Momentaufnahme : Abschied nach 22 Jahren

Kumar (mit der Mai-Ausgabe von Hinz&Kunzt) an seinem letzten Verkaufstag im Kreis einiger Stammkunden. Rechts neben ihm: Susanna Marck. Foto: Mauricio Bustamante.

Kumar Krishan, 60, hat auf Wochenmärkten im Hamburger Umland Hinz&Kunzt verkauft. Beim Abschied von seinen Stammkunden fließen Tränen. 

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Auf den Wochenmärkten im Hamburger Umland war er eine Institution: Jetzt ist Hinz&Kunzt-Verkäufer Kumar Krishan zu seiner Familie zurückgekehrt, die im Norden Indiens lebt.

Wenn in Rissen, Barmstedt, Bargteheide oder auch Bad Oldesloe morgens die Marktstände aufbauten, war Kumar stets vor Ort. Mehr als 20 Jahre lang.

In Bad Oldesloe etwa stand er immer an der gleichen Stelle, mit seinem Hinz&Kunzt-Ausweis an der Jacke und der Zeitung in der Hand, erzählt Stammkundin Susanna Marck. Sie könne sich nicht daran erinnern, dass der 60-Jährige einmal nicht da war.

Dabei kennen sich die beiden schon seit 1998. Damals begegneten sie sich erstmals auf dem Wochenmarkt in Bad Oldesloe bei einem Kaffee.

„Nur Arbeit, Essen, Schlaf.“– Kumar

Susanna Marck hat seitdem viele, viele Straßenmagazine bei dem Inder gekauft, der stets höflich und zugleich schüchtern wirkt. 1996, zwei Jahre zuvor, hatte Kumar die mühsame Reise nach Europa auf sich genommen. In Indien lebte er in Armut. Seine vier Kinder konnte er kaum ernähren. Sein Ziel: Geld verdienen, um seiner Frau und den Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen.

Friseur gelernt

Doch es war schwieriger als gedacht, Arbeit und eine Wohnung in dem fremden Land zu finden. Dass er am Ende in Hamburg landete, war Zufall. Kumar lebte auf der Straße und verdiente sein erstes Geld als Hinz&Kunzt-Verkäufer.

Wenig später teilte er sich eine winzige Wohnung mit einem Pakistani. Um über die Runden zu kommen, schnitt er Bekannten die Haare und verdiente sich mit Massagen ein bisschen Geld dazu, erzählt der gelernte Friseur. Später jobbte er zudem in einer Lagerhalle.

Doch um die teure Reise zurück in die Heimat zu unternehmen, reichte das Geld trotzdem nie. Stattdessen schickte er jeden Cent, der übrig blieb, seiner Familie. Dadurch konnte er seinen Kindern Ausbildungen finanzieren, die er und seine Frau nie genießen durften. Ein Sohn arbeitet heute als Arzt. Ein anderer ist Ingenieur, erzählt Kumar stolz.

Es waren harte, aufopferungsvolle Jahre ohne seine Familie. Kumar beschreibt sie in gebrochenem Deutsch: „Nur Arbeit, Essen, Schlaf.“ Es ist sein letzter Verkaufstag in Bad Oldesloe. Während er spricht, wird er regelmäßig von Stammkunden unterbrochen, die sich von ihm verabschieden. Die Glückwünsche prasseln regelrecht auf ihn ein.

Das ganze Dorf erwartet ihn

Kumar lächelt verlegen. Auch die eine oder andere Träne fließt. Es verschlägt ihm kurz die Sprache. Dann sagt er: „Deutschland, sehr gut.“ Dabei hat er schwere Zeiten hinter sich, getrennt von seiner Familie und auch dann allein, als er vor einigen Jahren einen Schlaganfall erlitt.

Doch jetzt kehrt er zu seinen Angehörigen zurück. Kumar ist froh, dass seine Kinder jetzt ihn und sich selbst versorgen können – nach all der Zeit. Es wird eine große Party geben, sagt Kumar. Seine Familie, ja das ganze Dorf erwarte ihn zurück. Und während er langsam spricht, leuchten seine Augen voller Vorfreude.

Artikel aus der Heft-Ausgabe:
Über den Autor
Jonas Füllner
Studium der Germanistik und Sozialwissenschaft an der Universität Hamburg. Seit 2013 bei Hinz&Kunzt - erst als Volontär und inzwischen als angestellter Redakteur.

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