„Irgendwas in mir hat Klick gemacht“

Das Projekt „Gefangene helfen Jugendlichen“ wird zehn Jahre alt. Ein 25-Jähriger, dem die Knackis geholfen haben sein Leben zu ändern, erzählt seine Geschichte

(aus Hinz&Kunzt 192/Februar 2009)

Er hat andere beklaut, ausgeraubt und war ein ortsbekannter Schläger. Erst durch das Projekt Gefangene helfen Jugendlichen ist er zur Besinnung gekommen.

„Bloßes Wegsperren ist gefährlich!“

Hamburger Appell an Justizsenator Roger Kusch: Weitere Strafvollzugsexperten fordern den Erhalt des offenen Vollzugs und der Sozialtherapie

(aus Hinz&Kunzt 147/Mai 2005)

Noch wäre es nicht zu spät: Die Sozialtherapeutischen Anstalten in Hamburg könnten noch an Ort und Stelle erhalten werden. Der offene Vollzug könnte wieder ausgedehnt werden. Hamburgs Knäste könnten dezentraler bleiben, statt sie alle zu Großgefängnissen zusammenzufassen. Und vielleicht könnten – mit dem nötigen Fingerspitzengefühl – die Mitarbeiter wieder mehr ins Boot geholt werden. Aber leider prallt die Kritik der 16 Strafvollzugsexperten, die sich in der April-Ausgabe mit dem Hamburger Appell an Roger Kusch richteten, an diesem ab. Der Justizsenator hüllt sich in Schweigen. Jedoch stellte Behördensprecher Ingo Wolfram eine Stellungnahme für die Juni-Ausgabe in Aussicht. Indessen haben sich zahlreiche Experten aus Hamburg und dem Bundesgebiet dem Hamburger Appell angeschlossen.

Klamotten aus dem Knast

„haeftling.de“ verkauft Designer-Mode – und viele profitieren davon

(aus Hinz&Kunzt 135/Mai 2004)

Per Internet lässt sich heutzutage alles verkaufen. Warum nicht auch schicke Kleidungsstücke, die Strafgefangene im Knast gefertigt haben, fragte sich der Berliner Werber Stephan Bohle und stellte gemeinsam mit der Justizvollzugsanstalt Tegel ein einzigartiges Projekt auf die Beine.

Der Diebstahl

Neun Stifte, die niemand vermisst. Ein Hinz&Kunzt-Verkäufer soll sie gestohlen haben. Jetzt drohen ihm zehn Monate Gefängnis.

(aus Hinz&Kunzt 134/April 2004)

Die neun Stifte, die vor der Richterin auf dem Tisch liegen, werden in allen deutschen Karstadt-Filialen verkauft. Sie kosten zusammen 62,05 Euro. Doch Hinz & Kunzt-Verkäufer Frank Huml soll sie nicht bezahlt, sondern gestohlen haben. So haben es Polizei und Staatsanwaltschaft ermittelt – von Amts wegen, ohne dass der Kaufhaus-Konzern den Verlust angezeigt hätte.

Kurztrip in den Knast

Warum Ümit und Benny nie wieder eine Zelle von innen sehen wollen

(aus Hinz&Kunzt 133/März 2004)

Über einen langen Flur folgt Ümit dem Mann in der Uniform. Es geht durch Gänge hindurch, an vielen Türen vorbei. Vor einer bleibt der Mann stehen, nimmt seinen Schlüsselbund und schließt sie auf. Das ist Ümits Zelle. Er geht an dem Wärter vorbei in den schmalen Raum und sieht sich um. Da fällt auch schon die Tür ins Schloss. Ümit sitzt im Knast. Zumindest für fünf Minuten. Dann öffnet der Wärter die Zelle wieder, und der Nächste ist an der Reihe. Denn Ümit ist Teilnehmer des Projekts „Gefangene helfen Jugendlichen“.

Häftlinge sahen schwarz

Spezialisten-Team sucht Drogen im Knast – Protest von Santa-Fu-Insassen

(aus Hinz&Kunzt 131/Januar 2004)

Was geschah an einem Novemberabend in Zelle 334 in Santa Fu? Ein Gefangener hat Mitarbeiter der „Schwarzen Gang“ angezeigt, die in den Hafträumen nach Drogen suchen: Sie hätten ihn misshandelt. Das Strafvollzugsamt schließt solche Vorfälle aus.

26. November, kurz nach 22 Uhr. Lärm auf der Station C III in Santa Fu, dem Gefängnis für schwere Straftäter im Stadtteil Fuhlsbüttel. Die Revisionsgruppe des Strafvollzugsamtes, die auf die Drogensuche im Knast spezialisiert ist, hat sich die Zelle 334 vorgenommen. In den Hafträumen gegenüber gelingt es zwei Gefangenen, die Gucklöcher in ihren Türen zu öffnen. Der Häftling aus Zelle 334, so berichten die beiden später, habe auf dem Boden gelegen, die Hände auf dem Rücken gefesselt. Ein Beamter der Revisionsgruppe habe auf ihm gekniet, ein anderer habe mindestens zwei Mal zugeschlagen. Als die Beamten außerdem die fixierten Arme hochgerissen hätten, habe der wehrlose Mann vor Schmerz geschrien.

Diese Beobachtungen sind in Eidesstattlichen Versicherungen niedergelegt. Decken sie ein schweres Vergehen von Vollzugsmitarbeitern auf? Oder wollen Gefangene die Revisionsgruppe in Verruf bringen, die erfolgreich gegen den Drogenhandel im Gefängnis vorgeht? Die Staatsanwaltschaft bestätigt, dass gegen zwei Beamte eine Anzeige wegen Körperverletzung eingegangen sei. Sprecher Rüdiger Bagger: „Die Ermittlungen laufen.“ Häftlinge in Santa Fu sammeln seit dem Vorfall Unterschriften, um „gegen die menschenverachtende und provozierende Vorgehensweise der Revisionsgruppe“ zu protestieren und sich „gegen jegliche Form von weiteren Übergriffen“ zu wehren. Bis Mitte Dezember hatten rund 50 Insassen unterschrieben.

Die Revisionsgruppe ist seit 1995 tätig. „Sie wird anstaltsübergreifend eingesetzt“, erklärt der stellvertretende Leiter des Strafvollzugsamtes, Hans-Jürgen Kamp. Jeder der zwölf Beamten führt einen Rauschgiftspürhund mit sich und ist geschult im Erkennen von Drogen. „Das Gesetz schreibt vor, Hafträume und Gefangene in Abständen zu durchsuchen“, sagt Kamp. In der Regel würden das die Beamten auf den Stationen übernehmen. Zusätzlich könnten die Anstalten die Spezialisten der Revisionsgruppe anfordern. „Sie sind rund um die Uhr tätig, also auch mal früh morgens oder nachts“, sagt Kamp. Die Gruppe habe keine Sonderrechte im Vergleich zu den Gefängnis-Mitarbeitern vor Ort.

Im vorvergangenen Jahr fanden die Spezialisten 1,5 Kilo Hasch, 50 Gramm Heroin und 36 Gramm Kokain – nach Einschätzung der Justizbehörde nur ein Bruchteil der Drogen, die in den Hamburger Gefängnissen gehandelt werden. Außerdem stellt die Revisionsgruppe immer wieder Messer, Schlagwerkzeuge und andere Gegenstände sicher, die als Waffe genutzt werden können, zum Beispiel spitz gefeilte Schraubenzieher.

Aktenkundig ist derzeit ein weiterer Vorwurf gegen die Revisoren, die wegen ihrer dunklen Schutzkleidung „Schwarze Gang“ genannt werden (wie die Drogenfahnder beim Zoll). Ein Santa-Fu-Häftling behauptet, zwei Beamte hätten ihm Rauschgift unterschieben wollen. Nach der Durchsuchung seiner Zelle hätten sie ihm einen durchsichtigen Beutel mit weißem Pulver vorgehalten. Der Gefangene bestritt den Besitz des Päckchens und sagte, er habe nie Drogen konsumiert. Einer der Beamten habe daraufhin geäußert: „Wir können das auch wieder verschwinden lassen, erzählen Sie uns, wo wir heute Abend noch Drogen finden können.“ Nach einer weiteren Drohung („Denken Sie genau nach, sonst finden wir hier öfter was“) sei die Durchsuchung beendet gewesen. Der Häftling erhob Dienstaufsichtsbeschwerde; von dem angeblichen Drogenfund hörte er nichts mehr.

Das Strafvollzugsamt weist die Vorwürfe entschieden zurück. „Ich schließe definitiv aus, dass Mitglieder der Revisionsgruppe Gefangene schlagen oder ihnen Rauschgift unterschieben könnten“, sagt Hans-Jürgen Kamp, der früher selbst Anstaltsleiter in Fuhlsbüttel war. „Für die persönliche Integrität der Mitarbeiter lege ich meine Hand ins Feuer.“ Kamp räumt ein, dass die Revisionsgruppe bei Gefangenen nicht unbedingt gut angesehen sei – aber gerade deswegen, weil sie bei den Durchsuchungen so erfolgreich sei. „Jeder Beschwerde gehen wir nach“, sagte er. „Sobald Vorwürfe strafrechtlich relevant sind, schalten wir auch von uns aus die Staatsanwaltschaft ein.“ Dienstaufsichtsbeschwerden gegen die Revisionsgruppe gebe es im Schnitt einmal im Monat, Strafanzeigen weit seltener. Kamp: „Mir ist aber kein Ermittlungsverfahren bekannt, das überhaupt zur Anklage geführt hätte.“

Die GAL-Abgeordnete Heike Opitz hat eine parlamentarische Anfrage gestellt, um Details zur Revisionsgruppe zu erfahren. Die Antwort lag bei Redaktionsschluss noch nicht vor.

Detlev Brockes

Schwitzen statt sitzen

Wie man auf einen Schlag Geld sparen und Straftäter resozialisieren kann

(aus Hinz&Kunzt 124/Juni 2003)

In der Tagespflege Poppenbüttel ist alles tipptopp in Schuss. Dafür sorgt Hausmeister Aarao Teixeira. „Der Mann sieht die Arbeit, dem muss man sie nicht hinterhertragen“, sagt sein Chef, Ekkehard Janas, über den Portugiesen. Als Janas merkte, dass der 45-Jährige „goldene Hände hat“, stellte er ihn vom Fleck weg ein. Ein Glücksfall für beide, aber vor allem für Teixeira. Der hatte bis dahin in der Poppenbütteler Einrichtung für Demente gemeinnützige Arbeit geleistet, weil er eine Geldstrafe nicht bezahlen konnte.

„Ich war gerade am Tiefpunkt meines Lebens angekommen und wusste nicht mehr, wie es weitergehen sollte“, sagt er über die Zeit, „die glücklicherweise hinter mir liegt“. Teixeira gehört zu den Menschen, die im vergangenen Jahr kleinere Delikte begingen wie Ladendiebstahl oder Schwarzfahren. Solche Straftäter werden meist nicht zu einer Haftstrafe verdonnert, sondern sollen bezahlen. Und das ist im Prinzip auch gut so. Aber viele Täter haben das Geld nicht – und landen dann doch im Knast. Das bringt kein Geld ins Stadtsäckel, sondern kostet obendrein: mindestens 90 Euro pro Tag. Ganz zu schweigen davon, dass die Gefängnisse sowieso überfüllt sind.

Wesentlich sinnvoller ist es deshalb, dass die Täter schwitzen statt sitzen. Und das tun sie seit Jahren und immer häufiger. Im Jahr 2001 arbeiteten Straftäter 20.540 Hafttage ab, im Jahr 2002 sogar 22.340. So wanderten 820 Menschen, die ihre Geldstrafe nicht bezahlen konnten, nicht in den (teuren) Knast, sondern leisteten gemeinnützige Arbeit. „Dadurch hat Hamburg zwei Millionen Euro eingespart“, sagt Justizsenator Roger Kusch (CDU). Gleichzeitig biete diese Sanktion die Möglichkeit, „sich wieder in die Gesellschaft zu integrieren.“

Genau das hat Aarao Teixeira geschafft. Der 45 Jahre alte gelernte Präparator hatte vergangenes Jahr eine regelrechte Pechsträhne. Alles fing damit an, dass er seinen alten Betrieb verkaufen und zusammen mit seiner Familie ein Café eröffnen wollte. Doch der Käufer zahlte nicht, und Teixeira hatte nicht das Geld, um das Café zu bezahlen oder gar zu eröffnen. Der Traum vom Familienbetrieb platzte wenige Wochen später sowieso: Seine Frau trennte sich von ihm.

„Mir wuchs alles über den Kopf“, sagt Aarao Teixeira. „Fast hätte ich alles hingeschmissen.“ Seine Briefe aufzumachen, das traute sichTeixera schon lange nicht mehr. „Ich hatte immer Angst, das da nur neue Rechnungen drin sind, die ich nicht bezahlen kann.“ Aber es kam noch dicker: Aarao Teixeira fuhr bei Rot über eine Ampel – und da er seine Post nicht mehr öffnete, bemerkte er erst spät, zu spät, dass er eine Geldstrafe bezahlen sollte. Weil er wochenlang nicht reagierte, wurde er per Haftbefehl gesucht. Sein Schwager überzeugte ihn davon, dass er nicht weiter vor der Situation davonlaufen dürfe. „Also ging ich mit einem Köfferchen zur Polizei und stellte mich.“
Und dann fuhr er noch bei Rot über eine Ampel

Teixeira hatte Glück im Unglück. Er bekam noch eine Chance: Statt ihn in den Knast zu schicken, erzählte der Staatsanwalt ihm von der Möglichkeit, gemeinnützige Arbeit zu leisten. Richtig glücklich war der gebürtige Portugiese, dass er sogar unter mehreren Einrichtungen wählen konnte. Er entschied sich für die Tagespflege Poppenbüttel. „Ich hatte das Gefühl, dass die mich brauchen können“, sagte Teixeira. Inzwischen fühlt er sich dort so wohl, „dass ich am liebsten von hier aus in Rente gehen würde“.

Übrigens ist das in der Tagespflege Poppenbüttel schon der zweite Fall, in dem gemeinnützige Arbeit statt Knast in eine Festanstellung mündete. Und das, obwohl Tagespflege-Leiter Janas keinen Schmusekurs fährt: „Wer nicht mitarbeitet oder nicht reinpasst, ist auch schnell wieder draußen.“

So ein Happy End wie bei Teixeira ist natürlich selten. Aber auch die kleinen Erfolge sind es wert, lieber zu schwitzen als zu sitzen. „Viele Langzeitarbeitslose kommen völlig geduckt hier an“, sagt Halka Voss, in der Justizbehörde mit zuständig für die Vermittlung von gemeinnütziger Arbeit, „und wenn sie wieder gehen, sind sie zehn Zentimeter größer, weil sie etwas erreicht haben.“ Die gemeinnützige Arbeit habe für einige „regelrecht eine therapeutische Wirkung“.

Keine Frage: Die Hamburger Zahlen sind gut, aber es könnte noch besser sein. Denn bisher werden die zahlungsunwilligen oder -unfähigen Täter erst angeschrieben, wenn ihre Zahlung nicht erfolgt ist. Angeschrieben, wohlgemerkt. Hätte der Staatsanwalt Aarao Teixeira nicht von der gemeinnützigen Arbeit erzählt, wäre er nie in der Tagespflege, sondern doch hinter Gittern gelandet. Und so ergeht es einer ganzen Reihe von Menschen. Denn die meisten Nicht-Zahler haben oft massive Probleme, ihr Leben auf die Reihe zu bekommen – und dazu gehört oft, dass sie aus Angst ihre Post gar nicht lesen.

Gesetz zur gemeinnützigen Arbeit lässt auf sich warten.

Die ehemalige Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin SPD) brachte unter anderem deshalb einen Gesetzesentwurf auf den Weg, um gemeinnützige Arbeit alternativ zur Geldstrafe als eigenständige Sanktion zu verhängen. Ob rechts oder links – die meisten Justizminister unterstützten sie darin. Dass man von dem Entwurf momentan wenig hört, liegt daran, dass er in der vergangenen Legislaturperiode nicht über die erste Lesung im Bundesrat hinauskam. Aus formalen Gründen muss das Gesetz jetzt neu eingebracht werden.

So bleibt es bislang dabei, dass der Richter bei der Verurteilung den Delinquenten auf die Möglichkeit zur gemeinnützigen Arbeit nur hinweist. Nur wirklich fitte Leute schaffen es, sich in der Justizbehörde direkt bei der Abteilung Soziale Dienste zu melden, die die gemeinnützige Arbeit vermittelt.

Vielleicht wissen noch zu wenige, dass sie dort nicht nur Strafe, sondern auch Hilfe erwartet. Denn die Sozialarbeiterinnen versuchen zumindest, in Notfällen an soziale Einrichtungen und Beratungsstellen weiterzuvermitteln. Und was die gemeinnützige Arbeit anbelangt, haben die Mitarbeiterinnen einen großen Ehrgeiz: „Wir achten darauf, dass jeder dahin kommt, wo er seinen Fähigkeiten und Interessen gemäß am meisten gebraucht wird“, sagt Sozialarbeiterin Halka Voss.

Das müsste eigentlich auch klappen. Immerhin kann man in Hamburg in 400 sozialen, kirchlichen oder staatlichen Einrichtungen mitarbeiten. Und vielleicht geht es dem einen oder anderen ja so wie Aarao Teixeira: „Meine Probleme sind natürlich noch nicht alle gelöst“, sagt der Hausmeister. „Aber ich habe wieder Halt und Zuversicht gewonnen. Ich werde es jetzt schon schaffen.“

Birgit Müller

„Innendrin ein Verlierer“

Wie der verurteilte Mörder Iwan Kirr sein Leben änderte

(aus Hinz&Kunzt 123/Mai 2003)

Wenn Iwan Kirr etwas zu seiner Jugend einfällt, dann ein bestimmtes Wort. „Totalitär. Ich wuchs in einer totalitären Familie und in einem totalitiären Regime auf“, sagt der 36-jährige Rumäniendeutsche. Er sagt das nicht als Entschuldigung, er will seiner Geschichte auf den Grund gehen. Einer Geschichte von Ohnmacht und Wut, Gewalt und Hass.

Als Kind war er Opfer, als Erwachsener wurde er Täter. Erst Jahre nach seiner Verurteilung als Mörder entwickelte er Scham und Schuldbewusstsein und überwand seine immer lauernden Aggressionen. Kirr, der seit 1988 in Hamburg im Gefängnis sitzt, wurde sogar Mitbegründer von „Gefangene helfen Jugendlichen“, einem Projekt zur Gewaltprävention.

Ein Außenseiter war Iwan Kirr schon immer. In Rumänien galten die Deutschen als suspekt. Der Vater, für den Jungen unerreichbar und unberechenbar, schwor die Familie darauf ein, kein Sterbenswörtchen von Gesprächen nach außen dringen zu lassen. Schon eine harmlose Frage von Iwan an seinen Vater, etwa „Warum triffst du dich mit diesem Mann?“, genügte, und sein Vater rastete aus und verprügelte ihn. Das Ergebnis: „Ich hatte kaum Kontakt zu anderen.“

Andere Kinder wurden für ihn zu einer ständigen Bedrohung. „Ich fühlte mich immer angegriffen oder verspottet.“ In ihm brodelte es, ständig stand er unter Spannung, ein Gefühl zwischen Ohnmacht und wilder Aggression. Schon damals griff er zu dem einzigen Mittel, das er kannte: Wer ihn blöd anguckte, wurde vertrimmt.

Die einzigen Freunde, die er hatte, waren die Pferde. „Ich spielte ihnen auf der Flöte etwas vor und sprach mit ihnen.“ Mit zwölf Jahren gewann er die rumänischen Jugendmeisterschaften im Dressur- und Springreiten. Und schon als Jugendlicher ritt er Pferde zu. In gewisser Weise identifizierte er sich mit den Tieren. Als Deutschstämmiger, so glaubt er, bekam er zum Zureiten sowieso die schwächsten Tiere. „Ich versuchte, das Beste aus ihnen herauszuholen.“ So wie aus sich. Aber zwischen den Pferden und ihm herrschte nicht nur reine Liebe. „Ich habe es genossen, dass sie von mir abhängig waren und mir bedingungslos gehorchten.“ Die Kehrseite, trotz aller Siege: „Ich fühlte mich klein und mickrig.“

Als Iwan 15 war, beschloss der Vater zu fliehen – mit ihm. Die Mutter und die Großmutter sollten später nachkommen. Die Ankunft im Westen war für ihn ein Schock. Die Trennung von der Mutter, die Uniformierten an der Grenze, die falschen Papiere, die Odyssee von Lager zu Lager. „Und diese Farben!“ Iwan glaubte, noch nie so viel Buntes gesehen zu haben. „Ich kam aus einer grauen Welt“, sagt er. Und jetzt: Alles war zu haben – sofern man Geld hatte. Auch er wollte etwas vom großen Kuchen abhaben.

Aber vorerst musste er malochen ohne Ende: „Wir mussten Mutti zurückkaufen.“ Denn umsonst wollte Rumänien die Hausfrau nicht gehen lassen. Wer dran glauben musste, waren ausgerechnet Pferde. Iwan ritt Pferde zu; zehn, elf bewegte er am Tag. Aber nicht so, wie er es gewohnt war: Er barrte sie, das heißt, er trieb sie mit Gewalt kurzfristig zu Höchstleistungen an, so dass sie sich gut verkaufen ließen.

„Wir Türsteher waren die Könige der Nacht“

Apropos harte Hand: Iwan fürchtete sie, nämlich die des Vaters, suchte sie aber gleichzeitig. Mit 18 ging er zur Fremdenlegion. Bedingungsloser Gehorsam und der Wille zum Töten wurden antrainiert. Hier konnte Iwan seine Aggressionen legal ausleben. Nach einem Jahr desertierte er zwar, aber nicht wegen der Gewalt in der Legion. „Ich wollte leben wie andere junge Menschen, lachen, ausgehen – und nicht immer gedrillt werden.“

In Hamburg, wo seine Mutter lebte, unternahm er noch einmal einen Anlauf, Abitur zu machen. Aber es ging nicht: „Alles wurde ausdiskutiert, ich war es gewohnt, Sachen zu pauken. Diesem Unterricht war ich nicht gewachsen.“ Und: „Nach der Fremdenlegion konnte ich mit dem pubertären Geplänkel meiner Mitschüler nichts anfangen.“

Es war kein Zufall, dass Iwan Kirr in die Türsteherszene geriet. Denn hier fand er alles, was er suchte: Er hatte Macht, Menschen nach Belieben einzulassen – oder ihnen den Zutritt zu verwehren. Frauen bewunderten ihn, Männer hatten Angst vor ihm. „Wir Türsteher“, sagt Kirr, „waren die Könige der Nacht.“ Aber das genügte trotzdem nicht: „Innendrin fühlte ich mich wie ein Verlierer. Ständig hatte ich das Gefühl, dass sich alle über mich lustig machen.

Kirr fühlte sich völlig im Recht, jedem, der ihn „irgendwie“ ärgerte, „eine reinzuhauen“. Immer tiefer geriet er in die kriminelle Szene, Schlägereien waren für ihn normal, und manchmal trieb er auch Schutzgelder ein.

Eines Tages wurde ein Freund beleidigt. Kirr rastete aus, sah nur noch rot. „Ich hatte das Gefühl, der Mann verhöhnt nicht meinen Freund, sondern mich.“ Er packte zu, wie er es bei der Fremdenlegion an Strohpuppen geübt hatte, der Mann war tot – innerhalb von Sekunden. Nichts, rein gar nichts empfand er nach dem Mord, keine Schuld, kein Entsetzen. „Für mich war der Krieg ausgebrochen – so wie in der Fremdenlegion.“

Im Gefängnis fand sich Kirr blendend zurecht: Hier gilt das Recht des Stärkeren, und zu denen gehörte er allemal. Dann geriet sein Weltbild plötzlich aus den Fugen. Eine Freundin, die während der ganzen Jahre zu ihm gehalten hatte, fragte ihn eines Tages: „Was ist damals eigentlich passiert?“ Diese an sich simple Frage war ein Schock für ihn. „Zum ersten Mal empfand ich so etwas wie Scham und Schmerz.“

Das war 1996, sechs Jahre nach seiner Inhaftierung. Seitdem ist Iwan auf der Suche nach sich selbst. Er fing sogar eine Therapie an, was im Knast oft verpönt ist, etwas für angebliche „Weicheier“. Dabei ist das Gegenteil der Fall. „So hart habe ich noch nie gearbeitet“, sagt Iwan. Immer wieder musste er sich und seine Taten in Frage stellen – und langsam lernen, die Verantwortung dafür zu tragen. „Alleine hätte ich es nie geschafft“, sagt er und meint damit natürlich seine Freundin, die heute seine Lebensgefährtin ist, aber auch seinen Therapeuten Horst Uherek. Beide hielten unbeirrt zu ihm.

Wer ihn von früher kennt, glaubt einen anderen Menschen vor sich zu haben: offen, freundlich, liebevoll. Die unterschwellige Aggression, sonst immer spürbar, ist weg. Aber Iwan, der sich inzwischen im offenen Vollzug auf das Leben draußen vorbereitet, ist auf der Hut vor sich selbst. „Manchmal, da spüre ich sie noch, die Aggressionen“, sagt er. Aber sie überfallen ihn nicht mehr. Alle inneren Alarmanlagen gehen dann an. Und er weiß, wie er sich „runterschrauben“ kann. „Wenn mich jetzt ein Autofahrer ärgert, sage ich mir: Mensch, der hat einen schlechten Tag, vielleicht ist er wirklich ein Idiot. Na und, hat doch nichts mit mir zu tun.“