Tschüss Holger!

Nachruf auf Holger Hanisch, Gründer des „Cafée mit Herz“ und Erfinder des Hamburger Bettlermarsches

(aus Hinz&Kunzt 165/November 2006)

Mit einer Trauerfeier in der St. Pauli Kirche am Pinnasberg und einem anschließenden Umtrunk im „Silbersack“ nahmen rund 300 Menschen am 20. Oktober von Holger Hanisch Abschied. Der Gründer der Begegnungsstätte „Cafée mit Herz“ und Erfinder des Hamburger Bettlermarsches ist im Alter von 56 Jahren an Krebs gestorben. Ein Nachruf von Birgit Müller.

In Liebesbeziehungen ist es ja manchmal so, dass einem die Eigenschaften, die einem am anderen anfangs gefallen haben, später extrem auf die Nerven gehen. Bei uns und Holger Hanisch war es genau umgekehrt: Es hat Jahre gedauert, bis wir seine Beharrlichkeit, seine Sturheit, seine fordernde Haltung zu schätzen wussten. In den ersten Jahren waren wir davon eher genervt. Wie viele übrigens. Ständig, unermüdlich rief er an und wollte irgendeine Meldung über das Cafée mit Herz loswerden. Abends traf man ihn dann in schwarzer Lederjacke und Mütze auf dem Kiez – mit einer Spendendose, von der man den Eindruck hatte, sie sei eine Verlängerung seiner Hand.

Eine Zeitung schrieb, er sei der Engel der Obdachlosen gewesen. Das Wort Engel passt allerdings gar nicht, es sei denn, es würde eine neue Kategorie eingeführt. Denn Holger war unbequem. Zeit seines Lebens. Er hatte nicht das Gefühl, dass Menschen spenden sollten als großzügige Geste. Er fand, es sei ihre Pflicht, anderen zu helfen. Wobei „helfen“ bei ihm nicht karitativ gemeint war, sondern politisch: Hilfsbedürftige Menschen sollten keine Bittsteller sein. Ihm ging es immer um eine solidarische Gesellschaft. Deshalb setzte er sich für Benachteiligte ein mit dem Cafée mit Herz, und deshalb erfand er auch den Bettlermarsch mit dem Brecht’schen Motto: „Die im Dunkeln sieht man nicht …“ Holger war kein Idealist, kein Traumtänzer, sondern ein Kämpfer. Und er hat es weit gebracht mit seiner Begegnungsstätte für Obdachlose und Arme auf dem Kiez. Ständig war er dabei, sie zu erweitern. Sogar ein Neubau war mal geplant.

Anfang des Jahres sah Holger ziemlich krank aus. Er erzählte, dass er im Krankenhaus gewesen sei, aber die Ärzte nichts Konkretes gefunden hätten. Irgendwann hörten wir dann, er läge im Krankenhaus in einer anderen Stadt. Einfach nur, um ihm ein paar aufmunternde Worte zu sagen, rief ich an. Er schluchzte ins Telefon.

Gerade habe ihm die Ärztin die Diagnose mitgeteilt, sagte er. Krebs.Ich war erschrocken. Erschrocken darüber, dass es so war. Aber auch darüber, dass ich eigentlich über ihn persönlich gar nichts wusste. In einem Interview hatte er einmal erzählt, dass er im Karoviertel aufgewachsen sei, dass seine Mutter sich nicht um ihn gekümmert habe, dass er ins Heim kam. Dass er keinen richtigen Schulabschluss hatte, eine Lehre hinschmiss und später bei Philipps Betriebsrat war. Dort wurde er nach 20 Jahren mit einer Abfindung vor die Tür gesetzt – weil er sich nicht arrangieren wollte. In die DKP war er ebenfalls eingetreten, aber auch da schwamm er gegen den Strom. Er war Mitbegründer einer Schwulengruppe innerhalb der linken Partei, weil die DKP Schwule schlecht behandelte.

Aber ich hatte keine Ahnung, ob er allein lebte oder mit einem Freund, ob er überhaupt schwul war. Und wer sich jetzt um ihn

kümmern würde. Ich fragte herum – und stellte fest, dass es vielen so ging. Alle kannten Holger, den unermüdlichen Aktivisten, der sich für andere krummlegte – aber kaum einer kannte ihn wirklich persönlich. Wir waren unglaublich erleichtert, als er erzählte, Rolf Becker würde ihn in ein Hamburger Krankenhaus bringen lassen.

Noch vom Krankenhaus aus und später im Hospiz kreisten seine Gedanken nur um das Cafée mit Herz. Alles wird anders werden mit seinem Tod. Dieses Jahr wird der Bettlermarsch am 11. November so eine Art Gedenkmarsch für Holger. Aber ob es ihn danach noch geben wird, ist fraglich. Auch das Cafée mit Herz wird sich mit der neuen Geschäftsführerin Margot Wolf natürlich verändern. Wir hoffen, dass es trotzdem das Wohnzimmer der Armen auf dem Kiez bleibt.

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