Zukunft im Hafen

Der Übersee-Handel boomt – eine Chance für junge Arbeitslose

(aus Hinz&Kunzt 159/Mai 2006)

Rund 100 junge Arbeitslose jährlich stellt der Containerterminal-Betreiber Eurogate in Hamburg ein. Die Vorauswahl der Bewerber und deren Kurz-Ausbildung bezahlt vornehmlich die Agentur für Arbeit. Ein gelungenes Modell, meint Arbeitsminister Franz Müntefering und zeichnete die Unternehmensgruppe kürzlich mit einem Preis aus.

Hat acht Ecken und ist aus Stahl: „Mehr wusste ich früher nicht über Container“, sagt Caren Bergholz und schmunzelt. Dass die quirlige junge Frau mit den braunen Augen heute dennoch als Fachkraft für Container-Umschlag beim Hafen-Dienstleister Eurogate arbeitet, hat einen einfachen Grund: „Ich wollte gerne draußen arbeiten.“ Als die 27-Jährige erfuhr, dass junge Arbeitslose im Hafen eine Chance bekommen, ging sie zur Arbeitsagentur und fragte nach. Im April vergangenen Jahres hatte sie es geschafft: Caren Bergholz unterschrieb ihren Arbeitsvertrag bei Eurogate.

Zu diesem Zeitpunkt hatte die gelernte Fachfrau für Systemgastronomie bereits ein hartes Stück Arbeit geleistet. Nur jeweils 16 von 40 jungen Arbeitslosen dürfen nach einem zweiwöchigen Auswahlverfahren die dreimonatige Qualifizierung zum Hafenarbeiter beginnen. „Sehr, sehr anstrengend“ seien diese Tage gewesen, erinnert sich Caren Bergholz, „körperlich und nervlich“. „Durch die Mangel gedreht“ würden die potenziellen Mitarbeiter, bestätigt Jörg Breyer, Personalleiter von Eurogate am Standort Hamburg. Motorische Fähigkeiten müssen die Bewerber nachweisen und Schwindelfreiheit, Teamfähigkeit und Belastbarkeit. Wer die Auslese übersteht, hat den Job so gut wie sicher in der Tasche. „Die sehr intensive Findung ist das Erfolgsgeheimnis“, sagt Breyer. „Da trennt sich die Spreu vom Weizen.“

Die Hürden beim Auswahlverfahren sind hoch: Die Kandidaten müssen nicht nur körperlich fit sein und Arbeitslosengeld bekommen. Sie sollen auch eine Berufsausbildung abgeschlossen haben und nicht älter als 35 sein. Als Eurogate das Programm vor sechs Jahren startete, lag die Grenze gar bei 25. Das Unternehmen müsse darauf achten, „dass unsere Alterspyramide ausgeglichen bleibt“, erklärt der Personalleiter. 600 junge Menschen stünden auf den Wartelisten der Arbeitsämter. „Jeden Tag rufen hier mindestens fünf Leute an und fragen nach einem Job.“ Rund 100 junge Arbeitslose im Jahr will der Hafen-Dienstleister auch in den kommenden Jahren einstellen, der Übersee-Handel boomt. Kürzlich erst hat Eurogate die fünf modernsten Containerbrücken Europas in Betrieb genommen. Und mit der West-Erweiterung des Terminals im Waltershofer Hafen werden dem Unternehmen ab 2010 weitere Liegeplätze zur Verfügung stehen.

Die Kosten der Bewerber-Auswahl trägt allein die Arbeitsagentur. Und auch während der dreimonatigen Qualifizierung zahlt das Amt weiter Arbeitslosengeld; Eurogate stellt die Ausbilder. Personalleiter Breyer findet das nicht verwerflich. Er spricht von einer „win-win-Situation“ und fragt: „Was sind 14 Wochen gegen eine hervorragende Perspektive für 20 oder 30 Jahre?“ Das meint auch die Bundesregierung und zeichnete den nach eigenen Angaben größten Containerterminal-Betreiber Europas kürzlich mit einem Preis für die „Integration besonderer Zielgruppen“ aus.

Selbst die Gewerkschaft verdi, sonst gerne für ein kritisches Wort zu haben, äußert keine Vorbehalte: Natürlich „hat auch das Unternehmen etwas davon“, sagt Fachbereichsleiter Dietmar Stretz. Doch findet er es „klasse, dass die Arbeitslose nehmen und den Leuten eine Chance geben, sich zu entwickeln“. Auch die hohen Eingangsschwellen sind nicht ungewöhnlich in Zeiten der Massenarbeitslosigkeit, meint der Gewerkschafter: „Es bewerben sich einfach irrwitzig viele Leute. Da haben die Unternehmen die Auswahl.“

Die ehemals arbeitslose Caren Bergholz ist zufrieden: „Man kann hier etwas erreichen“, meint sie. Noch besteht ihre Arbeit vor allem darin, die Nummern der Container mit denen in ihrem Handcomputer abzugleichen. Eines Tages aber will sie einen der zwölf Meter hohen Van-Carrier steuern, die die Container von den Brücken zu den Lkws bringen und umgekehrt. Ihre Chancen stehen gut. „Ein Großgerät muss hier jeder fahren können“, sagt Personalleiter Breyer. Und zwei bis fünf Jahre nach Einstellung sollen die ehemals Arbeitslosen sich zum Hafenfacharbeiter weiterqualifizieren können, berufsbegleitend. Bis dahin wird sich Caren Bergholz in Geduld üben. „Ich kann denken: ,Ach, das ist ja der 500. Container heute.‘ Oder ich mache mir den Tag schön, indem ich immer wieder das Neue entdecke.“

Ulrich Jonas

Ähnlich wie im Fortbildungszentrum Hafen Hamburg finanziert die Agentur für Arbeit auch in anderen Bereichen Qualifizierungsmaßnahmen für Arbeitslose, sofern diese in einen Arbeitsvertrag oder zumindest in Zeitarbeit münden. So wurden kürzlich 60 gelernte Maler und Lackierer zu Fahrzeuglackierern für Airbus fortgebildet. Wenn ein Betrieb zusagt, einen Arbeitslosen einzustellen, so Arbeitsagentur-Sprecher Knut Böhrnsen, bestehen gute Chancen, dass die Behörde die Kosten einer Qualifizierung übernimmt.

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