Norwegisches Straßenmagazin : Megafon wird eingestellt

Mit dieser Collage aller bisherigen Ausgaben bedanken sich die Macher*innen von Megafon für die jahrelange Unterstützung bei ihren Leser*innen. Grafik: Megafon / insp.

Die Macher*innen des Straßenmagazins „Megafon“ aus Bergen haben mitgeteilt, dass das kürzlich erschienene Weihnachtsheft die letzte Ausgabe sein wird. Die Gründe dafür sind erfreulich.

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Seit 2007 existierte das Straßenmagazin Megafon in der norwegischen Stadt Bergen. Seitdem haben sich dort insgesamt mehr als 900 Menschen als Verkäufer*innen registriert. Zuletzt waren aber nur noch acht Verkäufer*innen aktiv, berichtet Herausgeber Petter Lønningen gegenüber dem International Network of Street Papers (insp), zu dem auch Hinz&Kunzt gehört. Deshalb werde man das Projekt jetzt einstellen.

„An dieser Entscheidung ist nichts dramatisches, ganz im Gegenteil.“– die Macher*innen von Megafon

Auf Facebook schreiben die Macher*innen: „Unser Ziel war immer dasselbe: Uns selbst überflüssig zu machen. Dank euch, unseren Lesern, und der beeindruckenden Anstrengung der Stadt ist uns das gelungen.“ Und in einer Mail an insp machen sie deutlich: „An dieser Entscheidung ist nichts dramatisches, ganz im Gegenteil.“

Lønningen berichtet, dass Obdachlosigkeit in Norwegen nicht mit anderen europäischen Ländern zu vergleichen sei und kaum Menschen tatsächlich auf der Straße schliefen. Die Verkäufer*innen des Magazins seien in erster Linie Suchtkranke gewesen. Die progressive Drogenpolitik der Behörden hätte den Menschen aber geholfen, ihre Sucht hinter sich zu lassen oder zumindest besser mit ihr zu leben.

Norwegen entkriminalisiert Drogenkonsum

Schon 2017 hatte das Parlament eine Gesetzesinitiative auf den Weg gebracht, um Drogenkonsum zu entkriminalisieren. Konkret soll die Verantwortlichkeit für Drogenkonsument*innen aus dem Justiz- in den Gesundheitssektor verlagert werden. In Pilotprojekten soll es Konsument*innen außerdem ermöglicht werden, auch an harte Drogen und Ersatzstoffe zu kommen. In Bergen habe die Stadt zudem verschiedene Unterstützungsmaßnahmen, wie etwa kostenlose Mahlzeiten auf den Weg gebracht, berichtet Lønningen.

In der Vergangenheit hätten die Megafon-Verkäufer*innen die Erlöse aus dem Verkauf vor allem benötigt, um ihre Sucht zu finanzieren. Das sei nun nicht mehr nötig, so Lønningen, weil der illegale und sehr teure Drogenmarkt nahezu beseitigt worden sei und Suchtkranken besser geholfen werde: „Die meisten unserer Verkäufer brauchen das Einkommen aus dem Verkauf des Magazins nicht mehr. Ihre Drogensucht wird behandelt und sie können ihre freie Zeit mit anderer Arbeit oder sonstigen Aktivitäten verbringen. (..) Es gibt bereits verschiedene Angebote für alle, die arbeiten möchten und in Zukunft werden diese Angebote noch weiter ausgebaut.“

Für die Übergangszeit haben die Macher*innen von Megafon angekündigt, mit dem Osloer Straßenmagazin „=Oslo“ zusammenzuarbeiten. So wird die Einkommensquelle für die verbleibenden acht Megafon-Verkäufer*innen gesichert.

Autor*in
Lukas Gilbert
Lukas Gilbert
Studium der Politikwissenschaft in Hamburg und Leipzig. Seit September 2019 Volontär in der Hinz&Kunzt-Redaktion.

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