Geschichten vom Goldfischteich

Am SchĂ€ferkamp in HoisbĂŒttel: Wie sich OstflĂŒchtlinge auf ehemaligem Ackerland eine neue Heimat gebaut haben

(aus Hinz&Kunzt 149/Juli 2005)

Es ist eine naive Vorstellung, die Stadt wĂŒrde an der Hamburgischen Landesgrenze enden. Aber unwillkĂŒrlich denkt man an Felder und endlose Weiten, wenn der Pfeil außerhalb der dicken roten Linie eingeschlagen ist. Nicht, dass wir es drauf angelegt hĂ€tten. Aber treffen Sie mal Große Freiheit, Schöne Aussicht oder Lange Reihe, wenn Sie einen Pfeil rĂŒckwĂ€rts ĂŒber die Schulter auf den Stadtplan schmeißen mĂŒssen.

Der Prinz von Barmbek

Ladeninhaber, Spediteur, Nachbar: Prince Shaaibu aus der RĂŒmkerstraße

(aus Hinz&Kunzt 132/Februar 2004)

Eon | Hanse prĂ€sentiert Die Dart-Reportage: Hamburg hat viele unbekannte Ecken. Mit HĂ€usern voller Geschichte und Menschen mit besonderen LebenslĂ€ufen. Um sie zu finden, werfen die Reporter einen Dartpfeil auf den Stadtplan. Die Geschichten erzĂ€hlen von viel menschlicher WĂ€rme oder dem Mangel daran. Diesmal: die RĂŒmkerstraße in Barmbek.

Ajua Jibua, eine fĂŒllige Afrikanerin, betritt das kleine GeschĂ€ft. Sie entknotet das bunte Tuch vor ihrer Brust, zieht es ĂŒber die Schulter nach vorn, und in dem Moment schlĂŒpft aus dem Tuch ein kleines MĂ€dchen, das gleich ganz mutig von der Mama weglĂ€uft. Zusammen mit dem Ladenbesitzer Prince Shaaibu geht die Frau zu den Regalen. Die Okra-Schoten hat Prince nicht, aber er verspricht ihr, dass er sie besorgen wird. Nach einem kurzen GesprĂ€ch nimmt die Frau ein Glas Erdnuss-Creme, setzt sich auf einen der StĂŒhle an der Kasse und holt das Geld heraus. Zeit fĂŒr einen kleinen Schwatz.

Prince Shaaibu, in blauer Jeans, einem schwarzen T-Shirt und einer schwarzen BaseballmĂŒtze auf dem Kopf, ist kein richtiger afrikanischer Prinz. Den wĂŒrde man wohl kaum hier treffen, in der RĂŒmkerstraße in Barmbek-Nord, die eng von dunkelroten BacksteinhĂ€usern umrahmt ist. Prince ist zwar sein richtiger Vorname, aber die meisten nennen ihn Babs.

Eine TĂŒr weiter ist ein Döner-Laden, aber da sind Fremde unerwĂŒnscht. Ein Stehtisch draußen ist von den StammgĂ€sten umlagert. Alle trinken Bier. Alle sind schon lĂ€nger da. Dieser Stadtteil hat viele Arbeitslose. „Bevor ich hier eingezogen bin, standen noch mehr Tische da. Das war ein großer Treff fĂŒr die, denen zu Hause langweilig ist, weil sie keinen Job haben“, sagt Prince. „Weil es meine Kunden gestört hat, habe ich sie gebeten auf die andere Straßenseite in den Park zu gehen. Sie haben es eingesehen.“

Eigentlich hat Prince ein BĂŒro, von dem aus er Autos, Lastwagen und Container nach Westafrika und Dubai verschiffen lĂ€sst. „Die Autos sind Schrott“, sagt er. „Aber in Afrika ist nur wichtig, dass ein Auto Motor und Bremse hat.“ Die Fahrzeuge findet er in ganz Deutschland, viele kommen auch aus England. „Es ist viel kostengĂŒnstiger, die englischen Autos ĂŒber Deutschland zu verschiffen als auf dem direkten Weg.“ Die Wagen aus England kommen nicht leer, sondern mit Produkten fĂŒr den Laden. Prince denkt an alle Möglichkeiten, GeschĂ€fte zu machen, auch an seine Kunden, die besondere WĂŒnsche haben, wie Ajua Jibua.

Die KĂ€ufer aus Afrika finden zu dem Hamburger Spediteur „durch meinen guten Ruf. Es spricht sich schnell herum, wenn jemand zuverlĂ€ssig und ehrlich ist“, sagt der 44-JĂ€hrige. Wenn ein passendes Fahrzeug gefunden ist, fĂŒllt Prince die Frachtpapiere aus und bringt sie zur Spedition und spĂ€ter zum Zoll. Die Autos, meist noch voll beladen mit alten, teilweise kaputten technischen GerĂ€ten, bringt er aufs Schiff. Die Autopapiere schickt er per Post zu den Kunden nach Afrika. Der Afro-Laden lĂ€uft erst seit etwa einem Jahr nebenbei. „Es war fĂŒr mich einfach langweilig, den ganzen Tag am Telefon und PC zu sitzen“, sagt Prince. „Jetzt kommen Menschen zu mir, manche kaufen etwas, in dieser Gegend leben viele Afrikaner.“

Der Laden ist nicht groß. Vier Regale insgesamt. Eins ist besonders attraktiv: bunte Frauenbilder auf den Verpackungen von HaarglĂ€ttern, daneben kĂŒnstliche Zöpfe und Haare, Kakaobutter fĂŒr die Haut und andere afrikanische Pflegekosmetik. Unten liegen riesengroße SĂ€cke mit Reis, nicht nur afrikanische Sorten, sondern auch asiatische. Auf dem Fußboden ein Korb mit Zwiebeln, ein anderer mit Kochbananen. Gleich daneben, wie ein Eisberg, eine TiefkĂŒhltruhe mit Fisch. Modische Sportschuhe stehen auf der Fensterbank.

Auf der Ladentheke steht rechts die Waage, links die Kasse, dazwischen liegt die ganze Welt in Form einer Karte. An der Wand hĂ€ngen Preislisten fĂŒr Telefonkarten, mit denen man gĂŒnstig in der ganzen Welt telefonieren kann. Vor dem Tisch stehen zwei StĂŒhle: Beim Einkaufen werden Neuigkeiten ausgetauscht, man lĂ€sst sich Zeit fĂŒr ein GesprĂ€ch. Aus der KĂŒche dringt afrikanische Musik. Prince kann sich wie in seiner Heimat fĂŒhlen. Die meisten afrikanischen SpezialitĂ€ten kommen aus England und nur wenige direkt aus Afrika. Prince selbst kommt aus Ghana. Was ihn nach Hamburg gefĂŒhrt hat? „Mein Onkel war hier. Ich wollte studieren, und er versprach mir, zu helfen. Als ich nach Hamburg kam, war er lĂ€ngst in Amerika.“

Prince war damals 25 und wÀre auch nach Amerika gegangen, wenn er nicht Anke kennen gelernt hÀtte. Die junge Hamburgerin sah Prince in einer Disco, und sie wusste gleich, dass sie nur ihn und keinen anderen will. Nach einem Jahr heirateten sie. Prince machte eine Ausbildung als Schlosser, arbeitete als Treppenbauer in Blankenese. Nach zwei Jahren schwerer körperlicher Arbeit machte er sich selbststÀndig.

An das Leben in der Hansestadt konnte er sich lange Zeit nicht gewöhnen. Die deutsche MentalitĂ€t war ihm fremd. Aus diesem Grund weigerte er sich zunĂ€chst, Deutsch zu lernen. „Wer mich verstehen will, soll mit mir Englisch reden“, war damals seine Einstellung. Nach nunmehr 18 Jahren ist sein Deutsch fast perfekt. An die deutsche MentalitĂ€t hat er sich gewöhnt, auch wenn sie ihm nicht gefĂ€llt. „Wenn mir in Afrika eine Zwiebel im Haushalt fehlt, dann gehe ich zur Nachbarin aber hier
“ Prince schĂŒttelt resigniert den Kopf.

Jeden Monat schickt er seinen Eltern und Geschwistern in Ghana 50 Euro. So viel reicht dort fĂŒr alle. Sein Traum ist es, irgendwann zurĂŒck nach Ghana zu gehen, aber er weiß, dass es wahrscheinlich nur ein Traum bleibt. „Zu Hause ist alles anders geworden, alle meine Freunde sind weggegangen, ich bin dort ein Fremder.“ Einmal im Jahr fĂ€hrt der dreifache Vater mit seiner Familie in seine alte Heimat. Aber bevor traurige Gedanken aufkommen können, kommt der nĂ€chste Besucher.

„Hi, Chef!“, sagt der Mann und grinst. „Mister Brown!“, grĂŒĂŸt Prince zurĂŒck. Die beiden lachen sich an. Mister Brown lĂ€sst sich auf den Stuhl fallen und wirft den SchlĂŒsselbund auf den Tisch. Er hat einen anstrengenden Tag hinter sich. „Babs ist mein Chef“, sagt Mister Brown, „ich bringe fĂŒr ihn Lastwagen in den Hafen, weil Babs keinen Lkw-FĂŒhrerschein hat. Babs erledigt die FormalitĂ€ten, aber ich habe mit den Zollbeamten zu tun. Was sind das bloß fĂŒr BĂŒrokraten?“ Der Mann aus Ghana im Jeansanzug, obligatorischer BaseballmĂŒtze und goldenem Kopf eines Indianer-HĂ€uptlings um den Hals, spricht mit seinem Landsmann Englisch.

Zum Abschied zeigt Prince auf der Weltkarte sein Heimatland Ghana. „Fahren Sie mal hin“, sagt er und lĂ€chelt. „Sie werden nicht zurĂŒckkommen wollen, so schön ist es!“

Luba Dmitrieva

Die BaumkÀmpferin

In der Bellealliancestraße verteidigen Anwohner ihr EimsbĂŒttler Idyll

(aus Hinz&Kunzt 131/Januar 2004)

E.on | Hanse prĂ€sentiert Die Dart-Reportage: Hamburg hat viele unbekannte Ecken. Mit HĂ€usern voller Geschichte und Menschen mit besonderen LebenslĂ€ufen. Um sie zu finden, werfen die Reporter einen Dartpfeil auf den Stadtplan. Die Geschichten erzĂ€hlen von viel menschlicher WĂ€rme oder dem Mangel daran. Diesmal: die Bellealliancestraße in EimsbĂŒttel.

„Klopfen Sie! Ist das hart?“, sagt Monika Bender und hĂ€lt das HolzstĂŒck mit beiden HĂ€nden vor sich. Feines SĂ€gemehl rieselt von dem Block auf den Wohnzimmerboden in der Bellealliancestraße. Als ich zögere, den vielleicht drei Kilo schweren Stammabschnitt anzufassen, wird die Rentnerin laut: „Na los, klopfen Sie schon! Ich will, dass Sie sich wehtun und spĂŒren, dass dieses Holz hart ist.“ Auf den Fingern hinterlĂ€sst das SĂ€gemehl einen Staubfilm – ein Hinweis darauf, das der Baum vor nicht allzu langer Zeit gefĂ€llt wurde. Die Kastanie, aus der der Block in Monika Benders HĂ€nden stammt, stand bis vor wenigen Wochen an der Grenze zu ihrem Hinterhof.

Zwei hellgrĂŒne Plakate auf einem FahrradhĂ€uschen vor Haus Nummer 51 zeugen noch vom Gefecht um den Baum, fĂŒr das Monika Bender und einige andere Anwohner eigens eine BĂŒrgerinitiative „PRO Kastanie“ ins Leben gerufen hatten. Die EigentĂŒmer der inzwischen gefĂ€llten Kas-tanie hatten einen Gutachter beauftragt, den Gesundheitszustand des Baumes zu bewerten. Seine Diagnose: Umsturzgefahr – zu viel Weichholz im Stamm.

An dem FahrradhĂ€uschen hat Monika Bender AuszĂŒge eines von „PRO Kastanie“ in Auftrag gegebenen Gegengutachtens angeschlagen. Es bezeugt die Standfestigkeit des Baumes, wenn die Krone durch Schutzleinen gesichert wĂŒrde. „Die hĂ€tten wir sogar bezahlt“, sagt sie. Auf dem Plakat prangt in fetten schwarzen Lettern: „Beweise!!!“ Das Wort hat sie doppelt unterstrichen. Heute erinnern nur noch zwei Dinge an den einstmals 24 Meter hohen Baum: der Rest des Stammes, den die Rentnerin auf ihrem Garderobenschrank im Flur deponiert, und der Baumstumpf im Hinterhof.

Wenn Monika Bender die TĂŒr zum Hof öffnet, bleibt sie an der Schwelle stehen. Hinaus geht sie nicht. „Das letzte Mal, als ich den Stumpf besucht habe, standen die Nachbarn am Fenster und haben mich verhöhnt“, sagt sie und ballt die rechte Hand zur Faust. „Das – will – ich – nicht – mehr.“ Sie presst jedes Wort einzeln heraus. Die Faust hĂ€mmert in der Luft. Monika Bender ist eine BaumkĂ€mpferin. Und sie ist wĂŒtend. Wenn sie ĂŒber das Erlebnis im Hinterhof spricht, sammeln sich TrĂ€nen in ihren Augen.

Vor dem Haus dagegen – von dort kann man den Baumstumpf nicht sehen – wirkt die Bellealliancestraße wie eine heile Welt: Verschnörkelte Fassaden reihen sich aneinander. Blau, rosa, altgelb, ein bunter Mix. Ein paar Designer klicken hinter den riesigen Schaufenstern ihres BĂŒros auf ihren Maustasten herum. Ein Laden im Souterrain bietet Secondhand-Hosen an, ein anderer Haarpflegemittel aus Afrika. Eine Videofirma verleiht kostenlos Filme ĂŒber den Wassermangel in EntwicklungslĂ€ndern. In der Eckbar schlĂŒrft ein Mann mit Hut seinen Nachmittags-Kaffee. Ein kleiner Junge auf dem Gehsteig presst sich plĂ€rrend an die Hauswand. Die Mutter, vielleicht Mitte zwanzig, wartet in einiger Entfernung auf den Trotzigen. Die meisten Passanten lĂ€cheln ihr wissend zu.

In der Bellealliancestraße gibt es auffĂ€llig viele junge MĂŒtter mit KinderwĂ€gen. Und viele BĂ€ume. Ein paar Kastanien, meistens aber Pappeln. An eine hat jemand einen Zettel gepinnt, auf dem er kalt geschleuderten Bienenhonig aus der Umgebung zum Verkauf anpreist. „Honig aus der Region ist wichtig zur Pollenimmunisierung (Heuschnupfen)“, steht da. DarĂŒber ein Bild von Biene Maja. Drei der Telefonzettelchen sind schon weg. Die Bellealliancestraße, eine Idylle.

Aber eben nicht nur. Hinter den Fassaden brodelt es. „Als sie den Baum abgeholzt haben, dachte ich, ich bekomme einen Herzschlag“, sagt Monika Bender. Nachdem die MotorsĂ€gen zu kreischen aufgehört, die HolzfĂ€ller ihre Helme eingepackt und die 46 Jahre alte Kastanie fortgeschafft hatten, verordnete sich die BaumkĂ€mpferin fĂŒr einige Wochen Ruhe. Kraft tanken, die EnttĂ€uschung verarbeiten. Doch daraus wurde nicht viel. Vielleicht auch, weil die Wut ins UnertrĂ€gliche steigt, wenn man nur herumsitzt.

Die Bellealliancestraße ist eine Zwischenwelt. Durch sie schwappen politische Konflikte aus der benachbarten Sternschanze ins ansonsten eher ruhige EimsbĂŒttel. Der Blumenladen wirbt mit dem Spruch: „Zur schönen Verbindung“. Belle Alliance. Die Mitglieder von „PRO Kastanie“ nehmen den Straßennamen wörtlich. Sie haben sich zusammengetan, die Idylle zu erhalten. Statt lange um die Kastanie zu trauern, haben sie sich in einen neuen Kampf gestĂŒrzt – diesmal um die Linden rund um den Wasserturm im Schanzenpark. Die Mövenpick-Kette will den Turm als Hotel nutzen und einen Glasanbau errichten. „Wenn das Bezirksamt den Bauarbeitern keine zwingenden Auflagen macht, können die BĂ€ume ganz leicht umgeholzt werden“, sagt Monika Bender. Sie befĂŒrchtet, dass sich ein Fall wiederholen könnte, der sie fĂŒr die BĂ€ume mobilisiert hat. Da ließ ein Autohaus in der NĂ€he der Bellealliancestraße rund 40 BĂ€ume fĂ€llen – die Bauarbeiter wussten nicht, dass die BĂ€ume geschĂŒtzt waren. Seitdem sieht Monika Bender dreimal hin, wenn es um Anbauten geht.

Um das Bezirksamt zu strengen Schutzauflagen fĂŒr die Linden im Park zu bewegen, haben Monika Bender und ihre Mitstreiter ein BĂŒrgerbegehren gestartet. Bis Mai verteilen sie Unterschriftenlisten in CafĂ©s, Bars und GeschĂ€ften. Die ausgefĂŒllten Listen sammelt der GetrĂ€nkehĂ€ndler Claus Ebeloe, der seinen Laden ebenfalls in der Belle-alliancestraße betreibt. Gerade ist eine neue Bierlieferung angekommen. Claus Ebeloe verfrachtet die Kisten mit einer Sackkarre vom BĂŒrgersteig in sein GeschĂ€ft, stapelt sie zu mannshohen TĂŒrmen. Er arbeitet allein. FĂŒr das BĂŒrgerbegehren kann der Kleinunternehmer nur wenig Zeit aufbringen. „Aber als Frau Bender mich gefragt hat, ob sie die Adresse vom Laden auf den Zetteln angeben darf, habe ich zugesagt. Das ist doch das Mindeste als Nachbar“, sagt er. Schon hat er den nĂ€chsten Kasten gepackt, hĂ€lt dann aber ein, stellt ihn wieder zurĂŒck.

Er richtet sich auf und krempelt seine Ärmel hoch. „Ich weiß nicht, warum Frau Bender sich so verschleißt. Die Lobby können wir doch ohnehin nicht ĂŒberzeugen“, sagt er. Genau das will Monika Bender: „Ich mache das, weil die Leute die Einsicht brauchen, dass BĂ€ume fĂŒr uns Menschen unersetzlich ist. Unersetzlich!“ Wieder hĂ€mmert die Faust im Rhythmus der Worte. FĂŒr Monika Bender gibt es da keine Diskussion.

Die Initiatoren des BĂŒrgerbegehrens mĂŒssen rund 6000 Einwohner des Bezirks EimsbĂŒttel von dieser Einsicht ĂŒberzeugen – und zur Unterschrift bewegen. Dann kommt es zur Volksabstimmung ĂŒber den Erhalt der Linden im Schanzenpark. „Das Gute ist: Schon wenn wir ein Drittel dieser Unterschriften zusammen haben, darf bis zur Abstimmung kein Baum gefĂ€llt werden“, sagt Bender, die sich inzwischen im Behördendschungel auskennt. Seitdem die Kastanie in ihrem Hinterhof gefĂ€llt wurde, weiß sie auch: Hat das Amt erst einmal eine Genehmigung erteilt, kann es die nur schwer zurĂŒcknehmen. Ob Monika Bender den Beamten mit dem nötigen Drittel der Unterschriften rechtzeitig zuvorkommt, weiß sie nicht. Sie kann nur hoffen. Und Zettel verteilen. Und derweil auf Holz klopfen.

Steffen Kraft

Eine Straße, eine Familie

Wo man sich kennt: KrĂŒgers Redder in Bramfeld

(aus Hinz&Kunzt 128/Oktober 2003)

Eon | Hanse prĂ€sentiert: Die Dart-Reportage: Hamburg hat viele unbekannte Ecken. Mit HĂ€usern voller Geschichte und Menschen mit besonderen LebenslĂ€ufen. Um sie zu finden, werfen die Reporter einen Dartpfeil auf den Stadtplan. Die Geschichten erzĂ€hlen von viel menschlicher WĂ€rme oder dem Mangel daran. Diesmal: Die Straße „KrĂŒgers Redder“.

Heinz Martens’ Wohnung endet nicht an seiner WohnungstĂŒr. Wenn er seine MĂŒtze aufsetzt und hinaustritt, steht er auf der Straße, in der er schon seit mehr als 40 Jahren wohnt. Dann dreht er seine Runde. Auf dem Weg sammelt er GesprĂ€che ein. Er kennt fast jeden, der seinen Weg kreuzt. Ein Plausch hier, eine Flachserei da, dann lĂ€sst er KrĂŒgers Redder hinter sich. So heißt die kleine Straße in Bramfeld, in der Herr Martens wohnt. Er geht am Zeitschriftenladen vorbei, in dem er immer seinen Lottoschein ausfĂŒllt, zum BĂ€cker um die Ecke.

Dort steht der 80-JĂ€hrige mindestens zwei Mal am Tag hinter der großen Glasscheibe und trinkt seinen Kaffee. Allerhöchstens hier endet seine Wohnung. Aber auch das ist nicht sicher, denn seine wachen Augen hinter der großen Brille haben viel von der Welt gesehen und tun es noch.

„So ein Leben als Rentner ist Ă€ußerst stressig“, sagt er, und seine Augen schmunzeln. Er ist gern unter Leuten, frĂŒher schon, was soll er denn den ganzen Tag in seinen 16 WĂ€nden? Er lebt allein in den vier Zimmern, ein Fernseher ist da, aber höchstens am Abend mal eingeschaltet. Die kleine Straße vor seinen Fenstern ist schmal und lĂ€uft in einem engen Weg aus. KrĂŒgers Redder ist eine Sackgasse, die den Namen einer alten MilchhĂ€ndlerfamilie trĂ€gt, und in ihrer Ruhe und Abgeschlossenheit viele alte und neue Geschichten bewahrt.

Herr Martens steht auf dem Weg zwischen Hecken und roten KlinkerhĂ€usern und schnackt mit Jens Timmermann. Der 65-JĂ€hrige ist Verwalter und Vermieter fast aller Wohnungen im KrĂŒgers Redder. Seit 250 Jahren gehört der Familie Timmermann das GrundstĂŒck, auf dem vor einem halben Jahrhundert noch KĂŒhe weideten und ein Bauernhof stand. Dann wurde die Landwirtschaft allmĂ€hlich vom Verkehr ĂŒberrollt. „Wir kriegten die Heuwagen nicht mehr nach Hause gefahren und die KĂŒhe nicht mehr zurĂŒckgetrieben“, erzĂ€hlt Jens Timmermann. Eine Kuh hatte sich mal mit einem Autofahrer angelegt, der ihr in die Hacken fuhr. Die Kuh gewann. KĂŒhlwasser floss auf die Straße, der Autofahrer fluchte. Aber es war nur ein Sieg auf Zeit. Jens Timmermann besitzt ein vergilbtes Schwarz-Weiß-Bild. Darauf die letzte Kuh von KrĂŒgers Redder mit ihrem Kalb auf der Wiese. Das Kalb kam als einziges und letztes in den Genuss, am Euter der Mutter zu saugen und nicht mit Ersatznahrung abgespeist zu werden. Dadurch wurde es so stark, dass es aus dem Stand ĂŒber den Zaun springen konnte. Aber das Kalb verlor. Es wurde geschlachtet. Der Bauernhof der Familie musste weichen. Ende der fĂŒnfziger Jahre entstanden hier die ersten WohnhĂ€user.

Die Mieter kamen sofort und in Scharen. Wohnungen waren extrem knapp zu der Zeit. FĂŒr viele war es das erste eigene Heim. Auch Herr Martens wohnte bei einem Freund, bevor er als einer der ersten Mieter hier einzog. „Damals herrschte noch Ordnung!“, sagt Jens Timmermann und lacht. Er erzĂ€hlt von seinem Vater, dem alten Timmermann. „Machense dat mal wech da“, pflegte er seinen Mietern zu sagen, wenn die Leute Slips auf den Balkon hĂ€ngten statt auf den Trockenboden. Und die Witwe Neumann stellte er vor die Wahl: „Heiraten oder ausziehen“, als sie in ErwĂ€gung zog, sich einen neuen LebensgefĂ€hrten zu suchen. Sie blieb, unverheiratet. „Vielleicht ist mir so einiges erspart geblieben“, zog sie als ResĂŒmee.

Auch jetzt hĂ€ngen keine Slips auf den Balkons von KrĂŒgers Redder. Obwohl sie es könnten. Allenfalls mal Kakteen statt Blumen in den Fenstern. DafĂŒr stehen auf den Klingelschildern heute oft zwei Namen. Die Zeiten haben sich also geĂ€ndert. Aber nicht in jeder Hinsicht. Denn Jens Timmermann ist nicht nur mit der Vergangenheit vertraut. Er wohnt ja selbst hier, ganz oben, ĂŒber den beinahe 200 Wohnungen der Straße. Auch er dreht jeden Tag hier seine Runde. Er trĂ€gt einer alten Frau die Gehhilfe die Treppen hinauf. „Wir sind hier eine große Familie, ohne aber einander in den Pott zu gucken“, charakterisiert er das Leben in der kleinen Straße. „Die Paketdienste lieben KrĂŒgers Redder. Es gibt keinen, der ein Paket fĂŒr den Nachbarn nicht annehmen will.“ Niemand geht ohne einen Gruß vorbei. Einmal im Jahr gibt es ein Mieterfest.

Eine kleine Oase, diese Straße, so grĂŒn, dass die Luft merklich frischer wird, wenn man von der hektischen Bramfelder Chaussee einbiegt. Ein großer Baum zwischen zwei BacksteinhĂ€usern schließt die LĂŒcke zu der lauten, verkehrsbeladenen Straße. Die Mieter haben ihn tĂ€glich gegossen und so ĂŒber den trockenen Sommer gebracht. Eine abgeschlossene, ruhige Welt. „Was fotografieren Sie denn da?“, fragt eine Frau im Blumenrock den Fotografen, der fĂŒr diese Geschichte gerade nach Motiven sucht. „Das hat schon seine Richtigkeit“, beruhigt Herr Martens sie. Jens Timmermann ruft einem Fahrradfahrer, der viel zu schnell ĂŒber die Steinplatten flitzt, im Scherz nach: „Das ist ein Gehweg, du Holzkopf!“ „Selber Holzkopf!“

Und Herr Martens spaziert derweil die Straße und sein Leben entlang. Auch frĂŒher war er immer unterwegs. Sein Beruf und sein Naturell verlangten es. Er arbeitete als Journalist und machte die Öffentlichkeitsarbeit fĂŒr ein großes amerikanisches Unternehmen in Hamburg. Er sah Paris, Stockholm, New York, Singapur. Seine Frau war so oft allein, dass sie sich irgendwann dachte: Dann kann ich auch allein allein sein. „Wir haben aber heute noch Kontakt“, sagt Herr Martens jetzt etwas ernster, „man muss sich ja nicht mit der Pfanne den SchĂ€del einschlagen, nur weil man sich trennt“, und da ist er wieder, der Schalk in seiner Stimme.

Er holt drei Presseausweise aus den siebziger und achtziger Jahren aus der Schublade. Auf jedem Foto sieht er ein wenig anders aus. Aber immer die verschmitzten Augen durch eine große, manchmal sehr große Brille, wie es damals Mode war. Auch heute reist er noch gern. Mit dem Schiff bis nach China. Zu Hause dreht er kleinere Runden, hilft Kindern bei den Hausaufgaben, fĂŒr die er „der Heinzi“ ist. Er repariert auch mal einen Durchlauferhitzer vom Nachbarn, wenn der Hausmeister keine Zeit hat. Und weil Herr Martens GeplĂ€nkel und Scherze so liebt, ist kein GesprĂ€ch mit ihm todernst. „Wollen sie ihren Kaffee heut mit Zyankali?“ „Klar, wenn sie einen mittrinken!“ So ein typischer Dialog beim BĂ€cker. Dann fragt er in scherzhaftem Ernst: „Sie können doch bestĂ€tigen, dass ich ein ernsthafter Mensch bin?“ Herr Martens, das wandelnde Tageblatt. Der bunte Hund. Der Spinnbeutel. Der Charmeur. Herr Martens, der Mann, der die Geschichten weiß.

Jetzt trinkt er seinen Kaffee beim BĂ€cker. Er beobachtet die Menschen draußen. Sie kommen ĂŒber die Straße, wenn die Ampel auf GrĂŒn zeigt, aus dem Baumarkt gegenĂŒber, aus dem Bus, der alle fĂŒnf Minuten direkt vor dem BĂ€cker hĂ€lt. Herr Martens kennt viele von denen, die vorĂŒbergehen.

Katja Thomas

GrĂŒne Zuflucht

Ansichten in einer Schrebergarten-Anlage in Altona

(aus Hinz&Kunzt 125/Juli 2003)

Hein Gas prÀsentiert die Dart-Reportage: Hamburg hat viele unbekannte Ecken. Mit HÀusern voller Geschichte und Menschen mit besonderen LebenslÀufen. Um sie zu finden, werfen die Reporter einen Dartpfeil auf den Stadtplan. Die Geschichten erzÀhlen von viel menschlicher WÀrme oder dem Mangel daran. Diesmal: die Kleingartenanlage Altona Nord II.

Mein Dartpfeil ist in einer Schrebergartenanlage gelandet. Ich bin ihm gefolgt und stehe nun inmitten von GrĂŒn. Es ist still. Es riecht nach frischer Erde und nach Gras. Unter meinen Schuhen knirscht es, als ich einen schnurgeraden Kiesweg entlanggehe – die Hauptstraße der Kleingartenanlage Altona Nord II. Rechts und links hohe Hecken, dahinter ducken sich die insgesamt 52 Holzlauben in den Schutz hoher BĂ€ume. Ein Idyll, das eingeklemmt ist von HochhĂ€usern auf der einen Seite und den Gleisen des HauptgĂŒterbahnhofs Eidelstedt auf der anderen.

Ich will erfahren, wie es so ist, das Leben als SchrebergĂ€rtner. Doch eigentlich mag ich keinen stören. Die Menschen sind alle so beschĂ€ftigt: sie entspannen, sĂ€en, zupfen Unkraut, mĂ€hen Rasen, lesen Zeitung, trinken Kaffee, plaudern, gucken in den Himmel. Sie sitzen meist ganz hinten in ihren GĂ€rten, weit weg vom Gartenzaun. Doch das Ehepaar Will lĂ€sst mich herein. Das Gartentor knarrt leise. Wir setzen uns unters Wellblechdach ihrer Gartenterrasse. Helmut Will war frĂŒher Fahrdienstleiter am Hauptbahnhof, im Schichtdienst. Heute haben sie mit der Bahn eher Ärger. Laut donnern die ZĂŒge an den GĂ€rten vorbei. Das scharfe GerĂ€usch verdrĂ€ngt fĂŒr einen Moment Vogelgezwitscher und BlĂ€tterrascheln und verkrallt sich im Ohr. Gegen den LĂ€rm haben die Wills Holzplatten vor die Hecke gestellt, die zu den Gleisen zeigt, und diese mit Gummimatten ausgekleidet. Es hilft nicht viel. „Und die Bahn will den Takt noch erhöhen“, sagt Helmut Will. „Noch mehr ZĂŒge sollen fahren, die Höchstgeschwindigkeit soll raufgesetzt werden.“

Am Bahndamm hat er mal zusammen mit ein paar Leuten aus dem Gartenverein Draht gespannt. Der Grund: „Immer wieder spielen Kinder dort, legen GegenstĂ€nde auf die Gleise, und wenn ein Zug dann da drĂŒber rasselt, knallt es. Die Bahn sperrt das nicht genĂŒgend ab.“ Der Draht draußen am Damm ist an verrosteten PfĂ€hlen befestigt. Er ist an vielen Stellen schon wieder auf den Boden gedrĂŒckt oder ganz heruntergerissen. Zwischen Brennnesseln, Pusteblumen und Disteln liegen ein paar zerdrĂŒckte Bierdosen. Hier jedoch wird alles liebevoll gepflegt.

„Es ist schön, wenn man so sitzt und alles blĂŒht“, sagt Frau Will und sieht ĂŒber den Garten, der den Eheleuten schon seit 30 Jahren gehört. Die Fische im Teich sind zutraulich. Sie kommen angeschwommen, und wenn Herr oder Frau Will die Finger ins Wasser halten, saugen sie daran. An meinen Fingern saugen sie nicht, die gucken sie nur an. Die Wills haben SchnĂŒre ĂŒber den See gespannt, damit die Reiher die Fische nicht holen. Im Winter kommen sie jeden Tag her und sehen nach, ob alles heil ist. FĂŒttern die Vögel, die Fische brauchen dann nichts. Es kam schon vor, dass eines Tages das Vogelhaus zusammen mit MĂŒlltĂŒten im Gartenteich lag, Blumentöpfe zerbrochen, die Erde verstreut. „Die haben noch nicht mal was geklaut, nur randaliert“, sagt Helmut Will und schĂŒttelt den Kopf. Seine Frau nickt.

Der Blick fĂ€llt auf die HochhĂ€user nebenan. Auch wenn viele, die hier einen Garten haben, in der Gegend wohnen, ist der Blick auf die Plattenbauten meist ein skeptischer. Ein Chaotenviertel sei das, sagt mir jemand, oder: „Dort wohnt jetzt alles.“ Von dort oben wurde mal geschossen, erzĂ€hlt entrĂŒstet eine Frau. Einer wollte sich runterstĂŒrzen, und vor 30 Jahren sei tatsĂ€chlich einer gefallen, er saß im Fenster und hatte zu viel Bier getrunken. Kommen nun von dort diejenigen, die auf den SpielplĂ€tzen Reifen zerstechen und in den GĂ€rten randalieren? „Es gibt eben auch immer welche, die sich nicht ganz anpassen“, so erklĂ€rt sich das Frau Will. Richard Schmidt ist der gleichen Ansicht. Der 71-JĂ€hrige ist bereit, seinen Garten mit allen Mitteln zu verteidigen. Nicht gegen den ZuglĂ€rm, der stört ihn nicht. „Terror im Kleingarten. Du wirst abgefackelt!“, sagt er und zeigt mir einen drei Jahre alten Zeitungsartikel aus einem Lokalblatt. Seit damals sein GerĂ€teschuppen in Brand gesteckt wurde und dabei fast die Laube abgebrannt wĂ€re, hat er aufgerĂŒstet. Drei Gewehre und eine Pistole hĂ€ngen neben Geweihen im Haus. Nach eigenem Bekunden alle geladen. „Ich hab seitdem einen Waffenschein“, sagt er und bietet mir einen Kaffee an. „Irgendwie muss ich ja die Enkel verteidigen, wenn sie hier schlafen und irgendwas ist.“ Seit dem Vorfall hat er Gartentor und Laube mit einer Alarmanlage gesichert. Auch einen SchĂ€ferhund haben sie jetzt, wie der Nachbar.

Meine Blicke huschen durch die kleine Gartenlaube. „Haben wir alles in Handarbeit selbst aufgebaut“, sagt er stolz. Es ist alles da, sogar ein Fernseher. Eine kleine KĂŒchenzeile. Auf der ausklappbaren Couch sitzen Puppen, auf dem Regal stehen zwei beleuchtete MickeymĂ€use neben diversen Pokalen. Eine Art Miniwohnung auf 20 Quadratmetern. Richard Schmidts Sohn Thomas mĂ€ht derweil draußen um einen Fahnenmast herum, an dessen Spitze eine Hamburg-Flagge weht. Im Hintergrund ein Wetterhahn auf dem Laubendach. Davor Blumenbeete, um die herum gleichfarbige, gleichgroße Steine liegen. Auf den Beeten Gartenzwerge. Der 39-JĂ€hrige arbeitet in der eigenen Gartenbaufirma, zusammen mit seinem Vater. Familienbetrieb seit fast sechzig Jahren. Vor seinem Haus in Bahrenfeld hat er auch einen Garten. So wird das Leben der Schmidts maßgeblich von GĂ€rten geprĂ€gt.

Ein paar Parzellen weiter treffe ich einen Mann mit grauem, nach hinten gekĂ€mmtem Haar. Er trĂ€gt eine blaue Latzhose und klobige Arbeitsschuhe. Wolfgang Brenker erzĂ€hlt ĂŒber den Zaun hinweg. Sein Garten ist ihm alles, als Rentner hat er Zeit. Er kommt jeden Tag. „Ich mach dann hier was und da was. Und wenn ich nicht mehr kann, setz ich mich hin und ruh mich aus.“

Sein Blick fĂ€llt auf den Garten nebenan. Dort stehen weiße Blumen auf der Wiese, die viel höher ist als in all den anderen GĂ€rten. Am Obstbaum hĂ€ngen noch Ostereier, obwohl Ostern lĂ€ngst vorbei ist. Der Garten gehört einer alten Dame, frisch operiert, die kann im Moment nicht mehr so, klĂ€rt mich der alte Mann auf. „Bald geh ich nach drĂŒben und mach das weg. Das kommt sonst alles hier rĂŒber“, erklĂ€rt er. Schade, denke ich, und sehe auf die hohe Wiese. Ich denke an die Schmetterlinge, die ĂŒber die BlĂŒten flattern und miteinander flirten. Wolfgang Brenker stĂŒtzt sich auf seinem Gartenzaun ab. „Und wissen sie, warum ich es noch nicht weggemacht habe?“ Er sieht mich an und blinzelt gegen die Sonne: „Wegen den Schmetterlingen lass ich es noch eine Weile stehen.“

Als der Kiesweg aufhört und es unter meinen Schuhen wieder still ist, habe ich die SchrebergĂ€rten hinter mir gelassen. Ich will schon gehen, da sehe ich Eduard. Er sitzt auf einer Bank und sieht auf das Hochhaus, in dem er wohnt. Eduard ist 73. Er ist vor zwölf Jahren mit seiner Frau aus Kasachstan gekommen. Hier gefĂ€llt es ihm. Mit der Zwei-Zimmer-Wohnung ist er zufrieden. Er hat nette Nachbarn, sagt er. Mit einem macht er immer vor dem Haus sauber, sammelt den MĂŒll weg, das macht sonst keiner. „Und ich kann mittlerweile ganz gut lesen“, sagt er. FrĂŒher war er Analphabet. „Sechs Stunden pro Woche lesen wir in der Bibel. Zwei am Sonntag, zwei am Dienstag, zwei am Donnerstag. So habe ich es gelernt.“ Eduard ist Zeuge Jehovas. Heute war er schon im Dienst, hat viele Prospekte verteilt. Jetzt lĂ€sst er sich die Sonne ins Gesicht scheinen.

Als ich gehe, schaue ich noch mal zurĂŒck. Eduard ist jetzt ganz klein. Er winkt.

Katja Thomas