpark besteht aus drei Rasenflächen, die am Ende des Sommers ziemlich abgeschabt sind, Bäumen, die alt genug sind, um Schatten zu werfen, es aber auch nicht übel nehmen, wenn sie mal einen Ball an die Krone kriegen, zwei eingezäunten Spielplätzen und zwei Fußballfeldern. Und natürlich aus dem fast 100 Jahre alten Wasserturm, immerhin der größte Europas. Der soll nun ein Vier-Sterne-Hotel werden.

Bis jetzt thront er als eine Art Wahrzeichen fürs ganze Viertel mitten im Park auf dem Hügel und versucht, sich nicht anmerken zu lassen, dass weder die städtische Denkmalpflege noch sein stolzer Besitzer in letzter Zeit viel für ihn getan haben. An seinem Fuß entsteht in den seltenen schneereichen Wintern eine der längsten Rodelbahnen der Stadt. Im Sommer findet unter seinen Augen all das statt, was den Park zur Fünf-Sterne-Anlage macht: Menschen jeden Alters, meist männlich, rennen Bällen unterschiedlichster Größe hinterher, werfen mit Boule-Kugeln oder Frisbee-Scheiben. Andere rennen sich die Lunge aus dem Leib. Auf dem Hang sitzen Trommler, Jongleure, Biertrinker, Kaffeetrinker, Teetrinker und auch Kiffer. Kinder erproben die Geländetauglichkeit von Bobbycars, Dreirädern und ihrem ersten Fahrrad, Hunde lernen zu apportieren – oder auch nicht. Männer, Frauen und Kinder sammeln sich um Feuerstellen mit riesigen Fleischstücken. Einzelgänger lesen, Pärchen liegen stundenlang bewegungslos auf dem Rasen. Manche, zu wenige eigentlich, küssen sich auch. Dazwischen laufen von Zeit zu Zeit Männer umher, die so unauffällig aussehen, dass sie nur Zivil-Polizis-ten sein können.

All das passiert auf insgesamt knapp acht Hektar, ohne dass es zwischen den unterschiedlichen Nutzern bisher zum offenen Krieg gekommen wäre. Manche glauben deshalb, der Park verfüge über geheimnisvolle Kräfte und dehne sich bei schönem Wetter vielleicht einfach aus. Ein Gutachten von 1996 stellt nüchterner fest, der Park sei gewissermaßen „übernutzt“.

Jürgen Mantell, Leiter des zuständigen Bezirksamts Eimsbüttel, weiß das. Er hat nämlich auch keinen Garten und läuft „des öfteren auch privat durch den Park“. Trotzdem findet er es kein Problem, ausgerechnet hier ein Vier-Sterne-Hotel zu bauen, sondern freut sich, „dass jetzt endlich was passiert mit dem Turm“. Schließlich hatte man den schon 1990 für 39.000 Mark an den Münchner Investor Ernst Joachim Storr verkauft. Der sollte ihn nutzen und dadurch erhalten, ließ ihn aber so lange weiter verrotten, dass einige im Bezirk schon darüber nachdachten, ihm die Baugenehmigung zu entziehen.

Doch bevor es soweit kam, tat Storr sich mit dem Schweizer Hotel- und Gastronomie-Unternehmen Mövenpick und der Augsburger Immobilien-Gruppe Patrizia AG zusammen. Die wollen im nächsten Frühjahr die Bagger anrücken lassen. 16 hundertjährige Bäume werden gefällt, und mindestens eine Saison lang wird der Hügel dann Baustelle sein. Denn im Wasserturm sollen auf 16 Stockwerken 226 Zimmer entstehen, darunter acht Juniorsuiten und zwei Towersuiten. Natürlich wird es ein Fitnesscenter geben, ein Restaurant mit 150 Plätzen und Terrasse, eine Tiefgarage und einen unterirdischen Zugang von der zur Bahn hin gelegenen Seite. Dort, am Rande des Parks, soll sich die Hotellobby befinden, von der aus die Hotelgäste auf 75 Meter langen Rollbändern ins eigentliche Turm-Gebäude gebracht werden.

Wie viele Millionen dieser aufwendige Umbau genau kostet, will die Patrizia AG nicht verraten, aber es sei auf jeden Fall teurer als ein Neubau. Auf schriftliche Nachfrage – denn zum Telefonieren hat er keine Zeit – lässt Projektleiter Jürgen Kolper dann noch wissen, dass kein Zaun, sondern nur ein Sichtschutz die Hotelterrasse vom Park trennen soll. Und dass er den Park natürlich kenne und schätze, und zwar ganz besonders die Spielplätze und die Schanzenspiele.

Nein, natürlich solle die bisherige Nutzung des Parks durch das schicke Hotel nicht beeinträchtigt werden, versichert auch Bezirksamtsleiter Mantell. Das habe er extra in den Vertrag schreiben lassen, „da ist der Trommler sogar als Beispiel wörtlich erwähnt.“ Klingt fortschrittlich. Allerdings nur, wenn man nicht weiß, dass in dem Vertrag auch mal stand, dass der Käufer des Wasserturms verpflichtet ist, mindestens 50 Prozent des Gebäudes für öffentliche Nutzung zur Verfügung zu stellen. Ja, dieser Passus habe leider geändert werden müssen, sagt der Bezirksamtsleiter. „Mitte der 90er-Jahre sagte Herr Storr, wegen der gesunkenen Gewerbemieten könne er den Turm nur noch finanzieren, wenn er ihn zu 100 Prozent als Hotel nutzen dürfe.“ Deshalb habe man den städtebaulichen Vertrag geändert und den Investor verpflichtet, zwei Millionen Mark, also eine Million Euro für den Stadtteil bereitzustellen.

„Was sind solche Verträge denn wert, wenn sie jederzeit geändert werden können“, regt sich Ralf auf. Ralf wohnt seit 20 Jahren im Viertel, und seine Tochter ist quasi im Schanzenpark groß geworden. Zusammen mit anderen hat er sich im vergangenen Sommer erfolgreich darum gekümmert, dass der kleine Park hinter der Flora wieder von den Anwohnern genutzt wird. Jetzt sorgt er sich, dass all die Versprechungen von „Bestandsschutz“ nichts wert sind. „Wenn sich die Hotelbetreiber das erste Mal ernsthaft über Lärm oder sonst was beschweren, dann geben die Politiker doch sofort nach.“ Tatsächlich hat der Bauausschuss erst vor ein paar Wochen schon wieder einer Änderung zugestimmt: Der gläserne Anbau fürs Restaurant soll jetzt nicht vier, sondern acht Meter hoch werden und 25 Meter lang. Eine Kleinigkeit nur, aber symptomatisch dafür, dass dieses Hotel mehr Raum einnehmen wird, als die 3.000 Quadratmeter, die eigentlich dafür vorgesehen sind.

„Mindestens 30 Meter rund um die Anlage wird niemand mehr auf der Wiese liegen,“ meint Winfried Kölsch, der für die GAL im Planungsausschuss sitzt. „Auch wenn meine Kollegen immer betonen, man könne da trotzdem noch spazieren gehen. So ein Bau verändert den Charakter, das ist dann kein Park mehr, sondern eine Grünfläche.“ Trotzdem hat die GAL den Plänen zugestimmt, damit mit dem Wasserturm endlich etwas passiert. Jetzt berät jedenfalls der Kerngebietsausschuss darüber, an welche Projekte die Euro-Million verteilt wird. Doch egal wer sie bekommt, man wird davon weder die Schäferkampsallee zur Liegewiese umbauen, noch andere Freiflächen schaffen können. Hunde, Kinder, Jogger, Faulenzer, Griller, Boulespieler, Bobbycarfahrer und Fußballer werden im Schanzenpark noch enger zusammenrücken müssen. Und ob dessen geheimnisvolle Kräfte dann noch ausreichen, ernsthafte Konflikte zu verhindern, ist fraglich. Es sei denn, alle gemeinsam würden durch offensives Freizeitverhalten ihren Fünf-Sterne-Park vor dem Vier-Sterne-Hotel in Schutz nehmen. Bloße Grünfächen gibt es schließlich schon genug.

Sigrun Matthiesen

Worte wie Sterne

Der Schauspieler Rudolf H. Herget bringt Poesie ins Planetarium

(aus Hinz&Kunzt 130/Dezember 2003)

Der Mann ist ein Besessener. Ein Besessener der Poesie und der Sterne. Selbst im Lift hoch auf die Aussichtsplattform des Planetariums nutzt der Schauspieler Rudolf Heinrich Herget jede Gelegenheit, andere mit seiner Leidenschaft anzustecken. Zum Beispiel die zwei Kinder, die mit ihrer Mama auf dem Weg nach oben sind. „Warum ist die Sonne noch unverheiratet?“, fragt er die beiden unvermittelt. Die zwei Kinder haben sich im Leben noch keine Gedanken über das Liebesleben der Sonne gemacht. Sie drücken sich näher an ihre Mutter und zucken ratlos die Achseln.

Und schon legt Herget los: Dass sich vor vielen, vielen Jahren die Tiere Sorgen um die Sonne gemacht hätten, weil sie keinen Mann habe. Die Tiere seien erst Feuer und Flamme gewesen, ein passendes Ehegespons zu suchen. Dann sei ihnen irgendwann klar geworden, dass die Sonne bei einer Verheiratung ja nicht nur einen Mann, sondern vermutlich auch viele Kinder hätte. Und das wäre eine Katastrophe: „Da würden wir ja alle verbrennen!“ Das sehen auch die Kinder ein. Fasziniert schauen sie den fremden Mann an. Bestimmt kommen sie demnächst ins Kinderprogramm des Planetariums, um noch mehr Geschichten von Sonne, Mond und Sternen zu hören. Und vielleicht hat auch die Mutter wieder Lust bekommen, mal abzuschalten und zumindest literarisch hoch zu den Sternen zu fliegen. „Ich will eine Poesiewolke über den Stadtpark senden“, sagt Rudolf Herget über seine Mission.

Im Hamburger Planetarium gehört der Schauspieler fast schon zum Inventar. Allein im Dezember spricht und spielt er vier Mal den Kleinen Prinzen, an einem Sonntagabend lädt er mit Lyrik zum Innehalten ein, und natürlich erzählt er Kindern im Kuppelsaal Sternenmärchen. Da kann man dann die Geschichte von der Single-Sonne ausführlicher hören… An den übrigen Tagen tourt der Schauspieler durch die Planetarien anderer deutscher Städte.

Seine Liebe zu den Sternen und zur Poesie hatten sein Leben total verändert. Das war Anfang der achtziger Jahre. Damals lebte er zwei Jahre in Buenos Aires und spielte am dortigen Deutschen Theater. Das Ensemble war gerade auf Tournee in San Francisco. Und dort besuchte Herget zum ersten Mal ein Planetarium. „Ich war überwältigt“, sagt er. Vor allem deshalb, weil er gerade den Galileo Galilei gespielt hatte. „In dem Stück spielen die Sterne eine Hauptrolle, aber man steht immer nur auf einer kahlen Bühne.“

Plötzlich wurde ihm klar, dass nicht nur der Galilei unter den Sternenhimmel gehört, sondern auch lyrische Texte und seine Lieblingsgedichte. Kurz zuvor hatte er eine unschöne Erfahrung gemacht: Zusammen mit dem großen Schauspieler Will Quadflieg war er auf Tournee gewesen. Unter anderem gastierten sie in einer Schulaula. „Die Vorhänge wurden notdürftig zugezogen, die lustlosen Schüler wurden in den Raum getrieben.“ Herget glaubt, dass auch der lieblose, kalte Raum daran Schuld war, dass das Ganze für Literaturfreunde zum Horrorerlebnis wurde. „Im Planetarium, im Dunkeln, kann man poetische Texte ganz anders vortragen. Da wirkt es nicht überladen oder kitschig. Man lässt sich als Zuhörer auch ganz anders ein“, sagt er.

So begeistert war er von seiner Idee, Extra-Programme für Planetarien zu entwickeln, dass er nach diesem Schlüsselerlebnis den Schritt wagte, aus seinem Ensemble auszusteigen und als freier Schauspieler zu leben. Er hat es keinen Tag bereut. Grundsätzlich tritt er nur noch an Orten auf, bei denen es den Menschen leicht fällt, sich den Worten hinzugeben. Er liebt es, eine Art Magier zu sein. Wenn im Kuppelsaal das Licht ausgeht, die Zuhörer ihn nicht mehr sehen, sondern nur noch seine Stimme hören können. Er weiß, dass der ein oder andere in dieser Stimmung in einen Kurzschlaf fällt. Er lacht, das macht ihm gar nichts aus: Das ist Entspannung pur.

Diese besinnliche Stunde ist nur noch zu toppen durch die Nächte unter freiem Himmel: In der Rhön und in Bayern sind sie längst Kult. Man trifft sich bei Sonnenuntergang. Jeder bringt sich etwas zu essen, zu trinken und einen Schlafsack mit, und dann erzählt Herget droben auf einer Bergkuppe Liebeslyrik oder „Worte wie Sterne – Weisheiten der Ureinwohner“ oder „Der kleine Prinz“ oder… „Ich spreche fast ununterbrochen bis zum Sonnenaufgang“, sagt Herget. Nur manchmal unterbricht er seinen Vortrag für eine Viertelstunde der Stille. Schade, in Hamburg waren die Erzählnächte bislang noch nicht so magisch. „Es ist wie verhext. Immer hat es geregnet.“

Zehn Programme beherrscht er auswendig. Er arbeitet auch mit Musik und Multimedia-Effekten. „Poetisches Erzähltheater“ nennt er seine One-man-Shows. Auf rund 80 Schallplatten und CDs sind viele seiner Werke verewigt: Old Shatterhand, der kleine Prinz, Ben Hur sind darunter. Aber keine einzige seiner Planetarium-Shows. „Das ist ein Erlebnis, das man live erleben muss“, sagt Herget.

Manchmal lässt er seine Texte – wie ein Getriebener – in einem Affenzahn vor sich abspulen. So schnell geht das, dass man manchmal gar nicht merkt, dass er gerade nicht erzählt, sondern wieder zitiert: Die Erde ist unsere Mutter./Der Mensch schuf nicht das Gewebe,/er ist nur eine Faser. Dabei hält er ein kleines, weinrotes Ringbuch in der Hand, wie eine Art Talisman. Talisman deshalb, weil die Texte dort quasi in Spickzettelgröße eingeschrieben sind. So winzig, dass sie ihm nicht ernsthaft über einen Hänger hinweghelfen können.

Obwohl – stecken bleibt er eigentlich nie. Das liegt vermutlich daran, dass er sich jedes Mal schon lange vor seinem Auftritt intensiv auf seine Texte einstimmt. Ruhe braucht er dann, Besinnlichkeit. Damit nicht nur die Worte wieder das Licht der Welt erblicken. „Es ist wichtig, dass der, der einen Text spricht, auch das verkörpert, was zwischen den Zeilen steht“, sagt Rudolf Herget. „Denn jeder Gedanke, der geäußert wird, wird in diesem Moment neu geboren.“

Birgit Müller

„Wie eine kleine Puppe“

Wenn Minderjährige Kinder bekommen

(aus Hinz&Kunzt 130/Dezember 2003)

Verhütet? Nein, das haben sie nicht, sagt Jennifer Jordan. Keine Ahnung warum, ehrlich gesagt. Wahrscheinlich keine Zeit gehabt, sagt die 19-Jährige und lacht. Sie waren halt total verknallt, sie und ihr Maxim Ladner. Damals. Sie war gerade 15, er 16 Jahre alt. Beide durchlebten eine „null Bock auf gar nichts“-Phase. Hauptsache Fun haben, Schule abbrechen, kiffen, Partys… Tja. Und dann ist es passiert. Jenny wurde schwanger.

Angst hatte ich, sagt Jenny. Vor der Zukunft. Aber eine Abtreibung kam für sie nicht in Frage. Also verdrängte sie das „Problem“ und erzählte zu Hause nichts von der Schwangerschaft. Fünf Monate lang. Dabei wusste sie, dass die Eltern ihr nicht den Kopf abreißen. Und, weißt du noch?, fragt Jennys Mutter, Siegrid Jordan, wie wir beiden uns in den Armen gelegen und geheult haben, als es endlich raus war? Die heute 44-Jährige ahnte ohnehin, was mit ihrer Tochter los war. Für sie stand sofort fest: Die Familie meistert zusammen, was zu meistern ist.

Während Jenny ihren Eltern von der Schwangerschaft erzählte, lag Maxim auf dem Jordanschen Sofa und zog sich eine Decke über den Kopf. Zu viel Gefühl. Er hatte seiner Freundin von Anfang an nicht in die Entscheidung reingeredet. Klar, sagt er, auch er musste erst mal lange nachdenken über sein Leben. Schließlich hatten weder er noch Jenny einen Schulabschluss. Aber jetzt freute er sich richtig darauf, Vater zu werden. Maxim zog bei Familie Jordan ein. Jenny konnte endlich aufatmen.

„Mein Vater hat viel Alkohol getrunken und meine Mutter und uns geschlagen – mit Händen, Füßen und Kabeln. Ich wollte nur weg, heiraten und eine eigene Familie haben. Als ich schwanger war, war ich unbeschreiblich glücklich.“ Svea (Name geändert) ist 17 Jahre alt. Mit 15 brachte sie einen Jungen zur Welt. Seit eineinhalb Jahren leben die beiden in einem Wohnhaus der Alida Schmidt-Stiftung. Die Betreuerinnen dort sind ihr Familienersatz.

Viele minderjährige Mütter stammen aus zerrütteten Familien, sagt Einrichtungsleiterin Martina Feistritzer. Etliche hatten Kontakt zur Jugendhilfe, da sie Missbrauchs- und Gewalterfahrungen haben, ihre Eltern nicht mehr leben oder unter psychischen oder Suchterkrankungen leiden. Der Wunsch nach einem eigenen Kind entspringt der Hoffnung auf Geborgenheit. „Liebe geben können wird verwechselt mit Liebe bekommen“, so Feistritzer. Auch fehlende Zukunftsperspektiven nennt die Diplompädagogin als Grund für eine frühe Schwangerschaft. Vor allem für schlecht Ausgebildete sinken die Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Feistritzer: „Wenn die Mädchen ein Kind bekommen, haben sie plötzlich eine Perspektive: das Muttersein.“

Von 1995 bis 2002 brachten 1115 Hamburgerinnen unter 18 Jahren ein Kind zur Welt. Doch das Familienglück bleibt häufig aus. Svea: „Als ich meinem Freund erzählte, dass ich ein Baby bekomme, wurde er wütend und hat mich geschlagen. Ich sollte das Kind abtreiben.“ Das hat sie nicht gemacht. „Das Kind bleibt immer bei mir. Es ist doch ein Teil von mir. Aber ich wünsche mir so, nicht die ganze Verantwortung alleine tragen zu müssen.“

Sie sei Jenny und Maxim fürchterlich auf die Nerven gegangen, meint Siegrid Jordan. Die jungen Eltern lachen. Es stimmt. Schon während der Schwangerschaft wollte Mutter Jordan partout, dass das junge Paar zur Geburtsvorbereitung geht. Beide hatten keine Lust darauf. Albern fand Jenny das „Geatme“ dort. Und als Minderjährige unter all den älteren Paaren – die Vorstellung war gruselig. Sie sollten wissen, was auf sie zukommt, fand Siegrid Jordan. Heute geben Maxim und Jenny zu, dass der Kurs sehr hilfreich war. Aber Siegrid Jordan, die als Tagesmutter auch beruflich etliche Kinder betreut, nervt die Tochter auch heute noch: Hast du die Schnullis ordentlich gesäubert? Hast du deine Tochter eingecremt? Du willst doch so nicht mit Maya raus – es ist doch viel zu kalt! Jenny sagt: Jaaa, Mama…

Siegrid Jordan fühlte sich verantwortlich, den jungen Leuten das Elternsein beizubringen. Aber auch sie musste lernen. Lernen, Maxim und Jenny nicht alles vorzuschreiben, die jungen Eltern einfach mal machen zu lassen. Jenny und Maxim wissen heute freilich genau, dass Siegrid Jordan meistens Recht hatte. Maxim erinnert sich, wie er erst mal einsehen musste, dass er sich körperlich ruinierte. Morgens früh raus zum Arbeiten, abends auf Piste und nachts weint das Baby – das hält keiner aus. Und auch Jenny kann sich noch an eine Situation erinnern, in der sie sich völlig überfordert fühlte. Die kleine Maya hatte starke Bronchitis, und Mutter und Vater Jordan waren nicht da. Ich hab tierische Angst gehabt, sagt Jenny, ich wusste überhaupt nicht, was ich machen soll. In solchen Momenten war ihr mehr denn je bewusst, wie wichtig der familiäre Rückhalt war. Jenny sagt: Verantwortung zu haben muss man eben auch erst lernen.

Manchmal denkt Jenny, sie sei eine schlechte Mutter. Heute zum Beispiel. Da hatte sie frei und ließ sich trotzdem den ganzen Tag nicht bei der Tochter blicken. Sie ging lieber shoppen. Balsam für die Seele muss auch mal sein, beruhigt Siegrid Jordan. Sie will, dass ihre Tochter sich nicht grämt, eine so junge Mutter zu sein. Deshalb nimmt sie Maya auch dann ab und zu, wenn Jenny mal ausgehen will. Jenny sagt: Meine Mutter ermöglicht es mir, trotz allem jung zu sein.

„Ich habe gedacht, ein Kind ist wie eine kleine Puppe – so einfach. Wenn man Lust hat, kann man schön damit spielen. Wenn man keine Lust hat, ist das Spiel eben zu Ende. Ich wusste nicht, dass es so schwer ist, für ein Kind da zu sein.“ Svea steckt in einem Konflikt: Oft ist sie eifersüchtig auf die Mädchen, die keine Verantwortung tragen. Sie müssen an nichts denken: Hat er genug gegessen? Muss er ins Bett? Ist die Frau, der sie ihr Kind anvertraut, gut zu ihm? Wenn Svea solche Gedanken beschleichen, fühlt sie sich sofort schlecht. Schließlich war es ihre Entscheidung, das Kind zu bekommen.

Minderjährige überblicken oft die Konsequenzen ihres Handelns nicht, sagt Anne Trumm, Leiterin des Bereichs stationäre Hilfen für Mütter und ihre Kinder im Abendroth-Haus. Sie leben eher für den Augenblick. Bekommen sie ein Baby, verpassen die jungen Mädchen die wichtige Entwicklungszeit der Pubertät, so die 50-Jährige.

„Die Mädchen wollen unbedingt gute Mütter sein und überfordern sich dabei maßlos“, so Anne Trumm. Da Kritik und gute Ratschläge ihnen suggerieren, ihrer Aufgabe nicht gerecht zu werden, lassen sie oft niemanden an sich heran. Eigene Entwicklungsverzögerungen bedingen aber, Entwicklungsverzögerungen beim Kind nicht zu erkennen. Besonders bei jungen Frauen, die die Schule abgebrochen haben, hat das zum Teil fatale Folgen: „Die Mädchen können die Anweisungen auf der Babynahrung nicht richtig lesen und pappen irgendeinen Brei zusammen“, erzählt Trumm. „Die Babys sind dann oft solche Wonneproppen, dass sie sich kaum bewegen können.“

Anne Trumm und Martina Feistritzer finden, dass jede Mutter die Chance haben sollte, mit ihrem Kind zu leben. Dazu wollen sie auch die Minderjährigen befähigen. Doch manchmal müssen sie eine schwere Entscheidung treffen und feststellen: Das Kind wäre besser woanders aufgehoben.

Svea liebt ihr Kind. Und sie managt ihre Mutterrolle. Aber wenn sie sich nochmal entscheiden dürfte, würde sie alles anders machen: „Erst Schule, dann eine Ausbildung, viel Geld sparen, ein Haus und ein Auto kaufen, heiraten und dann ein Kind bekommen. Ich habe ja noch nicht mal das Sorgerecht für meinen Kleinen. Ich habe die ganze Verantwortung, aber entscheiden kann ich nichts.“

Inzwischen ist Maya zweieinhalb Jahre alt. Jenny hat ihren Hauptschulabschluss nachgemacht und lernt Zahnarzthelferin. Maxim macht eine Ausbildung zum Zerspaner. Mit der Verantwortung für das Kind wuchs auch die Verantwortung für das eigene Leben. Die große Liebe von damals hat zwar nicht gehalten – trotzdem geht Vater Maxim selbstverständlich bei den Jordans ein und aus. Er ist schließlich eine wichtige Person für Maya, stellt Jenny klar.

Sie selbst wohnt in einer eigenen kleinen Wohnung. Eigentlich plante sie, dort mit ihrer Tochter ständig zusammenzuleben. Aber sie muss auch ihr eigenes Leben noch regeln. Eine Ausbildung schaffen und ein Kind erziehen – das war doch zu viel. Also lebt Maya nur am Wochenende bei Jenny, während der Woche passen Oma und Opa auf die Kleine auf. Jenny kommt nach der Arbeit und bringt ihr Kind ins Bett. Es herrschen klare Regeln. Für Jenny und ihr Kind. Maxim ist sich bewusst, dass Familie Jordan auch viel für ihn getan hat. Dafür, sagt er, bin ich sehr dankbar. So hat er keinen Grund zu bereuen, mit 17 Vater geworden zu sein.

Auf welche Schule Maya mal gehen soll – darüber macht er sich noch keine Gedanken. Bis dahin ist ja noch ein bisschen Zeit. Jenny sieht das anders. Eine Schule soll es sein, auf der die Talente der Kleinen gefördert werden. Denn die hat sie eindeutig, sagt die stolze Mutter. Und was, wenn auch Maya mal eine Null-Bock-Phase durchleben sollte? Jenny atmet tief durch. Dann sagt sie: Also wenn sie 13 ist, schlepp ich sie zum Frauenarzt. Das ist schon mal klar.

Annette Woywode

Der DJ und der Dirigent

(aus Hinz&Kunzt 129/November 2003)

Beide machen Musik für Hinz & Kunzt: DJ Rabauke legt bei der „Haus und Hof“-Nacht im Phonodrome am 20. November auf, Michael Hartenberg dirigiert den Chor des Musikseminars beim Benefizkonzert in der Hauptkirche St. Jacobi (9. November). Normalerweise sind das getrennte Welten. Doch im Gespräch über Musik und wie sie Menschen bewegt, entdecken der DJ und der Dirigent überraschende Gemeinsamkeiten.

H&K: Michael, wir haben uns hier an Thomas’ Arbeitsplatz getroffen. Hast du als klassischer Musiker überhaupt Bezug zu so einem Ort?

Michael Hartenberg: Ich habe in meiner Schulzeit natürlich Phasen gehabt, in denen ich in Diskos rumhing, und ich war begeisterter Stones-Fan. Ich habe da weder Berührungsängste noch Scheuklappen. Aber als DJ zu arbeiten, das ist eine andere Welt. Denn alles, was wir tun, entsteht live und ist immer mit dem Risiko des Scheiterns verbunden. Mit diesem Risiko voll zu rechnen, finde ich spannend.

Thomas Jensen: Das ist für mich exakt dasselbe. Die Vorbereitung, die es für einen DJ gibt, ist: Tasche packen, Platten reinstecken und sortieren, Titelauswahl treffen, Menge berechnen – und überlegen: „Was gehen da für Leute hin und warum?“ Mit dieser Tasche stehst du abends da – und es kann vorkommen, dass du alles falsch gemacht hast! Exakt die falschen Platten dabei – und du merkst, genau von der Kombination, an der alle Spaß haben, habe ich nur fünf Stück mit! Da ist das Scheitern auch sehr nah. Und wir sind ja auch immer von den technischen Gegebenheiten abhängig. Ich kenne wirklich Stromausfälle… oder ganz banal: Die Platte springt, während man gerade auf Toilette ist…

Michael Hartenberg: Das gehört bei uns mit zum Vorbereitungsritual, vorher noch mal aufs Klo zu gehen… Aber wenn man Livemusik macht, kommuniziert man auch immer direkt mit dem Raum. In Kirchen ist der Klang ein ganz anderer als in einem kleinen Raum, das Tempo muss in so einer halligen Akustik ganz anders sein – und ich muss mich als Musiker auch anders verhalten. Aber das finde ich spannend, und das ist für mich ein großer Unterschied zu elektrisch erzeugten Klängen, die sind eigentlich in jeder Situation gleich.

Thomas Jensen: Gerade damit haben wir oft zu kämpfen. Die Leute wollen das Stück immer so hören, wie sie es von der CD kennen, und wir müssen uns dann mit den Eigenarten des jeweiligen Raumes abplagen und können eben nicht einfach langsamer spielen.

H&K:Thomas, hast du ein Instrument gelernt?

Thomas Jensen: Nein, ich bedaure das zutiefst, dass mir das auch von zu Hause aus nie nahe gelegt worden ist. Wenn ich am Rechner sitze und mir was ausdenken möchte, merke ich manchmal, wie ich an meine Schaffensgrenze komme, weil ich kein Instrument gelernt habe. Man muss es ja gar nicht perfekt beherrschen, aber für gewisse theoretische Zusammenhänge von Harmonie und Komposition ist das schon hilfreich. Ich frage dann immer Freunde und Kollegen.

Michael Hartenberg: Man kann immer anfangen, es zu lernen. Aber was mir dazu einfällt ist, dass wir heute eine wirklich absurde Situation haben: Noch nie in der Geschichte hat man so viel Musik gehört wie heute, und gleichzeitig hat es noch nie so wenig Musikunterricht gegeben! Das ist so ein Missverhältnis.

H&K: Woher kommt das?

Michael Hartenberg: Die Nazis haben Musik und Tanz sehr stark instrumentalisiert. Dann hat man nach dem Krieg gesehen: Mensch, während wir hier gesungen und getanzt haben, sind nebenan im KZ sechs Millionen Juden gestorben. Adorno, der große Schriftsteller, der viel mit dem musikalischen Denken der Nachkriegszeit zu tun hat, hat mal gesagt: „Nach Auschwitz ist Singen ein Verbrechen.“ Und dieser Satz hat einer ganzen Generation den musikalischen Nerv sozusagen gekillt. Denn man hat dann in der Schule nicht mehr gesungen und Musik gemacht, sondern hat über Musik gesprochen und versucht zu verstehen, wie es passieren kann, dass man durch Musik verführt wird. Und diese Generation, die damals nicht gesungen hat, das sind die heutigen Musiklehrer.

Ich bin überzeugt, wenn wir es schaffen könnten, wieder ein aktives Musikleben auf breiter Basis zu fördern, dass wir dann eine ganz andere Gesellschaft hätten. Wo man auch wieder Lust hätte, etwas gemeinsam zu tun, sich zu begegnen, initiativ zu sein. Denn ich finde, dass Singen und Sprechen zusammengehören wie Tag und Nacht, Wachen und Träumen. Wer beides kann, hat die Möglichkeit, Dinge auszudrücken, die man durch Worte nicht mehr fassen kann. Erst dann ist die menschliche Äußerungsfähigkeit komplett. Aber dazu muss eine andere Art von Musikunterricht her! Man kann improvisieren, Klänge ausprobieren, da gibt es lustige und spannende musikalische Spiele. Also deine Frage, Thomas, „Wie kann man was komponieren?“, müsste in der Schule ein wichtiges Thema sein.

Thomas Jensen: Interessant, darüber habe ich so noch nie nachgedacht. Letztlich hat mein Zugang zur Musik und dass mein Vater den so gar nicht verstehen kann, wahrscheinlich auch genau damit etwas zu tun. Mein Vater ist im Krieg geboren und versteht überhaupt nicht, dass sein Sohn mit so was, so larifari, wie er es nennt, seine Familie ernähren kann… Trotzdem bin ich froh, dass es mir auch so gelungen ist, alleine durch meine Begeisterung, zur Musik zu finden.

Michael Hartenberg: Das ist sowieso das, was Leute bei Musik suchen: Begeisterung! Egal ob das stilles konzentriertes Zuhören ist, lautes Jubeln, Tanzen oder die Freude am Zusammenspiel einer Band ist. Und da zeigt sich – wie bei jeder Kunst – was so in der Gesellschaft vielleicht nicht ist, aber sein könnte. Und wenn man davon mal einen Zipfel erhascht, dann setzt das ungeheure Energien frei.

H&K: Was bekommt ihr bei eurer Arbeit vom Publikum mit?

Michael Hartenberg: Obwohl ich beim Dirigieren die Leute im Rücken habe, spüre ich ganz genau, wie ein Publikum mitgeht, mit welcher Intensität die Menschen zuhören, ob sie interessiert sind oder ablehnen, was sie hören. Da kommt so viel Energie entgegen! Das merkt man zum Beispiel daran, ob das Publikum gemeinsam atmet, oder in Momenten, in denen man das Gefühl hat, die Zeit bleibt stehen, oder ein ganzer riesiger Raum hält die Luft an. Ein Gefühl wie in der Achterbahn in dem Moment, bevor es runtergeht…

Thomas Jensen: Schön! Bei mir ist es schon ein Unterschied, ob ich nur als Plattenunterhalter gebucht bin oder, wie mit Eins-Zwo oder Fettes Brot, in einer Konzertsituation. Da merkt man meist nach ein, zwei Titeln, ob das läuft oder ob man es schwer haben wird. Es kommt aber auch vor, dass einem die Leute erzählen, dass es ein super Konzert war – obwohl man auf der Bühne eher das Gefühl hatte, die interessiert das nicht. Dagegen, wenn ich im Club Platten auflege, ist es einfach: Wenn keiner tanzt, ist es Scheiße. Direkter geht’s nicht.

H&K: Was, außer der Unterhaltung, ist euer Anspruch mit der Musik?

Michael Hartenberg: Den Leuten nur einen schönen Abend zu bereiten, wäre mir ein biss-chen wenig. Da könnte ich auch Würstchen verkaufen. Mir geht es darum, die Menschen wenigstens einen Augenblick zu berühren, zu bewegen. Das gehört für mich zum Schönsten, was man überhaupt erreichen kann in seinem Leben. Musik ist für mich die Möglichkeit, einen Menschen in seinem Innersten zu treffen. Wenn es eintritt, ist es wie eine Gnade. Dieses Erlebnis brauche ich auch selbst immer wieder, deshalb werde ich unruhig, wenn ich lange kein Konzert hatte.

Thomas Jensen:Stimmt. Ich will ich das Publikum auch nicht nur unterhalten mit dem, was es schon kennt, sondern ich will auch überraschen und will auch meinen Geschmack, meine Sicht transportieren. Das ist immer eine Gratwanderung, weil ich ja auch nicht weiß, wer die Leute sind. Wenn die Leute dann weitertanzen, das ist toll!

H&K: Gibt es etwas an der Arbeit des anderen, das euch reizt, um das ihr euch gegenseitig beneidet?

Michael Hartenberg: Was mich bei dir wirklich fasziniert, ist dass du einfach guckst: Was braucht der Raum, was brauchen die Leute jetzt, in diesem Moment? Das ist ja auch so eine Art von sensiblem Sensorium, das man dafür ausbilden muss. Ich stelle mein Programm schon Monate vorher zusammen, ob ich mich dann später in der Situation danach fühle oder nicht. Du kannst da viel spontaner entscheiden, und das finde ich toll, weil das auch so ein lebendiger Prozess ist, wo man mit den Menschen zusammen etwas kreiert.

Thomas Jensen: Also ganz besonders beeindruckt hat mich deine Beschreibung von der Spannung, die du spürst, wenn du mit dem Rücken zum Publikum arbeitest. Da beneide ich dich darum, so etwas erlebe ich ja nie, ich drehe denen höchstens den Rücken zu, wenn ich in meiner Kiste wühle – und dann bin ich meistens gerade etwas ratlos.

Moderation: Sigrun Matthiesen

DJ Rabauke heißt eigentlich Thomas Jensen, ist 31 Jahre alt und Vater eines zweijährigen Kindes. Schon mit 17 war er DJ, ging dann mit „Fettes Brot“ auf Tournee, woraus das Hip-Hop-Projekt „Eins, Zwo“ entstand. Seit einem Jahr arbeitet er an seinem eigenen Album mit Elektro- und Dance-Musik, für das er noch eine Plattenfirma sucht.

Nr. 8: Innenstadt für alle!

Zehn Jahre Hinz&Kunzt – zehn Geburtstags-Forderungen

(aus Hinz&Kunzt 127/November 2003)

Darum geht es:

Theoretisch darf sich jedermann auf Straßen und Plätzen aufhalten, so lange er will. Praktisch gilt das für Bettler, Drogenkranke, Obdachlose und Alkoholiker nicht immer. Sie würden die öffentliche Sicherheit und Ordnung stören und mit Anblick und Verhalten Bürger belästigen, argumentieren manche und fordern mehr oder weniger offen die Verbannung der Außenseiter aus den Innenstädten. Gleichzeitig wird der öffentliche Raum zunehmend privatisiert. Ob in Einkaufspassagen oder in Bahnhöfen, immer häufiger gilt: Die Stadt gehört nicht mehr allen.

Der Hintergrund:

Bereits 1996 startete der damalige Hamburger Innensenator Hartmut Wrocklage (SPD) mit Hilfe seines „Bettlerpapiers“ den Versuch, Sozialschwache aus der City – für ihn eine „Visitenkarte der Stadt“ – zu vertreiben. Hinz & Kunzt und andere soziale Organisationen hielten dagegen, die Innenstadt sei für alle da – und gewannen die Mehrheit der Bürger und Politiker für sich. Wrocklage musste seine „Maßnahmen gegen die drohende Unwirtlichkeit der Stadt“ zurück in die Schublade legen.

Regelmäßig starten seitdem konservative Politiker, Kaufleute und Medien Kampagnen gegen vermeintlich um sich greifende Phänomene wie „aggressives Betteln“, „exzessives Trinken“ und „Pöbelei“. Eine „Verwahrlosung“ des öffentlichen Raums dürfe nicht hingenommen werden, „zwielichtige Gestalten“ würden die Bürger stören und die Umsätze mindern, sagen die Befürworter einer „sauberen Innenstadt“. Was sie meist verschweigen: Längst bietet das Sicherheits- und Ordnungsgesetz (SOG) der Polizei ausreichend Mittel, um gegen „Störer“ vorzugehen: Ordnungsgeld, Platzverweis, Ingewahrsamnahme und Strafanzeige.

Während immer mehr Hüter von Sicherheit und Ordnung durch die Straßen patrouillieren (Städtischer Ordnungsdienst, Altonaer Präventionsdienst usw.), wird der öffentliche Raum immer kleiner, in Hamburg wie anderswo. Besonders sichtbar wurde das nach dem Streit um die Bahnhofsmissionen, den Bahnchef Hartmut Mehdorn vor zwei Jahren anzettelte. Zwar dürfen sich die Missionen weiterhin um die Gestrandeten der Gesellschaft kümmern. Doch drängt sie die Deutsche Bahn AG zunehmend an den Rand der Bahnhöfe. Ähnlich ergeht es Obdachlosen, Alkoholikern und Drogenkranken dort schon länger: Sicherheitsdienste jagen sie in Zusammenarbeit mit dem Bundesgrenzschutz (BGS) regelmäßig fort, eine entsprechend formulierte Hausordnung („Sitzen und Liegen, Betteln und Herumlungern verboten“) macht das möglich.

In der Hamburger City dagegen suchen Geschäftsleute, soziale Initiativen, Behörden und Polizei am Runden Tisch St. Jakobi den Interessenausgleich. Die Stadt komme ihrer sozialen Fürsorgepflicht nicht ausreichend nach, erklärte der Runde Tisch im November 2001 und forderte mehr Straßensozialarbeiter sowie zusätzliche Schlafplätze für Obdachlose. Die Sozialbehörde schickte daraufhin einige Monate lang Streetworker in die Innenstadt – um anschließend zu erklären, es gebe für deren Arbeit „keinen Bedarf“.

Immerhin: Im Rahmen der Spendenaktion „Ein Dach für Obdachlose“ sammelten Geschäftsleute 20.000 Euro und finanzierten so gemeinsam mit der Stadt, die die gleiche Summe zuschoss, die Einrichtung eines „Stützpunktes“ für Obdachlose auf dem Domplatz. Ein Sozialarbeiter der Caritas bietet dort seit Anfang des Jahres seine Hilfe an, Sanitäranlagen gibt es und Schließfächer. Doch das Hilfsangebot reicht nicht aus, sagt City-Manager Henning Albers stellvertretend für den Runden Tisch und fordert mehr Engagement von der Stadt: „Die Gespräche mit der Sozialsenatorin sind im Ergebnis bislang unbefriedigend.“

Derweil beobachten Streetworker die architektonische Vertreibung von Menschen aus der Innenstadt: So sind dem Mitternachtsbus, der Obdachlose an deren Schlafplätzen besucht und sie versorgt, kürzlich drei Männer „verloren gegangen“. Ihnen wurde im Zuge des Baus der Europa-Passage förmlich das Bett abgerissen; sie schliefen dort, wo heute eine Baustelle ist. Wenn die Passage eines Tages zum Flanieren einladen wird, werden sie wohl draußen bleiben müssen – so wie bei anderen privatisierten Einkaufsstraßen und -zentren heute schon.

Wie machen es andere:

Viele Kommunen haben zusätzlich zu den Sicherheits- und Ordnungsgesetzen der Länder „Innenstadtverordnungen“ erlassen, mit denen detailliert alles verboten wird, was etwa Obdachlose so machen: Übernachten im Freien, Zelten, Bier trinken, „Rumlungern“. In einigen Bundesländern schafft die Polizei unliebsame Menschen sogar aus den Städten raus und setzt sie auf dem Land aus, damit sie nicht wiederkommen („Verbringungsgewahrsam“). Städte und Gemeinden, die Sozialschwache als Bürger mit entsprechenden Rechten sehen, geraten zunehmend in die Minderheit.

So müsste es laufen:

– Einkaufszentren, Bahnhöfe und Flaniermeilen sollten allen zugänglich sein

– Mehr niedrigschwellige Aufenthalts- und Arbeitsangebote für Sozialschwache in der Innenstadt, mehr Straßensozialarbeiter

– Ende des Sozialabbaus

– Wer pöbelt, muss die vorgesehenen Strafen in Kauf nehmen

Ulrich Jonas

Tante Emmas Auferstehung

Ein Projekt erweckt die Dorfläden in Schleswig-Holstein zu neuem Leben

(aus Hinz&Kunzt 129/November 2003)

Gewonnen. 2,50 Euro zwar nur, aber immerhin. Für Tatjana Kramp hat sich der Kurztripp gelohnt. Die junge Frau kommt regelmäßig zum Lottospielen nach Kasseedorf. In dem rund 800 Einwohner-Nest in Ostholstein existiert nämlich ein Dorfladen. In dem kann man freilich nicht nur Lotto spielen, sondern vor allem Lebensmittel kaufen. Oder Briefmarken oder Bücher. Und Geld abheben oder Pakete aufgeben. Selbst Bügeleisen und Wasserkocher sind am Otto-Versand-Schalter zu haben. Im Nachbarort, in dem Tatjana Kramp lebt, „gibt’s nicht mal einen Zigarettenautomaten“. Für jede kleinste Besorgung müsste sie mit dem Auto in die nächst größere Stadt fahren, nach Eutin oder Neustadt. Wenn es in Kasseedorf nicht den Dorfladen „Kiek in“ gäbe.

Das war nicht immer so. Auch Kasseedorf dämmerte eine Zeit lang als „reines Schlafdorf“ vor sich hin. Wie fast überall auf dem Lande – nicht nur in Schleswig-Holstein – kapitulierte der letzte Tante-Emma-Laden vor Aldi, Lidl und Co. Das war 1996 und „ganz schön bedrückend“, findet Karl Schrader. Der 60-Jährige verbrachte sein Leben im Abstand von 200 Metern zum Dorfladen. Schon als kleiner Junge flitzte er rüber und kaufte für zwei Pfennige rote Himbeer-Bonbons. Später erledigte er sämtliche Einkäufe dort. Mit der Pleite des Ladens starb auch ein dörflicher Treffpunkt. „Bei mir“, sagt er, „hinterließ das ein großes Loch.“

Drei Jahre lang rottete das alte Reetdachhaus am Dorfplatz, der einzigen Straßenkreuzung des Ortes, vor sich hin. Dann hörte die Gemeinde von einem Projekt der schleswig-holsteinischen Landesregierung. Die betrachtete seit längerem mit Schrecken, „wie die ganze Versorgung auf dem Land kaputtgeht“, sagt Christina Pfeiffer vom Kieler Innenministerium. „Alle müssen ins Auto“ – auch die Alten, die sich das vielleicht gar nicht mehr zutrauen. 1999 entwickelte das Referat für integrierte ländliche Entwicklung daher einen Plan, um die Grundversorgung der ländlichen Bevölkerung mit Waren und Dienstleistungen vor Ort zu retten: die MarktTreffs.

Sie bestehen in der Regel aus einem Lebensmittelladen und Dienstleistungen wie Post, Bankautomat, Annahmestellen für Reinigung, Fotoarbeiten oder Lotto, Internet-Zugang – der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Zusätzlich sieht das Projekt einen Treffpunkt für die Dorfbewohner vor. Damit wird nicht nur das Gemeinschaftsleben im Dorf gestärkt. Die Menschen sollen auch aktiv die Angebotspalette an Lebensmitteln oder Dienstleistungen mitbestimmen. Dahinter steckt die Hoffnung, dass die Menschen ihren MarktTreff wirklich mittragen und nutzen und er somit auf lange Sicht wirtschaftlich arbeitet.

Dass es ein harter Job ist, die Tante-Emma-Läden wieder zu beleben, „lässt sich nicht wegdiskutieren“, sagt Christina Pfeiffer. Die meisten Leute sind mobil, den Großeinkauf erledigen sie woanders. Die Startphase sponsern daher die Europäische Union und das Land Schleswig-Holstein mit 50 Prozent an den Gesamtinvestitionen. Außerdem bietet das Land den MarktTreff-Betreibern kostenlos betriebswirtschaftliche Schulungen und Beratung. Im Gegenzug verpflichtet sich die Gemeinde, das Projekt mindestens zwölf Jahre lang am Leben zu halten. Insgesamt 50 MarktTreffs sollen in Dörfern mit 700 bis 1900 Einwohnern entstehen. 13 sind es bisher.

„Jetzt schlaf ich mal aus“, sagte Linda Körber, da hatte sie schon mehrere Monate ohne Unterbrechung als Marktleiterin im „Kiek in“ hinter sich. Aber mit dem Ausschlafen klappte es dann nicht. Wenn man jeden Morgen um fünf Uhr aufsteht, um Brötchen und Brot zu backen, wacht man schließlich früh auf, ob man will oder nicht. Frische Brötchen sind etwas, was die Kasseedorfer gerne im MarktTreff kaufen. „Die bieten wir ab 6 Uhr an“, sagt die 54-Jährige, die im Nachbarort geboren wurde. Am Sonntag steht Linda Körber ebenfalls im Laden – es könnte ja sein, dass jemandem frische Schlagsahne für den Sonntagskuchen fehlt. „Die muss ich dann doch anbieten!“, findet sie. Abends geht Linda Körber als Letzte, gegen 19 Uhr. Wenn nicht gerade an den drei PC-Arbeitsplätzen im Dienstleistungsbereich ein Computerkurs stattfindet. Dann schließt sie den MarktTreff um 21 Uhr.

Das zähe Engagement der Marktleiterin ist großartig, aber offenbar gerade in Kasseedorf nötig. Seit Mai 2000 besteht das „Kiek in“, aber das Projekt kam nicht in Schwung. Der Marktleiter sei ihnen unsympathisch gewesen, sagen Dorfbewohner hinter vorgehaltener Hand. Angeblich hat er die Wünsche der Kunden nicht umgesetzt. Kein Wunder also, dass den Menschen die Lust auf ihren Dorfladen verging. Wie überall steht und fällt eine Idee mit denen, die sie umsetzen. Seit acht Monaten rödelt nun Linda Körber dafür, den Ruf des MarktTreffs aufzumöbeln. Betreiber ist die Ostholsteiner Behindertenhilfe. Ihr Ziel ist nicht allein der wirtschaftliche Betrieb des MarktTreffs, sondern gleichzeitig die Schaffung zweier Arbeitsplätze für Menschen mit Handicaps. So bekommt die Aufgabe, den Dorfladen wieder zu beleben, einen zusätzlichen Sinn. Aber die Marktleiterin will trotzdem, dass sich das „Kiek in“ rentiert – allein schon, um der Auzubildenden und den Angestellten den „Alltag eines ganz normalen Ladens“ bieten zu können. Soweit ist es zwar noch lange nicht. Aber seit es Linda Körber gibt, gibt es nicht nur endlich genügend frische Brötchen. Auch die Wurst- und Käsetheke steht, die sich die Kasseedorfer so dringend gewünscht haben.

Vor dem großen Panoramafenster, das zum Dorfplatz zeigt, ist eine kleine Sitzecke eingerichtet. Schon haben ein paar alte Damen entdeckt, dass man dort bei einem Tässchen Kaffee hervorragend sitzen und das Kommen und Gehen der Menschen beobachten kann. Für die Weihnachtszeit hat Linda Körber Buden organisiert, um vor dem „Kiek in“ einen kleinen Markt unterhalten zu können. Der Dienstleistungsbereich wurde um einen Paketdienst aufgepeppt. Und der Computerkurs ist das erste zarte Gemeinschafts-Pflänzchen, das im „Kiek in“ gedeiht. Das neu erwachte Wohlwollen der Kasseedorfer überträgt sich auch auf die Stimmung im Laden: „Das Verhältnis zu den Kunden ist gut bis familiär“, sagt Axel Rudolph, der früher bei Aldi beschäftigt war und seinen Arbeitsplatz im MarktTreff über die Behindertenhilfe erhalten hat. „Hier ist einfach immer ein Klönschnack drin – das ist ganz anders als in den großen Supermärkten.“

Rote Himbeer-Bonbons, die kann man als Kasseedorfer inzwischen auch wieder bekommen. Die sind heute zwar teurer als vor 50 Jahren. Aber dafür, dass es jetzt in 200 Metern Abstand zu seinem Wohnhaus wieder einen Dorfladen gibt, zahlt Karl Schrader „gerne auch mal ein paar Cent mehr“. Er hofft, dass bald nicht nur die Kasseedorfer erkennen, wie wertvoll so ein MarktTreff ist. „Das ist doch ’ne Bereicherung für die ganze Gegend“, sagt er. „Hier haben alle gewonnen.“

Annette Woywode

Überraschungen zwischen Herbstlaub

Auf Klingeltour im Theresenweg in Nienstedten

(aus Hinz&Kunzt 129/November 2003)

Eon | Hanse präsentiert die Dart-Reportage: Hamburg hat viele unbekannte Ecken. Mit Häusern voller Geschichte und Menschen mit besonderen Lebensläufen. Um sie zu finden, werfen die Reporter einen Dartpfeil auf den Stadtplan. Die Geschichten erzählen von viel menschlicher Wärme oder dem Mangel daran. Diesmal: der Theresenweg.

Falls es so etwas gibt wie das ideale Nienstedten-Wetter, dann dies: Genau in dem Moment, als wir in den Theresenweg einbiegen, hebt sich der Morgennebel über der Elbe. Golden beleuchtet die Herbstsonne Eichen, Kastanien, wilden Wein. Sogar die Spinnennetze wirken in diesem Licht edel. Aber eben nicht auf die bemühte, aufgetakelte Art, sondern mit natürlichem Charme. So wie die zehn Häuser des Theresenwegs.

Entspannt stehen sie in ihren Gärten, in denen nicht jede verblühte Rose sofort abgeschnitten wird und das fallende Laub auch mal liegen bleiben darf. Acht der Häuser gibt es sicher schon länger als 20 Jahre, die anderen beiden sind noch jung. Eins, ein betont sachlicher Backsteinbau, trägt so ein aggressives Wachdienst-Schild am Zaun – das einzige hier. Bei vielen anderen stehen die in Würde verwitterten Gartenpförtchen offen. Alarmanlagen haben sie wahrscheinlich trotzdem, aber man sieht sie nicht.

Dafür liegt bei Nummer vier Kinderspielzeug im Vorgarten und durch die gardinenlosen Scheiben sehe ich etwas, das aussieht wie behauener Stein oder Skulpturen. Wohnt hier vielleicht ein berühmter Künstler? Neugierig drücke ich auf die Klingel – keiner zu Hause! Auf der Straße ist auch niemand zu sehen, bis auf einen eiligen Mann mittleren Alters, der einen Eimer weißer Farbe aus dem Kofferraum eines roten Kleinwagens wuchtet. Nein, leider hat er überhaupt keine Zeit, er renoviert gerade das Zimmer seiner Tochter. Aha, auch im wohlhabenden Nienstedten hat man Freude am Heimwerkern und schon längst nicht mehr für alles Personal. Mit meinen Klischees von den reichen Elbvororten wird an diesem Tag sowieso gründlich aufgeräumt.

Den Anfang dabei macht Monika Krüger. Sie öffnet die Tür des Hauses Nummer zwei, gleich an der Ecke zum Schulkamp. Von allen anderen der Straße unterscheidet es sich nicht nur durch die beiden mächtigen, sicher hundertjährigen Kastanien an seiner Seite, sondern vor allem durch ein Firmenschild am Eingang. „Cream“ steht da in schwarzen und roten Buchstaben auf einer Messingplatte. Mehr nicht. Monika Krüger bittet uns erst mal herein. Keine Spur von Misstrauen, kein „kommen Sie später wieder“, sondern ein lächelnder, geradezu herzlicher Empfang.

Natürlich kenne sie Hinz & Kunzt, „mal sehen, ob ich Ihnen helfen kann. Mein Chef ist nämlich nicht da, der könnte Ihnen alles viel besser erklären!“, ruft sie lachend aus. Das Wohnzimmer mit den weißen Chintz-Sesseln, einer beeindruckenden Whiskey-Sammlung auf der Anrichte und einer Polo-Zeitschrift auf dem Couchtisch ist nämlich ihr Arbeitsplatz. Darauf lassen allerdings nur der schwarze Laptop und ein paar Ordner auf dem gläsernen Esstisch schließen. „Cream“ ist weder ein Whiskeyvertrieb noch ein Kosmetikstudio, sondern eine Firma, die Landwirte bei der Umstellung auf ökologische Landwirtschaft berät, damit weniger giftige Nitrate ins Grundwasser gelangen und die Lebensmittel gesünder werden. Das erfahren wir allerdings erst später, denn Monika Krüger besteht darauf, dass nur ihr Chef, Heinrich Seul, etwas über seine Firma sagen soll. Sie hilft ihm nur bei der Büroarbeit, auf 400-Euro-Basis.

Erzählen tut sie dann aber doch. Darüber, dass sie eigentlich seit einem Jahr in Rente ist und zuvor in der Verwaltung des Hamburger Konservatoriums gearbeitet hat, und dass sie gleich um die Ecke „Up der Schanze“ lebt. Wieder in dem Haus, in dem sie auch geboren wurde, damals, als es in der Gegend sogar noch ein oder zwei Bauern gab. „Das haben mir meine Eltern vererbt, heute könnte ich mir ein Haus in Nienstedten natürlich niemals leisten.“

Dann kommt überraschend ihr Chef zurück, hat aber nur Zeit für ein ganz schnelles Foto, aber ein andermal gerne auch zu einem längeren Gespräch über seine Arbeit. Wie er so mit seiner Zigarre vor seinem Haus steht, sieht er schon eher so aus, wie ich mir Nienstedtener vorstelle. Da müsse man ganz vorsichtig sein, meint Monika Krüger, denn hier sehe man es den Leuten nie an, wer Geld habe und wer nicht. „Ich bin mal beim Grünhöker nicht weiter bedient worden, weil der Inhaber einer Frau Gräfin die Einkäufe zum Wagen tragen musste“, erzählt sie lachend, „der hätten Sie das auch niemals angesehen!“

„Ich habe hier alte Damen mit 600 Euro Rente im Monat, und davon geht mehr als die Hälfte für die Miete weg“, sagt kurz darauf Ingrid Lachmann. Als Rentnerin hilft sie jetzt ehrenamtlich im Kirchenbüro, in dem sie früher auch gearbeitet hat. Es liegt gleich um die Ecke vom Theresenweg, ein bisschen versteckt am Nienstedtener Marktplatz. Zur Straße hin findet man ein paar Geschäfte, eine Mercedes-Benz-Niederlassung und einen Immobilienmakler. Direkt gegenüber vom Kirchenbüro betreibt die Diakonie eine Kleiderkammer.

Frau Lachmann hat gerade gar keine Zeit, aber weil sie sich so gut auskennt, kann sie in knappen Worten alles Wichtige aus der Gemeinde berichten. Vor allem, dass das Klischee vom reichen Nienstedten eben so nicht stimme, „denn manche der Älteren hier haben früher als Kaltmamsell oder sonst was in den vornehmen Häusern gearbeitet und die müssen jetzt ganz schön knapsen.“ Auch sonst sei das hier eine ganz normale Gemeinde, mit dem üblichen Angebot für Senioren, Frauen und Kinder. Allerdings, fügt sie dann noch schmunzelnd hinzu, „mit überdurchschnittlich vielen Hochzeiten“.

Aus ganz Hamburg kämen die Paare, um sich in der schönen Nienstedtener Kirche trauen zu lassen und anschließend im feinen Hotel Louis C. Jakob mit Elbblick zu feiern. „Für Mai nächsten Jahres gibt es keinen einzigen freien Termin mehr.“ So, und jetzt muss die resolute Dame mit dem grauen Kurzhaarschnitt aber wirklich los, verweist aber noch auf den berühmten Nienstedtener Friedhof, der hinter dem Haus beginnt. Hier sind Prominente wie der Dichter Hanns-Henny Jahn oder der ehemalige Bürgermeister Sieveking begraben, erzählen nicht ohne Stolz die Gärtner, die wir in ihrer Mittagspause mit Pflaumenkuchen und Schlagsahne stören.

Im Theresenweg schließt Monika Krüger ihr Fahrrad vom Zaun los. Ihr Bürotag ist für heute beendet. Ob sich in den vergangenen Jahren etwas verändert habe hier in der Gegend? „Ja, es gibt endlich wieder mehr Familien mit Kindern. Der Stadtteil drohte ja total zu überaltern!“ Sie sieht richtig glücklich aus, als sie das sagt. Dann – „ich merke, dass Sie mich ausfragen!“– erzählt sie schließlich, dass ihre Tochter, eine Designerin, jetzt auch eine Etage des Familienhauses bewohnt und im Januar ihr erstes Kind erwartet. Monika Krüger findet das „ganz schön aufregend, aber Oma möchte ich trotzdem nicht genannt werden!“ Dann lacht sie wieder, schwingt sich aufs Rad und fährt durch den Theresenweg davon.

Sigrun Matthiesen

Zehn Zahlenspiele

Eine Bilanz zum 10-jährigen Geburtstag von Hinz & Kunzt

(aus Hinz&Kunzt 129/November 2003)

Buchstaben haben mich schon immer mehr gereizt als Zahlen. Aber als messbare und nachvollziehbare Einheiten sind sie für Erfolge eben unerlässlich. Und zu den Zahlen gehören zum Glück auch immer Geschichten. Jedenfalls bei Hinz&Kunzt. Von beidem sind in den vergangenen zehn Jahren reichlich zusammengekommen.

I. 3500 Verkäufer haben zwischen November 1993 und 2003 einen Verkäuferausweis bekommen. Das heißt, an jedem Arbeitstag hat ein Obdachloser in unseren Vertriebsräumen ein Gespräch geführt, einen Verkäuferausweis und eine Chance bekommen.

II. Rund 10 Millionen Zeitungen sind seit der Gründung von Hand zu Hand gegangen. Ebenso häufig sind darüber Wohnungsbesitzer und Wohnungslose ins Gespräch gekommen.

III. 25.000 Gespräche hat unser Sozialarbeiter mit Verkäufern geführt. Über Wohnung und Arbeit, Liebeskummer und Krankheit, Schulden und Einsamkeit. Für viele ist das die einzige Möglichkeit, über Gefühle zu sprechen – ein Prozess, der für beide Seiten oft schmerzhaft ist.

IV. 250 Verkäufer haben mit Hilfe von Hinz & Kunzt wieder einen Arbeitsplatz gefunden. Weil sie hier zuerst die Chance bekamen, ohne Druck wieder einer regelmäßigen Beschäftigung nachzugehen.

V. Mehrere hundert Verkäufer haben durch uns wieder ein Dach über dem Kopf gefunden. Entweder ein Zimmer in einem Wohnheim oder eine eigene Wohnung. Der Bedarf war allerdings noch weitaus höher.

VI. 15 ehemals Obdachlose haben im Lauf der Jahre bei Hinz & Kunzt wieder einen festen Arbeitsplatz bekommen und arbeiten dort in einem bunt gemischten Team ganz verschiedener Experten. Sechs von ihnen arbeiten heute noch hier.

VII. 6000 Zeitungsseiten wurden bedruckt. Und vorher natürlich ausführlich recherchiert, geschrieben, fotografiert und gestaltet.

VIII. 5 Millionen Euro Spenden haben dazu beigetragen, dass Hinz & Kunzt erfolgreiche Arbeit leisten konnte. Darunter ist die Rentnerin, die sich ihre 10 Euro vom Munde abspart, und der Firmenchef, der auf den Kauf von Weihnachtsgeschenken für seine Kunden verzichtet und stattdessen 1000 Euro überweist.

IX. 1500 Anzeigenschaltungen, durch die Hamburger Firmen gezeigt haben, dass sie die Idee des Projekts und die mediale Wirkung des Magazins gleichermaßen schätzen. Das gilt für die kleine Uhrmacherwerkstatt genauso wie für den regionalen Energieversorger.

X. Hunderte von Arbeitsstunden, die Hinz & Kunzt in Form von ehrenamtlicher Arbeit durch Agenturen, Freiwillige und Dienstleistern zu Gute gekommen sind. Omis stricken warme Strümpfe, Musiker singen, Art Directoren planen Kampagnen, und Schüler verkaufen Kekse für uns – geschenkte Lebenszeit, die eine enge Verbindung an unser Projekt schafft.

Nicht gezählt haben wir die vielen ermutigenden Worte, die uns erreicht haben. Die Verkäufer, die es „geschafft“ und die es „nicht geschafft“ haben, die Tränen, die geflossen sind, die Obdachlosen, die den Weg nicht zu uns gefunden haben, und die Momente, in denen wir stolz waren auf die Verkäufer oder auf uns. Zahlen sind eben doch nicht alles.

Sybille Arendt