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Zurück ins Elend

29. April 2010 | Von | Kategorie: Archiv, Hinz&Kunzt 164/Oktober 2006

Die Heroinambulanz soll Ende des Jahres schließen – was passiert mit den Abhängigen?

(aus Hinz&Kunzt 164/Oktober 2006)

In der Heroinambulanz bekommen Abhängige im Rahmen einer bundesweiten Studie Heroin unter ärztlicher Aufsicht. Den Süchtigen geht es besser. Deshalb befürworten die Wissenschaftler die staatliche Abgabe der Droge. Doch dazu müsste das Betäubungsmittelgesetz geändert werden.

Ein Containerbau am Högerdamm, in der Nähe des Hauptbahnhofs. Eine Ambulanz-Mitarbeiterin zieht Heroin in eine Spritze. Die ist für Stefan. Der 38-Jährige ist seit zehn Jahren abhängig. Auf der Straße würde ihn niemand als Junkie erkennen: Er ist groß und kräftig, mit kurzen, akkurat geschnittenen Haaren. Die beiden trennt eine Panzerglasscheibe. Wie viel Heroin in der Ambulanz lagert, ist genauso geheim wie der Firmensitz des Herstellers. Wenn tatsächlich etwas von dem Heroin verschwinden würde, hätte das schlimme Folgen: Stoff mit einem so hohen Reinheitsgrad wie in der Heroinambulan gibt es auf dem Schwarzmarkt nicht. „Wer sich das einfach so spritzt, ohne daran gewöhnt zu sein, würde das nicht überleben“, so Studienleiterin Dr. Karin Bonorden-Kleij. „Es ist aber noch nie Heroin verschwunden.“

Bisher läuft Drogentherapie meist so ab: Die Abhängigen bekommen einen Heroin-Ersatzstoff, Methadon oder Subutex. Das schützt sie vor Entzugserscheinungen. Wenn dieser Druck weg ist, kann die eigentlichen Therapie beginnen – Probleme werden aufgearbeitet, das Leben in geordnete Bahnen gelenkt. Und der Ersatzstoff kann langsam runterdosiert werden.

Aber Methadon ist kein Heroin. Der Kick, wegen dem der Stoff konsumiert wird, bleibt aus. Die Mehrheit der Methadon-Patienten nimmt weiterhin Drogen. Dieser „Beikonsum“ ist ein ständiges Risiko. Verbindungen zur Drogenszene bleiben bestehen. Warum den Umweg über den Ersatzstoff wählen und den Abhängigen stattdessen nicht gleich Heroin geben, unter ärztlicher Aufsicht, auf Rezept, eingebunden in die Drogentherapie?

Seit 2002 probieren das mehr als 1000 Süchtige in sieben Städten aus, Hamburg hat mit 460 Patienten in der Heroinambulanz die meisten Teilnehmer. Stefan injiziert sich das Heroin selbst. Seit April 2003 macht er das zwei Mal täglich. Er hatte Glück, zu Beginn der Studie wurde ausgelost, wer Heroin erhält und wer in eine Kontrollgruppe kommt und eine Methadontherapie macht. „Ich hab vorher schon gesagt: Wenn ich in die Kontrollgruppe komme, dann gehe ich“, erklärt Stefan. Eine Methadontherapie hat er bereits hinter sich. „Ich bekam dauernd Schwindelgefühle, war matt, lustlos.“ Das ist vielleicht der wichtigste Effekt der Studie: Nur ein Drittel der Heroin-Patienten brach die Therapie im ersten Jahr ab. Aber 60 Prozent der Methadon-Patienten in der Kontrollgruppe gaben auf. Auch sonst ist das Projekt ein klarer Erfolg: Bei 80 Prozent der Teilnehmer des Heroinprojektes verbesserte sich der gesundheitliche Zustand.

Und Beikonsum anderer Drogen hat sich stark reduziert. Das alles ist nicht neu. In der Schweiz wird Heroin seit fünf Jahren erfolgreich an Abhängige vergeben. Aus der Schweiz kommt auch eine Studie über den wirtschaftlichen Nutzen der staatlichen Heroinvergabe. 33 Euro pro Tag und Patient kostet dort das Heroin auf Krankenschein. 60 Euro spart die Gesellschaft, weil die Beschaffungskriminalität und Krankheitskosten zurückgegangen sind.

„Meine Venen erholen sich, ich habe zugenommen“, erklärt Stefan. „Mein Leben dreht sich nicht mehr nur ums Heroin.“ Stefan macht wieder Sport, er läuft viel und geht schwimmen. Er hat wieder guten Kontakt zu seiner Familie. Der gelernte Maurer jobbt sogar wieder. „Ich bin sehr stolz, dass ich auch viele meiner Schulden zurückgezahlt habe.“ Außerdem nimmt er an den Therapieangeboten in der Heroinambulanz teil. „Ich war jetzt sogar eine Woche im Urlaub in der Türkei“, erklärt er. „Da wurde ich in einer Methadonambulanz behandelt. Eine Woche lang geht das schon mal.“ Im Warteraum der Heroinambulanz hängen Dankesbriefe von Abhängigen mit ähnlichen Berichten.

An Silvester könnte sich das Leben aller auf einen Schlag ändern. Dann endet die Heroinstudie. „Das wird ein sehr harter Fall für die Betroffenen“, so Bonorden-Kleij. Ist es nicht zynisch, Menschen in einer Studie erst ein besseres Leben zu ermöglichen, das aber zu befristen? „Wir haben gehofft, dass Heroin schneller als Medikament zugelassen wird“, sagt Bonorden-Kleij. Jetzt läuft ihren Patienten die Zeit davon. Das Betäubungsmittelgesetz muss geändert werden, dazu tagt eine Arbeitsgruppe der Gesundheitsministerkonferenz.

Sie entscheidet, ob mehrere hundert Abhängige zurück ins Elend müssen. Vor allem die Union befürchtet, dass durch die Freigabe von Heroin als Arzneimittel schnell auch andere Drogen freigegeben würden. Wer die Kosten für die Heroinvergabe dann übernimmt – Staat, Krankenkassen oder Kommunen –, ist noch lange nicht geklärt. Zumindest für die Hamburger Patienten scheint eine Übergangslösung gefunden: „Die Sozialsenatorin hat die anderen Gesundheitsminister informiert, dass Hamburg die Heroinabgabe zunächst weiterführt, um Härten zu vermeiden“, so Behördensprecher Hartmut Stienen. Über das Wie sei aber noch nicht entschieden.

Stefan versucht, für die Zeit nach der Heroinambulanz zu planen. „Ich werde eine Entgiftung machen, vielleicht schaffe ich es, clean zu leben.“ Zehn Mal hat er das in seinem Leben schon versucht. Und er hat Zweifel, ob es diesmal gelingt.

Marc-André Rüssau

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