Momentaufnahme : Weltenbummler in Hamburg

Das Leben auf der Straße ist gefährlich, sagt Hinz&Künztler Vasile. Selbst nachts findet er kaum Ruhe. Foto: Miguel Ferraz.

Vasile, 38, verkauft Hinz&Kunzt vor der Europa Passage.  Sein Vorteil: Er spricht fließend Englisch, Serbisch und ein wenig Spanisch.

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In seinem Leben ist Vasile viel herumgekommen. Der gebürtige Rumäne kennt Kopenhagen, Mailand, Cardiff, London oder auch Paris. Dort schlief der Obdachlose mit anderen Clochards an der Seine. Mit Blick auf den Eiffelturm.

„Alle kennen Gustave Eiffel“, erzählt Vasile. „Aber niemand kennt Reșița. Meine Heimat. Ohne die gäbe es den Turm gar nicht.“ Eine gewagte These? Nein, die Geschichte ist wahr. Tatsächlich wurde in der rumänischen Stadt einst das Eisenfachwerk gefertigt, mit dem Gustave Eiffel den Turm errichtete.

Reșița war damals Rumäniens Eisen- und Stahlrevier. Dampfloks und später auch Straßenbahnen wurden dort gefertigt.Reșița war eine Großstadt, als Vasile dort vor 38 Jahren das Licht der Welt erblickte. Seine Eltern bekam er nie zu Gesicht. Vasile wuchs im Heim auf.

Streng katholisch-orthodox, sagt er. Sein tiefer Glaube an Gott rührt aus dieser Zeit. Deutlich weniger intensiv lernte er für die Schule. Ohne Abschluss und Ausbildung musste er schließlich mit 18 Jahren das Heim verlassen. Es war die Zeit, als die Wirtschaft in seiner Heimat zusammenbrach und es zu Massenentlassungen in der Stahl- und Eisenindustrie kam. Viele wanderten ab.

Seine Arbeitgeber prellten ihn um Lohn

Heutzutage liegt das erst 1988 stolz in Betrieb genommene Straßenbahn-Schienennetz völlig brach. Vasile fand keine Arbeit und ging um die Jahrtausendwende den Weg, den viele Landsleute bereits wählten: Er suchte sein Glück in Westeuropa. Erst jobbte er in Serbien. Immer wieder enthielt man ihm den Lohn vor.

Ohne Geld konnte er sich keinen Schlafplatz leisten. Vasile verbrachte schließlich die ersten Nächte auf der Straße. Erst war es die Ausnahme, dann wurde es zur Regel. Inzwischen ist Vasile seit mehr als zehn Jahren obdachlos. Er reiste von Großstadt zu Großstadt.

„Ich glaube daran, dass ich es weg von der Straße schaffen kann.“– Vasile

Stolz präsentiert er seine Verkäuferausweise anderer Straßenmagazine: Hus Forbi in Kopenhagen, Big Issue in London und Cardiff. „Sie sind eine große Hilfe für Obdachlose“, sagt Vasile, der vor vier Monaten schließlich nach Hamburg kam. „Ich mag Hamburg und die Hamburger“, sagt er.

Ob er bleiben wird? Vasile ist unsicher. Aktuell schläft er mit seinen Hunden Jack und Lilli in der Mönckebergstraße. „Das Leben auf der Straße ist hart“, sagt Vasile. „Ohne Hilfe hat man keine Chance.“ Er versucht Kontakte zu knüpfen. Sein Vorteil: Vasile spricht fließend Englisch, Serbisch und ein wenig Spanisch.

Jetzt will er Deutsch lernen und gerne weg von der Straße. Ohne Ausbildung und Arbeit wird es sicherlich nicht leicht. „Aber ich glaube daran, dass ich es schaffen kann“, sagt Vasile. Hinz&Kunzt ist für ihn ein Anfang, der ihm hilft, sich über Wasser zu halten.

Artikel aus der Heft-Ausgabe:
Über den Autor
Jonas Füllner
Studium der Germanistik und Sozialwissenschaft an der Universität Hamburg. Seit 2013 bei Hinz&Kunzt - erst als Volontär und inzwischen als angestellter Redakteur.

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