Ladeninhaber, Spediteur, Nachbar: Prince Shaaibu aus der RĂŒmkerstraĂe
(aus Hinz&Kunzt 132/Februar 2004)
Eon | Hanse prĂ€sentiert Die Dart-Reportage: Hamburg hat viele unbekannte Ecken. Mit HĂ€usern voller Geschichte und Menschen mit besonderen LebenslĂ€ufen. Um sie zu finden, werfen die Reporter einen Dartpfeil auf den Stadtplan. Die Geschichten erzĂ€hlen von viel menschlicher WĂ€rme oder dem Mangel daran. Diesmal: die RĂŒmkerstraĂe in Barmbek.
Ajua Jibua, eine fĂŒllige Afrikanerin, betritt das kleine GeschĂ€ft. Sie entknotet das bunte Tuch vor ihrer Brust, zieht es ĂŒber die Schulter nach vorn, und in dem Moment schlĂŒpft aus dem Tuch ein kleines MĂ€dchen, das gleich ganz mutig von der Mama weglĂ€uft. Zusammen mit dem Ladenbesitzer Prince Shaaibu geht die Frau zu den Regalen. Die Okra-Schoten hat Prince nicht, aber er verspricht ihr, dass er sie besorgen wird. Nach einem kurzen GesprĂ€ch nimmt die Frau ein Glas Erdnuss-Creme, setzt sich auf einen der StĂŒhle an der Kasse und holt das Geld heraus. Zeit fĂŒr einen kleinen Schwatz.
Prince Shaaibu, in blauer Jeans, einem schwarzen T-Shirt und einer schwarzen BaseballmĂŒtze auf dem Kopf, ist kein richtiger afrikanischer Prinz. Den wĂŒrde man wohl kaum hier treffen, in der RĂŒmkerstraĂe in Barmbek-Nord, die eng von dunkelroten BacksteinhĂ€usern umrahmt ist. Prince ist zwar sein richtiger Vorname, aber die meisten nennen ihn Babs.
Eine TĂŒr weiter ist ein Döner-Laden, aber da sind Fremde unerwĂŒnscht. Ein Stehtisch drauĂen ist von den StammgĂ€sten umlagert. Alle trinken Bier. Alle sind schon lĂ€nger da. Dieser Stadtteil hat viele Arbeitslose. âBevor ich hier eingezogen bin, standen noch mehr Tische da. Das war ein groĂer Treff fĂŒr die, denen zu Hause langweilig ist, weil sie keinen Job habenâ, sagt Prince. âWeil es meine Kunden gestört hat, habe ich sie gebeten auf die andere StraĂenseite in den Park zu gehen. Sie haben es eingesehen.â
Eigentlich hat Prince ein BĂŒro, von dem aus er Autos, Lastwagen und Container nach Westafrika und Dubai verschiffen lĂ€sst. âDie Autos sind Schrottâ, sagt er. âAber in Afrika ist nur wichtig, dass ein Auto Motor und Bremse hat.â Die Fahrzeuge findet er in ganz Deutschland, viele kommen auch aus England. âEs ist viel kostengĂŒnstiger, die englischen Autos ĂŒber Deutschland zu verschiffen als auf dem direkten Weg.â Die Wagen aus England kommen nicht leer, sondern mit Produkten fĂŒr den Laden. Prince denkt an alle Möglichkeiten, GeschĂ€fte zu machen, auch an seine Kunden, die besondere WĂŒnsche haben, wie Ajua Jibua.
Die KĂ€ufer aus Afrika finden zu dem Hamburger Spediteur âdurch meinen guten Ruf. Es spricht sich schnell herum, wenn jemand zuverlĂ€ssig und ehrlich istâ, sagt der 44-JĂ€hrige. Wenn ein passendes Fahrzeug gefunden ist, fĂŒllt Prince die Frachtpapiere aus und bringt sie zur Spedition und spĂ€ter zum Zoll. Die Autos, meist noch voll beladen mit alten, teilweise kaputten technischen GerĂ€ten, bringt er aufs Schiff. Die Autopapiere schickt er per Post zu den Kunden nach Afrika. Der Afro-Laden lĂ€uft erst seit etwa einem Jahr nebenbei. âEs war fĂŒr mich einfach langweilig, den ganzen Tag am Telefon und PC zu sitzenâ, sagt Prince. âJetzt kommen Menschen zu mir, manche kaufen etwas, in dieser Gegend leben viele Afrikaner.â
Der Laden ist nicht groĂ. Vier Regale insgesamt. Eins ist besonders attraktiv: bunte Frauenbilder auf den Verpackungen von HaarglĂ€ttern, daneben kĂŒnstliche Zöpfe und Haare, Kakaobutter fĂŒr die Haut und andere afrikanische Pflegekosmetik. Unten liegen riesengroĂe SĂ€cke mit Reis, nicht nur afrikanische Sorten, sondern auch asiatische. Auf dem FuĂboden ein Korb mit Zwiebeln, ein anderer mit Kochbananen. Gleich daneben, wie ein Eisberg, eine TiefkĂŒhltruhe mit Fisch. Modische Sportschuhe stehen auf der Fensterbank.
Auf der Ladentheke steht rechts die Waage, links die Kasse, dazwischen liegt die ganze Welt in Form einer Karte. An der Wand hĂ€ngen Preislisten fĂŒr Telefonkarten, mit denen man gĂŒnstig in der ganzen Welt telefonieren kann. Vor dem Tisch stehen zwei StĂŒhle: Beim Einkaufen werden Neuigkeiten ausgetauscht, man lĂ€sst sich Zeit fĂŒr ein GesprĂ€ch. Aus der KĂŒche dringt afrikanische Musik. Prince kann sich wie in seiner Heimat fĂŒhlen. Die meisten afrikanischen SpezialitĂ€ten kommen aus England und nur wenige direkt aus Afrika. Prince selbst kommt aus Ghana. Was ihn nach Hamburg gefĂŒhrt hat? âMein Onkel war hier. Ich wollte studieren, und er versprach mir, zu helfen. Als ich nach Hamburg kam, war er lĂ€ngst in Amerika.â
Prince war damals 25 und wÀre auch nach Amerika gegangen, wenn er nicht Anke kennen gelernt hÀtte. Die junge Hamburgerin sah Prince in einer Disco, und sie wusste gleich, dass sie nur ihn und keinen anderen will. Nach einem Jahr heirateten sie. Prince machte eine Ausbildung als Schlosser, arbeitete als Treppenbauer in Blankenese. Nach zwei Jahren schwerer körperlicher Arbeit machte er sich selbststÀndig.
An das Leben in der Hansestadt konnte er sich lange Zeit nicht gewöhnen. Die deutsche MentalitĂ€t war ihm fremd. Aus diesem Grund weigerte er sich zunĂ€chst, Deutsch zu lernen. âWer mich verstehen will, soll mit mir Englisch redenâ, war damals seine Einstellung. Nach nunmehr 18 Jahren ist sein Deutsch fast perfekt. An die deutsche MentalitĂ€t hat er sich gewöhnt, auch wenn sie ihm nicht gefĂ€llt. âWenn mir in Afrika eine Zwiebel im Haushalt fehlt, dann gehe ich zur Nachbarin aber hierâŠâ Prince schĂŒttelt resigniert den Kopf.
Jeden Monat schickt er seinen Eltern und Geschwistern in Ghana 50 Euro. So viel reicht dort fĂŒr alle. Sein Traum ist es, irgendwann zurĂŒck nach Ghana zu gehen, aber er weiĂ, dass es wahrscheinlich nur ein Traum bleibt. âZu Hause ist alles anders geworden, alle meine Freunde sind weggegangen, ich bin dort ein Fremder.â Einmal im Jahr fĂ€hrt der dreifache Vater mit seiner Familie in seine alte Heimat. Aber bevor traurige Gedanken aufkommen können, kommt der nĂ€chste Besucher.
âHi, Chef!â, sagt der Mann und grinst. âMister Brown!â, grĂŒĂt Prince zurĂŒck. Die beiden lachen sich an. Mister Brown lĂ€sst sich auf den Stuhl fallen und wirft den SchlĂŒsselbund auf den Tisch. Er hat einen anstrengenden Tag hinter sich. âBabs ist mein Chefâ, sagt Mister Brown, âich bringe fĂŒr ihn Lastwagen in den Hafen, weil Babs keinen Lkw-FĂŒhrerschein hat. Babs erledigt die FormalitĂ€ten, aber ich habe mit den Zollbeamten zu tun. Was sind das bloĂ fĂŒr BĂŒrokraten?â Der Mann aus Ghana im Jeansanzug, obligatorischer BaseballmĂŒtze und goldenem Kopf eines Indianer-HĂ€uptlings um den Hals, spricht mit seinem Landsmann Englisch.
Zum Abschied zeigt Prince auf der Weltkarte sein Heimatland Ghana. âFahren Sie mal hinâ, sagt er und lĂ€chelt. âSie werden nicht zurĂŒckkommen wollen, so schön ist es!â
Luba Dmitrieva