Gentrifizierung : Quo vadis, St. Georg?

Schickimicki statt Bahnhofsviertelcharme: Zugezogene und Investoren wirbeln den Stadtteil St. Georg mächtig auf. Die Mieten für Wohnungen und Gewerbe steigen drastisch. Alteingesessene gehen auf die Barrikaden: Sie fürchten um den Charakter ihres Viertels und dass sich angestammte Anwohner den Stadtteil nicht mehr leisten können. Bezirksamtsleiter Andy Grote (SPD) verspricht Unterstützung. 

Am Deutschen Schauspielhaus, gleich hinter dem Hamburger Hauptbahnhof, beginnt St. Georg. Noch vor wenigen Jahren galt es als „Problemviertel“ mit Straßenstrich, offener Drogenszene und hohem Migrantenanteil. Heute ist St. Georg hip. Der Preis dafür ist hoch: Die Mieten steigen, Kleingewerbe verschwindet, frühere Viertelbewohner müssen wegziehen. „Der Hauptbahnhof und das Bahnhofsviertel sollen Hamburgs Visitenkarte werden“, glaubt Michael Joho. Er ist der Vorsitzende des Einwohnervereins und will uns heute sein Viertel zeigen.

Früher einmal Sportstätte in öffentlicher Hand, heute eine schickes Restaurant: die Turnhalle auf der Langen Reihe.

Der Hansaplatz ist die erste Station des Quartiersrundgangs. Der ehemals schmuddelige Platz ist frisch saniert, auch an vielen Fassaden der Altbauten drum herum wird gearbeitet. Früher wurde hier offen mit Drogen gedealt, heute erinnert daran nichts mehr. Auf dem Platz gibt es keine Bänke oder andere Sitzgelegenheiten, damit sich hier keine Trinker und andere Unerwünschte hinsetzen können. Am Rand steht neuerdings ein grauer Klotz, der die Aufschrift Pissoir trägt. „Die neue Szene möchte dieses Pissoir nicht haben, weil es auch Obdachlose anzieht“, sagt Joho.

Ein Buchhändler soll plötzlich dreimal so viel Miete zahlen wie bisher. 

Die neue Szene, von der er immer wieder spricht, das sind die hinzugezogenen Bewohner. Mit ihnen begannen die Mieten zu steige. Und zwar viel schneller, als als in Hamburg sowieso schon: „Die Mieten in St. Georg steigen doppelt so stark wie die Mieten im Hamburger Mietenspiegel“, sagt der stellvertretende Leiter des Hamburger Mietvereins, Siegmund Chychla. „Sie kriegen hier nichts mehr unter 12 Euro pro Quadratmeter.“  Zudem: Mehr als die Hälfte der ehemaligen Mietwohnungen um den Hansaplatz seien mittlerweile in teure Eigentumswohnungen umgewandelt worden, beklagt Joho, der ­beruflich als Mitarbeiter für die Linksfraktion in der Bürgerschaft tätig ist. Grundsätzlich hat Michael Joho zwar nichts gegen Hinzugezogene, aber: „Seit ein paar Jahren droht, dass die schicke und teure Szene den Rest verdrängt.“ Seit Februar dieses Jahres gilt im Stadtteil eine sogenannte Soziale Erhaltungsverordnung. Das heißt: Modernisierungen, Nutzungsänderungen und Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen müssen künftig vom Bezirksamt Mitte genehmigt werden. Der Bezirk will damit die „Verdrängung einkommensschwacher Haushalte“ verhindern. Doch für viele Immobilien kommt der Erlass womöglich zu spät.

Die Traditionsbuchhandlung Wohlers wird schließen müssen, wenn ihr Vermieter wirklich 4100 Euro Monatsmiete verlangt.

An der Langen Reihe, der Einkaufs- und Flaniermeile, kann man gut erkennen, wie der Stadtteil sich schick macht. Kleine Familiengeschäfte machen Filialen von Ladenketten Platz; wer für den täglichen Bedarf einkaufen will, hat’s schwer. Gemütliche Nachbarschaftskneipen verschwinden, schicke Restaurants wachsen nach.

Der  Kampf um steigende Mieten geht gerade in eine neue Runde. Die Traditionsbuchhandlung Wohlers wird schließen müssen, wenn ihr Vermieter Frank Jendrusch nicht doch noch von seinen Mietforderungen Abstand nimmt. 4100 Euro statt 1400 Euro will er plötzlich von Buchhändler Robert Wohlers. Das stößt im Stadtteil auf Protest: In vielen Schaufenstern hängen Solidaritäts­plakate, an einer Demonstration nahmen viele Hundert Menschen teil. In St. Georg hält man gegen die „Miethaie“ zusammen, sogar ein benachbarter Buchladen hatte zu den Protesten mit aufgerufen.

 Bezirksamtsleiter Grote: „Das darf keine Ansammlung von Backshops, Boutiquen, Cafés und Filialisten werden.“

Andy Grote, Leiter des Bezirksamts Mitte, wollte schon 2009 einen „Schutzschirm gegen Verdrängung“.

Auch Andy Grote, Leiter des Bezirksamts Mitte, verspricht Unterstützung: Er hat bereits mit dem Vermieter Frank Jendrusch gesprochen. Dieser habe „Gesprächsbereitschaft“ signalisiert. Grote will die Runde noch erweitern: „Die Idee ist, auch andere Eigentümer dazuzuholen.“ Grotes Kalkül: „Alle haben ein Interesse daran, den Charakter der Langen Reihe zu erhalten. Alle sind sich einig: Das darf keine Ansammlung von Backshops, Boutiquen, Cafés und Filialisten werden. Aber wer Vielfalt will, kann nicht überall die gleiche Miete verlangen.“ Grote setzt auf die Mitarbeit der Eigentümer, insbesondere der, die in St. Georg mehrere Immobilien besitzen. Als Vorbild nennt er das Konzept großer Einkaufscenter: Da zahlen kleine Einzelhändler oft weniger als große Ketten. „Das muss doch auf der Langen Reihe auch möglich sein.“

Gewerbe wie Wohnraum gesetzlich zu schützen sei aber zurzeit nicht machbar. „Dafür habe ich kein Instrument“, sagt Grote. Er hält es auch für unwahrscheinlich, dass es in absehbarer Zeit eins geben wird. In Wirtschaftsbetriebe einzugreifen sei problematisch: „Die Miethöhe vorzugeben heißt, in den Wettbewerb einzugreifen.“ Und dem unterliege natürlich jeder kleine Laden genauso wie Filialisten. Extrem deutlich ausgedrückt: „Wenn da zum Beispiel ein Laden wäre, in dem zwei Jahre keiner eingekauft hat, kann ich ja nicht sagen: Du zahlst weniger Miete, weil dein Laden so schön ist.“

Schon 2009 schlug Grote, damals noch Stadtentwicklungssprecher der Opposition, einen „Schutzschirm gegen Verdrängung“ vor. „Menschen mit wenig Geld können sich ihren Stadtteil nicht mehr leisten. Nicht nur günstiger Wohnraum, auch Freiräume für Kultur oder kleine Geschäfte geht verloren“, warnte Grote damals. Er forderte den Erlass Sozialer Erhaltungsverordnungen und die Schaffung günstigen Wohnraums. Außerdem wollte er, dass die Stadt Einfluss auf die Gewerbezusammensetzung nimmt und eigene Immobilien für „Kreativnutzung und lokale Betriebe“ bereitstellt. Das Eckpunktepapier zum Schutzschirm wurde von der damaligen schwarz-grünen Regierung „zu 85 Prozent gekippt“, so Grote. Jetzt als Bezirksamtschef könne er selbst zwar keine Anträge in die Bürgerschaft mehr einbringen, sagt aber: „Es wäre sinnvoll, wenn das nochmal aufeggriffen werden würde, gerade das Thema Gewerbestrukturen.“

Anwohner Michael Joho: „Wenn hier etwas neu gebaut wird, dann müssen es Wohnungen sein.“

Hinter vielen Schleifen im Viertel verbirgt sich Protest gegen Bauvorhaben und Baumfällungen.

Grote forderte damals auch, „die Widerstandkräfte der Bewohner gegen Verdrängungsprozesse zu stärken“, mit der Unterstützung sozialer Netzwerke, nachbarschaftlichen Engagements und von Gemeinschaftsprojekten. Was das angeht braucht Grote sich in St. Georg keine Sorgen zu machen. Der Einsatz der Anwohner ist unübersehbar: Auf einem Hinterhof in der Parallelstraße zur Langen Reihe sind um einige der alten Bäume schwarze Tücher ­gebunden – die Reste einer Protestaktion des Einwohnervereins. Denn diese Bäume sollen verschwinden, ebenso wie die teilweise leer stehenden Bürogebäude auf dem Grundstück zwischen der Koppel und der Alster. Der Allianz-Konzern möchte hier moderne Gebäude mit Büros, Eigentumswohnungen und Tiefgarage errichten. Doch er hat die Rechnung ohne die engagierten Bürger des Einwohnervereins St. Georg gemacht, die jetzt gegen die Pläne Sturm laufen.

Sie pochen darauf, dass das Grundstück gemäß Bebauungsplan eigentlich Teil eines Wohngebiets ist. „Wenn hier etwas neu gebaut wird, dann müssen es Wohnungen sein“, sagt Michael Joho. Im Bezirksamt wird gerade eigens für die Allianz ein neuer Bebauungsplan erarbeitet, der im Herbst vorgestellt werden soll. „Das ist ein weiteres Beispiel dafür, dass der Bezirk ein Investorenprojekt nach dem anderen durchwinkt“, schimpft Joho. Doch auch das Bezirksamt zeigt Zähne, möchte die ­Allianz mit städtebaulichen Verträgen zu sozialem Wohnungsbau bewegen. „Die gestiegenen Mieten kriege ich nicht zurückgedreht“, sagt Bezirksamtsleiter Andy Grote. „Ich kann nur versuchen, den Anstieg zu verlangsamen. Mein Wunsch wäre, an diesem Standort sozialen Wohnraum zu schaffen.“

Text: Benjamin Laufer, Beatrice Blank
Fotos: Daniel Cramer (1), Mauricio Bustamante

 

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