Zwischen Grau und Grün

Billstedt hat nicht den besten Ruf. Aber es lohnt sich, den Stadtteil kennenzulernen. Eine Erkundungstour zu Hochhäusern, Parks und einem Kulturpalast

(aus Hinz&Kunzt 172/Juni 2007)

Meine einzige Erinnerung an Hamburgs Osten ist ein Gefühl. Und dieses Gefühl passt nicht zum strahlenden Frühlingstag, an dem ich mich auf den Weg nach Billstedt mache. Denn es ist ein Gefühl der Beklommenheit. Als ich vier oder fünf Jahre alt war, hatten meine Eltern Bekannte in Mümmelmannsberg, die wir gelegentlich dort besuchten. Wenn ich daran zurückdenke, fällt mir ein, wie klein ich mich damals fühlte zwischen den vielen Hochhäusern und dem grauen Beton überall, der mich zu erdrücken schien. Und heißt es nicht auch: „Billstedt, Mümmelmannsberg und Horn, schuf der liebe Gott im Zorn“?

Billigjob Briefträger

Der Postmarkt wird „liberalisiert“. Die Rechnung zahlen Beschäftigte und Steuerzahler

(aus Hinz&Kunzt 174/August 2007)

Kommendes Jahr soll das Postmonopol endgültig fallen. Erst mal hört sich das gut an, nach mehr Service und günstigerem Porto. Doch die Rechnung dafür zahlen Postboten und Steuerzahler: Löhne und Arbeitsbedingungen in der Branche werden immer schlechter. Und immer häufiger zahlt der Staat Zuschüsse an Unternehmen, die Preise wie Gehälter drücken.

Safari im Hafen

Kulturprojekt auf Industriebrachen: Am Reiherstiegkanal geht es einen Monat lang um Kunst und Veränderung

(aus Hinz&Kunzt 174/August 2007)

Rolf Kellner schaut auf den frisch gedruckten Flyer: Die Grafikerin hat ihn mit der Silhouette eines Autos gestaltet. Dabei wollte Kellner doch einen Reiher. Kellner ist einer der Initiatoren der Kunsttour. Und die schaut in diesem Jahr am Reiherstieg-Kanal nach Beute aus. Vor allem dort, wo der Kanal in der Nähe des Krankenhauses Groß Sand einen Bogen macht.

Die Helden von Kopenhagen

Eine Woche Urlaub von der Realität: Beim Homeless World Cup wurden Obdachlose zu Superstars

(aus Hinz&Kunzt 175/September 2007)

Zum 5. Homeless World Cup (HWC), der Fußball-WM der Obdachlosen, kamen Anfang August 500 Spieler aus 48 Nationen nach Kopenhagen. Ein riesiges Fest von Menschen, die sonst wenig zu feiern haben.

Wenn Patienten kein Zuhause haben

Anlaufstelle für Obdachlose, die Pflege brauchen: die Krankenstube der Caritas in St. Pauli

(aus Hinz&Kunzt 175/September 2007)

Es riecht beißend nach Desinfektionsmittel und warmem Badewasser. Michaela sitzt auf einem Metallstuhl, an die grüngekachelte Wand gelehnt. Die 38-Jährige streckt die Beine aus, lässt Luft an die offenen Stellen in der Haut. Der eine Fuß ist schief verwachsen. „Ich bin seit 20 Jahren auf der Straße“, sagt Michaela Orth, „die Probleme kamen ganz plötzlich, vor zwei Jahren konnte ich noch ganz normal gehen.“ Die blau verfärbte Haut auf ihren Beinen lässt erahnen, wie groß die Wunden auf ihren Beinen mal waren, bis sich Michaela Hilfe holte.

„Eine Frage der sozialen Gerechtigkeit“

Reiche zahlen in Deutschland zu wenig für die Allgemeinheit, meint der Hamburger Millionär Lutz Dau. Er streitet für die Vermögenssteuer – und muss sich dafür sogar beschimpfen lassen. Ein Kommentar.

(aus Hinz&Kunzt 176/Oktober 2007)

Die Initiative „Pro Vermögenssteuer“, der ich mich angeschlossen habe, bestand aus vermögenden Leuten, die sich für die Vermögenssteuer ausgesprochen haben. Einige wollten nicht mit ihrem Namen für die Sache einstehen. Im Nachhinein verstehe ich warum. Denn ich wurde oft in Diskussionen als „Spinner“ oder „weltfremder Verrückter“ bezeichnet und habe viele Briefe mit Beschimpfungen erhalten. Ein junger Reicher ist von seiner Familie sogar so unter Druck gesetzt worden, dass er seine Unterstützung zurückgezogen hat.

Die Magie des Würfels

Christoph Heinrich, Leiter der Galerie der Gegenwart, verabschiedet sich zum zehnjährigen Museums-Jubiläum mit einer Präsentation hauseigener Werke

(aus Hinz&Kunzt 176/Oktober 2007)

Oh – das geht nicht! Christoph Heinrich stoppt mitten im Laufen und geht in die Hocke: Auf dem Boden liegt ein loses Kabel, nicht mehr festgeklebt, man könnte gut darüber stolpern. Da muss er gleich mal in der Technik Bescheid sagen. Heinrich (47) leitet die Galerie der Gegenwart, den Erweiterungsbau der Hamburger Kunsthalle. Vollgestopft mit Kunst des 20. Jahrhunderts; ein dreistöckiger Sandsteinklotz zwischen Hauptbahnhof und Alster.

Tortenschlacht mit Andersen

Mit Konditor Adolf Andersen auf Verkaufstour: Wie die Hinz&Kunzt-Schokogruppe fürs neue Sonderheft schuftet und dabei angenehme Überraschungen erlebt

(aus Hinz&Kunzt 176/Oktober 2007)

Mitte November erscheint unser zweites Sonderheft. „Hamburger Schokoladenseiten“ heißt es, und wir gehen wie mit unserem Kochheft vom vergangenen Jahr auf Entdeckungsreise – diesmal zu Konditoren, Chocolatiers und typischen Hamburger Süßwarenmanufakturen. Konditor Adolf Andersen in Wandsbek ist einer von denen, die die Hinz&Kunzt-Verkäufer in ihre süßen Geheimnisse einweihten. Nicht nur das: Der Meister stellte sich höchstselbst mit der Schokogruppe ins Einkaufszentrum, um die mit uns gebackenen Torten zu verkaufen.

„Mission“ gerettet

Beinahe hätte das selbstverwaltete Obdachlosenprojekt schließen müssen. Jetzt zieht es in die Notunterkunft Pik As

(aus Hinz&Kunzt 177/November 2007)

Jeden Abend wird Missions-Chef Andrew Saathoff wieder obdachlos. Dann schließt der 50-Jährige die Tür des Aufenthaltsraums in der Kaiser-Wilhelm-Straße. Und muss sich einen trockenen Platz irgendwo in der Stadt zum Schlafen suchen.

Barmbek vor der Kamera

Lokalfernsehen im Internet: Ein Team von Kampnagel filmt die Bewohner des Stadtteils

(aus Hinz&Kunzt 177/November 2007)

„Guten Tag, wir sind von barmbek.tv, dürfen wir reinkommen?“ So beginnt der unangemeldete Hausbesuch bei Kurt Möbius. Etwas verdattert führt der 84-Jährige das Kamerateam in seine Küche. Und beginnt zwischen Kuckucksuhr und Wachsdecke zu erzählen. Über Jugendliche, die es heute schwerer haben als früher. Die Probleme mit der Kriminalität, wegen dem „ganzen Multikulti“ und der hohen Arbeitslosigkeit. Vom traurigen Tod von Lady Di. Dem „Dritten Reich“: „Diese Judenverfolgung … So viele unschuldige Menschen“, dann wird seine Stimme brüchig, Möbius schießen die Tränen in die Augen. Am Ende packt er sein Akkordeon aus, spielt für die Zuschauer. Neun Minuten Video, Möbius pur. Im Fernsehen wäre nie so viel Raum für ihn gewesen. Aber barmbek.tv überträgt im Internet.