Momentaufnahme : „Der Letzte macht das Licht aus“

April-Ausgabe
Gespenstisch: So leer war es auf dem Hamburger Flughafen am vorerst letzten Arbeitstag von Uwe. Foto: Mauricio Bustamante

Am Hamburger Flughafen ist wegen der Corona-Pandemie kaum noch was los. Für die Mitarbeiter von „Spende Dein Pfand“ bedeutet das Kurzarbeit. Mitarbeiter Uwe Tröger erzählt, wie es ihm damit geht.

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Wenn man Uwe Tröger am Telefon fragt, wie es ihm gerade geht, jetzt, wo ihn das Coronavirus am Arbeiten hindert, dann sagt er schlicht: „Ganz gut soweit.“ Aber dann beschreibt der Mitarbeiter von „Spende Dein Pfand“ seinen derzeitigen Tagesablauf: „Zwischen sieben und acht Uhr werde ich wach. Dann trinke ich Kaffee, zwei Stunden lang. Dann lege ich mich wieder hin, denn Kaffeetrinken macht ja müde. Dann gehe ich einkaufen, und danach lege ich mich hin, denn das macht auch müde.“ Der 53-Jährige lacht beim Erzählen über sich selbst, und ein wunderbares Wort für sein ständiges Ruhebedürfnis hat er auch parat: „Fluchtschlaf“.

Normalerweise arbeitet Uwe zusammen mit drei weiteren ehemaligen Hinz&Kunzt-Verkäufern am Flughafen als Leergutbeauftragter. 1800 Flaschen pro Tag kommen normalerweise zusammen. Doch seit dem Ausbruch des Coronavirus haben die Airlines den Flugbetrieb nach und nach reduziert. Die Reisenden blieben aus – und somit auch diejenigen, die mit der Spende ihres Pfandgeldes die drei Vollzeitstellen und eine Halbtagsstelle der Ex-Obdachlosen finanzieren.

Am Flughafen war es zum Schluss „total gespenstisch“ sagt Uwe, der seit viereinhalb Jahren für das Koopera­tionsprojekt von Hinz&Kunzt, Hamburg Airport und dem Grünen Punkt arbeitet. „Es fehlten die ganzen Geräusche, das Gewusel der Menschen. Du hättest da einen Zombiefilm drehen können – alles leer gefegt, alle verstecken sich.“ Und als es so weit war, die Tür zum Pfandsammelraum endgültig abzuschließen, „hatte ich das Gefühl: Der Letzte macht das Licht aus“.

Blöde Gedanken gingen Uwe durch den Kopf: „Wer weiß, ob ich je wiederkomme? Man kann Hinz&Kunzt ja auch nicht zumuten, dass die uns monatelang weiterbezahlen. Man weiß ja nicht mal, was aus ganz Hinz&Kunzt wird.“ Existenzielle Sorgen, die Sozialarbeiter Stephan Karrenbauer zumindest ein Stück weit nehmen kann: „Wir haben erst mal Kurzarbeitergeld beantragt, so dass alle weiterhin ihr Gehalt bekommen werden“, so der 57-Jährige. „Diese Sorgen soll er sich gar nicht machen. Wir kriegen schon alles in Griff.“

Trotzdem vermisst Uwe seinen Job – und seinen Sport. Denn auch sein Tischtennistraining beim FC St. Pauli fällt derzeit flach. Nicht mal Fußball läuft noch im Fernsehen. „So viel habe ich ja vorher eh schon nicht gehabt“, meint Uwe. „Wenn das dann wegbricht, bleibt kaum was übrig.“

Seinen Humor hat Uwe trotzdem nicht verloren. „Wenn ich nicht schlafe, mache ich das, was alle gerade machen: Ich sitze rum und schaue mir meine ­Toilettenpapiervorräte an“, scherzt er. „Und bewaffnet bin ich auch. Notfalls kann ich mit ’ner Dose Ravioli schmeißen.“

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Artikel aus der Heft-Ausgabe:
Autor*in
Annette Woywode
Chefin vom Dienst und stellvertretende Chefredakteurin

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