Initiative "Sauberes Hamburg" : „Diese Satire ist geschmacklos“

Die Initiative Sauberes Hamburg hat anonym im Internet gegen Obdachlose gehetzt. Nun ist klar: Hinter der Initiative steckt eine Softwarefirma aus Hamburg. Angeblich wollten die Online-Spiele-Entwickler damit auf die Probleme von Obdachlosen aufmerksam machen.

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Bereits 2008 schaffte es die Firma Farbflut Entertainment mit dem umstrittenen „Pennergame“ in die Schlagzeilen.

Die Geheimniskrämerei ist vorbei: Hinter der „Initiative Sauberes Hamburg“ steckt die Hamburger Firma Farbflut Entertainment. Seit Mitte Februar sorgte die „Initiative“ mit ihrer Hetze gegen Obdachlose in den sozialen Netzwerken für Aufmerksamkeit. Aus Sicht der Macher war alles nur Satire. Hinz&Kunzt kritisiert die Kampagne scharf.

Die Betreiber der Firma Farbflut Entertainment hatten zunächst unbemerkt auf der Homepage „Initiative Sauberes Hamburg“ gegen Obdachlose gehetzt. Der Start einer Gegeninitiative bei Facebook, die ebenfalls anonym erstellt wurde, löste einen Sturm der Entrüstung im Internet aus. „Bei sowas fehlen mir einfach nur die Worte“, meinte etwa Vanessa Schützler auf unserer Facebook-Seite. Die Macher von „Sauberes Hamburg“ erklären nun, dass die Kampagne als Satire zu verstehen sei. Auf ihrer Homepage behaupten sie: „Wir setzen uns seit Jahren mit provokanten und unorthodoxen Mitteln dafür ein, die Probleme der Menschen am Rande unserer Gesellschaft in den Fokus zu rücken.“ Hinz&Kunzt-Sozialarbeiter Stephan Karrenbauer findet diese Art der Satire geschmacklos: „Uns ist nicht jedes Mittel recht, um auf Obdachlosigkeit in Hamburg aufmerksam zu machen.“ Steffen Becker, Pressesprecher der Diakonie Hamburg, weist daraufhin, dass der Zweck nicht die Mittel heiligt: „Mächtige zum Objekt von Satire zu machen, ist das eine. Bei Obdachlosen hört der Spaß auf.“

Auf der Homepage „Sauberes Hamburg“ äußern die Macher den Wunsch, „dass die Empörung nicht einfach verpufft“. Sie bewerben eine Online-Petition für eine „fraktionsübergreifende Auseinandersetzung mit der Problematik der Wohnungsnot und Obdachlosigkeit in Hamburg“. Ist die Unterstützung von Obdachlosen tatsächlich eine Herzensangelegenheit von Farbflut Entertainment? „Denen geht es um Profit und nicht um eine echte Auseinandersetzung“, meint Stephan Karrenbauer. „Das Thema Obdachlosigkeit ist in den Köpfen von vielen Politikern und Hamburgern. Alle, die ernsthaft an Lösungswegen interessiert sind, setzen sich auch ernsthaft damit auseinander.“

In den vergangenen Wochen haben wir uns bei Hinz&Kunzt gefragt, welche Ziele die Initiative Sauberes Hamburg verfolgt. Aber nicht nur hier wurde spekuliert. Bei der Diskussion auf unserer Facebook-Seite waren die Hinz&Kunzt-Leser geteilter Meinung. Froilein Lebkuchen meinte: „Ich kann mir durchaus vorstellen, dass es Leute gibt, die so etwas ernst meinen.“ Steffen Jörg von der GWA St. Pauli hielt die Kampagne hingegen für „einen gut gemachten Fake“. Einig waren sich die User, dass Satire nicht menschenverachtend sein darf. „Damit macht man keine Scherze und Satire ist das schon gar nicht“, schrieb Thorsten Kulbe. In einer Stellungnahme lehnte auch der Senat „diese Form der Auseinandersetzung mit dem Thema Obdachlosigkeit entschieden ab“.

Die Firma Farbflut Entertainment ist für Hinz&Kunzt keine Unbekannte. Bereits vor fünf Jahren erregte die Softwarefirma mit dem „Pennergame“ bundesweit Aufmerksamkeit. „Steige auf zum König der Penner!“ hieß das Ziel des umstrittenen Online-Spiels. Darin wurden Obdachlose in die Nähe von Gewalttätern gerückt. Vorurteile wurden bestätigt und neue geschürt. Abgesehen von den Spielinhalten empfinden viele Obdachlose das Wort „Penner“ als Beleidigung. Unser Urteil lautete damals wie heute: „Pennergame – Gar nicht lustig!“ Letzte Sympathien verspielten die Macher sich dadurch, dass sie – nach dem Kontakt zu Hinz&Kunzt – trotz besseren Wissens weitergemacht haben. Als Antwort auf das diffamierende Online-Spiel haben wir im Frühjahr 2009 den Hinz&Kunzt-„EgoSeller“ vorgestellt, indem sich der Spieler in die Lage eines Verkäufers des Straßenmagazins Hinz&Kunzt versetzt.

War die „Initiative Sauberes Hamburg“ am Ende nur eine PR-Kampagne des Spieleentwicklers für ein neues Produkt? „Ich gehe davon aus, dass Farbflut Entertainment versucht, mit dieser Folgeaktion zum Pennergame neue Spieler zu gewinnen, um mehr Profit zu machen“, sagt Stephan Karrenbauer. „Dabei scheinen die Macher sich wieder nicht vor diffamierenden und hetzerischen Äußerungen zu scheuen.“ Philip Feller, Presseverantwortlicher von Farbflut Entertainment, bestreitet das vehement.

Für Farbflut Entertainment könnte die Kampagne noch ein Nachspiel haben. Der Staatsanwaltschaft Hamburg liegt eine Anzeige wegen Volksverhetzung gegen die Macher der Seite vor. Außerdem wurde eine Anzeige bei der Landesmedienanstalt wegen falscher Angaben im Impressum gestellt.

Text: Jonas Füllner
Foto: Mauricio Bustamante

 

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