Weihnachtszeit für Hinz&Künztler : Wunschzettel: ein ganz normales Fest

Hinz&Kunzt-Verkäufer Ferenc lebt derzeit in einem Wohncontainer und freut sich schon auf Weihnachten. Foto: Lena Maja Wöhler

Feiern mit den Kindern, etwas Leckeres für den Hund, der Besuch von der Freundin – zu Weihnachten muss es keine Berge von Geschenken geben und kein Fünf-Gänge-Menü. Hinz&Künztler erzählen von Heiligabend.

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Speisen auf dem Schlafsofa

Für Maria und Sebastian wird Weihnachten dieses Jahr ganz besonders: „Fünf Jahre haben wir nicht mit unseren Kindern gefeiert“, erzählt Maria. „Dieses Jahr sind wir zum ersten Mal wieder zusammen.“ Sie freut sich schon: Endlich wieder für alle kochen und zusammen essen. Es soll Hackrouladen geben, Kartoffelsalat und Picente, mit Käse gefüllte Teigtaschen – so wie es Tradition ist in ihrer Heimat Rumänien.

Früher war es auch immer schön, erzählen die beiden. Die Familie kam zusammen, es gab Kuchen, gutes Essen, Spaziergänge. „Nur: kein Geld“, sagt Maria. Deshalb brachen sie und ihr Mann 2012 auf nach Deutschland, um Arbeit zu suchen. Die beiden Kinder, damals sieben und zwölf Jahre alt, blieben zurück bei der Oma. Zu Weihnachten riefen die Eltern sie an – ein Luxus, den sich Maria und Sebastian nicht jeden Tag leisten konnten. „Mit dem Handy kostet viel Geld“, sagt Sebastian.

Im September konnten Sebastian und Maria ihre beiden Kinder zu sich holen. So wird Weihnachten dieses Jahr ein ganz besonderes Fest. Foto: Lena Maja Wöhler

Damals teilte sich das Paar eine Wohnung mit einer Familie aus dem ehemaligen Jugoslawien. Als Schlafstätte reichte es. Aber es war kein Zuhause, in das man die Kinder hätte nachholen können. Die meiste Zeit verbrachten sie draußen und verkauften Hinz&Kunzt. „Manchmal war schwer“, sagt Sebastian. Etwa wenn Familien mit Kindern vorbeikamen. „Da kamen auch mal die Tränen.“

Dieses Jahr sind wir zum ersten Mal wieder zusammen.– Maria

Umso größer die Freude, als sie umziehen und die Kinder zu sich holen konnten. Seit Schulbeginn im September sind alle wieder vereint. Weihnachten 2017 wird das schönste Fest seit Langem, da sind sich die Eltern sicher. Gegenseitig wollen sie sich nichts schenken, aber für die Kinder soll es etwas Kleines geben. Das muss drin sein, auch wenn sie noch immer keine richtige Wohnung haben: Die vierköpfige Familie teilt sich ein Zimmer von zwölf Quadratmetern. Die Küche, in der Maria das Weihnachtsessen kochen will, benutzen andere mit. Gegessen wird nicht an gedeckter Tafel, sondern im Zimmer auf dem Schlafsofa. Auch einen Weihnachtsbaum werden sie dieses Jahr noch nicht haben. Sebastian und Maria lachen: „Kein Platz.“

Maria (32) verkauft Hinz&Kunzt beim Famila Markt in der Flensburger Straße in Pinneberg. Sebastian (39) fährt dagegen nach Norderstedt und steht dort vor Aldi Kohfurth.

Ricky ist immer dabei!

Hinz&Kunzt-Verkäufer Ferenc lebt derzeit in einem Wohncontainer und freut sich schon auf Weihnachten. Foto: Lena Maja Wöhler

„Ich liebe Weihnachten! Das war schon immer so, auch als ich noch in meiner Heimat Ungarn gelebt habe.

Ich bin im Kinderheim aufgewachsen, das war kein schönes Leben. Meine Familie war sehr arm. Zu sechst haben wir auf zwölf Quadratmetern gewohnt. Ohne Bad. Deshalb hat mich das Sozialamt aus der Familie genommen und ins Heim gesteckt. Nur zu Weihnachten durften mich meine Eltern nach Hause holen. Das war gut! Für das Fest waren wir dann zusammen, zum Mittagessen und für den Gottesdienst. Es war der einzige Tag im Jahr, an dem ich Zeit mit meiner Familie verbringen konnte. Nach der Kirche haben sie mich wieder ins Kinderheim gebracht. Das war schlimm. Aber wenn sie sich geweigert hätten, wäre die Polizei gekommen.

Ich liebe Weihnachten! Das war schon immer so.– Ferenc

Als ich später auf der Straße oder mit meinem Hund Ricky im Auto gelebt habe, bin ich auch immer in die Kirche gegangen. Nur in einem Jahr nicht: Da habe ich den Winter in Kopenhagen verbracht, wo es kein Winternotprogramm und keine Unterkunft für Leute wie mich gab. Da habe ich an den Weihnachtstagen auf meiner Platte geschlafen. Ich konnte mich nicht richtig duschen und habe deshalb ein bisschen gestunken. So wollte ich nicht in den Gottesdienst gehen.

Heute geht es mir etwas besser. Für den Winter habe ich einen Wohncontainer in einer Kirchengemeinde bekommen. Zusammen mit Ricky. Er bekommt von mir zu Weihnachten auch immer ein Geschenk, zum Beispiel einen Pullover. Und etwas besonders Leckeres zu essen.

Ferenc (37) kommt aus Ungarn und verkauft bei der Europa-Passage in der Innenstadt.

Weihnachten sind die meisten Leute nett

Ein Weihnachtsfest habe ich noch ganz genau in Erinnerung: Ich war fünf oder sechs Jahre alt, da habe ich mein erstes Fahrrad gekriegt. Ein Klapprad, die waren damals „in“. Das war so grün-bläulich und nagelneu! Meine Mutter hat sogar noch ’ne Schleife drum gemacht. Da waren wir noch eine große Familie. Das Rad hatte ich auf den Wunschzettel geschrieben. Habe aber nicht damit gerechnet, dass ich es kriege. Das war wirklich ’ne Überraschung.

Meine Mutter hat sogar noch ’ne Schleife drum gemacht.– Markus

Bis ich 17 war, habe ich bei meinen Eltern gewohnt. Danach bin ich leider durchgestartet. Meine Eltern hatten sich getrennt, meine Mutter wurde Alkoholikerin. Und ich habe mitgetrunken, so nach und nach. Als ich angefangen habe, war ich noch ein Kind. Und dann habe ich immer wieder Probleme gehabt, vor allem wegen meinem Alkohol. Ich war auch schon in Haft, weil ich ausgerastet bin oder Mist gebaut habe. Nachdem meine Ehe in die Brüche gegangen ist, bin ich irgendwann auf der Straße gelandet. Hab Platte gemacht, zuletzt bei Anson’s in der Mönckebergstraße und vorher bei Saturn, in den Nischen oder hinten bei der Tiefgarage, mit ein paar anderen Leuten. Da haben wir es uns auch Weihnachten auf der Platte richtig schön gemacht. Mit Kerzen und Lichtern, Tannenzweigen und so. Wie man das halt so macht. An Heiligabend haben wir Glühwein getrunken oder auf der Platte gegrillt. Wir haben auch viel bekommen: Jacken, Thermohosen, Pullover oder richtig schöne dicke Schlafsäcke. Die Leute waren richtig lieb zu uns. An Weihnachten sind sowieso die meisten sehr großzügig und nett. Viele fragen nach, wieso man draußen ist. Finde ich auch gut, dass sie fragen! Weihnachten ist aber nicht immer einfach. Da hab ich schon ab und zu ’nen Moralischen gekriegt. Wenn ich beschenkt wurde von fremden Leuten … oder von einem Kind! Dann ist bei mir alles vorbei, da laufen die Tränen.

Markus hat endlich eine Wohnung und verbringt Heiligabend nicht mehr auf der Straße. Foto: Lena Maja Wöhler

Jetzt muss ich zum Glück keine Platte mehr machen. Ich hab ’ne Entgifung und ’ne Therapie gemacht wegen meinem Alkohol, und seit ein paar Monaten habe ich ein Zimmer im Jakob-Junker-Haus. Ich habe einen richtigen Haushalt bei mir, mit Küche, Töpfen und Bügeleisen. Hätt’ ich nie gedacht, dass ich so weit komm!

Markus (48) hat uns im Frühjahr (H&K 290) von seinem Leben in der Mönckebergstraße erzählt und davon, wie er seine Platte sauber hält.

Mit der Erinnerung kommen die Tränen

Jaro hatte zuletzt nicht nur Glück. Aber er freut sich, dass es zumindest seiner Freundin gut geht. Foto: Lena Maja Wöhler

„Mein schönstes Weihnachtsfest war 2010. Ich war zu Besuch in Polen bei meinem Vater, meiner Schwester und meinem Schwager. Meine Nichte und mein Neffe waren damals noch ziemlich klein. Und da haben die zwei mir Geschenke überreicht: ,Für dich, Onkel!‘ Und mich dabei so lieb angeguckt, dass mir die Tränen kamen.“ Es waren ein paar Socken und Unterwäsche, aber „meine Familie hat es mir von Herzen geschenkt, und sie waren so glücklich, dass ich da war“.

In diesem Jahr hat Jaro sein Weihnachten schon hinter sich. „Als der Sturm Xavier wütete, war ich im Gefängnis-Krankenhaus. Ich machte das Fenster auf und spürte, wie stark der Wind wehte.“ Seine Freundin aber schlief draußen. Ihr gemeinsames Zelt stand an der A7 unter Bäumen, die normalerweise Schutz bieten. Aber der Sturm war so stark, dass sich die Bäume bogen, Äste abbrachen und auf die Straße krachten. „Ich bekam richtig Panik“, sagt er. „Ich dachte: Wo ist sie? Ist sie in Sicherheit?“ Tagelang dann diese Ungewissheit. „Ich habe sie so sehr vermisst“, sagt er. „Und dann sagte ein Vollzugsbeamter: ,Jaro, du hast Besuch.‘ Und dann stand sie in der Tür.“ Jaro kommen allein von der Erinnerung die Tränen. „Ich konnte es gar nicht glauben, dass sie unverletzt war.“ Ach ja, es ging ja um Weihnachten! „Das brauche ich nicht mehr. Ich hatte mein Weihnachtsgeschenk schon.“

Jaro (40) ist langjähriger Hinz&Künztler und hat bei „Spende dein Pfand“ am Flughafen gearbeitet, bis er aus gesundheitlichen Gründen ausschied.

Artikel aus der Heft-Ausgabe:
Über den Autor
Annabel Trautwein
Annabel Trautwein schreibt als freie Redakteurin für Politik, Gesellschaft und Kultur bei Hinz&Kunzt - am liebsten über Menschen, die für sich und andere neue Chancen schaffen.

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