Tod eines Hinz&Künztlers

Hinz & Kunzt-Verkäufer Roland Ziege ist tot. Er starb am Morgen des 1. Februar in einer Zelle der Polizeiwache 12 (Altstadt). Die Dienststelle für Interne Ermittlungen hat eine Untersuchung eingeleitet.

(aus Hinz&Kunzt 145/März 2005)

H&K-145_ZiegeEr hieß nicht nur Ziege mit Nachnamen, er war Ziege – für alle. Seinen Vornamen Roland kannten viele wahrscheinlich gar nicht. Und der 47-Jährige war wegen seiner Direktheit und seinem Witz eine Institution – bei seinen Freunden auf der Platte und am Mönckebergbrunnen und bei Hinz&Kunzt.

Roland war in Brandenburg aufgewachsen, absolvierte eine Schlosserlehre, legte sich mit dem autoritären DDR-Regime an, war zeitweise in Haft. 1989 zog er ins hessische Limburg, wohnte mit seiner Lebensgefährtin zusammen, arbeitete. „Der überraschende Tod seiner Freundin war ein Schicksalsschlag, von dem er sich nie wieder richtig erholte“, sagt der Stadt-Ethnologe Martin Gruber, der ihn gut kannte. Ziege verlor seine Wohnung und wurde zum ersten Mal obdachlos. Nach Hamburg kam er 1996. Mit seinem besten Freund, dem Ex-Obdachlosen und jetzigen Hinz&Kunzt-Mitarbeiter Frank („Spinne“), lebte er zunächst auf Platte, dann in einer Wohnung.

Ein Unschuldslamm war Ziege nie. Er trank viel zu viel, und wehe, ihm kam dann jemand quer. Aber in den letzten Tagen vor seinem Tod war er auffällig aggressiv. Er hatte eine Kiefervereiterung, die er nicht behandeln ließ. Was wir nicht wussten: Irgendwo organisierte er sich starke Schmerzmittel, die er mit Alkohol herunterspülte. Die Wirkung war fatal: Er rastete aus und zettelte im Vertriebsraum von Hinz&Kunzt eine Schlägerei an. Dafür kassierte er Hausverbot. Drei Tage später, am Abend vor seinem Tod, telefonierte Spinne noch mit ihm. Ziege sagte, er wolle bei einem Freund schlafen. Doch dann ging er – vermutlich wieder unter Einfluss von Tabletten und Alkohol – in die City.

Gegen 19.30 Uhr alarmierte ein Kaufhausmitarbeiter den Rettungswagen, doch Ziege wehrte sich gegen den Transport und attackierte die Sanitäter. Deshalb nahm ihn die Polizei in Gewahrsam. In der Wache 12 war Ziege bekannt. „Die Beamten sind immer freundlich mit ihm umgegangen“, sagt Hinz&Kunzt-Sozialarbeiter Stephan Karrenbauer. Eine Ärztin bestätigte kurz nach 20 Uhr, dass Roland Ziege zur Ausnüchterung in der Polizeizelle bleiben könne. Nach Darstellung der Polizei wurde er alle halbe Stunde kontrolliert. Doch am frühen Morgen fanden die Beamten Ziege leblos. Die Untersuchung der Todesursache – vermutlich Organversagen in Verbindung mit Alkohol – dauerte bei Redaktionsschluss noch an.

Warum wurde Roland Ziege nicht in der Zentralambulanz für Betrunkene (ZAB) versorgt? Das wollten die GAL-Bürgerschaftsabgeordnete Antje Möller und die SPD-Parlamentarier Lutz Kretschmann-Johannsen und Andreas Dressel wissen. Werden Betrunkene zu ihrem eigenen Schutz in Gewahrsam genommen, so die Antwort des Senats, kommen sie üblicherweise in die ZAB. Würden sie jedoch gegen andere ausfällig, könnten sie auch bei der Polizei „verwahrt“ werden. Ziege wird in Berlin beerdigt werden. Aber schon vor der offiziellen Feier nahmen rund 30 Freunde von ihm Abschied. Sie schmückten einen Tisch am Gertrudenkirchhof mit 47 Grablichtern und tranken gemeinsam auf sein Wohl. bim/db

Foto: Mauricio Bustamante

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