Zwischen Kino und Currywurst

Autor Uwe Timm lebt zwar in München, doch seine Heimatstadt prägt noch immer seine Arbeit. Im September liest er beim Hamburger Literaturfestival Harbour Front

(aus Hinz&Kunzt 199/September 2009)

Wo es hier in der Gegend einen Imbiss gibt? Mit lecker Currywurst? Uwe Timm weiß es nicht. Schon rennt der Fotograf los, kommt zurückgehetzt, mit je einer Currywurst in der Hand. In die soll Uwe Timm jetzt reinbeißen.
Der mag Currywurst: „Aber Sie ahnen ja nicht, wie oft ich schon Currywurst essend fotografiert worden bin!“ Wegen seines Buchs „Die Entdeckung der Currywurst“, das von den Nachkriegstagen in Hamburg erzählt und davon, dass die Currywurst selbstverständlich in Hamburg erfunden wurde und keinesfalls in Berlin, und wenn es da hundertmal ein Currywurstdenkmal gibt.

Uwe Timm lebt seit Jahrzehnten in München, hat noch eine Wohnung in Berlin. Er hat lange in Rom gelebt und in Namibia. Doch geboren ist er in Hamburg-Eimsbüttel, ist hier zur Schule gegangen und aufgewachsen.
1940 beginnt sein Leben. Es ist Krieg, das Haus in der Osterstraße, in dem die Familie lebt, wird zerbombt. Die Timms gehen kurz zu Verwandten nach Coburg, wohnen dann in einer Kellerwohnung in der Bismarckstraße. „Ich habe das Kriegsende noch sehr genau in Erinnerung, weil sich das Verhalten der Erwachsenen änderte – und gerade das beobachtet man als Kind ja sehr genau“, erzählt er: „Plötzlich flüsterten alle: ‚Du darfst nicht mehr ‚Heil Hitler‘ sagen! Du darfst auch nicht mehr die Hacken zusammenschlagen!‘ Die ganze Autorität, besonders der Männer und auch meines Vaters, war plötzlich weg – und das hat mich sehr beeindruckt.“
Sein Vater, gelernter Präparator, eröffnet ein Pelzgeschäft. Er mag die Arbeit nicht besonders. Mit Timms Vater wird es immer wieder zu Spannungen kommen. Besonders missfällt dem Vater, dass sich sein Sohn mit elf, zwölf im Gängeviertel am Großneumarkt herumtreibt, damals ein Amüsierviertel wie heute gewisse Ecken auf St. Pauli. Seine Tante Grete wohnt dort, mit seinem Onkel Hans. Der lässt gerne mal fünfe gerade sein, legt es nicht aufs Schuften an. Lieber hockt er mit Nachbarn und Freunden zusammen. Beim Plaudern, Schwatzen und Klönen in den engen, kleinen Wohnungen öffnet sich für den heranwachsenden Uwe Timm so die Welt, der Blick wird weit.

Noch etwas prägt seine Jugendtage: das Kino. „Mein Vater hat mich ja noch sehr deutsch-national erzogen, und dann gab es plötzlich amerikanische, französische und italienische Filme mit diesem ganz anderen, viel freieren Lebensgefühl.“ Für ihn ist ein Kinobesuch mehr als Unterhaltung: „Kino war richtig Bildung für mich.“ Es ist kein Zufall, dass Timm mehrere Drehbücher geschrieben hat.
Kinos gibt’s gleich um die Ecke, im Schulweg, in der Osterstraße: „Wir sind ins Holi gegangen und in eins am Schulterblatt. Hieß das nicht Flora? Und in das Filmkunsttheater in Othmarschen, ein sehr gutes Kino, viele italienische Filme liefen dort im Original.“ Überhaupt ist ihm und seinen Freunden kein Weg zu weit: „Wir gingen von Eimsbüttel zum Hafen, zur Reeperbahn – das war ja eine ziemliche Strecke. Oder wir gingen ins Streit`s-Kino am Jungfernstieg. Und alles zu Fuß!“ Er sinnt kurz nach: „Dieses Durchlaufen der Stadt, die damals natürlich noch sehr zerstört war, das hatte etwas Abenteuerliches. Kein Wunder, dass wir immer gespielt haben, wir seien auf ‚Entdeckungsreise‘.“
Noch einen Hamburger Ort gibt es, an den sich Uwe Timm gut erinnert: die Veddel. „Ich hab mit 15 Jahren die Schule beendet und Kürschner, wie mein Vater, gelernt. Da gab es einen Meister, einen ganz wunderbaren Mann, der war in der SPD, der hat noch August Bebel kennengelernt. Der hatte auf der Veddel einen Kleingarten. Er hat mir viel erzählt von den Arbeiter- und Bildungsvereinen; die Veddel muss in den Zwanziger- und Dreißigerjahren ein interessantes Pflaster gewesen sein.“ Zugleich hilft ihm dieser Meister, die langen Arbeitstage zu überstehen: „Er hat mich in Schutz genommen; ich war ziemlich verträumt, um nicht zu sagen – vertrottelt.“
Das soll sich ändern: Daheim hat sein Vater das Geschäft ausgebaut, es gibt Angestellte, Hauspersonal, Dienstwagen mit Chauffeur. Doch der Wohlstand des Wirtschaftswunders hält nicht an, die Aufträge gehen zurück. Immer wieder gibt es Streit mit dem Vater. Der stirbt, als Timm 18 Jahre alt ist, und hinterlässt ein heillos überschuldetes Geschäft. Die Schuldscheine hat der Vater sorgsam weggeschlossen, zu niemandem hat er auch nur ein Wort gesagt. Uwe Timm zögert nicht. Er macht sich an die Arbeit und entschuldet den Betrieb.
Er könnte darauf aufbauen, richtig Geld verdienen, sich was leisten, vielleicht eine Familie gründen, in Hamburg bleiben. Aber er möchte weiterlernen, einen anderen Weg einschlagen. Er geht aufs Kolleg nach Braunschweig, später nach München.

Bedeutet ihm seine Geburtsstadt noch etwas? „Ich bin ja nicht mehr so oft in Hamburg, seit meine Schwester und Mutter gestorben sind“, sagt er. „Vorher kam ich regelmäßig mit meiner Familie vorbei.“ Timm macht eine Pause, sagt dann: „Hamburg ist vor allem in meinem Kopf; besonders der Tonfall, mit dem man hier spricht. Da ich immer mit einer Stimme im Kopf schreibe, also höre, ob das klingt, was ich gerade schreibe, höre ich mich immer noch sehr hamburgisch sprechen – was ich so nicht mehr tue, das ist das Merkwürdige.“
Und dann ist da noch der Wind, der Regen, der Nebel! Uwe Timm nickt, lächelt: „Wenn ein bestimmter Wind weht, denke ich immer an Hamburg; oder wenn der Regen so fein zerstäubt, was in München ganz selten ist.“ Er kommt richtig ins Schwelgen, reckt sich, zeigt mit der Hand in Richtung Elbe: „Das war ja damals ein belebter Hafen, und man hörte das permanent bis in die Nacht hinein: Allein diese Niethämmer, mit denen sie die Schiffe zusammengehämmert haben, in drei Schichten. Und dieses unglaubliche Tuten der Schiffe, wenn Nebel liegt! Wenn ich irgendwo ein Schiff tuten höre, ist immer Hamburg da.“

Frank Keil

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