Wo die Nacht noch still ist

Zehn Oasen zwischen Duvenstedt und Harburg, Hauptbahnhof und Schanze

(aus Hinz&Kunzt 166/Dezember 2006)

Ohlsdorfer Friedhof

Es ist stockdunkel, so rabenschwarze Nacht, dass der kleine Weg vor den Augen verschwimmt und die alten Grabsteine nur noch zu erahnen sind. Vor ein paar Minuten surrte die letzte S-Bahn in den Ohren. Jetzt herrscht Ruhe. Herrliche, echte Stille, mitten in der Großstadt, auf dem weltweit größten Parkfriedhof mit seinen 280.000 Grabstellen. Aber Moment, da war was. Eine Art … Knacken? Nichts zu sehen. Da, schon wieder. Oder ist es doch eher so was wie … Trappeln? Eigentlich dürften von den ganzen Tieren, die hier leben, doch nur noch die Eulen wach sein, und die trappeln ja auf keinen Fall. Kommt das Geräusch näher, oder war es doch nur Einbildung? Wo war jetzt der Weg? Das war jetzt aber ganz deutlich ein Klappern, da hinten. Angst ist ja total unlogisch, wer soll hier schon sein. Außer … Monstern, Untoten, Geistern, Verrückten … Wo ist der Ausgang? Wo ist Licht? Wo ist die nächste S-Bahn?

Duvenstedter Brook

Wildnis und Stille erwarten einen in Hamburgs zweitgrößtem Naturschutzgebiet. Moore, Birken und Erlenbruchwälder wechseln sich ab. Im Brook leben Rehe, Dam- und Rothirsche, Uhus, Kraniche und Dachse. Nachts hört man allenfalls ab und zu eine Eule.

Floatarium, Schanzentraße 10

Es riecht gut. Nach ätherischen Ölen. Der Deckel des drei Meter langen und anderthalb Meter breiten Salzwassertanks schließt sich. Das blaue Licht an der Stirnseite der Kapsel verlischt. Absolute Stille, komplette Dunkelheit. Hier finden lärmgestresste Städter Entspannung. Der Blutdruck sinkt, Hauterkrankungen heilen. Der Körper schwebt auf warmem Wasser, langsam entspannen sich die Muskeln, zuletzt der Nacken. Ohren und Augen sind überflüssig geworden, finden sich langsam damit ab und genießen es dann. Der Verstand aber befiehlt Armen und Beinen noch kleine Bewegungen, er will sich orten. Der Körper treibt mehrmals sanft an die Außenhaut der Kapsel, dann kommt auch er zur völligen Ruhe. Das Herz schlägt langsamer. Irgendwann steht die Zeit still und vor dem inneren Auge entstehen wache Träume.

Vier- und Marschlande

Hamburgs Blumen- und Gemüsegarten ist an vielen Orten noch eine verträumte Bauernlandschaft. Obwohl immer mehr Straßen die Gegend durchziehen, lassen sich Stellen finden, an denen nachts absolute Ruhe herrscht. Vorausgesetzt, kein Sturm fegt über das flache Land.

Jägerpassage, Wohlwillstraße

Durch ein hohes Backsteintor geht es auf gepflastertem Weg auf den großen, dunkel daliegenden Platz. Rundum schützen ihn die Rückseiten hoher Mietshäuser. In der Mitte ein Spielplatz, ein paar Bäume und kleine Gärten. Die Stadt rauscht leise herein, eine schwarze Katze huscht vorbei. Nur hinter einem Fenster weit oben brennt noch Licht. Entfernt läuten Kirchenglocken. Morgen früh werden Hunderte Menschen diesen Ort wieder aus seiner Ruhe reißen. Jetzt aber schlafen sie und auch der Hof atmet ganz ruhig.

Harburger Berge

Obwohl der Höhenzug im Süden Hamburgs von den Autobahnen 1 und 261 durchzogen wird, kann man es in der zerklüfteten Berglandschaft ruhig angehen lassen. Der höchste Berg Hamburgs, der Hasselbrack, liegt dort und bringt es immerhin auf 116 Meter. Höhe bringt Abstand vom Trubel.

Alter Elbtunnel

Die älteste Flussuntertunnelung Europas verbindet St. Pauli und die Werftinsel Steinwerder. Tagsüber bevölkert von Autofahrern, Radlern und Fußgängern, ist der Tunnel nachts völlig leer und still. Allenfalls Ratten trippeln.

„Raum der Stille“ im Hauptbahnhof

Die Stadtmission hat diesen Ort geschaffen. Er lädt Reisende dazu ein, zur Ruhe zu kommen. Der hallige Lärm des Hauptbahnhofes wird leiser. Das Geräusch schneller Schritte in der Unterführung verliert an Schärfe. Wie eine Schleuse trennt ein kleiner Vorraum den Ort der Stille vom öffentlichen Krach. Der eigentliche Eingang, eine mattierte Schiebeglastür, wird langsam zugezogen. Der Raum ist klein und warm, fünf helle Holzhocker sind die einzigen Möbel, die Wände sind mit weißem Wollfilz verkleidet. Es gibt viel zu sehen, die Augen arbeiten. In drei Nischen hängen japanische Papierrollen, zwei von ihnen mit Gedichten beschrieben. In Holzschalen liegen Pflanzensamen, die Besucher in Glaskolben legen können, wenn sie einen Wunsch oder Gedanken zurücklassen möchten. Auf der gegenüberliegenden Wand hängt ein abstraktes Bild in Sonnengelb. Darunter liegt eine Gleis-Schiene mit Schotter gefüllt. Ein Raum voller Symbole. Eine moderne Kapelle für alle, die inneren Frieden finden wollen. Die Geräusche des Bahnhofs sind verklungen, da drängen neue ins Bewusstsein. Es rauscht … von oben, von unten, mit Pausen. Klingt wie ein Sturm, ist aber Straßenverkehr. Denn ausgerechnet der Raum der Stille liegt unter einer Kreuzung und über einem Straßentunnel. Nach einer Weile des Hinhörens wird der Raum zur schützenden Höhle und das Rauschen zum Wind, der immer dann zur Ruhe kommt, wenn oben die Ampeln auf Rot schalten.

Hanseviertel/Neuer Wall

Hamburgs nobelste Einkaufsmeile ist nachts menschenleer. Kein Passant, kein Geräusch. Wie in einer riesigen Galerie reihen sich die erleuchteten Schaufenster aneinander. Kostspielige Inszenierungen, in denen tote Möbellandschaften und Schaufensterpuppen mit leerem Blick die Hauptrollen spielen. Alles ist sorgsam drapiert, bis in den letzten Winkel der riesigen, tiefen Räume. Der Blick des einsamen Betrachters wird magisch in sie hineingezogen, vertieft sich in Kleinigkeiten. Gegen Mitternacht tauchen die ersten Auslagen urplötzlich ins Dunkle. Die Vorstellung geht im Minutentakt zu Ende. Eine Straße weiter springt ein Auto an. Das Motorengeräusch entfernt sich langsam. Keiner klatscht.

Blankenese

Hamburger lieben das Wasser, und deshalb strömen Tausende jedes Wochenende an die Elbe, um den Ausblick zu genießen. Aber nur nachts kann man den Fluss, ungestört von Schiffen, in seinem eigenen Rhythmus „schwappen“ hören. Hier macht erst ein kleines Geräusch die Stille komplett.

Katharina Jetter

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