Florian Sitzmann : „Richtig Bock auf Leben“

Florian Sitzmann steht auf schnelle Autos, Leistungssport, Musik und darauf, anderen Menschen zu helfen. Dass er als Jugendlicher bei einem Unfall seine Beine verlor, behindert ihn dabei nicht.

(aus Hinz&Kunzt 262/Dezember 2014)

Ach nee, jetzt ziert er sich! Bis eben war Coolsein angesagt. Lässiges Fachsimpeln über hippe Musikgruppen, schnelle Autos und die Vorzüge von Audi-Motoren. Aber bei der Frage, wo er seine Freundin Annika kennengelernt hat, druckst Florian Sitzmann erst mal herum. Der 38-Jährige räuspert sich kurz, bevor er gesteht: „Bei einem Howard-Carpendale-Konzert.“ Er sei dem Sänger in einer Talkshow begegnet: „Ein sehr sympathischer und toller Typ. Später hat er mich zu einem seiner nächsten Auftritte eingeladen.“ Und Annika, die als Heilerziehungspflegerin mit geistig behinderten Erwachsenen arbeitet, war als Betreuerin beim besagten Konzert. „Gute Ausrede, oder?“ Florian grinst. Dann drückt er Annikas Hand und sagt: „Howie hat uns quasi zusammengebracht. Und mein Unfall hat mich als Gast in die Talkshow gebracht.“

Ach ja, der Unfall. Wenn Florian spricht, gerät das schnell in den Hintergrund. Er hat ja so viel vom Jetzt zu erzählen, von seiner kleinen Tochter Emely, vom Zusammenleben mit Annika, den Erfolgen seiner Bücher „Der halbe Mann“ und „Bloß keine halben Sachen“, mit denen er auf Lesetour ist. Aber die Folgen des Unfalls von vor mehr als 20 Jahren sind für ihn immer spürbar, jede Sekunde sichtbar: Florian verlor dabei beide Beine, sitzt seitdem im Rollstuhl. Und kommentiert das in Anspielung auf seinen Nachnamen Sitzmann mit einem saloppen: „Nomen ist eben Omen.“

Er ist 15, als er im Sommer 1992 mit seinem Freund Stefan nach einem Motorradausflug auf der Autobahn Richtung Darmstadt unterwegs ist. Stefan fährt, Florian sitzt hinten drauf. Es regnet in Strömen, die beiden haben die Nacht vorher kaum geschlafen, machen nahe der Raststätte Hunsrück eine letzte Rast. Bei der Weiterfahrt lenkt der übermüdete Stefan die Maschine auf dem Beschleunigungsstreifen ein Stück zu weit nach links – ein nahender Lkw kollidiert unverschuldet, kann nicht mehr bremsen. Stefan fällt nach rechts auf ­einen Grünstreifen und bleibt unverletzt. Doch Florian fällt nach links: Er wird vom Lkw auf Höhe der Hüfte überrollt und muss in ein künstliches Koma versetzt werden.

Als er eine Woche nach dem Unfall im Krankenhaus aufwacht, ahnt er noch nicht, dass er seine Beine verloren hat. Dann sieht er in das Gesicht seiner Mutter: „Es war ein ernster und besorgter Blick, in den sie mich einhüllte“, sagt er. „Einen, den ich nicht annehmen wollte.“ Es ist Florians 16. Geburtstag, und nachdem sein Vater ihm sagte was passiert ist, da weint er. Stundenlang. „Aber dann hatte ich auch gleich schon mein Schlüsselerlebnis“, erzählt er. Eine Psychologin sei in den Raum gekommen und habe mit ernster Stimme erklärt: „Herr Sitzmann, Sie sind jetzt in einer Lebens­krise!“

Florian schüttelt den Kopf, die Erinnerung macht ihn immer noch fassungslos. „Ich dachte nur: Die hat doch einen Knall! Die ist doch nicht ganz auf der Höhe!“ Er beschließt: „Ich lasse mich nicht unterkriegen. Mithilfe meiner Familie und Freunden schaffe ich das. Ich brauche bestimmt niemanden, der mir sagt, dass ich in einer Krise stecke!“

Florian kämpft, doch die nächsten zwei Jahre sind hart. Er muss mehr als 50 Operationen durchstehen, lernt mühsam das Rollstuhlfahren und hadert damit, dass er, der doch von klein auf die Geschwindigkeit so sehr geliebt hat, nun nur noch langsam von A nach B kommt. Gerade während der langen Rehaphase in einer abgeschiedenen Klinik bei Heidelberg fühlt er sich oft wie eingesperrt. Was ihm dagegen hilft, ist die Musik. Er spielt Gitarre oder dreht laute Popmusik auf: „Wenn ich schon mit meinem Körper nicht abhauen konnte, dann wenigstens mit meinem Kopf.“ Das erste Mal wieder richtig „abhauen“ kann er schließlich mithilfe eines anderen Heimbewohners, der ein behindertengerecht umgebautes Auto besitzt. Kaum hört Florian davon, gehen die beiden auch schon regelmäßig auf Tour: „Zwei halbe Gestalten, ich in der Mitte quer, er längs durch, singend durch die Nacht.“ Und endlich, pünktlich zum 18. Geburtstag, hält Florian selbst einen Führerschein in den Händen. Ein Auto hatte er sich schon lange vorher gekauft – ein Geo Metro Cabrio für 16.000 Mark: „Erst hatte ich ein schlechtes Gewissen, so viel für ein Auto auszugeben“, sagt Florian. „Aber dann dachte ich, hey, warum soll Schmerzensgeld keinen Spaß machen?“ Von seinem ersten Ausflug im eigenen Auto schwärmt er noch heute als „Fahrt in ein neues Leben“.

Er fühlt sich wieder unabhängig und mobil, macht Zukunftspläne, will nach seinem Schulabschluss Bauzeichner werden – und erhält auf dem Arbeitsamt einen Dämpfer. Sein Berater mustert ihn nur kurz und erklärt Florian dann, dass er mit seiner Behinderung höchstens einen Bürojob machen könne. „Dafür sind Sie gut geeignet, Herr Sitzmann“, sagt der Berater. „Man muss da nämlich sitzen können“, fügt Florian in Gedanken hinzu. „Das war für mich so ähnlich wie noch mal Beine ab“, erinnert er sich. Und ihm wird klar: „Das, was mich wirklich behindert, ist die Gesellschaft um mich herum.“ Er will keinen „Behindi-Bonus“, wie er es nennt, er möchte vielmehr als ganzer Mensch respektiert und nicht ausgegrenzt werden. Die Sortierung in Randgruppen findet er fürchterlich. „Aber leider gibt es ja immer noch jede Menge Berührungsängste“, sagt er. „Das Eis ist nicht so schnell gebrochen.“

Für Florian ein Grund mehr, offen auf Menschen zuzugehen, sich nicht zurückzuziehen, sondern „noch mal so richtig Gas zu geben“. Florian will seine ganze Kraft leben, weiß: „Die fehlenden Beine spielen dabei eine Nebenrolle. Meine Kraft kommt aus dem Herzen, Bauch und Kopf.“ Er sieht sich nicht länger in Zusammenhang mit Begriffen wie Opfer oder Unglück, sondern arbeitet an und mit seinem Körper, flirtet gerne, wird fitter und fröhlicher. Und merkt dabei: „Auch meiner Familie und meinen Freunden geht es besser, wenn es mir besser geht.“ Das sei vorher anders gewesen: „Ich hatte keine Beine mehr, aber es waren die anderen, die wie gelähmt waren.“

Florian arbeitet jetzt bei einem Reha-Fachhandel und kommt über seinen Chef, der ebenfalls im Rollstuhl sitzt, zum Handbikefahren. Schon bald trainiert er in jeder freien Minute, nimmt an Wettkämpfen teil und wird 2002 zum ersten Mal Deutscher Meister, im Herbst desselben Jahres Vizeweltmeister, 2003 wieder Deutscher Meister. Zur Vorbereitung auf die Paralympics in Athen 2004 startet er unter anderem beim Hamburg Marathon, fährt seine persönliche Bestzeit von 1 Stunde und 5 Minuten. „Das Rennen war so schnell, dass die Helfer gerade erst dabei waren, ein Zeitmesstor aufzublasen, als wir schon im Ziel einrollten“, erzählt Florian und lacht. „Da wurden die Behindis mal wieder unterschätzt!“

In Athen muss er die beiden entscheidenden Rennen frühzeitig abbrechen, weil sein Sitzkissen Luft verliert. Ein herber Rückschlag für Florian. Doch schon ein Jahr später meistert er die nächste Herausforderung: ein Rennen von Trondheim nach Oslo, 540 Kilometer und 4500 Höhenmeter in maximal 45 Stunden. Sein Freund Stefan begleitet ihn. Die beiden schaffen die Strecke in Handbike-Rekordzeit von 30,5 Stunden. Mit der Tour sammeln die beiden Spenden für das Mannheimer Projekt „Aufwind“, das sich unter anderem für Straßenkinder und Menschen in schwierigen Lebenslagen einsetzt. „Für einen guten Zweck zu fahren, war für mich die größte Motivation, die Strapazen durchzustehen“, sagt Florian. Er sei zwar schon immer sozial engagiert gewesen, doch erst durch sein eigenes Schicksal könne er wirksam auf das Schicksal anderer aufmerksam machen. Insofern habe ihn der Unfall, „auch wenn es sich blöd anhört“, zum „Sinn seines Lebens“ geführt.

Bis heute setzt er seine Behinderung bei Sportveranstaltungen deshalb als „rollende Litfaßsäule für gute Projekte“ ein. Bei Lesungen aus seinen Büchern und bei Auftritten im Fernsehen spricht er offen über seine Behinderung und steckt Zuschauer und Zuhörer mit seinem Optimismus an: „Mit Vergnügen konfrontiere ich damit, was alles möglich ist, auch wenn man keine Beine hat. Tolle Autos, lautes Lachen, Kumpels, Mädels, Partys, Freunde. Alles, alles geht.“ Er selbst sei doch das beste Beispiel, schon wegen seiner positiven Einstellung zum Leben: „Für mich ist das Glas Wasser nicht nur halb voll“, sagt er und lacht. „Ich trinke es direkt aus und bestelle das nächste!“

Mit dieser Botschaft ist er 2010 auch Gast in einer Fernsehsendung mit Frank Plasberg. Zufällig schaltet an diesem Abend auch Daniel, der Lkw-Fahrer, ein, der Florian damals überrollt hatte. Er stand nach dem Unfall unter Schock, erkundigte sich die nächsten Wochen täglich in seiner Spedition, ob es Neuigkeiten über Florian gebe. Bis er von der Rechtsabteilung hörte, Florian habe es nicht geschafft. Mehr als 21 Jahre lang glaubte er, er habe Florian totgefahren, litt an Panikattacken und musste seinen Beruf aufgeben. Jetzt sieht er ihn plötzlich im Fernsehen. Ohne Beine. Aber sprühend vor Lebensfreude.

Ein paar Tage später schreibt er Florian eine Mail, erzählt darin von ­seinen Schuldgefühlen und wie er die vergangenen 21 Jahre erlebt hat. Florian kann kaum fassen, was er da liest: „Ich dachte ja, mein Schicksal wäre krass. Aber ganz ehrlich: Ich hätte nicht mit ihm tauschen wollen.“

Als sich die beiden zum ersten Mal treffen, weint Daniel. Ihm fällt eine große Last von seinen Schultern. Sie reden vom Glück, am Leben zu sein. Und darüber, woher Florian nach dem Unfall seine Kraft zum Weitermachen genommen hat. Obwohl er nicht gläubig sei, sei es wohl doch „so etwas wie Gottvertrauen“ gewesen, sagt Florian. „Gepaart mit richtig Bock auf mein Leben und auf diese Welt.“

Text: Maren Albertsen

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