Grußbotschaft des Bundespräsidenten : „Obdachlose brauchen tatkräftige Unterstützung“

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Foto: Bundespräsidialamt.

In seiner traditionellen Grußbotschaft für Straßenzeitungen appelliert Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier daran, Obdachlose tatkräftig zu unterstützen und zu ermutigen: „Jeder Mensch, ob arm oder reich, hat unseren Blick, und, wenn er sie braucht, auch unsere Hilfe verdient.“ 

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Liebe Leserinnen und Leser,

in einer Wohnung zu leben, Obdach zu haben, ist für die meisten von uns eine selbstverständliche, unabdingbare Voraussetzung des Lebens. Die Wohnung ist der Raum für die Familie, für Privatsphäre, für Erholung. Sie bedeutet Schutz und Sicherheit. Ja, sie ist vielfach die Voraussetzung dafür, überhaupt Arbeit und Auskommen zu finden.

Ein Leben ohne diese Zuflucht ist ein Leben unter völlig anderen Vorzeichen: ein täglicher Kampf um die Existenz, um Essen, einen Schlafplatz, um etwas Wärme und Medikamente.

Die Wohnung zu verlieren, weil man die Miete nicht mehr zahlen kann – diese Vorstellung macht Angst. Es ist Aufgabe der Politik, des Bundes, der Länder, unserer Städte und Kommunen, entgegenzusteuern und Menschen diese Angst – so gut es geht – zu nehmen. Jeder Mensch muss eine bezahlbare Wohnung finden können.

Ein Weg aus der Not

Obdachlose aber brauchen noch mehr. Sie brauchen Überlebenshilfe, sie brauchen tatkräftige Unterstützung und Ermutigung. Straßenzeitungen sind ein wichtiger Teil solcher Unterstützung. Menschen, die in Armut geraten sind, finden eine Aufgabe, eine Arbeit, können selbst aktiv werden, werden vom Bettler zum Verkäufer. Straßenzeitungen helfen nicht nur in der Not, sie zeigen einen Weg aus der Not.

Und noch etwas gelingt den Straßenzeitungen: Sie verhelfen uns allen zu neuen Einsichten. Im April 2018 etwa erschien im Straßenmagazin fiftyfifty eine Fotostory mit dem Titel „Andere Ansichten“. Sie erzählt die Geschichten von fünf ganz unterschiedlichen Menschen, die eines gemeinsam haben: Sie sind ohne Arbeit und ohne Wohnung. Sie erklärten sich einverstanden, an einem Experiment teilzunehmen; ließen sich einkleiden und in verschiedenen Rollen fotografieren: als Manager, als Kellnerin in einem Luxushotel, als Modedesigner und Geschäftsreisende.

Video zur Fotostory „Andere Ansichten“

Die Bilder und Geschichten zeigen, dass es nur weniger Änderungen bedarf, um aus arm reich zu machen – zumindest auf einem Foto. In der Wirklichkeit liegen oft Welten dazwischen. Die Schicksale der Menschen, ihre Wege in die Obdachlosigkeit, bleiben dem oberflächlichen Blick verborgen.

Menschen in Not wahrzunehmen, genauer hinzusehen, ihnen unseren „Blick“ zu schenken und Wege aus der Not aufzuzeigen, wie es die Straßenzeitungen tun, das ist auch die Botschaft der Weihnachtsgeschichte. Jeder Mensch, ob arm oder reich, ist ein Geschenk. Jeder Mensch, ob arm oder reich, hat unseren Blick, und, wenn er sie braucht, auch unsere Hilfe verdient.

Ich wünsche Ihnen frohes Weihnachtsfest und ein gutes neues Jahr!

 

Über den Autor
Frank-Walter Steinmeier
Frank-Walter Steinmeier (SPD) ist seit dem 19. März 2017 der zwölfte Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland.

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